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| Das Magazin für Science Fiction & Fantasy • Ausgabe 10 • Story |
Poch, poch, poch, schlug eine schwere Faust gegen die Eichentür des Vorraumes. Adhelm, der Kerzenmacher, legte behutsam die Siedekelle beiseite. Die Stundenkerze war bereits weit niedergebrannt. Wer begehrte so lange nach Mitternacht Einlaß? Dumpf klang sein Frageruf vom rußigen Gewölbe zurück. Dumpfer noch erschallte die Antwort: »Männer des Königs!«
Besorgt schlurfte Adhelm durch den kurzen tunnelartigen Gang, an dessen Wänden Wachs in Blöcken und gebündelte Dochte gestapelt waren. Es verhieß nichts Gutes, daß man ihn zu so später Stunde aufsuchte ... Der Wind draußen in den Rauhen Bergen pfiff fürchterlich. Knirschend gab der Riegel nach.
Die Tür drehte sich knarrend in den Angeln. Eiskalte Winterluft schwappte herein, Schnee stob in den Vorraum. Ein vierschrötiger Mann, der den ledernen Harnisch eines Hauptmanns der Palastwachen trug, stapfte durch die Tür. Er schob Adhelm, ohne ein Wort zu sprechen, vor sich her ins Werkgewölbe. Die Flammen der Kerzen hüpften, zuckten und zappelten, flickerten und flackerten im Zug, einer jeden teilte sich die Aufregung mit: der sonst so beständigen Stundenkerze wie den drei Zierlichtern, deren Festigkeit und Duft Adhelm in dieser Nacht prüfte; selbst der Schwimmende Docht in der Wandschale wankte und spruzte unwillig.
Knarrend schloß sich die Tür. Aus dem Dunkel des Vorraums trat eine hochgewachsene Dame in einem glänzend schwarzen Pelz. »Nun komm schon!« Sie zerrte an einer groben Schnur ein Mädchen stolperte in den Kerzenschein, barfüßig, frostschlotternd in einem dünnen weißen Kleid die Hände waren ihr gefesselt. »Dir wird gleich warm werden, mein Täubchen!«
Verwirrt mehr denn bestürzt ließ sich der Kerzenmacher auf die Knie nieder: »Willkommen in meiner bescheidenen Werkstatt, hohe Frau.«
Sie war, sofern er sich nicht täuschte, die Erste Mätresse des Königs. Sprachen die Bauern der umliegenden Dörfer, die bisweilen einfache Talglichte bei ihm kauften, von ihr, so senkten sie die Stimmen und nannten sie »die Schwarze Königin«.
Mit einem kurzen Kopfrucken übergab sie dem Hauptmann das Ende der Schnur, mit der das Mädchen gefesselt war, streifte die Handschuhe ab und wärmte sich die Hände über der behäbigen Flamme der Arbeitskerze auf Adhelms Werkbank.
»Was führt Euch zu mir, hohe Frau?« Erst jetzt, da er den ersten Schreck überwunden hatte, bemerkte er, daß das Mädchen geknebelt war: ein Zipfel Stoff schaute aus ihrem Mund hervor. Über ihre Wangen rannen Tränen. Daß ihr draußen, auf dem langen Weg den Berg herauf, Ärmchen und Beine nicht blau gefroren waren ...
»Einen angenehmen Duft hast du hier, Kerzenmacher. Rosen und Honig. Ich wünschte, im Palast wehten so anmutige Lüftchen.«
»Das sind die Zierkerzen, hohe Frau«, stammelte Adhelm. »Nichts Besonderes: Wachs mit ein paar Tropfen Rosenöl und Honigseim. Ganz nach Belieben kann ich Euch das gewünschte Aroma liefern: von Arnika bis Zypresse.«
»Köstlich, köstlich.« Sie wedelte sich die Düfte zu, sog sie ein, lief von Kerze zu Kerze, betastete die Modeln. »Was für ein angenehmes Handwerk betreibst du. Formbares Wachs unter den Fingern. Flammen, die wie lebendig züngeln. Und du erhellst den Menschen die Nacht.«
Stumm flehten die Augen des gefesselten Mädchens. Der Hauptmann stand wie versteinert. Nichts sehen, nichts hören, gehorchen.
