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ALIEN CONTACT

Gespräch mit Frank Festa

Herausgeber der Edition Metzengerstein

von Siegfried Breuer und Hardy Kettlitz

Science Fiction > Alien Contact
Interview
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Deutsche Phantastik-Autoren haben derzeit kaum eine Chance auf dem schwierig gewordenen deutschen Buchmarkt. Die Konkurrenz durch die amerikanischen Autoren ist allzu groß geworden, obwohl ihnen die deutschen Kollegen in Qualität und Stil nicht nachstehen. Und so entstanden vor allem im letzten Jahrzehnt eine Reihe von Kleinverlagen, von denen die Edition Metzengerstein wohl am interessantesten ist. Leider können die Kleinverlage nicht überall den Buchhandel beliefern, so daß sich der interessierte Leser direkt an den Verlag wenden sollte.

Frage: Wer ist die Edition Metzengerstein? Wer gehört zum Team?

Antwort: Ein festes Team gibt es eigentlich nicht. Die Edition Metzengerstein bin an sich ich alleine. Ich wähle die Autoren aus und finanziere das Ganze, lektoriere die Texte, stelle den Innenteil zusammen, bis er druckfertig ist, und so weiter. Meine rechte Hand ist Malte Schulz-Sembten, ein gelernter Grafiker, der die drucktechnische Arbeit der Umschläge macht, nebenbei aber auch sehr viel Einfluß auf mich - und damit die Edition - ausübt, weil wir als Freunde natürlich viele Diskussionen führen. Des öfteren übernimmt er auch mal das Zweit-Lektorat oder warnt mich vor allzu dummen Ideen, ha, ha...

Frage: Wann habt ihr Euch kennengelernt?

Antwort: Malte lernte ich 1996 kennen: Er war der erste Autor aus der deutschen Szene, der mir so gut erschien, um eine Buchpublikation zu riskieren. Ich habe mich nicht geirrt. Sein Band Hippokratische Gesichter - Todesgeschichten erhielt bisher nur positive Besprechungen. Die erste Auflage von 300 Exemplaren ist fast ausverkauft. Inzwischen hat er einen zweiten Band im Robert Richter Verlag veröffentlicht und seine erste Kurzgeschichte an Heyne verkauft. Wie gesagt, er war nicht nur für das Programm, sondern auch für mich und die Edition ein Glücksgriff. Ohne ihn sähe die Edition äußerlich anders aus...

Übrigens entwickeln sich bei mir fast immer Freundschaften zum Autor, wie ich feststelle: Eddie M. Angerhuber, die einzige ernsthafte und gute deutsche Horrorautorin, von der ich schon seit längerem ein Buch plane, ist inzwischen eine Art Metzengerstein-Faktotum geworden. Sie übernimmt mehr und mehr das Abschreiben von Manuskripten - weil mir als Vater von zwei Kindern, der im Schichtdienst arbeiten muß, einfach die Zeit fehlt. Dazu übersetzt sie jetzt auch Texte für die Edition, wie Malte Schulz-Sembten und Michael Siefener, der Autor des dritten Bandes, der den ALIEN CONTACT-Lesern ja nicht unbekannt ist. Eddie nennt uns alle immer Die Familie, in Anspielung auf meine italienische Abstammung. Ich finde diesen Zusammenhalt wunderbar und bin dafür auch dankbar. Wo findet man das heute noch?

Frage: Stimmt! Dein Verlagsname ist recht ungewöhnlich. Was bedeutet er, und wie bist Du darauf gekommen?

Antwort: Keinen Poe gelesen? Die erste veröffentlichte Kurzgeschichte von Edgar Allan Poe hieß Metzengerstein. Sie war deutlich von der deutschen Schauerromantik beeinflußt. Später entwickelte Poe den psychologischen Horror, der das Genre weltweit beeinflußte und den modernen Horror begründete. Nun: Ich holte den deutschen Namen ? natürlich nur symbolisch gesehen ? zurück nach Deutschland, und damit schließt sich der Kreis. Ist ein bißchen weit hergeholt, ich weiß, aber Du verstehst schon...

In der Geschichte heißen ein Adelsgeschlecht und deren Burg Metzengerstein, die durch ein dämonisches Pferd untergeht. Alles verbrennt letztendlich. Das Logo der Edition zeigt darum eine flammende Burg und darüber den dämonischen Gaul. Malte Schulz-Sembten, wer sonst, hat es gezeichnet. Ich bin mal gefragt worden, warum es nicht Edition Horror oder Edition Blut genannt worden ist - tja... (Frank Festa lacht und zieht eine Grimasse).

