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Die Anfänge der Science Fiction in der DDR

Ein Gespräch mit Ekkehard Redlin

Interview von Hardy Kettlitz und Siegfried Breuer


Ekkehard Redlin ist einer der fundiertesten Kenner und Förderer der DDR-Science-Fiction, die er seit den 50er Jahren entscheidend mitprägte. ALIEN CONTACT sprach mit ihm über seine Erinnerungen an die Aufbruchzeit des Genres und seine Erfahrungen als Lektor und Herausgeber im Verlag Das Neue Berlin, der als der SF-Verlag in der DDR gelten kann.

AC: Haben Sie in Ihrer Jugend viel gelesen?

Redlin: Nicht viel. In der Schule nur das, was vorgegeben war. Nach der Schule habe ich mir ein paar Bücher gekauft, die mich interessierten. Wissen Sie, ich habe mit 17 Jahren das Abitur gemacht, dann kam ein halbes Jahr Arbeitsdienst, anschließend gleich die Militärzeit bis zum Herbst 1939, und dann begann der Krieg. Da war nicht viel Zeit zum Lesen. Danach war ich in Kriegsgefangenschaft, dort gab es auch nicht viel zu lesen.
Nach dem Krieg war plötzlich sehr viel möglich. Durch Bekannte fand ich eine Anstellung im Verlag Kultur und Fortschritt als Redaktionsvolontär. Später war ich im Lektorat und dann bei der Täglichen Rundschau Korrektor. Da habe ich ein bißchen Deutsch gelernt, also das, was ich in der Schule nicht gelernt habe. Später bot sich mir die Gelegenheit, in den Verlag Das Neue Berlin zu kommen. Dort bin ich sofort herzlich aufgenommen worden.

AC: Was war Ihr Berufswunsch als Jugendlicher?

Redlin: Als Kind wollte ich Naturwissenschaftler werden, weil mein Großvater Naturwissenschaftler war. Allerdings wurde mir davon abgeraten. Kurz vor Ausbruch des Krieges wußte ich noch nicht, was ich werden sollte.

AC: Was waren die ersten Bücher, die Sie lektoriert haben?

Redlin: Ich hatte anfangs mit Schreyer und seinem zweiten Buch zu tun.

AC: Wie kam es dazu, daß Sie für Das Neue Berlin die utopischen Romane bearbeitet haben?

Redlin: Der Verlag hat alle Arten von Unterhaltungsliteratur gebracht. 1957 bekam ich Gigantum von Eberhard del’Antonio als Manuskript. Der Autor schilderte, daß etwas Neues kommen muß, neue Technik und eine neue Art von Gesellschaft. Der Text war in einer herkömmlichen Art geschrieben, ähnlich wie die Bücher von Dominik. Del’Antonio kam auch aus dem Krieg, er war vom selben Geist erfüllt wie ich. Das war wichtig für die Zusammenarbeit. Bei späteren Autoren hatte ich das Gefühl nicht immer. Jede nachfolgende Generation kommt in Verhältnisse, die sie nicht geschaffen hat.
Del'Antonio legte dann etwas später einen zweiten Roman vor, Titanus. Ich hatte erst Bedenken, aber unser Verlagsleiter meinte: Das machen wir. Allerdings gab es manches zu redigieren, denn del’Antonio hatte sprachlich und auch in der Gestaltung noch nicht die Fertigkeiten, wie später in Heimkehr der Vorfahren. Ich hatte auch noch nicht die Erfahrung, ihn ausreichend zu beraten, denn die haben sich erst im Laufe der Jahre eingestellt. Heute tut mir der Autor leid, ich hätte ihn vielleicht besser beraten müssen.
Als dann ein paar Jahre später Heimkehr der Vorfahren folgte, war ich bereits so weit, ihm zu sagen, daß Konflikte fehlten, vor allem innere Konflikte in der Gesellschaft. Das zu sagen, war schon etwas Neues, das aber auch durchzuführen, war eine Leistung. Autoren zu finden, die gesellschaftliche Konflikte schilderten, war damals schwierig. Im Westen wurden die Widersprüche in jeder Zeitung dargestellt. Im Sozialismus tat man so, als gäbe es keine Widersprüche, also mußten sich die Autoren darum bemühen. Del’Antonio hat es in diesem Buch schließlich geschafft. Ich blätterte kürzlich im Lexikon Die Science-fiction der DDR. Darin werden die alten Autoren mit einem milden Lächeln behandelt. Gewiß, die beiden Verfasser haben sicherlich recht. Wobei Simon und Spittel zu einer Generation gehören, die diese Zeit nicht erlebt hat und nicht weiß, was es in jenen Jahren bedeutete.
Jedenfalls nachdem ich einige utopische Bücher, unter anderem auch die Anthologie Marsmenschen, betreut hatte, kamen schließlich alle weiteren utopischen Manuskripte zu mir. Und so kam ich zur Utopie, ohne es ursprünglich gewollt zu haben. Aber es hat mir Freude gemacht, und schließlich erwirbt man durch die jahrelange Arbeit auch Erfahrung. Man lernt Autoren kennen, und jeder Autor ist für den Lektor eine Bereicherung.

