ALIEN CONTACT

Momente der Visionen

Der Allround-Grafiker doMANSKI im Interview

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Interview
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Peter Domanski ist Science-Fiction-Lesern vor allem durch seine Titelbilder für die SF-Reihe des Heyne-Verlags bekannt. Mit seiner GRUPPE d4, die im Kern aus drei Leuten besteht, arbeitet er jedoch auf fast allen grafischen und medialen Gebieten. Er fotografiert, liebt den Photoshop, dreht Filme und Musikclips, schneidet diese selbst, schreibt Werbespots und führt Regie. Obendrein begann er bereits mit dreizehn Jahren, selbst Musik zu machen, seit der Einführung des MIDI-Standards Anfang der 80er Jahre auch mit Computer und Synthesizer. Die zahlreichen Tätigkeiten spiegeln sich in Portfolios und Veröffentlichungen in Fachzeitschriften (FOTOMAGAZIN, PHOTO REVUE, PAGE, ADOBE MAGAZIN, PHOTOGRAPHIE, PHOTOTECHNIK INTERNATIONAL, DIGITAL IMAGIN, PABLO, KLINGER REPORT) sowie zahlreichen Auszeichnungen und Ehrungen wieder: Kodak-Preisträger, zweifacher Stipendiat der Kunststiftung Baden-Württemberg, einer der meistnominierten Illustratoren für den Kurd-Laßwitz-Preis, Auszeichnung 1999 in Florida zum besten europäischen SF-Illustrator.
ALIEN CONTACT: In der Science-Fiction-Szene kennt man dich vor allem durch die Titelbilder der Heyne-Bücher. Was machst du sonst noch?

doMANSKI: Heyne ist Marktführer für SF in Deutschland, und wie Wolfgang Jeschke (den ich übrigens sehr schätze und mag) vor längerer Zeit sagte: Ich möchte dich nicht gerne an einen anderen Verlag verlieren oder dich teilen müssen. Bis dato war genug Auftragsvolumen da, aber wie wohl jeder Interessierte mitbekommen hat, wird im SF-Bereich gekürzt. Ich kreiere aber auch allgemeine Belletristik (unter anderem für einen meiner Lieblingsautoren, T. C. Boyle, Der Samurai von Savannah/Grün ist die Hoffnung/Wenn der Fluß voll Whisky wär).

AC: Arbeitest du allein oder mit anderen Grafikern zusammen?

doMANSKI: Mit anderen Grafikern arbeite ich im Buchwesen automatisch zusammen, schon dadurch, daß ich als Illustrator die Typographie nicht machen darf, was oft sehr schade ist, da man sich als Kreativer in ein Bild reinsteigert. Dann kommt es halt vor, daß jemand eine Schrift verwendet und gestaltet, über die ich nicht immer glücklich bin. Ein schönes Gegenbeispiel ist Nele Schütz, die seit »Ewigkeiten« die SF-Typo für Heyne gestaltet [ Gespräch mit Nele Schütz]. Mit ihr gibt es eine gute Basischemie, auf der die gemeinsame Arbeit aufbaut. Wir hatten uns auch schon in der Wolle, aber wo keine Reibung, da keine Hitze. Wir haben einfach mit der Zeit und Erfahrung einige Highlights realisiert.
   Generell seien an dieser Stelle auch mal all die geehrt, von denen man sonst so gut wie nie etwas hört. Das Team von Nele Schütz ist einfach klasse. Genauso ist das SF-Team um Wolfgang Jeschke einfach super, was für den Fantasybereich von Friedel Wahren ebenso gilt. Gisela Frerichs macht alles möglich, Sascha Mamczak ist im SF-Bereich dabei, kreativ und verantwortungsvoll auf einem guten Fundament Heynes »Next Generation« aufzubauen. Als Illustrator habe ich bei Heyne sehr viel familiären Umgang erleben dürfen, Menschlichkeit und trotzdem und gerade deswegen ein konstruktives, kreatives Miteinander und nicht, wie auch erlebt, ein Gegeneinander.
   Bei jeder anderen Art von Aufträgen ist die Zusammenarbeit sehr unterschiedlich: vom Werbespot über einen Musikclip, komplettes Firmen-CI, Prospekt, Foto-Shooting, je nach Anforderung. Wir haben an einem Set mal mit ca. 20 Leuten gearbeitet, und dann wiederum sitze ich Wochen zu zweit mit sophie weiss w!e (Kernmitglied der GRUPPE d4) an einer Buchaktion. Aber genau das ist es, was mich an meiner Arbeit reizt. Du gehst in einer Gruppe auf, ein anderes Mal mußt du die Gruppe dominieren, dann gehst du alleine in Klausur mit den Ideen für eine Trilogie von Nancy Kress.