»Ein nettes, ruhiges, zurückgezogenes Leben, das du da führst.« Sie hakte den schwarzen Pelz auf. »Es heißt auch, du hättest ein Töchterlein.«
Adhelms Herz krampfte sich zusammen. Was wollte sie? Eines der Zierlichter begann zu blaken, er wollte es löschen, griff zum Hütchen, doch die Schwarze Königin kam ihm zuvor, spuckte sich in die Finger, zerquetschte die kleine, sich spratternd wehrende Flamme.
»Ich bitte Euch, Fürstin«, flehte der Kerzenmacher, »sagt was Ihr begehrt, ich steh Euch zur Verfügung.« Und er hoffte, sie wünschte eine Stundenkerze mit etwas Schießpulver zwischen zwei und drei Uhr oder eine Zierkerze, die giftigen Duft verströmte ... Kleine Geschenke, wie sie in jedem Palast üblich waren, Dinge, die er ihr nicht verweigern müßte.
Sie hatte die Fläschchen mit den Aromen entdeckt, lüpfte die gläsernen Korken, roch.
»Es geht da ein Gerücht, Kerzenmacher, eine Fama aus alten Zeiten. Du wärst bei Jaurit in die Lehre gegangen, dem Zauberkandler, beherrschtest seine Kunst, doch wendetest sie als ein Menschenfreund niemals an.«
Adhelm stützte sich auf den Rand des Werktisches: keine Schwäche zeigen! »Das sind«, er holte Luft, »wie Ihr sagt, Gerüchte, eine Fama aus alten Zeiten, bar jeder Grundlage, Unfug, den sich die Leute an langen Winterabenden ausdenken.«
»Und die Kerze, die ich bei Herzog Merblott sah? In deren Flamme ein winziger Schmetterling eingeschlossen ist, seit Jahr und Tag lebend, seit Jahr und Tag die Flügel schlagend?«
Sie brannte noch? Es war unmöglich, daß sich sein Gesellenstück in über vier Jahrzehnten nicht verzehrt hatte!
Die Schwarze Königin blickte ihn an, fest wie eine strafende Mutter. »Rede mir nicht davon, daß dies ein mechanisches Kunstwerk sei!« Sie legte Adhelm, der auf den Hocker gesunken war, die Hand auf die Schulter. »Ich weiß, du hast den Künsten Jaurits abgeschworen und du bist ein Menschenfreund. Auch ich bin ein Mensch, sei mein Freund.«
Die Flamme der Stundenkerze zitterte, auch die Flammen der beiden verbliebenen Zierkerzen schwankten und wankten, als die Schwarze Königin auf das Mädchen zutrat, ihr zärtlich über die Wange strich. »Mir meinen Herrscher und Geliebten streitig zu machen und jetzt friert sie, das arme Hürchen. Du mußt Abhilfe schaffen, Kerzenmacher.« Ihre Stimme schwoll an, daß sich die kleinen, züngelnden Lohen duckten: »Sperr sie in eine Flamme, Kerzenmacher, ich weiß, daß du es kannst! Da hat sie es herrlich warm, ein feuriges Leben in Licht und Wärme solange das Wachs reicht!«
Der Hauptmann rüttelte das Mädchen, das zu Boden sinken wollte. Ihre Zehen krümmten sich vor Schmerz.
»Sie tanzt ja so gern«, erklärte die Schwarze Königin, »sie soll Gelegenheit haben, immerdar zu tanzen auf dem brennenden Docht. Sie wird meinem Herrscher und Geliebten eine Augenweide sein. Immerdar tanzend in Qual und Pein, bis daß das Licht verglimmt.«
Endlich gewann Adhelm die Fassung zurück. »Ihr verlangt Unmögliches«, erklärte er und sprach von dem Größenunterschied, daß es ausgeschlossen sei, Menschen zu verkleinern, und wie sollte ein Mensch in der Flamme atmen? Die Abbildungen in den alten Büchern, mit Verlaub, wären Wunschphantasien, geträumte Scheiterhaufen, wer male sich nicht bisweilen dergleichen aus, wenn der Haß, die verzehrende Flamme, einen packe das alles wisse er, der Kerzenmacher, freilich, doch er wisse auch, was ginge, was nicht.
