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Unterwegs:

 

Alexander Weis

Bra Bel 3

16. Juni

Kollision mit einem Meteoriten. Schäden nicht allzu gravierend. Jedoch Brennstoffkammer verbogen, dadurch kein voller Schub. Rakete fliegt zudem nur noch in leichten Kurven. Würde die Kammer gerne geradebiegen, befürchte aber, sie bei der Reparatur zu zerbrechen. Schiffsbibliothek gibt zum Thema Metallbearbeitung leider nicht viel her.

17. Juni

Sah mir den Meteoriten genauer an. Analyse seiner halbverkohlten Reste ergab, daß es sich ursprünglich um einen dicken Wälzer gehandelt hatte, mit dem Titel Persistians letzte Worte in fünf Bänden. Muß ja ein gewaltiger Todeskampf gewesen sein! Verdammter Weltraumschund!

19. Juni

Fand ganz in der Nähe einen Planeten namens Bra Bel 3 mit relativ fortgeschrittener Zivilisation, kurz vor der Ära der Weltraumfahrt. Bin dort gelandet, um mich genauer über Metallurgie zu informieren, und geradewegs in die erstbeste Bibliothek gegangen.

Beobachtete dabei erstaunliches soziologisches Phänomen: Vor Einlaß in die Bibliothek wurde ich eingehend nach Büchern durchsucht. In den hiesigen Büchereien war nämlich nicht das Entwenden von Büchern ein Problem, sondern ihr Einschmuggeln. Das erklärte mir zumindest der Bibliothekar. Doch trieb nicht etwa Mißfallen die Bra Belianer dazu, sich ihrer Druckwerke auf diese unauffällige Weise zu entledigen, wie auf dem totalitären Planeten Biggrim, wo das Vernichten und Wegwerfen staatlich vertriebener Bücher strengstens verboten war. Vielmehr war ungebremste Schaffenskraft die Ursache, waren die eingeschmuggelten Werke doch zuallermeist selbst verfaßt.

In der Bibliothek selbst stach mir eine Encyclopaedia Galactica ins Auge. Ich blätterte darin herum. Offensichtlich eine Fälschung – alles Nonsens.

Als ich sie wieder ins Regal zurückstellen wollte, hörte ich hinter mir eine übertrieben laute Stimme. Es war der Bibliothekar. »Jajaja, wen haben wir denn da?« rief er. »Einen Alien mit seinem Buch! Und was für ein Buch versucht er da gerade ins Regal zu stellen? ... Eine Encyclopaedia Galactica, was auch sonst! Ob die wohl in unseren Buchlisten verzeichnet ist? Als ob wir nicht schon genug Bücher hätten!«

»Die gehört mir nicht«, sagte ich.

Dies erboste den Bibliothekar vollends, und er setzte zu einer Moralpredigt an. Ich sah keine andere Möglichkeit, als ihn mit meinem Betäubungsstrahler niederzuschießen und zu flüchten.

20. Juni

Mein zweiter Besuch einer Bra Belianischen Bibliothek. Etwas kam mir dabei von Anfang an merkwürdig vor. Bei genauerer Beobachtung fiel mir auf, was es war: Kein einziger Bra Belianer las! Sie alle schlichen nur in der Bibliothek herum und blickten sich verstohlen um. Ein- oder zweimal sah ich, wie ein sich unbeobachtet fühlender Besucher hastig ein Buch in eins der Regale stellte. Mir wurde das unheimlich. Ich verließ die Bibliothek, ohne selbst etwas gelesen zu haben.

Hatte beim Betreten der Bibliothek meinen Raumfahreranzug zurückgelassen. Holte ihn ab und verließ die Bibliothek. Fühlte mich danach eigenartig schwerfällig. Eigenartig schwerfällig? Irgend jemand hatte Taschen an den Raumanzug genäht und Bücher hineingesteckt! Verärgert befreite ich mich von dem Ballast.

21. Juni

Habe den Bordcomputer gefragt, wie das sonderliche Verhalten der Eingeborenen zu erklären sei. Dieser entwickelte verschiedene Hypothesen:

Die erste lautete, daß der Bra Belianer schon seit langem großen Wert auf seine Intelligenz legte. Aber gewöhnlich wirkte es eher dumm, wenn man nichts zu sagen hatte. Infolge eines natürlichen Selektionsprozesses wurden daher solche Individuen bevorzugt, die zu allem etwas zu sagen hatten, weil das intelligenter wirkte. Und noch intelligenter wirkte es natürlich, wenn man es niederschrieb.

Eine andere Theorie besagte, daß irgendwann in der Bra Belianischen Gesellschaft eine Änderung eingetreten war, die zur Folge hatte, daß dem einzelnen Bra Belianer weniger Beachtung zuteil wurde. Dies habe bei den vernachlässigten Bra Belianern dann ein verstärktes Mitteilungsbedürfnis hervorgerufen, was natürlich wiederum die Zuhörbereitschaft der anderen Bra Belianer herabsetzte. Durch einen verheerenden Selbstverstärkungseffekt habe dieser Mechanismus schließlich zu den gegenwärtigen Zuständen auf Bra Bel 3 geführt.

Weitere mögliche Erklärungen des Rechners waren unter anderem ein allgemein verbreiteter genetischer Effekt, Drogen oder ein Parasit, der sich von Papier ernährte und dessen zu Staub zerfallene Bestandteile das Bedürfnis auslösten, sich schriftlich zu äußern.

Vertrieb einen Eingeborenen, der auf ungeklärte Weise in mein Raumschiff eingedrungen war, von meiner Hyperfunkanlage.

22. Juni

Entfernte weitere Bra Belianer aus dem Schiff. Bekam langsam Angst vor ihnen. Beschloß daher, den Planeten so schnell wie möglich zu verlassen. Statt Raketenstart jedoch nur ein häßliches »PFLOPP!«: Irgend jemand hatte Bücher in die Düsen meines Raumschiffs gesteckt! Fand außerdem zwei Klumpen Kohle in den Brennstoffzuleitungen. Sicht aus dem Fenster eröffnet grauenhaften Anblick: Seit dem Startversuch liegen vor der Rakete drei von Druckwerken erschlagene Eingeborene.

24. Juni

Bra Belianer überall! Einige bohren Löcher in die Raumschiffshülle. Andere stemmen Schleusen auf oder klettern sogar durch die Düsen ins Innere der Rakete – zumindest erklärte das die beiden Kohleklumpen. Hörte hinter Mauern aus Büchern Gespräche der Bra Belianer. Der Alien sei nach seiner Landung geradewegs in eine Bibliothek gelaufen, sagten sie, und: Er wird jeden Moment losfliegen. Und so sitze ich hier nun, halb erdrückt in meinem eigenen Raumschiff, unfähig, mich zu bewegen oder gar zu starten, während die Bra Belianer das Schiff immer weiter vollzustopfen versuchen. Allmählich wird mir eines immer klarer: Ich bin verloren.

© Alexander Weis 2002 • Erstveröffentlichung
Erschienen in
Hardy Kettlitz u.a. (Hrsg.): [[buch.kettlitz-hardy-1966.alien-contact-jahrbuch-2002|Alien Contact – Jahrbuch f
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