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Norman Spinrad

Muß es Krieg geben?

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Einige unter uns mögen für die Sache der Hard SF eintreten, andere den Ethos des Cyberpunk verkünden, wieder andere mögen kundtun, daß Science Fiction humanistischer sein sollte, stilistisch einfallsreicher oder mit besseren Charakterisierungen, und alle diese platonischen Ideale verdienen es, ernsthaft in Erwägung gezogen zu werden.

Wenn es allerdings darum geht, was seit langem die Science Fiction beherrscht, die tatsächlich geschrieben und verlegt wird, haben wir das Reich des vornehmen literarischen Diskurses verlassen.

Denn die Regale werden weder von ideenreichen Inhalten noch von emotional komplexen Charakterisierungen dominiert, sondern von der Darstellung brutaler Action, die eine körperliche Gefahr für die Protagonisten darstellt.

Diese zentrale Bedeutung, die gewalttätige Konflikte im größten Teil der SF einnehmen, ist innerhalb des Genres so allgegenwärtig, so selbstverständlich, daß wir sie gar nicht mehr bewußt wahrnehmen. Dabei ist sie es doch, die mit Begriffen wie Action-Adventure, Schwert und Zauberei, Militärische SF, Galaktische Auseinandersetzungen, Außerirdische Invasion und – in der Mehrzahl der Fälle - mit Held und Schurke gemeint ist: das Gute gegen das Böse.

Wie viele Science-Fiction- oder Fantasy-Romane haben Sie in letzter Zeit gelesen, in denen niemand verprügelt, erschossen, erstochen, verdampft, aufgefressen oder mit einem Laser, einer Kralle oder einem Blaster verletzt wurde? Vor mir stapeln sich eine Menge Bücher, und wie sehr ich mich auch bemühen mag, ich kann darin nicht einen finden.

Mehr als die Hälfte dieser Bücher enthalten Geschichten, in denen brutale Action sowohl die Dynamik der Handlung bestimmt als auch den meisten Platz einnimmt. Selbst diejenigen, die dem Ideal spekulativer Inhalte gerecht werden, die durch das Leben emotional komplexer Protagonisten in moralisch mehrdeutigen Umständen ausgedrückt werden - wie The Man Who Melted von Jack Dann oder The Dream Years von Lisa Goldstein oder Brightness Falls from the Air von James Tiptree jr. - sind nicht frei von Prügeleien.

David Brins Gordons Berufung, eine ernsthafte Abhandlung über demokratischen Idealismus im Geiste Jeffersons - mit einem Hauch schuldbewußtem männlichem Feminismus garniert -, verleiht diesen edlen Idealen ausgerechnet mit seitenlangen detaillierten Beschreibungen kriegerischer Auseinandersetzungen Ausdruck.

Gregory Benfords Artefakt dürfte wohl der fesselndste Hard-SF-Roman sein, der je geschrieben wurde. Ihm gelingt es, seine Leser mit der Darstellung naturwissenschaftlicher Zusammenhänge und ihrer Erforschung in den Bann zu ziehen, und er ist dabei so spannend wie die besten Action-Autoren. Allerdings sieht sogar Benford sich gezwungen, einen untergeordneten Handlungsstrang einzuflechten, der zu einem Höhepunkt voller Gewalt führt.

Der größte Teil der anderen Bücher, seien sie nun gut oder schlecht, sind um ein Handlungsskelett strukturiert, das kriegerische Auseinandersetzungen favorisiert, deren Endergebnis die Auflösung der Geschichte bildet.

Haben Sie langsam den Eindruck, daß ich das Offensichtliche übertrieben darstelle?

Dann lassen Sie mich noch etwas Offensichtliches übertrieben darstellen: Das Leben ist nicht so, Kinder!

Die meisten Wendepunkte in unserem Leben werden nicht durch unser Können mit Fäusten, Schußwaffen, Schwertern oder Messern bestimmt. Die meisten emotionalen Höhepunkte und Tiefpunkte unseres Lebens erleben wir im Bett oder bei der Arbeit oder in Gegenwart großer Kunst oder beim Versuch, unser Konto auszugleichen - nicht während körperlicher Auseinandersetzungen.

Und wenn wir einmal in eine Prügelei geraten, ist das für gewöhnlich eine willkürliche Störung, die selten eine philosophische, kulturelle oder politische Frage entscheidet und unsere Persönlichkeit so gut wie nie bleibend verändert.

Bei Romanen oder Erzählungen - und keinesfalls nur innerhalb der Science Fiction - identifizieren wir uns dagegen mit Protagonisten, die sich nicht nur regelmäßig im Kampfeinsatz befinden, sondern von denen erwartet wird, daß sie wie Bruce Lee mit jeder derartigen Situation fertig werden; erst dann werden sie von uns als tugendhaft und exemplarisch akzeptiert.

