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Alien Contact Interview |
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| Frage: Beginnen wir mit Ihrem neuesten auf
deutsch erschienenen Roman Diaspora (Diaspora
1997), der in einer Zukunftswelt spielt, die sich erheblich von unserer Gegenwart
unterscheidet. Was wollten Sie mit diesem Werk demonstrieren oder aussagen? Antwort: In erster Linie wollte ich mit Diaspora eine Zukunft entwerfen, in der ein Zweig unserer Nachkommen in Computern lebt, und ich wollte diese Welt durch die Augen eines Insiders zeigen, der all dies völlig normal findet. In meinem früheren Roman CyberCity fangen die Menschen gerade erst an, Kopien ihres Geistes herzustellen, die als Software laufen, was für sie noch sehr schwierig und traumatisch ist, doch am Anfang von Diaspora gibt es eine komplette Zivilisation, die bereits neunhundert Jahre in dieser Form existiert hat. Ich wollte also keine gegenwärtige Perspektive einnehmen und diese Idee als zutiefst beunruhigend darstellen, sondern als völlig selbstverständlich, so daß ich mit den Möglichkeiten spielen konnte - ohne daß die Personen alle fünf Minuten in eine existentielle Krise verfallen, weil sie »nur als Software« vorhanden sind. Ich wollte es als völlig normal erscheinen lassen, als Software zu leben, und als sehr seltsam und beengend, über irgendeine Art von Körper zu verfügen - oder gar über einen organischen. Ich glaube, es ist mir gelungen, diese Perspektive durchzuhalten, doch je mehr Erfolg ich damit hatte, desto abschreckender könnte es für einige Leser sein. Wenn es schon beunruhigend ist, über Menschen des 21. Jahrhunderts zu lesen, die Schwierigkeiten mit ihrer Existenz als Software haben, könnte es noch schwieriger sein, sich Menschen vorzustellen, die sich so sehr von uns unterscheiden, daß sie damit gar keine Probleme haben. Frage: Mit Ihren bisherigen Romanen von Quarantäne (Quarantine 1992) über CyberCity (Permutation City 1994), Qual (Distress 1995) und Diaspora (Diaspora 1997) stoßen sie immer weiter in die ferne Zukunft vor - bis in virtuelle Lebenswelten und mehrdimensionale Universen. Haben Sie vor, sich noch weiter in diese Richtung zu entwickeln? Antwort: Mit Diaspora bin ich etwa so weit in die Richtung vorgedrungen, wie ich gehen wollte. Wenn ich über die ferne Zukunft schreibe, will ich nicht so tun, als wären all unsere gegenwärtigen Probleme - Dinge wie Krankheit, Armut, Krieg und Rassismus - auch in den nächsten zehntausend Jahren relevant. Die menschliche Natur ist etwas Körperliches, und irgendwann werden wir auch sie nach unserem Belieben verändern. Doch unsere »aktuellen« Probleme sind im Augenblick für uns trotzdem von enormer Wichtigkeit. Obwohl ich seit Diaspora mehrere Kurzgeschichten geschrieben habe, in denen es um die Idee geht, daß wir irgendwann die Software als praktischste Existenzform ansehen werden - vor allem für die Raumfahrt -, bin ich inzwischen wieder auf Abstand gegangen und konzentriere mich nun auf die nähere Zukunft. Ich vermute, ich habe die Vision eines Universums, das wir durch die Wissenschaft immer besser zu verstehen lernen - und das schließt auch das Verständnis ein, wer wir sind, woher wir kommen und warum wir die Dinge tun, die wir tun. Was mich antreibt, ist der Wunsch, sowohl Einzelheiten dieser Vision zu erkunden, um ihrer selbst willen - Dinge wie Quantenmechanik und Kosmologie, ganz einfach, weil sie wunderschön und komplex und faszinierend sind - als auch die Möglichkeiten, wie wir uns an diese Situation anpassen können und welchen konstruktiven Nutzen wir daraus ziehen könnten. Ich bin mir nicht sicher, ob sich meine Arbeit im Verlauf der Jahre in einer bestimmten Weise verändert hat, obwohl ich hoffe, daß ich meinen Stil und und meine Charakterisierungen