»Kurzum, du weigerst dich.« Sie griff nach einer Stange parfümiertem Wachs, hielt sie über die Arbeitskerze und knetete sie, erstaunlich flink waren ihre zarten weißen Finger, zu Menschengestalt. Ein Hieb auf die Tischkante und der wächserne Kopf rollte über die Bohlen.
»Es geschieht nicht oft, daß man mir eine Bitte abschlägt, Menschenfreund. Glaub mir, Dunkelheit zieht in die Hütten ringsum in den Rauhen Bergen ein, verschenkst du nicht mehr deine Talglichte. Und unser kleines Hürchen wird bitterlich erfrieren, draußen in Schnee und Frost. Hat sies nicht anheimelnd, als Flamme in der Flamme?« Sie lachte schrill. »Woher, Kerzenmacher, willst du wissen, daß sie auf dem Scheiterhaufen des Dochts Höllenqualen erwarten? Oh, komm, gesteh es mir, du hast es oft genug selbst gesehn, bei Jaurit, dem Zauberkandler, wie sich die kleinen Figuren bogen und krümmten, wie sie hüpften, die Gesichter verzerrten, die Arme bald an den Leib drückten, bald die Flammenwand von sich zu schieben trachteten. Wer sagt dir, daß sie dies nicht aus höchster Verzückung taten? Ein Leben, vielleicht kurz, so doch in Ekstase, fast wünscht ich es mir selbst!«
Adhelm preßte die Lider zusammen. Die Bilder, die ihn so lang verfolgt hatten, kehrten wieder. Die Feinde des Zauberkandlers, aufgereiht hinter schützenden Windgläsern, umfangen von grellgelbem Feuer, tanzend auf ewigem Docht. Und manchmal, wenn Jaurit eine seiner Gemütsanwandlungen packte, holte er sich den einen oder anderen vom Bord, betrachtete lange die haßverzerrte winzige Gestalt Greinte sie? Winselte sie um ihr Leben? Bettelte sie um schnellen, gnädigen Tod? und blies sie aus. Bis ihm eines Tages, nicht anders konnte er, Adhelm, das Ende sich vorstellen, einer der Glaszylinder zu Boden fiel, Dochte und Wachsvorräte Feuer fingen und er selbst in einer riesigen Lohe zu Rauch und Asche verbrannte.
Er erhob sich; die treue Arbeitskerze flackerte ihm ihr Einverständnis zu: Wirf mich um, ich roll zu den Dochten, niemand wird den Brand löschen.
»So nicht, Menschenfreund.« Auf einen Wink der Schwarzen Königin hielt ihn der Hauptmann fest.
»Mein Leben könnt ihr haben«, schleuderte ihr Adhelm trotzig entgegen, »nicht meine Kunst.«
Sie lachte spöttisch. »Dein Leben? Alter Mann, das wär ein schlechtes Geschäft! Doch dein Töchterlein hätt noch viele Jahre vor sich ... Warm hast du es in deiner Werkstatt, Kerzenmacher, da läuft dir ja der Schweiß von der Stirn. Laß doch etwas frische Luft herein, Rudarq.«
Der Hauptmann stapfte zur Tür, ein Windstoß riß die Flämmchen hin und her, Schnee stob herein, schmolz zu Adhelms Füßen. Draußen, von Fackeln beleuchtet, stand Isma, seine Tochter, im Schnee.
»Das reicht.«
Der Hauptmann schloß die Tür.
Tiefe Reue erfüllte Adhelm, daß er sich als junger Mann vom Glanze Jaurits hatte verlocken lassen. Nun mußte er für das bißchen Zauberkunst büßen, das er damals gelernt hatte. Niemals wieder sollte ein Mensch das frevlerische Wissen besitzen, niemals wieder ... Plötzlich fröstelte ihn.
»Laßt mich mit ihr allein, Herrin«, die Lippen gehorchten ihm kaum, während er log, »der Sog des Zaubers ist so stark, er könnte Euch mit in die Flamme reißen.«
Die Schwarze Königin schob die Dochte auf dem Arbeitstisch zurück. »Keine Finte. Keine Feuersbrunst, die zufällig ausbricht.« Sie blickte ihm in die Augen, so überlegen und spöttisch besorgt. »Hätt dein Töchterlein kein Zuhaus mehr, was würde aus ihm in Schnee und Frost?« Sie strich der Gefesselten über die Wange: »Viel Spaß, mein Hürchen.« Und zwinkerte ihr beim Hinausgehen zu.
