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von Fred Siebert
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Olaf R. Spittel
Science Fiction in der DDR
Hans-Peter Neumann
Die große illustrierte Bibliographie der Science Fiction in der DDR
| Zur Zeit kann man eine erstaunliche Inflation von Werken beobachten, die alle von sich behaupten, das Thema Science Fiction in der DDR umfassend darzustellen. Nachdem vor einiger Zeit die Phantastische Bibliothek in Wetzlar ihren Bestand an DDR-Büchern katalogisierte und das Ergebnis mit dem Zusatz »Korrekturfassung« als Gesamtbibliographie der Phantastischen Literatur der DDR publizierte (und damit sehr zur Erheiterung unter den Insidern beitrug, kein Buch ist eben so schlecht, daß es sich nicht in irgendeiner Weise als nützlich erwiese [Wladyslaw Bartoszewski]), findet man nun aller Orten Werbeanzeigen zu Büchern von zwei Autoren, denen man derzeit einen umfassenden Gesamtüberblick über die in der DDR erschienene SF am ehesten zutraut: Olaf R. Spittel und Hans-Peter Neumann. Doch für welches Werk soll sich der am Thema Interessierte entscheiden? Sich jetzt sofort Spittels Science Fiction in der DDR für 43 DM zulegen oder die andere Bibliographie vorbestellen und noch ein paar Wochen warten? Der Erwerb beider Bücher wäre doch recht teuer und da beide Autoren in ihren Werbeanzeigen den Eindruck erwecken, das Thema komplett abzuhandeln, Spittel das seine sogar höchstselbst zum Referenzwerk erklärt, sollte vielleicht doch die Anschaffung von nur einer Bibliographie reichen. Die Eckdaten beider Werke scheinen eine eindeutige Sprache zu sprechen, hier ein Paperback von 236 Seiten, dort ein großformatiges, opulent ausgestattetes Hardcover mit 1000 Seiten. Doch, wie man weiß, trügen solche Äußerlichkeiten oft, auch dünne Texte lassen sich geschickt aufschäumen - über die inhaltliche Qualität sagt der reine Umfang wenig aus. Da mir Dank des Shayol Verlages schon beide Bibliographien vorliegen, soll an dieser Stelle den Versuch unternommen werden, mit einer vergleichenden Untersuchung den potenziellen Käufern eine Entscheidungshilfe für den Bücherkauf an die Hand zu geben. | |
| Olaf R. Spittels Buch Science Fiction in der DDR merkt man deutlich seine Entstehungsgeschichte an. Beruht es doch, wie er selbst schreibt, vor allem auf seinen in den achtziger Jahren in den Bänden 2-6 des Phantastik-Almanaches LICHTJAHR publizierten Bibliographien, die das Thema der SF in der DDR erstmalig ausführlich behandelten. Wie jeder, der Neuland erschließt, konnte auch er damals noch keine Vollständigkeit anstreben, Beschränkungen ergaben sich weiland aber vor allem durch den vorgegebenen Umfang der LICHTJAHR-Almanache und den Zeitfaktor. So reduzierten sich die Angaben zu den einzelnen Titeln auf die wichtigsten bibliographischen Daten und es war ihm auch nur möglich, einige der DDR-Zeitschriften auf einschlägige Texte hin durchzusehen. Diese nun überflüssigen Beschränkungen findet man aber noch heute wieder, die bibliographischen Angaben sind genauso kurz gefaßt, wie das für die LICHTJAHR-Bände nötig war. Weitere Zeitschriften hat er seitdem offensichtlich ebenfalls nicht ausgewertet. Die LICHTJAHR-Bibliographien brachen mit der Erfassung des Jahres 1983 ab, in der Periode von 1984-1990 (bzw. bei Spittel bis 1991) werden die Lücken dann auch auffällig eklatanter, man gewinnt den Eindruck, daß er dafür nie so ausführlich recherchiert hat, wie für die schon zu DDR-Zeiten publizierten Teile. Spittel macht in seinem Vorwort auch deutlich, daß er nach zehn Jahren weitgehender DDR-SF-Abstinenz, jetzt bei der Arbeit an seiner Bibliographie auf größere Hilfe angewiesen war, der Beitrag von Hans-Peter Neumann (der ihm Einblick in die