AC: Entwickelst du deine grafischen Arbeiten auf der Basis eines detaillierten Entwurfs, oder entstehen sie eher intuitiv?

doMANSKI: Mal kommt es vor, daß die Idee in dem Moment als Vision existiert, wenn ich die Geschichte erhalte. Dann gibt es Titel, da beißt du dir fast die Zähne aus, bis etwas entsteht, der Boden, auf dem sich weiterkreieren läßt.

AC: In deinen Arbeiten mischen sich unterschiedliche Techniken. Gibt es eine Technik, die du mit Vorliebe benutzt?

doMANSKI: Manchmal mag es so wirken, als ob verschiedene Techniken eingesetzt werden, aber letztendlich habe ich eine einzige Technik: meine. Das klingt vielleicht arrogant, ist aber überhaupt nicht so gemeint.
   Während meines Studiums hatte ich eine große Liebe zum Collagieren. Ich machte Collagen im Stil des phantastischen Realismus. Da saß ich also mit OP-reifen bzw. scharfen Scheren und Sammlungen von Zeitschriften, sortierte Menschen, Tiere, Landschaften usw. in Schuhkartons, mit meinem Anspruch, Bilder entstehen zu lassen, die eindeutig nicht real sein können, aber doch so aussehen sollen, als wären sie gestochen scharfe Fotos aus einer anderen Welt. Was gab es für verzweifelte Stunden und Tage, hochschwanger mit einer Bildidee, besser gesagt, besessen davon, und dann hatte ich zwar das Bild, dieses Teil, aber der richtige Frauenkopf mit der notwendigen Größe und Blickrichtung fehlte usw. Verzweiflung. Ehrlich. Klar, ich hätte meine ASAHI Pentax nehmen und irgendeine Kommilitonin fotografieren können, aber das ließ das Künstlerseelchen nicht zu. Tja, liebe Leserschaft, (pathetischer Oberton) vielleicht könnt ihr Euch jetzt vorstellen, wie ernst der Begriff »große Liebe« zum Photoshop wirklich zu nehmen war, als ich das erste Mal vor dieser Software saß. Ich war besessen.
   Nochmal zurück zum Begriff Technik. Über die Jahre habe ich natürlich Tricks und Kniffe entdeckt und weiterentwickelt. Schön ist der Moment, wenn die Bilder, die ich damit mache, so werden, wie ich sie in mir trage, und die Ergebnisse immer mehr so sind, daß selbst »ausgebuffte« Profis (liebe befreundete Fotografen) bei einem Bild sagen: aha, computerbearbeitet, und ich grinsen und sagen kann, nein, pures Foto, und umgekehrt.

AC: Werden Titelbilder auch gelegentlich abgelehnt, wenn der Verlag eine Arbeit für ein Buch unpassend findet?

doMANSKI: Es werden auch mal Bilder abgelehnt. Oder es wird an Bildern rumoperiert, bis zur Ruine. Es gibt aber auch Standing Ovations.
   Eines der schönsten Erlebnisse (Teamarbeit mit Nele) war eine Autorenaktion, zwölf Titel, absoluter Zeitdruck, und mit besagten Standing Ovations gingen zwölf Titel durch die Vertretertagung. Wow! Sowas tut dann mal richtig gut.

