epilog.de > Alien Contact > Alien Contact 47 > Thorsten Küper: Wenn dich der Bluesman holen kommt ... [Story]
epilog.de
Filme
Bücher
Personen
Texte

Magnet-Manufaktur

Epilog zum
verschenken:

Thorsten Küper

Wenn dich der Bluesman holen kommt ...

Seite 1 »

Was würdest du dafür geben, so zu sein wie ich?«

Er spannte seinen sehnigen Arm, verfolgte fasziniert das Spiel seiner Oberarmmuskeln und sah schräg zu mir hoch, auf eine Art, als würde ein Tier die Zähne fletschen. »Du würdest doch gern sein wie ich, oder?«

Ich schwieg und nippte an meinem Kaffee, hielt dabei die Tasse aus feinem Porzellan in der einen, die Untertasse in der anderen Hand.

Nichts, dachte ich. Ich würde etwas dafür geben, nicht zu sein, wie du es bist, wäre ich wie du.

Ich sprach es nicht aus. Ich betrachtete ihn nur und erinnerte mich daran, wie ich auf dem Flughafen Hongkong das VSTOL verlassen hatte und den gläsernen Tunnel von der Maschine ins Flughafengebäude unter dem schwarzen, stürmischen Himmel durchquert hatte. Hagelkörner so groß wie Vogeleier hatten auf das Plexiglas des Tunnels gehämmert, und dann war ein anderes Geräusch hinzugekommen. Dumpfer. Platschend. Die Menschen hatten nach oben gesehen, auf das, was da herunterregnete. Zuckende Leiber von Fischen aller Größe. Sie fielen vom Himmel, einfach so von oben herunter.

Da war ein Mädchen gewesen, mit breitem Gesicht und asiatischen Augen, die an einem der Werbedisplays hafteten, an SEINEM Gesicht. Das Naturschauspiel über ihrem Kopf hatte sie nicht interessiert. Sie hatte IHN angestarrt, IHN vergöttert, während sie auf etwas herumkaute, das ich für einen Skorpion hielt. Chinesische Essgewohnheiten sind genauso indiskutabel wie ihre Vorliebe für westliche Rapper.

Erst eine Stunde später hatte ich erfahren, dass es eine Wasserhose gewesen war, die die Fische aus dem Meer in den Himmel gesaugt und erst über der Stadt wieder freigegeben hatte.

Ich lächelte darüber, aber ER konnte es im Halbdunkel nicht sehen. Die Schatten in der Hotelsuite bewegten sich mit den fluktuierenden Leuchtreklamen und Werbedisplays an tausenden von Gebäuden. Farben ergossen sich in den Raum wie unter Einfluss eines Halluzinogens in den Verstand. Gelegentlich tasteten Lichtfinger durch die Suite. Die Hongkonger Stararchitekten hatten ihre Vorliebe für Lichtspiele entdeckt, und nun konkurrierten Nadeln aus Scheinwerferlicht über der Stadt um die Gunst der Götter und der Betrachter.

ER hätte die Fenster abdunkeln können, aber ER schien das Schauspiel draußen zu genießen. ER, der Gott dieses kleinen chinesischen Mädchens, zwei Meter weißes Muskelfleisch, aufgebläht von Arroganz und Drogen, erhob sich von der Bank des drei Meter hohen Fensters und verdeckte die Umrisse eines der hundertstöckigen Bankgebäude des Central District. So kam er auf mich zu, barfuß, mit nacktem Oberkörper, und der Totenschädel auf seinen Bauchmuskeln transformierte sich zum Abbild einer Frau am Kreuz. Ein organisches Flüssigkristalldisplay, das in seine Bauchdecke implantiert war und auf Änderungen seiner Stimmung reagierte.

Und SEINE, Nazareths Stimmungen änderten sich schnell.

Nazareth, was für ein konstruiert blasphemischer Name für einen Rap-Musiker! Die Chinesen konnten ihn nicht mal richtig aussprechen. Und doch war er hier besonders erfolgreich. Erfolgreicher als im Westen.

Er ragte vor mir auf. Zwei Meter groß, das hellblonde Haar – eigentlich war es dunkelblond – so kurz geschnitten, dass es seinen Schädel nur als Flaum bedeckte. »Du bist ein seltsamer Mann«, sagte er. »Du siehst nicht aus wie einer dieser Public-Relations-Leute, auch nicht wie ein Musik-Produzent.« Er setzte einen Gesichtsausdruck auf, der eine seltsame Mischung aus Anerkennung und Geringschätzung war. »Du bist also der Mann mit den Ideen. IMRAN hat dich geschickt, weil ihnen mein letztes Album nicht erfolgreich genug war.« Er sah auf mich herab und flüsterte: »Aber ich brauche keine PR-Leute und keine Produzenten. Für die da unten bin ich ein Gott.«

Er deutete aus dem Fenster der Hotelsuite, genau in der Sekunde, als sich draußen über dem Bankenviertel ein riesiges Hologramm mit einem Abbild seines Gesichts mit genau jenem überheblichen Ausdruck öffnete, mit dem er jetzt und hier auf mich herabblickte. »Es kommt jede Stunde wieder, immer auf die Sekunde genau.«

Wenig beeindruckt nahm ich den letzten Schluck meines Kaffees und setzte Tasse und Untertasse wieder ab. Ich wusste sehr genau, dass IMRAN, Nazareths Label, gleichzeitig der Name des Firmengründers, eine Commercial-Projektion wie diese mehr als zwei Millionen Hongkong-Dollar kostete. Doch er schien in diesem Moment wirklich glauben zu wollen, es sei ein Opfer, das die Menschen unten in den Straßen ihm zu Ehren brachten. »Nicht erfolgreich genug«, hatte er gesagt. Was für eine Untertreibung, vor allem, wenn man, so wie ich, Zeuge von Imrans Wutausbruch geworden war.