Arbeitsfassung seiner Bibliographie gewährte) wäre (so Spittel) kaum zu unterschätzen gewesen. Entweder hat Olaf R. Spittel jedoch bei Neumann nur eine sehr frühe Fassung eingesehen oder aber die auffälligen Lücken und einige Fehler beruhen auf der großen Eile, mit der Spittel seine Publikation vorangetrieben zu haben scheint. Das Ganze macht doch einen sehr lieblosen Eindruck, so häufen sich Druck- und sachliche Fehler, die man durch gründliches Korrekturlesen hätte vermeiden können. Nach einem kurzen Vorwort folgen hintereinanderweg gleich die bibliographischen Angaben. Es gibt keinerlei editorischen Apparat (den man bei einem Referenzwerk eigentlich voraussetzen kann), ein Register, Anhänge mit vergleichenden oder näher zu erläuternden Angaben (die, wie man bei Neumann sehen kann, die Handhabung der Bibliographie wesentlich erleichtern, wenn nicht sogar erst ermöglichen) sucht man vergeblich. Da erübrigt sich dann auch ein Inhaltsverzeichnis. | ![]() |
| In Hans-Peter Neumanns Großer illustrierter Bibliographie der Science Fiction in der DDR wird man hingegen von der puren Fülle der Angaben fast erschlagen (was beim Gewicht des Buches eine nicht zu unterschätzende Gefahr darstellt ;-). Bei der Anzahl der aufgeführten Titel dürfte er Spittels Recherche um ca. 30% übertreffen. Wobei die von Olaf R. Spittel gar nicht erst erfassten zahlreichen Spezialgebiete (wie z.B. Sekundärliteratur, sorbische SF, SF-Veröffentlichungen von DDR-Autoren in der alten BRD und nach 1991) und natürlich auch die diversen Nachauflagen, bei Neumann vollständig zu finden, noch gar nicht mitgerechnet sind. Auch der Umfang der einzelnen Einträge spricht für sich. Neben den üblichen Verlagsangaben wird den weiteren beteiligten Personen wie Übersetzern, Grafikern etc. breiter Raum gewidmet, gefolgt (bei Büchern und Heften) von der Beschreibung der Ausstattung und Gestaltung jeder erschienenen Auflage (!). Zumal die Cover jedes selbständigen Titels in allen Varianten abgebildet sind. Bei ausländischen Autoren gibt Neumann darüberhinaus nicht nur den Originaltitel, dessen wörtliche Übersetzung (falls diese nicht dem deutschen Titel entspricht), sondern auch das Jahr der Originalpublikation an. Nur wer schon einmal versucht hat, verläßliche Angaben für eine beliebige Story von, sagen wir, Isaac Asimov zu bekommen und schließlich durch die Nutzung einiger ausgezeichneter (wenn auch durchweg in englischer Sprache vorliegender) Nachschlagewerke diese Informationen zu Originaltitel, möglichen Titel- oder Textvarianten und dem Jahr der Erstveröffentlichung zusammengetragen hat, kann in etwa ermessen, wieviel Rechercheaufwand hier wohl gerade für die nicht angloamerikanischen Länder nötig war. Hans-Peter Neumann verfolgt bei allen Fragen seiner Bibliographie kompromißlos den Anspruch, so umfassend wie möglich zu informieren. Und er ist augenscheinlich der Meinung, daß eine anspruchsvolle Bibliographie eine Zuordnung des deutschen Textes zum fremdsprachigen Original (bzw. sogar dessen Textvariante) und eine Datierung ermöglichen muß. Für die Ermittlung der fremdsprachigen Angaben konnte er eine ganze Anzahl in- und ausländischer Spezialisten gewinnen, überhaupt liest sich seine Danksagung, die rund fünfzig Personen aufführt, wie das Who-is-who der mit ostdeutscher bzw. osteuropäischer SF befassten Publizisten, SF-Autoren, Sammler und engagierten Fans. Dank solch profunder und zahlreicher Mitarbeit kann Die große illustrierte Bibliographie der Science Fiction in der DDR auch Informationen bieten, die nach Jahrzehnten nur sehr schwer zu ermitteln waren, wie z.B. die Auflagenhöhe der Bücher oder die Korrektur von falschen Angaben der Verlage. Ein weiteres Highlight des Werkes stellt der Versuch dar, dem viel