AC: Betrachtest du dich als kreativen Grafikhandwerker oder als Künstler?

doMANSKI: Je nach dem, was ich an Leistung zu erbringen habe, bin ich grafischer Handwerker, lieber aber bin ich Künstler – übrigens tatsächlich anerkannt durch die Kunststiftung Baden-Württemberg. Irgendwie ist das wichtig – frag mich aber bitte nicht warum. Für die mittelfristig anrückende Zukunft habe ich konkret vor, stärker in den Ausstellungsbereich zu gehen. Ich würde auch gerne versuchen, einen Bildband mit meinen Arbeiten rauszubringen.

AC: Glaubst du, der Einsatz von Computern im künstlerisch-kreativen Bereich führt zu einer Art Simplifizierung des grafischen Handwerks? Manche meinen, daß man man früher eine viel größere Kenntnis über die Handhabung von Werkzeug und Material haben mußte.

doMANSKI: Ich bin ein Handwerker und Künstler, der froh ist, so einen Werkzeugkasten zu haben. Und mit fortschreitender Zeit, durch den ganzen Spielewahn, profitiere ich als Professioneller auf unglaubliche Weise. Vor wenigen Jahren habe ich alles Geld, was ich hatte, zusammengepackt, um einen Rechner zu kaufen. Davor hatte ich einen 486er mit 16 MB RAM. Für den Folgerechner habe ich fast 18.000 DM hingeblättert. 64 MB RAM hatten mich schlichte 3.500 DM gekostet. Für mich ist die Technik, die ich heute für das Geld kriegen kann, eigentlich sowas wie das Schlaraffenland. So geiles Werkzeug um so arbeiten zu können! I’m very happy about that!

AC: Interessieren dich über deine grafische Arbeit hinaus andere phantastische Medien?

doMANSKI: In welcher Bandbreite meine kreativen Interessen liegen, ist zwischenzeitlich wohl mehr als deutlich geworden. Die GRUPPE d4 denkt und konzipiert derzeit unter anderem an einer Art Rauminstallation mit Psychoakustik.

AC: Liest du SF bzw. die Bücher, für die du die Titelbilder machst? Bevorzugst Du eine bestimmte literarische Richtung?

doMANSKI: Lesen kann ich die Menge der Bücher gar nicht. Meistens komme ich durch den Lektoratstext, den Klappentext oder Kritiken auf eine Idee. Ganz selten »muß« ich querlesen, damit mir etwas einfällt.

AC: Glaubst du, daß die deutsche SF in einer Krise steckt?

doMANSKI: Ja! Von der Vermarkterseite. Bald regieren nur noch Verkaufszahlen. Das ist schon schlimm genug, aber (und das ist wahr; es ist mir passiert!) wenn ein Roman, zum Beispiel ein harter Internetthriller über Kinderpornographie etc., covermäßig verkauft werden soll, dann wollen die Vermarkter folgendes: ein junges Liebespaar, Flitterwochen, VW-Cabrio, Südfrankreich. Da kann ich nicht mehr mit.

AC: Wer sind deine Lieblingsautoren?

doMANSKI: Ich habe ein paar Schriftsteller, die ich sehr liebe. Ich erlaube mir, sie kommentarlos aufzuzählen: T. C. Boyle, Stanislaw Lem, Jay McInerney, Tom Robbins, Ursula Le Guin. Und immer wieder Stephen King, jedoch kann ich vieles nicht mehr ab wie z. B. Regulator. Die Dark-Tower-Serie verschlinge ich immer noch. Eigentlich komme ich viel zu selten zum Schmökern.

AC: Vielen Dank für das Interview!

ALIEN CONTACT 37 • © 2000
Das Interview führten Hardy Kettlitz und Gerd Frey per eMail
Abbildungen: © copyright by doMANSKI
Mit freundlicher Genehmigung von Peter Domanski

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