Kaum hatte der Hauptmann die Tür geschlossen, befreite Adhelm das Mädchen vom Knebel. Nur locker war der Strick um ihre Hände geschlungen.
Sie holte Luft, ihr Mund bewegte sich, doch sie brachte kein Wort hervor.
»Schon gut«, raunte Adhelm ihr ins Ohr, »du sollst leben.« Sie legte ihm ihre vom Frost geröteten Hände an die Wangen und küßte ihn heiß und liebeshungrig. Er spürte ihren Leib, der sich an ihn drückte, und mit einem Mal sah er sie vor sich, wie sie in einer Flamme tanzte, heiß und liebeshungrig, betörender als alle Frauen, die er je gekannt hatte. Sacht löste er sie von sich. Sie war ja kaum älter als Isma.
»Am besten, ich verstecke mich unter der Werkbank«, flüsterte sie hastig, »du rufst die Hex herein und verzauberst sie. Bin ich nicht auch eines Menschen Tochter?«
Er legte ihr die Hand über den Mund. »Sobald wir fertig sind, wirfst du den Ring Jaurits hier in das flüssige Wachs. Verstanden? Und du bläst die Kerze aus ... Das Geheimnis muß mit mir auf immer untergehn.« Er zog den Ring vom Finger. »Hier, hebe ihn in Höhe der Arbeitskerze. Kerze, Spiegel, Ring müssen eine Linie bilden. Du mußt die Überraschung ausnutzen. Nur einmal darfst du ihn einsetzen, gegen die Schwarze, nur dies einzige Mal ... Himmel, wie soll es gelingen, wenn du so zitterst. Siehst du: Nun fällt das Licht des Spiegels auf mich. Merke dir das Wort, das ich sogleich sprechen werde, und vergiß es wieder ...«
Er schloß die Augen und sprach langsam und deutlich die sieben Silben.
Wie ein Blitz, nein, greller und schmerzhafter als tausend Blitze traf es ihn.
Schneller als ein Lidschlag verbrannte sein Körper. Schneller als ein Lidschlag durcheilte er Spiegel und Ring. Schneller als ein Lidschlag fand er sich in der Kerze wieder. Die Lohe schlug durch jede Zelle seines Körpers, er war die Lohe! Flackerte, zuckte, loderte! Die Pein pulste so höllisch in ihm, daß er sie als Verzückung empfand. Das feurige Leben durchströmte ihn so kraftvoll, daß er es als schmerzlichste Qual empfand. Unter ihm wogte sanft der Wachssee, spratternd und zischend saugte der Docht die Flüssigkeit auf, schwach honigduftend verdampfte sie, verbrannte in bläulicher Hitze. Wie hellgelb lohende Wände beschirmten ihn die Ränder der Flamme vor dem tödlich kalten Außen. Blas aus, wollte er rufen, blas nicht aus. Ich ertrag die Qual nicht, ich will die Verzückung ewig so. Und er warf die Arme von sich, und er preßte die Arme an sich, und er kreischte und frohlockte ...
Ein Windstoß traf die Flamme, schleuderte ihn um. Tränenlos heulend, tränenlos lachend sah er, wie sich die Schwarze Königin herabbeugte, hörte sie, einem Sturm gleich, sprechen:
»Wußt ichs doch, daß du mich betrügen würdest, Menschenfreund. Welch Glück, daß auch ich ein Töchterlein besitze.« Sie griffen einander bei den Händen. »Jetzt, Tochter, beherrschen wir seine Kunst. Jetzt werden wir unsere Feinde versammeln. Los, sag, wie geht der Zauber.«
»Ganz einfach, liebste Mama. Kerze, Ring, Spiegel eine Linie. Er hat mir genau aufgetragen, was ich zu tun hab. Von da aus siehst dus am besten. Nun das Wort ...«
Für einen Lidschlag sog es alle feurige Kraft aus Adhelm. Für einen Lidschlag kreiste das Feuer. Dann kehrte es mit neuer Fracht zurück.
Sie schrie und tanzte nicht schlechter als er, die Schwarze Königin. Ihre Tochter aber nahm den Spiegel und streifte ruhig und eher beiläufig den Ring über den Finger. »Blas das Licht aus, Rudarq.«