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Science Fiction ist (k)ein Kinderspiel

Gesprächsrunde mit Dr. Renate Grubert und Andreas Eschbach

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Interview
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Dr. Renate Grubert betreute von 2000 bis 2002 im Arena-Verlag Würzburg die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Im Jahr 2001 erschien bei Arena der Roman Das Marsprojekt von Andreas Eschbach.

Beim »ALIEN CON 2002 – 4. Tag der Phantasie« am 16. März 2002 hatte Hardy Kettlitz auf einem Podiumsgespräch die Gelegenheit, die beiden über Science Fiction für Kinder und Jugendliche zu befragen.

Kettlitz: Was haben Sie selbst in der Jugend gelesen?

Grubert: Sehr, sehr wenig Science Fiction. Ich bin mehr oder weniger von Karl May gleich in die sachorientierten Themen gerutscht und las Robert Jungk und Bücher wie Und die Bibel hat doch recht. Später kamen Jules Verne und H. G. Wells und schließlich Isaac Asimov. Von sogenannter Kinder- und Jugend-Science-Fiction habe ich in meiner Jugend gar nichts mitbekommen. Das war eine spätere Entdeckung, die ich mir erst über die allgemeine Kinder- und Jugendliteratur erschlossen habe, die mit ganz anderen Themen präsent ist. Ich war erstaunt, was es alles gibt, und habe das Thema ab den achtziger Jahren zeitlich rückwärts verfolgt und dann den Faden bis in die heutige Zeit nicht mehr verloren.

Kettlitz: Was ist der Arena Verlag, wie lange gibt es ihn, und welche Bücher verlegt er?

Grubert: Arena gehört mit zu den ältesten Kinder- und Jugendbuch-Verlagen in Deutschland. Er wurde gleich nach dem Krieg von Georg Popp gegründet, der noch Student war und aus der christlichen Jugendbewegung kam. Er wollte den Kindern gute Literatur vermitteln, ein Anliegen, das man auch heute noch stark in der Kinder- und Jugendliteratur spürt. Themenbände wie Die Großen der Welt gehen auf Herrn Popp zurück. Heute, nach über fünfzig Jahren, ist Arena stark expandiert. Wir pflegen nicht nur das Hardcover- und Taschenbuch-Programm für Kinder und Jugendliche, sondern haben auch die Edition Bücherbär – mit Bilderbuch- und Leselern-Programm – unter unserem Dach. Außerdem gehört seit 2001 der Ensslin-Verlag zu Arena, der besonders im Lernspielbereich aktiv ist. Um die Lücke zwischen Jugendbuch und Erwachsenenbelletristik zu schließen, haben wir die Programmlinie Chili kreiert, die Literatur für junge Erwachsene anbietet. Da sind interessanterweise auch SF-Titel dabei.
Arena gehört mittlerweile zu den fünf großen deutschsprachigen Kinder- und Jugendbuchverlagen.

Kettlitz: Worin unterscheidet sich SF für Kinder und Jugendliche von SF für Erwachsene?

Grubert: Zuerst einmal ist der jugendliche Protagonist wichtig. Die Zielgruppe, die wir jeweils als Leser gewinnen möchten, entspricht den Protagonisten in der Altersstruktur. Bei Kinderbüchern etwa bis zwölf, dreizehn Jahre, bei Jugendbüchern ab dreizehn aufwärts. In der Science Fiction für Erwachsene finden Sie selten Kinder als Hauptakteure. SF für Kinder verschont ihre Leserinnen und Leser allerdings nicht mit schwierigen und komplexen Themen, solchen, die sie vielleicht auf Anhieb nicht verstehen könnten. SF für Kinder und Jugendliche bietet eigentlich alle Themen an, die auch im Erwachsenenbereich zu finden sind.
Seit Gudrun Pausewangs Roman Die Wolke ist auch der Bann zum harten Problembuch gebrochen. Als das Buch 1987 erschien, hat es hohe Wellen geschlagen, weil darin das Szenario einer Atomkatastrophe dargestellt wird, und zwar vollkommen schonungslos. Hier werden Kinder in einer realen zerstörten Welt dargestellt, trotzdem wollen sie überleben. Man liest darin auch, wie Kinder mit schweren Schäden geboren und sogar einfach eliminiert werden. Frau Pausewang, Trägerin des Gustav-Heinemann-Friedenspreises, wurde wegen dieses Buches einerseits stark angegriffen. Andererseits hat es 1988 den deutschen Jugendliteraturpreis bekommen. Frau Pausewang sagte selbst, dass man Kindern jedes Thema anbieten kann, man muss es nur in ihrer Sprache erzählen.