AC: Wie kamen die Kontakte zu den Autoren zustande?

Redlin: Bei Krupkat wurden mir die Manuskripte gegeben. Del'Antonio hat, nachdem er durch Gigantum bereits beim Verlag bekannt war, ein Exposé eingereicht. Das war der übliche Weg. Neue Autoren mußten auch eine Stilprobe abliefern. Danach wurde entschieden, ob der Autor einen Vertrag bekommt. Die Verlage hatte eine Vereinbarung mit dem Schriftstellerverband, damit die Autoren nicht auf eigenes Risiko schreiben mußten. Die Autoren erhielten ein Viertel oder ein Drittel ihres Honorars im voraus, damit sie davon leben konnten, und das war kümmerlich genug. Dadurch war aber auch der Verlag verpflichtet, sich um den Autor zu kümmern.
Allerdings geschah es auch, daß ein Autor mit einem bereits fertigen Manuskript zum Verlag kam. Das war zum Beispiel bei Hubert Hurstmann und Rainer Fuhrmann der Fall. Fuhrmann reichte damals Homo Sapiens 10-2 ein. Er hatte bereits von einem anderen Verlag eine Ablehnung bekommen und schrieb nun, daß er genau wissen wolle, warum der Roman abgelehnt wird. Er war ganz platt, als ich ihm sagte, wir bringen den Roman; allerdings mußte ich ihn noch stark redigieren.

AC: Hatten Sie Einfluß auf die Gestaltung und die Titelbilder der Bücher?

Redlin: Anfangs ja, später nicht mehr. Anfangs war der Verlag noch eher eine Familie, und der Hersteller und künstlerische Leiter war gern bereit, Anregungen aus dem Lektorat entgegenzunehmen. Wir schrieben ihm zum Beispiel auf: Vorschlag zum Titelbild siehe Seite soundso. Oder auch Vorschläge für die Plazierungen von Illustrationen. Er sah sich das an und hatte sogar die Manuskripte gelesen.
Später wurde die Richtung der frühen Bücher als naturalistisch abgelehnt, und es kam die künstlerische Richtung, wo Illustrationen in den Büchern waren, die ich nie verstanden habe. Bei manchen Büchern weiß ich heute noch nicht, was das sein sollte. Ich habe mich zwar dagegen gewehrt, aber es hieß: Du bist Lektor, du hast davon keine Ahnung. Daß die Bücher trotzdem verkauft wurden, ist an sich erfreulich. Ich weiß, daß sich del'Antonio mit seinem Grafiker zusammengesetzt und ihm beschrieben hat, wie die Erfindungen in seinem Buch aussehen. Von den Kunstexperten wurde diese Vorgehensweise als absurd kritisiert.

AC: Sind denn auch Bücher gemacht worden, die Sie nicht mochten?

Redlin: Ich hatte Schwierigkeiten mit den Manuskripten von den Brauns. Deren Art zu erzählen liegt mir eigentlich nicht. Die ist so ein bißchen naseweis, vorwitzig und besserwisserisch, aber sie hatten Einfälle, waren respektlos und haben damit etwas rübergebracht. Aber wenn ich mich damit beschäftigte, konnte ich auch was dazu sagen.
Was ich nicht mochte, waren Manuskripte von Branstner. Da ist es mir nicht gelungen, mich hineinzuversenken. Aber da gab es Lektorenkollegen, die fanden das wunderbar.

AC: Andere Lektoren haben auch utopische Titel bearbeitet?

Redlin: Später ja. Bei Branstner konnte ich nur sagen: Ohne hinzusehen wegschmeißen oder ohne hinzusehen drucken. Das ist natürlich für einen Lektor nicht die richtige Haltung, also hat es ein anderer bearbeitet.

AC: Haben Sie sich damals, in den sechziger Jahren, auch umgeschaut, was in anderen Ländern an utopischer Literatur publiziert wurde? Sowohl im sozialistischen Ausland als auch im Westen?