Wie oft wird ein sympathischer Held vom Schurken in einem fairen Kampf nach Strich und Faden verprügelt? Selbst wenn der Held seine Beulen bezieht, weil der Schurke die Regeln eines fairen Kampfes verletzt hat, können wir uns auf eine Szene freuen, in der der Held den Schurken niederringt, bevor die Geschichte zu Ende ist.

Natürlich entspricht auch das nicht unseren Erfahrungen. Im wirklichen Leben wird es einem gemeinen, psychopathischen Schweinehund meistens gelingen - sofern die Ausgangssituation gleich ist -, einen ehrlichen Menschen als Sandsack zu mißbrauchen. Denn er verspürt kein Mitgefühl mit seinem Opfer, es macht ihm Spaß, Menschen weh zu tun, er hat Übung darin; aus diesem Grund ist er böse. Der tugendhafte Mensch dagegen kämpft per Definition nur, wenn er muß, um sich oder andere zu verteidigen, und entsprechend fehlt ihm im Vergleich jeglicher Tötungsinstinkt und jegliche Erfahrung.

In der SF-Literatur sehen wir diese unglückliche Tatsache so selten realistisch dargestellt, daß es äußerst eindrucksvoll ist, wenn dies jemals gelingt - wie eben Benford in Artifact. Darin wird der Mathematiker John Bishop, der vortreffliche und sympathische Held, zweimal von Oberst Kontos (dem ausgesprochen unangenehmen Schurken) verprügelt und sogar im Zweikampf von einer Frau besiegt, ohne sich später an einem der beiden zu rächen. Einmal hält er Kontos sogar mit einer Maschinenpistole in Schach und wird vom tüchtigen Oberst überrumpelt, weil er vergessen hat, die Waffe zu entsichern.

Am anderen Ende des Spektrums stoßen wir auf The Final Encyclopedia von Gordon R. Dickson, ein zugegebenermaßen extremes Beispiel für etwas, das in weniger offensichtlicher Form nur allzu üblich ist. Wir wissen, daß Hal Mayne der »Held« des Buches ist, weil er und Dickson uns ständig daran erinnern, und weil die meisten der anderen sympathischen Protagonisten ihm bedingungslos gehorchen und ihn mit großen Augen anbeten, wie es sich für eine solche Gestalt gehört - und natürlich, weil er auf dem Gebiet militärischer Taktik ein Genie ist, das auch noch mit den Fäusten umgehen kann.

Würden wir Herrn Mayne allerdings in der wirklichen Welt begegnen, würden wir ihn wahrscheinlich für einen arroganten und überheblichen Rüpel und Angeber halten, der es sich zur Angewohnheit gemacht hat, langatmige und selbstherrliche Reden zu schwingen - einen monströsen Egomanen, der aufgrund seiner Großartigkeit und dank göttlichem genetischem Recht Treue von uns erwartet.

Es ist offensichtlich, daß das Ausmaß und die Häufigkeit von Gewalt in der Science Fiction, die weitverbreitete Gleichsetzung von Tugendhaftigkeit mit Kampfgeübtheit, die Art und Weise, in der der Verlauf einer Geschichte allzu oft von kriegerischen Fähigkeiten bestimmt wird, bis hin zur messerscharfen Teilung der Welt in Gut und Böse, Held und Schurke, so wenig mit unserer Wirklichkeit übereinstimmen, daß es sich dabei nicht um eine Fülle gescheiterter Versuche handeln kann, realistisch zu erzählen.

In literarischer Hinsicht ist es durchaus möglich, gute Romane und sogar Meisterwerke zu schreiben, die innerhalb dieser Parameter bleiben. Auch wenn in diesem Stil viele literarische Grausamkeiten begangen worden sind, sind die Parameter eines Action-Adventures nicht unbedingt eine unfehlbare Methode, Schrott zu produzieren.

Schließlich haben sich große Autoren seit Homer an diese Parameter gehalten, mit großartigem Ergebnis. Und innerhalb des SF-Kanons haben Autoren wie Bester, Herbert, Moorcock, Dickson und sogar Delany diese Ader mit großem Erfolg und hohen literarischen Zielen ausgebeutet.

Was also auf den ersten Blick wie eine peinliche Wahrnehmungsstörung durch Generationen von SF-Autoren aussieht, kann manchmal etwas ganz anderes sein, nämlich absichtliche antirealistische Stilisierung, die Anpassung bestimmter literarischer Konventionen, von denen der Autor sehr wohl weiß, daß sie nicht dem Alltag der Leser entsprechen, sondern ihre emotionale Wirkungsmacht aus der Manipulation der Traumlandschaften der Leser beziehen.