Kettlitz: Werden noch so viele Kinderbücher wie früher gelesen? Oder verbringen die Kinder ihre Zeit heute mehr am Computer?

Grubert: Kinder, die am Computer sitzen, sind im Allgemeinen auch leseorientiert; das ist durch Studien belegt. Wir können davon ausgehen, dass sich heute eine Schere öffnet: Die medienaktiven Kinder sind rundum aktiv und scheuen auch die Lektüre nicht. Jeder, der den Computer anstellt, muss ja auch irgendwie lesen. In der heutigen Vernetzung der Medien werden diese Kinder automatisch zu Büchern geführt, die den Interessengebieten entsprechen, die durch den Computer abgefragt werden.
Außerdem werden heute so viele Kinder- und Jugendbücher produziert wie noch nie in der Geschichte des Buchdrucks. Was glauben Sie, wie viele deutschsprachige Kinder- und Jugendbücher es jedes Jahr gibt?

Kettlitz: Wenn Sie so fragen, sind es sicher sehr viele.

Grubert: Arena selbst produziert ungefähr 300 Bücher inklusive Novitäten pro Jahr. Natürlich gibt es eine ganze Reihe von Kinder- und Jugendbuchverlagen. Insgesamt werden 3.500 bis 4.000 neue Kinder- und Jugendbücher pro Jahr gedruckt. Wenn man dann noch die Mal- und Zeichenbücher, Ratgeber und alle Neuauflagen und -ausgaben hinzurechnet, macht das immerhin einen Anteil von ungefähr zehn Prozent des gesamten Buchmarktes aus.
Das bedeutet, dass es hier um Geld geht. Es sind einige Millionen Euro, die hinter diesem Markt stehen.
Wir können nicht davon ausgehen, dass all diese Bücher auch begeistert gelesen werden. Die Bücher werden von erwachsenen Autoren geschrieben, von erwachsenen Illustratoren illustriert, von Erwachsenen produziert und schließlich auch von Erwachsenen gekauft, also Müttern, Vätern, Omas und Opas ...

Eschbach: ... und irgendwann kommt der Punkt, wo das erste Kind das Buch dann tatsächlich liest.

Grubert: Ja, oder es aufschlägt, anliest und feststellt: Nö, das ist nicht spannend. Dies ist Argument genug, um das Buch nicht zu lesen. Hier sehen wir als Verlag unsere Aufgabe, gutes »Lesefutter« anzubieten.

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Hardy Kettlitz, Dr. Renate Grubert und Andreas Eschbach (v.l.n.r.)
Foto: Frank Güpner
Kettlitz: Sehr spannend ist Das Marsprojekt. Ich war überrascht, dass Sie, Herr Eschbach, ein Jugendbuch verfasst haben. Wenn man vorher ein Buch für Erwachsene geschrieben hat, wie geht man als Autor dann an ein Jugendbuch heran?

Eschbach: Das Besondere am Marsprojekt ist, dass im Vorfeld etwas passierte, von dem ich gewettet hätte, dass es mir nie im Leben passiert: Ein Verlag ist an mich herangetreten und hat gesagt: Schreiben Sie doch mal was für uns. Der Arena Verlag war auf der Suche nach Science Fiction für Jugendliche und ist dann auf mich aufmerksam geworden. Ich habe verschiedene Ideen vorgeschlagen und wir haben uns auf das Thema Mars verständigt. Einen gewissen Einfluss auf die Entscheidung hatte auch, dass zwei Mars-Filme angekündigt waren, die dann leider beide unglaublich schlecht waren.
Dann kam die Frage: Ja, Herr Eschbach, können Sie denn auch für Jugendliche schreiben?
Ich habe sehr früh angefangen zu schreiben. Zwischen zwölf und sechzehn habe ich für meinen Freundeskreis geschrieben, also für Gleichaltrige. Ich musste mich also nur geistig in meine Jugend zurückversetzen und aus der gleichen Stimmung heraus schreiben. Insofern war es keine Umstellung, sondern eher ein »back to the roots«.

Kettlitz: Im Marsprojekt geht es um Kinder, die sich selbst als die ersten Marsianer betrachten, weil sie zum Teil bereits auf dem Mars geboren worden sind und den Planeten als ihre Heimat ansehen. Der Roman hat ein sehr spannendes und offenes Ende. Wird die Geschichte weitergehen?