verbessert habe. Ich glaube, Qual war in beider Hinsicht besser als die beiden vorhergehenden Romane, doch es ist schwierig, im Fall von Diaspora von »Charakterisierung« zu sprechen, da es ein schwerer Fehler gewesen wäre, den Figuren eine zu große Ähnlichkeit zu Menschen des 20. Jahrhunderts aus Fleisch und Blut zu machen. Für mich ist es bei jedem Buch wichtig, die Ideen so weit zu treiben, wie ich kann, und so ehrlich mit dem Thema umzugehen, wie ich kann. Das verändert sich nie, aber es führt doch zu unterschiedlichen Ausprägungen. Wenn es um recht komplizierte technische Dinge geht, wie es in CyberCity und Diaspora der Fall war, muß man so direkt und transparent wie möglich schreiben. Wenn man versucht, es zu subtil oder zu poetisch darzustellen, wird es einfach nur unverständlich. In Diaspora war mehr Raum für ausdrucksvollere Schilderungen, und ich hatte auch das Gefühl, es riskieren zu können, manche Dinge ungesagt zu lassen. Frage: Sie haben einmal gesagt, Sie würden eines Tages die Entwicklung bewußter Software miterleben. Wie schätzen Sie die Aussichten für Künstliche Intelligenz ein? Antwort: Ich bin mir ziemlich sicher, daß es noch zu meinen Lebzeiten bewußte Software geben wird, aber ich weiß nicht, in welcher Form das geschehen wird. Es könnte so etwas wie eine komplette Computersimulation sein, zum Beispiel einer Eidechse in einer virtuellen Umwelt. In diesem Fall könnte es genauso schwierig sein, manche Leute davon zu überzeugen, daß dieses Programm wirklich ein Bewußtsein besitzt, als würde man sie zu überzeugen versuchen, daß Tiere ein Bewußtsein besitzen. Es könnte auch etwas sein, das wir in einem Computer entwickeln, ohne daß es einen realen Bezug zur Biologie hat, oder etwas, das wir entwerfen, um eine Theorie des Bewußtseins zu überprüfen. Meine Sorge ist eher, daß wir bewußte Software herstellen könnten, ohne daß wir es wissen, daß wir der Software viel Leid zufügen, ohne daß wir selbst es erkennen. Von diesem Punkt sind wir im Augenblick noch sehr weit entfernt, aber irgendwann wird es ein ernstes Thema sein. Es wäre eine furchtbare Ironie, wenn wir jetzt die Tierversuche einstellen und durch Computersimulationen ersetzen und sich erweist, daß einige dieser Simulationen genausoviel Schmerz erleiden wie eine Laborratte. Frage: Glauben Sie, daß die SF besonders gut geeignet ist, um vor künftigen Gefahren der technischen Entwicklung zu warnen? Antwort: Ich denke, die SF bietet sicherlich die einfachste Möglichkeit, neue Technologien zu untersuchen, Jahrzehnte (oder manchmal auch Jahrhunderte) bevor sonst jemand darüber diskutiert. Leider ist es so, wenn man gewisse Politiker über Dinge wie genetische Manipulation reden hört, daß es klingt, als wäre die aktuellste SF, von der sie gehört - geschweige denn gelesen - haben Frankenstein oder mit etwas Glück noch Schöne neue Welt. Und sehr viel SF hat die Tendenz zur Verkündung großen Unheils und der Warnung vor Katastrophen, also möchte ich auf gar keinen Fall, daß die Leute sie als eine Art Ersatz für eine fundierte Diskussion der Fakten betrachten - daß zum Beispiel Organtransplantationen von Tieren verboten werden, nur weil irgendein Schreiberling einen Bestseller produziert, in dem wir alle an Schweineviren sterben, die die Artengrenze übersprungen haben. Für mich kann und will ich nur in Anspruch nehmen, daß ich laut über Ideen nachdenke, die ich zu meiner eigenen Zufriedenheit entwickle. Wenn das, was ich schreibe, für meine Leser Sinn ergibt, oder wenn es sie in hinreichendem Maße irritiert, bleibt vielleicht etwas in ihren Köpfen zurück, und vielleicht werden sie dann ein paar Jahre früher als unter anderen Umständen noch einmal über das Thema nachdenken. Aber die Wirkung ist gewiß nur äußerst geringfügig, und wahrscheinlich wird sie durch