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| Das Magazin für Science Fiction & Fantasy • Ausgabe 45 • Story |
Da vernahm er Stimmen. »Aleus, hierher!« Hinter einem Baum trat eine weiß gekleidete Gestalt hervor. »Bist du endlich gekommen! Wir warten auf dich.« Der Fremde, er hatte ihn nie gesehen, führte ihn über einen grob gepflasterten Platz zu einem Haus mit rotem Dach. Wo kam das plötzlich her? Soeben standen da doch Bäume! Kopfschüttelnd ging er weiter.
»Woher kennst du mich, wer bist du?«
»In der fünften Dimension gibt es wenig, was man nicht weiß. Setz dich her, du wirst alles erfahren.«
Hinter der Tür wurde gerufen. »Ist er da? Bring ihn herein, hier ist Platz!«
Unwillkürlich wich er zurück. Vor ihm öffnete sich eine Säulenhalle ohne Dach, in ein Licht getaucht, das die Augen blendete. Durch die Säulen hindurch blickte er auf ein Ufer, an dem zwei bewimpelte Barken schaukelten. Aus einem daneben liegenden, mit Steinquadern beladenen Lastkahn zerrten Männer im Lendenschurz einen Granitblock auf ein Schlittengestell. Ihr taktmäßiger Gesang hallte über das Wasser, es roch nach Schweiß und Knoblauch.
»Hier entsteht Achetaton«, sagte der Unbekannte, »Echnatons neue Hauptstadt. Der Name bedeutet Die Aton gefällige Stadt.«
»Wurde später aber in El Amarna umbenannt!«, rief eine Stimme.
»Verwirrt ihn nicht, er ist noch neu hier.«
Alois blickte sich um. Männer im Lendenschurz und Frauen in schulterfreien Hemden hockten auf flachen Schemeln, Trinkschalen in den Händen. Erstaunt nahm er wahr, dass auch er mit einem Schurz bekleidet war. Ein geflochtener Gürtel hielt ihn zusammen.
»Setz dich doch. Sina bringt dir ein Bier.«
Aus der Tempelpforte trat ein Mädchen mit großen, mandelförmigen Augen. Sie lächelte ihn an, als hätte sie ihn seit je gekannt, jaals wäre sie mit ihm vertraut gewesen. Ihre schwarz glänzenden, zu feinen Strängen geflochtenen Haare umrahmten ein edel geformtes Gesicht mit einem Lippenpaar, das einem über Wellen schwebenden Vogel glich. Wie benommen starrte er sie an. Sich andeutungsweise verneigend, setzte sie, einen zarten Duft verbreitend, einen Tonkrug mit einem Trinkhalm nieder. Er schaute ihr nach. An der Tür wandte sie sich um und blickte zurück, bis sich beider Augen begegneten.
Er hob den Tonkrug an. Tatsächlich, es roch nach Bier.
»Das ewige Leben ist nichts anderes als ein immerwährendes Festmahl, zu dem alle Götter, Sterne und Menschen geladen sind so steht es in den Heiligen Schriften, und so halten wir es auch hier. Wir Ägypter liebten es in allen Epochen, zu lachen, zu trinken und zu singen.«
Der Unbekannte saugte an seinem Getränk, die anderen folgten seinem Beispiel. Alois nickte unsicher und nahm das Röhrchen in den Mund. Pfui Teufel, war das Gebräu sauer! Kannten sie hier keinen Hopfen? Fast hätte er den Schluck wieder ausgespien. Er bezwang sich jedoch. Offensichtlich meinten sie es gut. Aber wie kamen sie in dieser Welt zu Bier?
»Es mundet dir nicht? Stell dir vor, es schmecke so wie das Getränk, an das du gewöhnt bist. Erstaunt es dich, dass es hier so etwas gibt? Früher sagten wir dazu Gaukelei, Blendwerk, Sinnestäuschung; heute heißt man es wirtunell. Es ist fast alles möglich, was dir Freude macht. Du kannst alle Sinne befriedigen, den Gesichtssinn, das Gehör, den Tastsinn, den Geruch, den Geschmack, alle Gefühle auskosten, auch Zärtlichkeit, sogar die Liebe. Nur eins ist dir verwehrt: Du kannst dich nicht fortpflanzen.«
Wozu auch?, dachte Alois. Er hatte ohnehin nicht die Absicht.
Der Fremde lächelte ihm zu. »Ich also bin Nerchumetip, der Einfachheit halber Nerchu genannt, eine Anpassung an die neuen Moden, ja auch hier, im Reich der Astralos. Und Sina ist eine Tochter von Nofretete, der Gemahlin des Pharaos Echnaton. Ihr Name bedeutet Die Schöne ist gekommen. Man sieht es ihr an, dass sie die Tochter ist.«
Sein weißes Gewand, von einem Gürtel zusammengehalten, klaffte an der Seite. Er trug geflochtene Sandalen, ein schwarzes Amulett, das wie ein Käfer aussah, und einen goldenen Armreif. Die kräftige Nase über den vollen Lippen, seine dichten Brauen, die ausdrucksvollen Augen und seine Sprechweise verrieten, dass er ein Mann mit Einfluss war vielmehr gewesen sein musste. Ein Astralo? Was unter Astralos zu verstehen war, konnte sich Alois beinahe denken. Vermutlich war er auch einer.
»Seit fünftausend Jahren«, sagte Nerchu, »weile ich im Reiche des Osiris. Ich sah Pharaonen zum Gott gekrönt werden, sah sie regieren, ihre Grabstätten errichten, dahinwelken, sich zum Sterben zurückziehen und zum ewigen Leben wieder erheben. Als Tempelschreiber des Ritualpriesters wurde ich in die Geheimnisse der Hieroglyphen eingeweiht. Ich entziffere dir alle Inschriften an Säulen, Grab- und Tempelwänden, auf allen Papyrusrollen, die die Zeiten überdauert haben.«
Benommen nahm Alois einen Schluck. So erbärmlich schmeckte das Getränk eigentlich nicht. Die anderen am Tisch, auch Frauen, rückten zu ihm heran. Ihre Neugier wirkte nicht aufdringlich, sondern sympathisch. War Sina unter ihnen? Ihre Gegenwart hätte ihn zuversichtlich gestimmt. Nein, er erblickte sie nicht.
»Astralos?«, sagte er. »Fünfte Dimension? Fünftausend Jahre, fünf-tau-send Jah-re#! Und dann Pharaonen und eine Bierrunde! Du siehst mich erstaunt.«
»Was hattest du denn erwartet, wenn du die Frage gestattest?«
»Ich weiß nicht. Ich glaubte mich auf dem Wege zu Gott.«
»Zu Gottvaterow?«, rief eine spöttische Stimme.
Hinter den Säulen stieg ein Lied empor:
»Gott ist tot, Gott ist tot,
Allah liegt im Sterben.
Satan lacht,
freut sich schon,
gibt es was zu erben.«
Alois wurde kalt. Regierte hier der Antichrist?
»Die Schandmäuler«, sagte Nerchu. »Eine von den neuen Moden. In meiner Zeit undenkbar. Man hätte ihnen die Nase abgeschnitten und sie in unwirtliche Landstriche verbannt. Sie kennen nichts Heiliges, in ihren Herzen gähnt das Nichts, Blähungen der neuen Zeitläufte. Beachte sie nicht, sie sind es nicht wert. Du willst zu Gott? Ein Ziel, der höchsten Anerkennung teilhaftig. Das sollst du mir näher erklären. Zu welchem Gott?«