Redlin: Nein, ich hatte genug mit meiner DDR-Literatur zu tun und hatte auch nicht die Kapazität, noch viel anderes zu lesen. Im Verlag habe ich den ganzen Tag über nur gelesen und redigiert, dadurch war ich abends nicht erpicht darauf, noch viel anderes zu lesen. Oder eben ganz andere Sachen. Erik Simon dagegen hat sich von vornherein um ausländische SF gekümmert.

AC: Westliche Autoren mußten auch mit Devisen bezahlt werden.

Redlin: Das war ein Grund, den man heute oft nicht erwähnt. Es hieß, die DDR habe sich bewußt gegen den Westen abgeschottet, aber die Leute haben keine Ahnung. Die Verlage Volk und Welt und Aufbau hatten nicht nur die Genehmigung sondern auch die Aufgabe, aus den internationalen Publikationen die geeigneten Titel auszusuchen. Dafür bekamen sie Devisen und achteten eifersüchtig darauf, daß sie die Devisen bekamen und kein anderer. Wenn ein kleiner Verlag wie unserer etwas drucken wollte, dann haben sie sich dagegen gewehrt, denn das Geld ging ihnen verloren. Auch aus diesem Grund hat es für mich wenig Sinn gehabt, mich bei der westlichen Science Fiction umzusehen. Die Anthologie Gedankenkontrolle entstand mehr aus einem Zufall. Mitte der siebziger Jahre war ein Con in Poznan, wo wir Kontakt zu westdeutschen Verlagen aufnahmen. Ich bekam Titel von Goldmann, Heyne und anderen geschickt, und es entstand die Idee, eine Anthologie mit westdeutschen Autoren herauszugeben.

AC: Liefen die Kontakte über die Verlage oder direkt über die Autoren?

Redlin: Ich hatte nicht das Recht, direkt zu korrespondieren. Das lief alles über unsere Verlagsleitung, zumal es auch bald um finanzielle Dinge ging, und das war nicht mein Gebiet.

AC: Sie haben die Anthologie Der Mann vom Anti herausgegeben, die erstmals ausschließlich Kurzgeschichten von DDR-Autoren enthielt. Wie kam das Buch zustande?

Redlin: Mit Erzählungen hatte ich noch keine Erfahrungen. Außer den Romanmanuskripten wurden uns manchmal aber auch kürzere Texte geschickt. Die Geschichte von Ziergiebel hatten wir schon vorliegen, einige andere Texte ergaben sich zufällig, einige wurden extra für uns geschrieben. Bernd Ulbrich kam zum Beispiel unabhängig davon zu uns, und wir sagten ihm, daß wir seine Geschichten für eine Anthologie gebrauchen können.

AC: War es für Sie etwas Besonderes, die erste reine DDR-Anthologie herauszugeben?

Redlin: Für mich war es einfach ein Buch.

AC: Die erste Ausgabe von Lichtjahr haben Sie noch gemeinsam mit Erik Simon herausgegeben. Wie kam es zu der Idee?

Redlin: Anfang der siebziger Jahre lernte ich Erik bei einer Diskussion über Snegow kennen. Von Anfang an hat er mich mit verschiedenen Forderungen gelöchert. Eine davon war, einen Almanach herauszugeben. Almanache waren mir kein Begriff, und ich lebte in der Vorstellung, daß es Romane und Erzählungen gibt und alles andere von Übel ist. Auch später, als Simon schon bei uns im Verlag arbeitete, schlug er immer wieder vor, einen Almanach zu machen. Aber auch der Cheflektor war davon wenig angetan, weil es ein Experiment gewesen wäre und obendrein viel Geld gekostet hätte. Auch war die Frage, ob unsere grafische Industrie in der Lage war, dies zu produzieren, und ob wir auch ausreichend gute Texte zusammenbekämen. Auf dem Con in Poznan sahen wir dann jugoslawische Almanache, und unser Cheflektor war begeistert. Von da an schrieb er sich die Idee zu, aber eigentlich stammt sie von Erik Simon. Bei der Ausführung war auch Simon die federführende Kraft, ich habe nur dabei mitgemimt, ein paar Erzählungen meiner Autoren beigesteuert und ein paar Texte geschrieben.

AC: Wie war sonst die Zusammenarbeit mit Erik Simon. Haben Sie direkt zusammengearbeitet oder hatte jeder seinen eigenen Aufgabenbereich?

Redlin: Simon hatte die ausländische Literatur, weil er sich mit den Sprachen auskannte, und ich hatte die DDR-Literatur. Erik Simon hielt allerdings auch Kontakt zu den jungen Nachwuchsautoren in der DDR, mit denen ich Schwierigkeiten hatte. Wir gaben uns gegenseitig Manuskripte, und ich hatte in Erik Simon immer einen äußerst kritischen, aber auch äußerst treffsicheren Gutachter.