Eschbach: Wir haben daran gedacht, die Geschichte fortzusetzen. Allerdings würde das mindestens eine fünfbändige Kleinserie. Bisher konnte sich der Verlag noch nicht dazu entschließen, aber – ich hoffe, dass es eines Tages so weit sein wird. Ich habe in die Geschichte viele Fäden eingewoben, aus denen man später weitere Handlungsstränge entwickeln kann. Einige davon offensichtlich, andere nicht so offensichtlich. Obwohl ich die genaue Handlung jetzt noch nicht weiß, kenne ich die grobe Richtung natürlich. Es muss eine ganze Menge dahinter stecken, um zum Beispiel das Rätsel der blauen Türme zu lüften. Das wäre mit einem Fortsetzungsband nicht getan.

Kettlitz: In der Phantastik für Erwachsene geht der Trend zu mehrbändigen Werken. Hat sich diese Entwicklung auch auf die Jugendliteratur ausgewirkt?

Grubert: Nein und ja. Die Kinder- und Jugendbücher, die als Hardcover erscheinen, sind hauptsächlich Einzelwerke. Im Taschenbuchprogramm sieht das anders aus. Da haben wir gerade eine zehnbändige Reihe publiziert, nämlich die Alpha Kids. Allerdings sind dies keine Originalausgaben, sondern Übersetzungen. Es handelt sich dabei um Geschichten über Kinder, die übermenschliche Eigenschaften entwickeln, sich untereinander zunächst jedoch nicht kennen. Sie stellen fest, dass es Ereignisse in ihrem Leben gibt, die sie miteinander verbinden. Jeder der ersten fünf Bände stellt einen neuen Protagonisten vor. Nachdem sie sich dann alle kennen gelernt haben, wird zum einen die Vorgeschichte erzählt, und es entwickelt sich zum anderen eine unglaublich knifflige Handlung.
Aber eine zehnbändige Reihe ist sonst eher die Ausnahme.

Kettlitz: Herr Eschbach, haben Sie Testleser? Also einen Jugendlichen oder ein Kind, das Ihre Bücher liest, bevor sie zum Verlag gehen?

Eschbach: Leider nicht. Mein eigener Sohn ist schon erwachsen, die Kinder in meinem Bekanntenkreis dagegen sind noch zu jung.
Es ist allerdings auch recht schwierig, ein aussagekräftiges Feedback von einem Kind zu bekommen. Das ist bei Erwachsenen oft schon nicht so einfach. Wenn jemand sagt: ›Na ja, irgendwie war es nicht so ...‹, dann kann ich damit nicht so viel anfangen, als würde jemand sagen: ›Auf Seite 250 hatte ich plötzlich Lust, das Buch beiseite zu legen und schlafen zu gehen.‹

Kettlitz: Also sind Kinder nicht kritischer als erwachsene Leser?

Eschbach: Ich entsinne mich an eine Zeit, als ich Bücher nur nach dem Thema ausgewählt habe und kein Bewusstsein für Autoren hatte. Ich war bestimmt schon älter als zehn Jahre, als mir klar wurde, dass hinter einem Buch jemand steht, der es schreibt. Ich glaube, der erste Autorenname, den ich mir gemerkt habe, war Rolf Ulrici mit den Raumschiff-Monitor-Bänden. Das fand ich spannend. Andererseits entsinne ich mich an viele andere Bücher und weiß nicht, wer die geschrieben hat.
Das zeigt, dass zunächst für Kinder das Eintauchen in die Geschichte wichtig ist, das Buch muss sie fesseln. Die Leidensfähigkeit eines kindlichen Lesers stelle ich mir deutlich geringer vor als die des Erwachsenen. Der Erwachsene hat manchmal Ideen im Kopf wie: ›Jetzt habe ich es angefangen, dann muss ich es auch zu Ende lesen‹ oder ›Es hat Geld gekostet‹ oder ›Man muss dieses Buch gelesen haben, um mitreden zu können‹ oder ›Marcel Reich-Ranicki hat es gelobt‹ und so weiter. Das sind alles Motive, die ein Kind nicht hat. Ein Kind entscheidet, ob etwas schmeckt oder nicht schmeckt, und fragt nicht weiter nach den Ursachen.

Kettlitz: Spielt bei Kinder- und Jugendbüchern auch der pädagogische Aspekt eine Rolle? Geht es darum, die jugendlichen Leser nur zu unterhalten, oder auch darum, ihnen etwas beizubringen?