Frage: In gewisser Weise ist der Name Programm?

Antwort: Genau das!

Frage: Willst Du Dich auf unheimliche und Horrorliteratur beschränken, oder bist Du auch für andere phantastische Themen offen, etwa Science Fiction?

Antwort: Hmm, es soll schon nur Horror sein. Traditioneller Horror, psychologische Phantastik, kein Splatter-Gedöns... Klare Science Fiction mag ich gar nicht, nur so genreübergreifende wie etwa bei Ray Bradbury und... es gibt da nicht so viel. Tanith Lee fällt mir noch ein, aber die hat natürlich dunkle Elemente in ihren SF-Texten, klar.

Frage: Wie siehst Du die Perspektiven? Gibt es einen Markt für kleine Verlage?

Antwort: Klar gibt es einen Markt - nur ist der zu begrenzt, davon Bücher wie die von Metzengerstein gut zu finanzieren, also mit Farbcovern, gutem Papier und Honoraren. Aber ich hoffe, und ich bin hartnäckig. Ich verkaufe von jedem Buch mehr und mehr, wenn auch etwas schleppend, aber die meisten Käufer werden Stammkunden, und viele davon schließen ein Abonnement ab, und damit geht es beim nächsten Buch schon besser. Durch ein Abo sparen die Leute übrigens echtes Geld...

Frage: Was sind Deine nächsten Pläne, mit welchen Titeln kann man in nächster Zeit rechnen?

Antwort: Es erscheint pro Quartal ein Band. 1998 sind es Kai Meyer mit Giebelschatten, zwei frühen Novellen bzw. Heftromanen, die allerdings von Bastei-Verlag arg verstümmelt wurden, in der Art, daß etwa aus einem traurigen oder offenen Schluß mit Gewalt ein Happy End gemacht wurde. Dann folgen, die Reihenfolge ist allerdings noch unklar, Autoren wie Eric Count Stenbock und seine Studien des Todes, eine klassische Sammlung dunkler Geschichten, die in Deutschland unbekannt sind. Dann Eddie M. Angerhuber, ansonsten höchstwahrscheinlich je ein Kurzgeschichtenband von Hugh Walker und Terry Lamsley, einem Engländer, der bereits den World Fantasy Award gewann und mehrmals nominiert war. Bei den beiden existiert aber noch kein Vertrag, darum kann ich das noch nicht garantieren. Mündliche Zusagen habe ich.

Ich habe eine ganze Menge Pläne und bin ausgebucht auf Jahre hinaus. Unter anderem verhandle ich noch wegen Ramsey Campbells berühmtem Arkham House-Band Demons by Daylight, aus dem meines Wissens bisher keine Kurzgeschichte auf deutsch erschien. Puhh, was noch? Ich habe eine ganze Menge Pläne, aber manchmal wirft die Realität Träumern schwere Balken vor die Füße...

Frage: Das neue Buch Teatro Grottesco ist von Thomas Ligotti, der gerade zweimal mit dem Bram Stoker Award ausgezeichnet wurde. Hatte diese Auszeichnung Einfluß auf die Auswahl der Geschichten?

Antwort: Nein, ich habe ja schon lange an dem Band gearbeitet.

Frage: Ach, Du hattest schon vorher Kontakt zum Autor?

Antwort: Ja, seit Anfang 1996, glaube ich. Meinst Du, ich nehme nur Autoren, die einen Preis gewinnen? Nee, ich habe Tom fest die Daumen gedrückt und mich total für ihn gefreut. Natürlich auch, weil die prämierten Erzählungen in meiner Auswahl Teatro Grottesco und andere Erzählungen enthalten sind und somit irgendwie mein Geschmack bestätigt wurde, wie ich mir gerne selbst schmeichele.

Frage: Wer ALIEN CONTACT regelmäßig liest, der kennt Deine Geschichte »Cynthia« aus ALIEN CONTACT 27. Wirst Du von literarischen Vorbildern beeinflußt, und von welchen?

