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Unterwegs:

Bernhard Kempen

Völlig losgelöst

Seite 1 »

Ich weiß gar nicht mehr, warum ich Julie angerufen hatte. Ist auch egal. Jedenfalls schien ich wieder einmal genau den richtigen Zeitpunkt erwischt zu haben.

»Sag mal ...« kam sie irgendwann zur Sache, »hättest du vielleicht Lust, auf ein Stündchen vorbeizukommen? Ich würde dir gerne ... etwas zeigen.«

Ich hatte das Gespräch auf den großen Wandmonitor geschaltet, so daß ich in aller Deutlichkeit erkennen konnte, wie ihre wunderschönen Augen funkelten und sich ihr reizender Mund zur Andeutung eines schelmischen Grinsens verzog.

Damit bestand kein Zweifel, daß sie wieder einmal etwas im Schilde führte. Und zwar etwas ganz Besonderes.

»Jetzt oder gleich?« Es hätte überhaupt keinen Sinn gehabt, sie zu fragen, was sie im Schilde führte. Weil sie es mir ohnehin nicht verraten hätte.

»Wenn du vorher eine Hodentomographie machen mußt, suche ich mir lieber eine andere Versuchsperson.«

»Okay, ich bin in fünf Minuten bei dir«, versprach ich, trennte die Verbindung und machte mich auf die Socken. Wenn Julie rief, sollte man keine Zeit mit allzu gründlichen Überlegungen verlieren!

Als wir uns vor einem knappen Jahr zum ersten Mal begegnet waren, hatte ich sofort gewußt, daß ein außergewöhnlicher Glücksfall in meinem Leben eingetreten war. Es störte mich nicht im geringsten, daß ich keineswegs der einzige war, der an diesem Glück teilhaben durfte. Julies Bedarf an Männern hätte ihr problemlos ein sattes Einkommen als Sexdienstleisterin garantiert – wenn sie nicht als Top-Designerin für die Inneneinrichtung von Luxusraumschiffen deutlich mehr Kohle gescheffelt hätte.

Genau fünf Minuten und fünfzehn Sekunden nach Beendigung unseres Gesprächs stand ich vor Julies Tür. Als sie mir öffnete, ging sie mit keinem Wort auf meine geringfügige Verspätung ein. Auch ich vergaß in diesem Augenblick meine Ausrede, daß mich der Taxiroboter mit seinen Selbstwertproblemen vollgequatscht hatte. Denn Julie empfing mich so, wie die Natur sie in einem besonders inspirierten Moment erschaffen hatte – mit Ausnahme der kurzen blauen Haare, die ihr freundliches Gesicht und ihr ebenso weltoffenes Geschlecht umrahmten.

»Zieh dich aus!« sagte sie ohne Umschweife.

Ich stutzte, weil das eigentlich gar nicht ihre Art war. Julie liebte ausgedehnte und phantasievolle Vorspiele. Wenn sie freiwillig auf den Reiz der gegenseitigen Entblätterung verzichtete, konnte das nur bedeuten, daß sie sich wirklich etwas ganz Besonderes ausgedacht hatte.

Hastig schlüpfte ich aus meinen Klamotten. Wenn es etwas gab, das Julie nicht ausstehen konnte, dann waren es Männer, die sie warten ließen. Julie brauchte Männer wie die Luft zum Atmen, aber ihr war genauso klar wie mir, daß es auf diesem Planeten mehr als genügend Schwänze gab, um ihren Bedarf zu decken.

Was meinen kleinen Freund betraf, so machte er zunächst einen etwas verunsicherten Eindruck. Er reagierte zwar sichtlich auf die Nähe dieser hinreißenden Frau, mochte sich aber noch nicht zu voller Größe aufrichten. Ich konnte es ihm nicht verübeln, schließlich kannte auch er sie schon viel zu gut – buchstäblich in- und auswendig. Bei Julie konnte man sich nie sicher sein, was einen als nächstes erwartete.

»Komm mit!« sagte sie, nachdem sie mich und meinen Freund mit einem flüchtigen Blick gemustert und offenbar für tauglich befunden hatte.

Gebannt verfolgte ich das Spiel ihrer durchtrainierten Po- und Schenkelmuskulatur, während ich Julie durch ihr weitläufiges Apartment folgte. Es war mir übrigens kein bißchen peinlich, daß ich mich wie ein gehorsamer Trottel benahm – solange die verlockende Aussicht bestand, mich in absehbarer Zeit zwischen diesen exquisiten Rundungen vergnügen zu dürfen. Für einen Fick mit Julie hätte ich noch ganz andere Sachen auf mich genommen!

Schließlich gelangten wir in einen Korridor, der den Eindruck einer oberflächlich aufgeräumten Baustelle machte. Was für mich kein ungewohnter Anblick war, da Julie ihren Beruf zum Hobby gemacht hatte – zu ihrem zweitliebsten Hobby – und ständig die Wohnung umdekorierte.

Hier blieb sie vor einer Tür mit sechseckigem Umriß stehen und ließ sie per Knopfdruck aufgleiten. Zuvor fielen mir noch die Buchstaben »AG« auf, die in großer roter Schrift auf der Tür standen. Dieser Hinweis hätte mich durchaus auf das folgende vorbereiten können, aber in diesem Moment fiel mir dazu nichts Klügeres ein als »Aktionsgemeinschaft« oder »anale Gynäkologie« oder ähnlicher Unsinn.

