ALIEN CONTACT

Das Gesicht der Bücher

Ein Gespräch mit Nele Schütz, Titelgestalterin der Science-Fiction-Reihe des Heyne-Verlages

Science Fiction > Alien Contact
Interview
Momox-Books.de - Einfach verkaufen.
Wenn ein Magazin ein Buch bespricht, geht es meist um den Inhalt. Steht man jedoch in der Buchhandlung, gibt es verschiedene Gründe, warum man sich für ein Buch entscheidet: der bekannte Name des Autors, ein interessanter Titel, ein ansprechendes Titelbild oder ein aussagekräftiger Klappentext. All dies findet man jedoch auf dem Umschlag des Buches. Damit dieser ansprechend aussieht, bedarf es viel Arbeit und Kreativität, die jedoch nur selten Beachtung findet.

Die Umschläge der umfangreichsten Science Fiction-Taschenbuchreihe in Deutschland werden von Nele Schütz entworfen. Sie bestimmt so zu einem wesentlichen Teil das »Gesicht« der SF. Grund genug, ein paar Fragen zum Thema zu stellen.

AC: Haben Sie ein besonderes Verhältnis zur Science Fiction?

Frau Schütz: Eigentlich mehr zum Science Fiction-Film, aber da ein sehr besonderes. Ich schaue mir jeden SF-Film an, der mir in die Quere kommt.

AC: Hat sich durch die Arbeit an den Büchern etwas geändert?

Schütz: Ich habe eigentlich noch weniger gelesen.

AC: Seit wann betreut Ihre Firma die SF-Reihe?

Schütz: Ich glaube, seitdem es die Reihe gibt. Früher war es das Atelier Heinrichs, bei dem meine Mutter schon arbeitete. Irgendwann hat meine Mutter das Atelier übernommen, und dann hieß es Atelier Schütz. Ich selbst arbeite seit drei Jahren an den Heyne-SF-Büchern und betreue diese auch allein.

AC: Worin besteht Ihre Arbeit eigentlich?

Schütz: Wir bekommen vom Lektorat oder direkt von den Grafikern ein Titelbild. Darum kümmern sich beim Verlag Herr Jeschke oder Frau Wahren, meist Monate im voraus. Während wir noch an der aktuellen Produktion sitzen, werden schon die neuen Titel geplant. Die Illustratoren brauchen schließlich auch ihre Zeit, um ein Bild zu produzieren. Wir haben irgendwann einen Laufzettel entwickelt, der alle Daten enthält, die für uns wichtig sind, den Umschlag zu gestalten. Also zum Beispiel den Titel, Verfasser, Rückseitentext und so weiter.

AC: Aber dann beginnt Ihre Arbeit erst.

Schütz: Genau. Ich spreche mit Herrn Jeschke oder Frau Wahren die Bücher durch. Oftmals gibt es einige Fragen, die geklärt werden müssen. Gerade bei Neugestaltungen oder Autoren, die erstmals aufgelegt werden, muß ich natürlich wissen, um welche Richtung von Science Fiction es sich handelt. Man muß bei der Gestaltung beachten, ob es sich um ein ökologisches Thema handelt oder eher um einen Hightech-Roman oder vielleicht auch eine epische Fantasy. Man kann ja nicht immer die gleiche Schrift für den Titel nehmen. Oft hilft mir auch der Rückseitentext. Wenn mir zu einem Titel mal gar nichts einfällt, dann lasse ich mir vom Verlag oder vom Lektorat noch Stichpunkte geben. Das gehört noch zu meinen Vorbereitungen.
Vor kurzem wurden zum Beispiel die Titel der Star Trek-Serie umgestaltet. Wir haben die Originalschriften der Fernsehserien für den Computer bekommen. Für Neugestaltungen suche ich jeweils eine Schrift aus, die zum Inhalt passen muß. Für härtere SF wie von William Gibson oder Bruce Sterling braucht man zum Beispiel ganz klare, gerade Schriften. Dafür gibt es oft Titelbilder von doMANSKI [Beispiel: W. Gibson, Virtuelles Licht]. Als nächstes muß ich die Farben des Bildes beachten, denn das muß zueinander passen. Man kann mit Computern so lange puzzeln, bis es gut aussieht. Zur Zeit sind die geraden, schmalen Schriften sehr modern, vor zehn Jahren waren es eher die ganz fetten Schriften. Allein nur mit der Schrift kann man viele neue grafische Ideen umsetzen.