»Was für Ideen hast du?«, wollte er wissen. »Eine neue Tournee, ein neues Album mit noch aggressiveren Texten, vielleicht noch ein Manga?« Tatsächlich hatte IMRAN für Nazareth eine Serie von Filmen produziert, die ihn als eine Art weltverbessernden Superhelden präsentierten. Billige Trickfilme mit billigen Drehbüchern, die sich nur durch ihre Gewalttätigkeit auszeichneten. Vor allem mit diesen Filmen hatte er nach dem Unfalltod seiner Freundin Celia für Schlagzeilen gesorgt. Und durch Gerüchte über einen angeblichen Selbstmordversuch – abgesehen von der Berichterstattung, die sich lüstern über die pathologischen Verkaufsstatistiken seines Albums hermachte.

Natürlich war dieser Einbruch der Gewinnkurve nicht überraschend gewesen. Das Verhalten eines einzelnen Menschen ist schwer vorhersehbar. Aber je größer eine Gruppe ist, desto statistischer verhält sie sich. Nazareths Fans waren so zahlreich wie ihr Verhalten vorhersagbar. Deswegen hatte IMRAN schon vor vierzehn Monaten negative Prognosen für Nazareths weitere Einspielergebnisse hochrechnen können – kurz nachdem trotz unserer verzweifelten Versuche, das zu verhindern, Nazareths seltsame Vorliebe publik geworden war.

Auf dem offenen Laptop vor mir funkelte in einem aggressiven Grünton die stetig abfallende Kurve mit Nazareths Verkaufszahlen wie ein mahnender Fingerzeig.

Zahlen, letztendlich ging es immer nur um Zahlen. Nazareth war eine Zahl, zwar keine Null, aber auch nicht viel mehr. Es würde an mir liegen, ihn wieder in eine Zahl mit vielen Stellen zu verwandeln. Ihn wieder profitabel zu machen.

Ich nahm ein kleines silbernes Etui aus meiner Tasche, öffnete es, entnahm die linke der beiden Pillen und hielt ihm die verbleibende hin.

»Bevor wir reden ...«, sagte ich, und es war das Erste, was ich heute sagte, »... solltest du offen sein für Visionen.«

Er griff zögernd danach. »Was ist das?«

Ich zerbiss hörbar meine Pille und schloss dabei die Augen. »Es macht die Gedanken frei.« Eigentlich schmeckte ich nur Zucker um einen Lakritzkern.

Als ich die Augen wieder öffnete, sah ich, dass er mich angrinste. »Ihr Produzenten seid um nichts besser als die Künstler.« Dann zerkaute auch er die Pille.

Sein Körper zitterte leicht, und für einige Sekunden sah ich nur das Weiß in seinen Augen. Die Gleichgewichtsstörungen setzten ein, aber er kippte nicht um.

»Was ist ...« Seine nächsten Wörter verkümmerten zu einem Lallen.

Er hatte nicht wissen können, dass es zwischen der Pille, die ich, und der, die er genommen hatte, einen Unterschied gab. Als ihn die volle Wirkung des Mittels traf, sank er auf die Knie.

Er, Nazareth, kniete vor mir, und jetzt sah ich auf ihn herab. »Ja«, flüsterte ich. »So ist es schon besser.«

Ich klappte den Kragen meines Mantels hoch, als der Wind über das Dach des Hotels hinwegjagte und wie eine eisige Klaue unter den überdachten Bereich griff. Die Markierungen der Hubschrauber-Landeplätze waren eingeschaltet, Kreuze aus rot pulsierenden Positionslichtern. Doch in der nächsten Stunde würde keine Maschine eine Landeerlaubnis auf dem Hotel erhalten. Dafür hatte ich vor einigen Stunden durch eine nicht unbeträchtliche Überweisung an den Eigentümer gesorgt. Außerdem würde niemand von unten auf das Landedeck gelangen können. Nazareth hatte das gesamte oberste Stockwerk des Hotels gemietet.

Erschienen in
Hardy Kettlitz u.a. (Hrsg.): [[buch.kettlitz-hardy-1966.alien-contact-jahrbuch-2002|Alien Contact – Jahrbuch f
Links
Website von Thorsten Küper
Lieferbare Titel mit dem Stichwort Thorsten Küper
© copyright 1997-2011 by EPILOGmedia • Alle Rechte vorbehalten
eMail: dialog@epilog.de | Impressum | AGB + Widerrufsrecht