Eschbach: Es geht nur darum, ihnen nichts Falsches zu erzählen. Darin unterscheiden sich aber Erwachsenen- und Kinderliteratur meiner Meinung nach nicht. In beiden Fällen sollte man gut recherchieren, bevor man das Blaue von Himmel herunter lügt. Gerade in der Science Fiction für Kinder und Jugendliche wäre es noch sträflicher, wenn man irgendwelche wissenschaftlichen Zusammenhänge auf den Kopf stellen würde, weil dies womöglich Auswirkungen auf die Schulnoten hätte.

Grubert: Also doch Pädagogik durch die Hintertür.

Eschbach: Man darf sich das aber nicht so vorstellen, dass man zu einem Thema überlegt, welche Fakten rübergebracht werden müssen und womöglich eine pädagogische Handlung drumherum spinnt. Ich gehe von der Handlung aus und versuche dann, wie bei jedem anderen Buch auch, die Umstände so realistisch wie möglich zu schildern. Wenn man auf dem Mars geboren wurde, dann ist die Welt natürlich trotzdem feindlich und fremdartig, aber es gibt auch auf der Erde Gegenden, wo es nicht gerade angenehm ist, und die Leute fühlen sich trotzdem dort zu Hause. Mir war sehr wichtig, dass die Kinder in meinem Buch ein Heimatgefühl zu diesem kalten, unwirtlichen Planeten entwickeln.

Grubert: Sobald Kinder merken, ein Autor lässt sich auf ihre Ebene herunter und behandelt sie wie Kinder, funktioniert das Ganze nicht mehr. Ein Verniedlichen oder pädagogisches Streicheln wollen Kinder ganz sicher nicht. Darum bin ich froh, dass diese Art Pädagogik in Arena-Büchern nicht stattfindet.
Wir pflegen zwei literarische Richtungen. Wir haben einerseits Lesefutter und andererseits literarisch besonders wertvolle Titel. Das hat aber nichts mit Pädagogik zu tun, sondern funktioniert ebenso wie bei uns Erwachsenen: Wir haben auch keine Lust, jeden Tag Günter Grass zu lesen, sondern wollen manchmal einfach etwas »wegfuttern«.

Eschbach: Es gibt aber auch andere Arten von Büchern in der Kinder- und Jugendliteratur. Zum Beispiel die Bücher, die Kinder geschenkt bekommen. Etwa über das Schicksal eines jüdischen Mädchens im Dritten Reich oder das eines Behinderten oder eben Bücher, bei denen man auf dem Umschlag schon erkennt: ›Achtung, Pädagogik‹. Man sieht den Unterschied bereits, wenn man in der Buchhandlung am Regal steht und Onkel und Tanten beobachtet, die überlegen, was sie dem Patenkind Schönes mitbringen können. Und dann gibt es die Bücher, die sich die Kinder selber kaufen würden, wenn man sie ließe. Da kennen wir den Harry Potter als mittlerweile prominentesten Vertreter, aber so etwas gab es auch lange vorher schon. Zu meiner Kinderzeit waren das Schneider-Taschenbücher, Hanni und Nanni für die Mädchen, Die fünf Freunde und Die drei ??? für die Jungen. Ich glaube, die Unterscheidung zwischen literarisch Anspruchsvollem und Lesefutter trifft es nicht ganz, denn es gibt auch pädagogische Bücher, die in jeder Hinsicht schlecht sind. Aber diese Bücher zielen auf eine bestimmte Käufergruppe, nämlich die Eltern von Kindern. Das sind die »Geschenkbücher«.

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Foto: Frank Güpner
Kettlitz: Ist von Ihnen ein neues Jugendbuch bei Arena in Vorbereitung?

Eschbach: Im Herbst 2002 erscheint der Roman Klon. Er spielt in naher Zukunft in Deutschland, hauptsächlich im Schwarzwald und in Berlin. Es geht um einen Jungen, der feststellt, dass er der erste menschliche Klon ist, ohne es zu wissen.
Auch bei diesem Buch habe ich mir die Frage gestellt, wie die Geschichte wirklich ablaufen würde. Ich hatte ein Buch über Gentechnik gelesen und festgestellt, dass ich wohl der erste Autor von Klon-Romanen bin, der so etwas getan hat, denn da standen einige Fakten drin, die man bisher in keinem Roman gefunden hat. Klon-Filme gehen zum Beispiel immer davon aus, dass ein Klon ein identisches Abbild seines Ursprungs ist. Wir wissen seit der Katze, die geklont wurde und ihrer »Mutter« überhaupt nicht ähnelt, dass dem keineswegs so sein muss. Tatsächlich ist es sogar höchst unwahrscheinlich, dass man einen Klon mit seinem Vorbild rein äußerlich verwechseln könnte.