AC: Vor ca. 10 Jahren hat sich das Aussehen der Heyne-Taschenbücher verändert: Die ehemals »schwarze Reihe« mit der einheitlichen Titelschrift wurde zusehens bunter, und das nicht nur auf den Buchrücken. Jeder bekannte Autor hat ein eigenes Layout, eine charakteristische Schrift oder immer wiederkehrende grafische Elemente. Wessen Idee war das?

Schütz: Definitiv kann ich das nicht beantworten. Ein Grund war, daß die SF-Reihe ausgeweitet wurde. Es sollte mehr Publikum angesprochen werden. Die einheitliche Gestaltung war in gewissem Sinne eine Normierung, und das sollte vermieden werden. Viele Bücher haben sehr weitgefaßte Themen und sprechen dadurch nicht nur die reinen SF-Leser an. Das sollte sichtbar werden.

AC: Es war auch zu beobachten, daß von vielen SF-Titelseiten der Begriff »Science Fiction« verschwunden und stattdessen oft nur »Roman« zu lesen ist.

Schütz: Genau das ist in letzter Zeit auch mit Krimis passiert. Das ist eine Marketing-Entscheidung, denn die Trennung der Genres verwischt sich bei vielen Autoren. Hinzu kommt, daß in deutschen Buchhandlungen die Science Fiction immer noch in die letzte Ecke verbannt wird, gleich neben der Treppe, oder nur eine Drehsäule direkt vor der Toilettentür. Das Image der Science Fiction ist in Deutschland leider nicht so gut wie in Amerika oder England. Eine nicht genretypische Gestaltung der Bücher kann vielleicht helfen, diesen Zustand zu ändern. Diesen Trend gibt es international schon seit einiger Zeit.

AC: Holen Sie sich Anregungen von amerikanischen Titelgestaltungen?

Schütz: Grundsätzlich versuche ich mich zu orientieren, was dort auf dem Markt los ist. Oftmals bekomme ich auch Originalbände zur Ansicht, oder ich sehe mir die Titelbilder in der Zeitschrift LOCUS an. Manchmal bekomme ich auch einen Originalband, den ich hinreißend finde, wie zum Beispiel Ammonit von Nicola Griffith. Warum sollte man da etwas ändern, außer an der Schrift.

AC: Es gab bestimmte Trends bei den Titelbildern der Heyne-Reihe. Eine Zeit lang gab es häufig Kollagen, im kommenden Winterprogramm sind einige Titelbilder in Neonfarben zu sehen. Haben Sie Einfluß auf die Trends?

Schütz: Leider nicht. Die Kollagen mochte ich sehr gern, aber sie sind bei den Lesern und auch bei vielen Händlern nicht gut angekommen. Gerade bei anspruchsvollen Titelbildern tut es mir manchmal leid, daß so etwas nicht weitergeführt werden kann. Abgesehen von bestimmten Marketingzwängen bekomme ich glücklicherweise von Herrn Jeschke und Frau Wahren sämtliche Freiheiten, die man nur haben kann. Ich kann alle möglichen grafischen Ideen, die mir in den Sinn kommen, umsetzen. Bei anderen Reihen ist das nicht so, da gibt es viel strengere Vorgaben.

AC: Welche Reihen betreuen Sie noch außer der SF bei Heyne?

Schütz: Keine, aber manchmal gestalte ich Titel der Allgemeinen Reihe.