Antwort: Nicht vergessen: »Cynthia« ist ja nur als Auszug abgedruckt. Was die Vorbilder betrifft: Ich hoffe, daß ich die frühe Phase der offensichtlichen Beeinflussung hinter mir gelassen habe und eigenständige Texte verfassen kann. Meine ?Idole? sind unter den Phantasten Edgar Poe, Alexander Grin, Maurice Sandoz, Lovecraft, Smith, Thomas Owen, Arthur Machen, T.E.D. Klein, puhh, was noch? Eigentlich alle Meister des Genres. Außerhalb sind es Knut Hamsun, Henry Miller, Joris-Karl Huysmans, Hermann Hesse, Herman Ungar and so on...

Thomas Ligotti, dessen Werk ich sehr bewundere, hat natürlich Wirkung ausgeübt. Eine deutliche Ligotti-Hommage, vielleicht die erste überhaupt, habe ich gerade für mein Buch Wucherungen - Dunkelgraue Erzählungen verfaßt, welches der 5. Band der Edition sein wird, aber das war ja Absicht. So auch vor kurzem die Lovecraft-Nachahmung Pickmans Muse, die als Band 1 der kleinen Reihe Medusenblut bei Boris Koch erschien. Sonst schreibe ich mein eigenes Zeug... Moment: In Wucherungen wird auch eine Erzählung enthalten sein, deren Anfang von Karl Edward Wagner quasi kopiert ist, die aber etwas völlig Eigenständiges erzählt. Das alles sind literarische Spielereien, die man sich ja mal erlauben darf.

Frage: Wieviele Geschichten werden in Deinem Buch Wucherungen enthalten sein? Was sind die Themen?

Antwort: Ich glaube, es sind neun oder sogar zehn Stories. Die Themen sind klar: Wahnsinn, Tod, verzerrte Realität, halt psychologische Phantastik. »Cynthia« wird komplett drin sein, ist ja eine Novelle.

Frage: Hält Dich die Herausgebertätigkeit vom Schreiben ab? Oder bekommst Du dadurch vielleicht sogar neue Inspirationen?

Antwort: Ganz klar beides! Ich sagte ja schon, daß mich Ligotti beeinflußte, besonders weil ich alle seine Texte im Original lesen mußte, und die ausgewählten Stories mehrmals: Beim Prüfen der Übersetzung, dann öfter beim Layouten, das war ein intensives Erlebnis. Anders als man erwartet, gewannen seine Texte dadurch in mir. Das spricht sehr für deren Qualität. Ich bin gespannt wie Ligotti beim Publikum ankommt. Sein Band bei DuMont ging ja unter, weil die Reihe eingestellt wurde, gerade als Die Sekte des Idioten erschien. Schade drum.

Frage: Vielen Dank für das Gespräch.

ALIEN CONTACT 30 • 1998

Die Titel der Edition Metzengerstein:

1: Malte S. Sembten: Hippokratische Gesichter
2: Henry S. Whitehead: Der persische Ghoul
3: Michael Siefener: Das Reliquiar / Die Wächter
4: Thomas Ligotti: Teatro Grottesco
5: Frank Festa: Wucherungen - Dunkelgraue Erzählungen (1997)
6: Kai Meyer: Giebelschatten (1998)
7: Eddie Angerhuber: Die verborgene Kammer (1998)
9: Terry Lamsley: Geistergeschichten aus Buxton (Under the Crust • 1997)
10: Eric Count Stenbock: Studien des Todes (Studies of Death • 1894)
11: Brian Hodge: Von Heiligen und Mördern (Originalzusammenstellung • 1999)
13: Frank Festa (Hrsg.): Psycho-Express (2000)
14: Tom Piccirilli: Söhne des Bösen (Dark Father • 1990)
15:
David J. Schow: Der Schacht (The Shaft • 1990)
16: Clive Barker: Spiel des Verderbens
17: Thomas Ligotti: In einer fremden Stadt, in einem fremden Land
18: Richard Laymon: Parasit (Flesh • 1987)
19: S. P. Somtow: Dunkle Engel (Darker Angels • 1996)
20: Steve Vance: Der Mr. Hyde-Effekt

Nachtrag
Im Sommer 1999 wurde die Edition Metzengerstein vom Blitz-Verlag übernommen. Frank Festa, der Metzengerstein bis dahin ganz alleine führte, wurde Verlagsleiter bei Blitz. Im Frühjahr 2001 gründete Festa den Festa Verlag und übernahm neben vielen anderen Reihen des Blitz-Verlags auch die Edition Metzengerstein.

Siehe auch
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