Frage aus dem Publikum: Ich habe mich als Kind zum Science-Fiction-Fan entwickelt. Meine Eltern waren entsetzt und haben mich geradezu angefleht, doch bitte »vernünftige« Bücher zu lesen. Wie versuchen Sie die Eltern zu überzeugen, dass zum Beispiel der neue Roman von Andreas Eschbach kein Schund ist?

Grubert: Sie sprechen einen ganz wichtigen Punkt an, denn Science Fiction im Kinder- und Jugendbuchbereich ist mit vielen Klischees vollgepflastert. Als Verlag hat man da unter Umständen tatsächlich das Problem, nachweisen zu müssen, dass es sich hier um seriöse Lektüre handelt und die Kinder davon profitieren. Wir hoffen, dass Herr Eschbach mit seinem Buch viele Lesungen macht. Das ist eine Möglichkeit, ganz schnell klarzustellen, um was es inhaltlich geht.

Kettlitz: Sind SF-Jugendbücher thematisch den aktuellen Trends der allgemeinen Science Fiction unterworfen? Der Mars ist derzeit ein aktuelles und sehr beliebtes Thema, aber auch Cyberspace, Computer, Internet, Cloning.

Grubert: Ja, sind sie. Sie sehen das im aktuellen Buchmarktangebot. Es gibt momentan fast nichts anderes im Science-Fiction-Bereich. Ich finde das schade. All die gesellschaftskritischen Szenarien, die es in den achtziger und Anfang der neunziger Jahre gab, sind irgendwie vom Tisch. Aber gerade an so etwas schärft sich der Verstand von jungen Leuten sehr, wenn sie darüber nachdenken, in welcher Gesellschaft sie eigentlich leben wollen und wie sie aussehen sollte.

Kettlitz: Wobei der vor nicht allzu langer Zeit bei Arena erschienene Roman Experiment Hex von Rhiannon Lassiter auch ein dystopischer Gesellschaftsentwurf ist.

Grubert: Das ist eine schöne Ausnahme. Eine gut durchdachte Geschichte, die sich in Computerwelten bewegt. Erinnert ein bisschen an Matrix.

Frage aus dem Publikum: Ich habe festgestellt, dass es derzeit auch eine ganze Menge Fantasy-Literatur für Kinder und Jugendliche gibt. Allerdings gibt es heute gar keine Space Operas für Kinder, also Abenteuergeschichten im Weltraum, mit Außerirdischen und Raumschiffen und so weiter. Liegt das nur daran, dass im Moment andere Themen modern sind, oder ist die fehlende Themenvielfalt nicht vielleicht auch von den Verlagen hausgemacht?

Grubert: Das ist natürlich ein Wechselspiel. Wir haben immer zwei Möglichkeiten, damit Bücher entstehen. Entweder kommen die Autoren mit ihren Ideen zu den Verlagen, oder die Verlage gehen mit ihren Wünschen zu den Autoren. Wenn die Ideen von Verlagsseite kommen, entstehen Auftragsromane. Das mögen Schriftsteller im Allgemeinen nicht so sehr. Besser wäre es also, wenn die Ideen von außen kämen. Und da sind Space Operas im Jugendbuchbereich leider nicht dabei.

Eschbach: Aber das bringt mich auf eine Idee ...

Grubert: Gut!

Eschbach: Ich glaube, genau das ist es, was ich auch vermisse. Ich konnte es nur vorhin nicht in Worte fassen. Bei den aktuellen Büchern hat man manchmal das Gefühl, man liest die Tageszeitung, bloß in verkleideter Form. Themen, die gerade angesagt sind, werden jetzt als Roman aufbereitet, aber eine richtige Vision, etwas, das einen zum Träumen bringt, ist nicht dabei. Höchstens ein paar Fantasy-Geschichten, die aber auch nicht jedermanns Geschmack sind. Da müssen wir uns noch mal drüber unterhalten.

Grubert: Das werden wir!

Eschbach: Danke für den Hinweis.

Kettlitz: Ich denke, dieser kreative Anschub war ein gutes Schlusswort. Ich danke Ihnen ganz herzlich für dieses Gespräch.

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Siehe auch
Die letzten Geheimnisse um Quest - Ein Gespräch zwischen Andreas Eschbach und Thomas Thiemeyer
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