AC: Wenn Sie der Meinung sind, daß ein Titelbild nicht funktioniert, können Sie daran etwas ändern?

Schütz: Das passiert zwar selten, aber ich melde mich dann sofort. Manchmal halten sich die Illustratoren nicht an die Vorgaben. Wir machen Buchtitel und keine Plakate, da gibt schon mal Probleme mit dem Format. Oder die Motive sind zu platzfüllend, und ich habe keinen Raum mehr für die Schrift. Dann bleibt mir nichts weiter übrig, als mit den Grafikern zu telefonieren. Und wenn ich Glück habe, kommen die Änderungen, wie ich sie brauche.

AC: Gab es schon mal Ärger wegen eines Bildes?

Schütz: Oft. Die Illustratoren wollen natürlich selten ihre Bilder verändern. Die Bilder vom Herrn Domanski zum Beispiel werden immer wüster, oft muß ich Teile des Bildes weichzeichnen, damit irgendwo die Schrift noch steht. Aber er liefert mir meist Computerdateien und gibt mir freie Hand, was die Arbeit wahnsinnig erleichtert. Die anderen sind oft solche Perfektionisten, und teilweise sind die Bilder so schön, daß ich mich auch gar nicht traue, etwas zu verändern. Dann kann ich nur noch versuchen, die Schrift in eine Ecke zu quetschen. Aber es gibt auch Illustratoren, die ich weniger mag, zum Beispiel Michael Hasted, der u.a. die Bilder zu den Romanen von Lois McMaster Bujold gemalt hat.

AC: Lesen Sie selbst einige der Bücher, an denen Sie gearbeitet haben?

Schütz: Ich möchte es immer, denn manchmal klingen die so spannend, aber ich schaffe es nie. Vor längerer Zeit - es ist vielleicht schon zehn Jahre her - habe ich einiges gelesen. Zum Beispiel Harry Harrison. Oder auch Der ewige Krieg von Joe Haldeman hat mir sehr gut gefallen. Aber sonst lese ich lieber Krimis oder Horror. Aber ich sehe mirmit Begeisterung SF-Filme an, auch sehr gern die B-Pictures aus den fünfziger Jahren.

AC: Gibt es Gestaltungen, auf die Sie besonders stolz sind?

Schütz: Bei jeder Produktion, also jedem Halbjahresprogramm, gibt es immer mehrere Titel, die besonders Spaß machen. Gefallen haben mir die Star Trek-Kassetten mit den Gesichtern auf dem Schuber. Vom jetzt folgenden Winterprogramm finde ich vor allem die Domanski-Bilder zu Deus X (Norman Spinrad) und Gefallene Engel (Niven/Pournelle/Flynn) sehr schön. Auch die Bücher von Nancy Kress wurden neu gestaltet, da sind die Bilder auch sehr schön geworden. Und bei den Bänden, die Wolfgang Jeschke selbst herausgibt, gebe ich mir ganz besondere Mühe, weil die Zusammenarbeit mit ihm sehr viel Spaß macht. Mein absoluter Lieblingstitel ist allerdings der zum neuen Roman von Maria Szepes, der erst im nächsten Sommer erscheint.

AC: Vielen Dank für das Gespräch.

• Das Gespräch führte Hardy Kettlitz
ALIEN CONTACT 28/29 • © 1997


»wirres« Titelbild von doMANSKI

Anzeige


Star Trek jetzt mit Originalschrift

Anzeige


Titelbildkollage von Jan Heinecke
Siehe auch:
Der Allround-Grafiker doMANSKI im Interview
epilog.de • Interviews
Hinter den Kulissen • Wie Medien entstehen
Homepage des Heyne Verlag
Leser-Service:
Lieferbare Bücher mit dem Stichwort Science Fiction
© copyright 1997-2011 by EPILOGmedia • Alle Rechte vorbehalten
eMail: dialog@epilog.de | Impressum | AGB + Widerrufsrecht