all den Lärm übertönt, den die Medien erzeugen, wenn diese Dinge wirklich brisant werden. Frage: Der Schwerpunkt aller Ihrer Romane liegt auf komplexen wissenschaftlichen Theorien. Wie halten Sie sich auf dem laufenden, seit Sie die Universität abgeschlossen haben? Woher beziehen Sie Ihre Ideen? Antwort: Eine neuere Entwicklung, die sich demnächst in meinem Werk bemerkbar machen könnte, ist die bewußte Anstrengung, meine Mathematik- und Physikkenntnisse aufzufrischen, die in letzter Zeit etwas angerostet sind. Heutzutage lese ich Physiklehrbücher für Aufbaustudiengänge, statt mich auf populäre Darstellungen zu verlassen, was gut für mich ist, wie ich glaube. Populärwissenschaft prescht in alle möglichen modischen Richtungen vor und reißt häufig viele SF-Autoren mit. Ich selbst wurde gelegentlich auf diese Weise auf Abwege geführt, aber ich hoffe, daß meine Arbeit in Zukunft auf besseren Informationen basiert. Frage: Sie wurden offensichtlich durch den Cyberpunk beeinflußt - oder haben diesen SF-Trend weiterentwickelt. Wie stehen Sie dazu? Haben Sie als Mann eine besondere Affinität zum männlich dominierten Cyberpunk? Antwort: Ich möchte nicht alles über einen Kamm scheren, was als »Cyberpunk« klassifiziert wurde, weil einiges wunderbar und anderes Mist war. Ich denke, Bruce Sterling und Pat Cadigan haben in den Achtzigern viele gute Bücher geschrieben und tun es immer noch, aber es ist mir egal, welche davon »Cyberpunk« sind und welche nicht. Wenn ich über Figuren lese, die sich selbst für »hip« halten, langweilt mich das zu Tode - selbst wenn es ironisch gemeint ist, obwohl es natürlich schlimmer ist, wenn sie ernst genommen werden. Und vielleicht ist es gar keine Tragödie, daß Computer nun in bestimmten Kreisen »ultra-cool« geworden sind - obwohl das eine komische Vorstellung für jemanden ist, der seit 1975 programmiert. Es interessiert mich viel mehr, die Vorstellung lächerlich zu machen, daß Moden so wichtig sein sollen. Wenn es für jemanden wichtig geworden ist, ist er zum Sklaven geworden. Im Cyberpunk lief es häufig darauf hinaus: »Computer sind interessant, weil coole, zynische Männer (oder gelegentlich Frauen) mit verspiegelten Sonnenbrillen gefährliche Dinge damit anstellen.« Wenn das wirklich das Interessanteste ist, was man an einem Computer findet, sollte man keine SF schreiben. Ich weiß nicht, ob der Cyberpunk schlechter mit Frauen als die meiste andere SF umgeht, aber ich bezweifle, daß er in dieser Hinsicht besser war. Generell glaube ich, daß die SF noch gar nicht richtig begonnen hat, Geschlechtsstereotypen zu zerstören - und damit letztlich auch das Geschlecht an sich. Ein großer Teil dessen, was als »Geschlechtsprobleme in der SF« durchgeht, deutet nur darauf hin, daß wir dazu verurteilt sind, die schlimmsten Fehler der Vergangenheit ständig zu wiederholen, noch in den nächsten zehn Millionen Jahren. Ich schätze, das ist in Ordnung wenn man es als Warnung liest, aber es sollte außerdem ernsthafte Versuche geben, die Zukunft zu beschreiben, doch das geschieht einfach nicht, wenn es in den meistens Fällen entweder nur um den Alptraum der fundamentalistischen Unterdrückung eines Geschlechts geht oder um die Vorhersage einer Welt, in der es keine Männer oder keine Frauen mehr gibt. Die SF sollte das ideale Medium sein, um neue Möglichkeiten menschlicher Interaktionen zu erfinden, doch selbst in der SF gibt es sehr viel Konservativismus. In Qual verliebt sich der Held in eine asexuelle Person, die sich entschieden hat, überhaupt kein Geschlecht zu besitzen. Ein Kritiker eines SF-Magazins kippte bei dieser Vorstellung lachend vom Stuhl. Er konnte sich einfach nicht vorstellen, daß zwei Menschen sich lieben, ohne daß irgendeine Form genitaler Reibung stattfindet. Frage: Sie schreiben sowohl Kurzgeschichten