zitierten und nie zu erreichenden Anspruch auf Vollständigkeit bei einem abgeschlossenen Gebiet, wie es die SF in der DDR nunmal darstellt, wirklich nahe zu kommen. Dafür wertete Neumann sämtliche in der DDR erschienenen Zeitschriften, die auch belletristische Texte veröffentlichten, aus und bezog dabei sogar die wichtigsten überregionalen Zeitungen mit ein. Ein ausführlicher Anhang widmet sich statistischen Angaben zur SF in der DDR, führt sämtliche erschienenen Bücher nochmals in chronologischer Ordnung auf, gibt einen Überblick über die Buch- und Heftreihen, Zeitungen und Zeitschriften und vergisst nichteinmal die Fanzines. Zudem gibt der Autor mit gleich drei Registern (einem Personen-, Titel- und Länderregister) jedem Nutzer die Möglichkeit, das umfangreiche Buch so effektiv wie möglich zu nutzen. | ![]() |
| Nach diesen vergleichenden Betrachtungen fällt ein Fazit nicht schwer. Olaf
R. Spittels Versuch, seine vor über zehn Jahren begonnenen und damals sehr geschätzten
Arbeiten jetzt doch noch abzuschließen, ist lobenswert, kann aber leider trotzdem nicht
einmal in Ansätzen überzeugen. Sein Bestreben, noch vor Hans-Peter Neumann sein
Werk auf dem Markt zu plazieren, wirkte sich insgesamt kontraproduktiv aus. Über Neumanns
Fortschritte war er ja (wie die meisten ostdeutschen Insider) genau informiert. Dieser
Ehrgeiz, der Erste zu sein, schlug sich leider in der nun zu diagnostizierenden recht
mäßigen Qualität von Science Fiction in der DDR nieder. Vom Anspruch auf
Vollständigkeit oder gar Referenz ganz zu schweigen. Die zweifelhafte Aussage solcher
vollmundigen Werbeslogans bracht wohl nicht extra erwähnt zu werden, Eigenlob stinkt
nicht erst seit der Wende. Da er Neumanns Arbeit aber kannte, müßte er eigentlich
gewusst haben, daß sich spätestens mit Erscheinen von dessen Bibliographie seine
Selbstanpreisungen in Rauch auflösen würden. Ob Spittel damit seiner Reputation einen
sonderlichen Dienst erwiesen hat, ist äußerst zweifelhaft. Hans-Peter Neumanns Großer illustrierter Bibliographie der Science Fiction in der DDR kann man Kompetenz und Sorgfalt bescheinigen. Selbst die Druckfehlerquote hält sich in akzeptablen Grenzen, von sachlichen Fehlern ganz zu schweigen. Es ist sicher nicht übertrieben zu sagen, daß dieses Werk Maßstäbe für Umfang und Qualität von Bibliographien setzt. Wenn denn derzeit ein Buch die Bezeichnung Referenzwerk wirklich verdient, dann dieses. Auf die Ausstattung und Gestaltung wurde hier noch gar nicht eingegangen. Das exklusiv von Mario Franke geschaffene Umschlagbild gibt dem Buch indes den repräsentativen Rahmen und eine gefällige Optik, wozu noch die zahlreichen Abbildungen aller Titel im Buch kommen. Wo findet man derlei Opulenz bei einem sekundärliterarischen Sachbuch schon sonst noch! Man muß sicher kein Prophet sein, um vorherzusagen, daß Hans-Peter Neumann eine Nominierung für den Kurd-Laßwitz-Preis sicher ist. Ob er diesen mit seinem doch sehr speziellen Thema auch gewinnt, steht hingegen auf einem ganz anderen Blatt. Nun wird es sicher Leute geben, die weniger an den ganzen ausführlichen Angaben, die Die große illustrierte Bibliographie der Sciene Fiction in der DDR enthält, sondern vielmehr an einer schnellen Übersicht der erschienenen Bücher interessiert sind. Und solch ein dicker schwerer Ziegel läßt sich beim Gang in die Antiquariate zudem schlecht mitführen. Doch auch hier ist ein Griff zum Spittel'schen Bibliographie-Bändchen die schlechtere Alternative, nicht (nur) aufgrund der offensichtlichen Lücken und Fehler darin, sondern weil zu Neumanns Werk gleich noch eine übersichtliche Broschüre, die die in der DDR erschienenen selbständigen SF-Titel aufführt, erschienen ist. Mehr kann man nun wirklich nicht verlangen. |