»Bitte!« sagte Julie und forderte mich auf, durch die ominöse Tür zu treten.

Ich tat wie befohlen. Drinnen hätte ich beinahe das Gleichgewicht verloren, weil der Boden unerwartet weich unter meinen Füßen nachgab. Als ich mich an das schummrige Licht gewöhnt hatte, erkannte ich, daß der fensterlose Raum rundum mit rötlichen Polsterelementen ausgekleidet war – auch an den Wänden und der Decke.

Julie folgte mir und machte sich an einer Schalttafel zu schaffen, worauf sich die Tür wieder schloß. Dann drehte sie sich um, kam mir einen Schritt entgegen und schaute mich erwartungsvoll an.

»Und was jetzt?« fragte ich schließlich, während ich ein unerklärliches Unbehagen zu empfinden begann.

»Wart’s ab«, erwiderte sie mit einem geheimnisvollen Lächeln.

Ich hatte immer noch keine Ahnung, worauf ich warten sollte. Ich merkte nur, daß ich mich immer unwohler in meiner nackten Haut fühlte, bis mir regelrecht schwindlig wurde. Mein Magen schien sich zu heben, und es rauschte mir in den Ohren. Was war plötzlich los mit mir? Ich hatte es noch nie erlebt, daß mir beim Anblick einer nackten Frau übel wurde! Zumindest nicht bei einer so hübschen wie Julie.

Als ich mich dann bewegte, stimmte auf einmal überhaupt nichts mehr. Alles drehte sich um mich. Ich ruderte hektisch mit den Armen, aber dadurch wurde es nur noch schlimmer.

»Bleib ganz ruhig!« riet Julie. »Dann gewöhnst du dich schneller daran.«

Was zum Teufel hatte sie mit mir angestellt? Bisher hatte ich immer den Eindruck gehabt, daß ich Julie bedingungslos vertrauen konnte. Hatte sie mich nur in Sicherheit gewiegt, damit sie mich irgendwann in diese Folterkammer locken konnte, um mir ihr wahres Gesicht zu zeigen? Um irgendwelche unaussprechlichen Perversionen an mir auszuleben?

Doch zwischen all diesen verworrenen Gedanken war auch ein vernünftiger, der sich schließlich durchsetzte. Nun begriff ich, was los war. AG! Natürlich! Antigravitation! Auf so eine Idee konnte wirklich nur Julie kommen!

Ich unterdrückte das Schwindelgefühl und versuchte mich an die Vorstellung zu gewöhnen, daß ich nicht mehr auf meinen Beinen stand. Ich schwebte, ich hing einfach da, im künstlichen Antigravitationsfeld, wie ein dösender Fisch im Wasser, und drehte mich langsam um mich selbst, wie ein Trampolinspringer in Zeitlupe.

»Kommst du damit klar?« erkundigte sich Julie mit einem Anflug von Besorgnis. »Nicht jeder verträgt die Schwerelosigkeit. Wenn dir immer noch übel ist, sollten wir den Versuch lieber abbrechen.«

»Nein, es geht mir schon viel besser«, sagte ich, was nur ein klein wenig gelogen war. »Ich dachte immer, AG-Technik wäre selbst für Superreiche ein kaum bezahlbarer Luxus.«

»Es war ein Schnäppchen«, erklärte Julie. »Ein ausgemusterter Trainingsraum mit autarker Energieversorgung. Als die Olympiade auf dem Mond abgeblasen wurde, habe ich das Ding aus der Konkursmasse erworben. Vor knapp einer Stunde sind die Arbeiter abgezogen, die mir den Kasten installiert haben.«

»Ein nettes Spielzeug«, erwiderte ich und widmete mich nun zum ersten Mal mit Verstand dem Anblick ihres von den Fesseln der Schwerkraft befreiten Körpers. Als sie im Zuge unserer gegenläufigen Rotation wieder in mein Sichtfeld geriet, sah ich zuerst nur ihren blauen Haarschopf, dann wanderte mein Blick ihren Rücken entlang, bis ihr hübscher Hintern in Sicht kam. Sie hatte die Beine leicht angewinkelt, so daß mein Blick genau auf die fleischigen Wülste der Schamlippen zwischen ihren Schenkeln fiel. Bevor sie erneut aus meinem Sichtfeld entschwinden konnte, griff ich nach ihrem linken Fuß, wodurch unsere Rotation gestoppt wurde.

Ich hangelte mich an ihrem linken Bein entlang und beobachtete, wie die betörende Landschaft ihres Körpers an mir vorbeizog – zunächst eine tiefe Schlucht, dann ein blaues Wäldchen, die Senke ihres Bauchnabels und schließlich ein atemberaubendes Massiv, das immer höher vor mir aufragte. Genau im richtigen Moment gelang es mir, die Lippen um den rechten der Zwillingsgipfel zu schließen und mich an der Brustwarze festzusaugen. Doch dadurch wurde unsere Bewegung nicht abrupt gestoppt, sondern es kam zu einer federnden Schwingung – mit Julies Brust als elastischer Verbindung, die im Sekundentakt gestreckt und gestaucht wurde. Als Julie die Beine um meine Taille schlang, kamen wir allmählich zur Ruhe.

© Bernhard Kempen 2001
Erstveröffentlichung in Alien Contact 42
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