als auch Romane. Was tun Sie lieber? Möchten Sie eines Tages nur noch Romane schreiben - oder nur noch Kurzgeschichten? Antwort: Ich glaube, ich werde immer beides schreiben. Das Verhältnis dürfte sich verändern, aber solange ich keine bewußte Entscheidung treffe, mich an eine bestimmte Form zu halten, laufen meine Ideen immer auf die eine und nicht die andere Form hinaus. Und es hat Vorteile, beides zu tun. Wenn ich ausschließlich Kurzgeschichten schreiben wollte, müßte ich mir einen Job suchen, weil ich niemals davon leben könnte. Und ausschließlich Romane zu schreiben, wäre zu anstrengend. Und vermutlich würde ich genausoviel Zeit damit vergeuden, mich zwischen zwei Büchern zu erholen und mich auf das nächste einzustimmen, wie ich jetzt brauche, um Kurzgeschichten zu schreiben. Frage: Würden Sie gern für Star Trek, Star Wars oder irgendeine andere Medienserie schreiben - um damit vielleicht ein größeres Publikum zu erreichen? Antwort: Der Sinn meiner Existenz als Schriftsteller besteht für mich darin, die Dinge zu erkunden, die mich interessieren. Wenn man mir diese Freiheit nehmen würde, gäbe es für mich überhaupt keinen Grund zum Schreiben mehr. Schreiben ist für mich harte Arbeit, viel härter als alles, was ich ansonsten getan habe. Wenn ich versuchen würde, über ein Thema zu schreiben, das mich langweilt, »nur des Geldes wegen«, würde es nicht funktionieren. Jedenfalls hat noch niemand mit Geldscheinen gewedelt und mich angefleht, Blade Runner vs. Predator in Isaac Asimovs Robot City zu schreiben. Ich bin mir sicher, daß die Leute, die diese Dinge vermarkten, genau wissen, daß ich nicht für dieses Metier geeignet wäre. Frage: Sie haben eine Zeitlang Filme gedreht. Würden Sie gerne wieder in diesem Bereich arbeiten? Antwort: Nein. Meine technischen Fähigkeiten bewegten sich auf dem Amateurniveau, und inzwischen dürften sie völlig eingerostet und überholt sein. Ich könnte höchstens als Hobby Filme drehen, doch es würde mehr Zeit und Geld beanspruchen, als ich aufbringen könnte. Je nachdem, wie sich die Technik entwickelt, könnte ich mich eines Tages vielleicht mit Computeranimationen beschäftigen, doch um das zu lernen, was ich lernen müßte, um etwas Vernünftiges zu erschaffen, müßte ich das Schreiben mindestens ein oder zwei Jahre aufgeben. Und dazu bin ich zur Zeit weder bereit noch finanziell in der Lage. Frage: Hat es einen bestimmten Grund, daß Sie keine Kontakte zum SF-Fandom haben und grundsätzlich keine SF-Cons besuchen? Antwort: Ich glaube, daß ich keine Conventions besuche, hat im Grunde niemanden auch nur im geringsten interessiert - abgesehen von einer Handvoll Leute, in erster Linie eine winzige Fraktion des australischen Fandoms, das selbst nur eine winzige Fraktion der SF-Leserschaft darstellt. Eine Kurzgeschichte im Asimovs wird von mehreren hunderttausend Menschen gelesen, und der Anteil jener, die meinen Namen lesen und denen dabei einfällt, daß ich nicht an diesem oder jenem Con teilgenommen habe, ist vernachlässigbar. Im Fandom geht es nur um das Fandom, es ist ein großes geselliges Beisammensein, und die Science Fiction ist dafür nur ein Vorwand. Ich glaube nicht, daß viele Leute aus dem Fandom das tatsächlich anders sehen. Frage: Woran arbeiten Sie zur Zeit? Antwort: Im Augenblick schreibe ich an einem Roman mit dem Titel Schilds Ladder. 1999 wurde mein Buch Teranesia in London veröffentlich. Es spielt in der nahen Zukunft, in Indonesien und Kanada. Es ist fast ein Mainstream-Roman, in dem nur wenig Biologie und Physik vorkommt. Es geht um die »Indian Rationalists Association«, den Zusammenbruch von Indonesien, um Quantenmechanik, Evolution und Sex. Frage: Vielen Dank für die Beantwortung unserer Fragen. ALIEN
CONTACT 36 1999 |
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