Schließlich halten wir uns alle für die tugendhaften Helden unserer eigenen Geschichte. Wir alle wären gerne mächtig, weil wir Recht haben, damit wir dem Straßenräuber, dem Boß, dem Russen oder jedem anderen Rüpel, der es wagen sollte, uns Sand ins Gesicht zu werfen, die Tracht Prügel verabreichen können, die sie so sehr verdient haben.

Auch wenn nur wenige von uns täglich Erfahrungen mit körperlichen Auseinandersetzungen machen, kennen wir doch alle das Gefühl nur zu gut, der Angst oder Enttäuschung oder Ungerechtigkeit ins Angesicht zu blicken, so daß wir endokrin mit unserem Helden fühlen können, der von Feinden umstellt ist und auf den Seiten eines Buches einen gerechten Sieg erlangt, wenn er ihnen endlich in den Arsch tritt, was uns im Alltag so selten gestattet ist.

Unter den Händen eines zynischen Schreiberlings können diese Action-Adventure-Parameter für die obszönste Pornographie verantwortlich sein, die masturbatorische Manipulation nicht unserer sexuellen Erregung, die schlimmstenfalls zu zwanghafter Onanie führt, sondern unserer gewaltbedingten Erregung, die bestenfalls zur Katharsis unserer unterdrückten Wut führt - und schlimmstenfalls zum Krieg.

In den Händen eines Meisters können unter Bezugnahme auf dieselbe Ethik Fabeln geschrieben werden oder sogar archetypische Dramen, die es uns für einen begrenzten Zeitraum gestatten, uns in einem Universum aufzuhalten, in dem eine übergeordnete Gerechtigkeit herrscht, und die uns dadurch den Mut verleihen, uns in unserem eigenen Universum für Gerechtigkeit einzusetzen.

Schlußendlich ist das die mythische Struktur des Western und des Samurai-Films und der Kriegserzählung und eines Großteils der Volksmythen zahlreicher Kulturen und also auch der Volksmythen über die Zukunft, die wir Science Fiction nennen.

♦ ♦ ♦

Der Wüstenplanet ist schließlich die Geschichte eines enteigneten jungen Prinzen, der vor seinen mächtigen Feinden in das mythische Meer des Volkes flieht und als gottgleicher Held mit einem populären Moloch im Gefolge zurückkehrt, die Mächte des Bösen besiegt und Herrscher über die bekannten Welten wird.

Niemand hat diese Geschichte jemals besser erzählt als Frank Herbert im ersten Wüstenplanet-Roman. Pauls Tugendhaftigkeit ist bis zu einem gewissen Grade das Ergebnis seiner Gene. Er ist - wie das Traumbild, das wir von uns selbst haben - vom Schicksal gesegnet. Doch als er Tränen über einen Mann vergießt, den er gerade im fairen Kampf besiegt hat, überzeugt er sowohl die »Fremen« als auch die Leser, daß er für komplexere Tugenden steht: ein Mann, den wir für die Weite seines Herzens bewundern, ein wahrer Held in einem tieferen Sinn.

Im Unterschied zu Perry Rhodan, Feric Jaggar, Mung dem Barbaren oder Hal Mayne verfügt Paul Atreides - wie Paul Andersons Dominic Flandry - über einen Sinn für Ironie in Bezug auf seine Taten und sich selbst. Am Schluß wird er zum Herrscher über Alles, aber diese Entwicklung hat genau jenen heiligen Krieg zur Folge, den er während des ganzen Buches zu verhindern suchte. Er triumphiert über seine menschlichen Feinde, aber nicht über sein Schicksal.

Eben diese meisterhafte Erzählung des Mythos, den wir uns selbst immer wieder erzählen, sowie die sittliche Gerechtigkeit und Subtilität, mit der Herbert sie durchdringt, machen Der Wüstenplanet zu einem Meisterwerk, das in Zillionen von Exemplaren verkauft wurde und wahrscheinlich Millionen von Lesern Mut gemacht hat.

Es liegt an Pauls Abwesenheit als Held in den nachfolgenden Bänden, daß der Rest der Serie im Vergleich so schwach wirkt.

Lewis Shiner hat uns in Frontera eine modernere Version geschenkt, einen gut geschriebenen ersten Roman im Stil des Action-Adventures, der in erster Linie in einer verlorenen Kolonie auf dem Mars spielt.

Originaltitel: Must There Be War? © 1985 by Norman Spinrad
mit freundlicher Genehmigung des Autors
Erstdruck in Isaac Asimov’s Science Fiction Magazine
Übersetzung © 2001 by Hannes Riffel; nach der Fassung in
Norman Spinrad, Science Fiction in the Real World (Southern Illinois University Press 1990)
Erschienen in
Hardy Kettlitz u.a. (Hrsg.): [[buch.kettlitz-hardy-1966.alien-contact-jahrbuch-2002|Alien Contact – Jahrbuch f
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