AC: Haben Sie in den letzten Jahren in den alten, von Ihnen lektorierten Büchern gelesen?

Redlin: Ich habe die meisten nicht mehr. Kairos von Fuhrmann habe ich kürzlich noch einmal gelesen.

AC: An welche von Ihnen herausgebrachten Bücher erinnern Sie sich am liebsten?

Redlin: Das hängt auch von der damaligen Zusammenarbeit mit den Autoren ab. Gut in Erinnerung sind mir Heimkehr der Vorfahren von del'Antonio, aber auch Zeit der Sternschnuppen von Ziergiebel, obwohl es mit dem Autor ein hartes Ringen war. Die Fuhrmann-Bücher Die Untersuchung, Medusa und Kairos mochte ich auch sehr gern. Fuhrmann hat mir als Autor gelegen. Krupkats Nabou war auch gut, da war mehr als nur Abenteuer drin. An Fahrenheit 451 von Bradbury erinnere ich mich auch gern. Bücher, die einem Schwierigkeiten bereitet haben und die man trotzdem durchgebracht hat, haften länger im Gedächtnis.

AC: Schmeichelt Ihnen der Begriff »Vater der DDR-SF?

Redlin: Nein, überhaupt nicht. Ich bin nicht der Vater, vor mir gab es auch schon einige Leute, zum Teil sehr tüchtige wie zum Beispiel Orthmann vom Neuen Leben.

AC: Lesen Sie heute immer noch Science Fiction?

Redlin: Ich lese Bücher aus der Bibliothek hier in Treptow, oft auch ganz neue Bücher. Ich habe festgestellt, daß viele neue Autoren eine Art zu schreiben haben, in der sie nichts mehr ernst nehmen. Vor einiger Zeit habe ich die Flußwelt von Philip José Farmer gelesen. Das hat mir anfangs gefallen, später habe ich gemerkt, daß sich der Autor so in seiner Handlung verstrickt hat, daß er nicht mehr herausfinden konnte.

AC: Wie sieht es mit den neueren deutschen Autoren aus?

Redlin: Nun, die Bibliothek hat wenig Geld und kann nicht viele neue Bücher anschaffen. Aber wenn ich die Rezensionen in ALIEN CONTACT ansehe, das könnte ich gar nicht alles lesen, und ehrlich gesagt, manchmal möchte ich die Bücher auch gar nicht lesen.

AC: In der Ausgabe 41 von ALIEN CONTACT erscheint eine Erzählung von Ihnen. Seit wann schreiben Sie eigentlich selbst?

Redlin: Seit Ende vorigen Jahres. Vor Jahren kam Gerd Frey mit der Idee zu mir, SF-Geschichten über Gott zu schreiben. [Gemeint ist die Vorbereitungsphase der AC-Anthologie Das Herz des Sonnenaufgangs, 1996.] Mir selbst lag das Thema nicht so sehr, und ich meinte, man sollte lieber darüber schreiben, was mit den Seelen nach dem Tode des Körpers geschieht. Auch an anderer Stelle hatte ich das Thema angeschnitten, hatte damit aber keinen Erfolg. Angeregt durch eine christliche Radiosendung, die manchmal erstaunlich sozialkritisch war, manchmal aber auch sehr naiv, kam mir die Idee, selbst etwas zu schreiben. Nun bin ich kein Erzähler, hab zunächst angefangen, überarbeitet, an anderer Stelle weitergeschrieben, und am Schluß war es wohl doch so etwas geworden wie eine Art Geschichte.

AC: Wie haben Sie sich früher das Jahr 2000 vorgestellt?

Redlin: Ich bin 1986 aus dem Verlag ausgeschieden. In meinen letzten Arbeitsjahren hatte ich bereits eine brennende Neugierde, wie die Geschichte weitergeht. Allerdings glaubte ich an eine sozialistische Zukunft, obwohl mir klar war, daß da einiges nicht stimmt und verändert werden muß. Der große Umbruch, gerade im Jahr 1989, hat mich sehr getroffen. Ich habe mich dann darauf eingestellt und von der Zukunft nicht mehr viel erwartet. Was neu kommt, macht mir eher Angst als Freude, aber vielleicht geht's noch irgendwie gut. Obwohl ich wenig Hoffnung habe, will ich nicht allzu pessimistisch sein. Es sind gesellschaftliche Entwicklungen im Gange, die ich für sehr schädlich halte.

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