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Vom Tagtraum zum Traumbuch

Walter Moers über seine Arbeit an Wilde Reise durch die Nacht


Mit dieser Illustration Gustave Dorés fing alles an: Ich fand sie in einem Sachbuch über Kinderbuchillustration als gelungenes Beispiel für suggestive Bildgestaltung. Die Wirkung dieses Holzschnittes zu dem Märchen Der Kleine Däumling von Charles Perrault war in der Tat so stark, daß mich der Gedanke daran tagelang nicht mehr losließ und ich mir zwanghaft immer wieder vorstellen mußte, was der kleinen Schar auf ihrem Weg in den düsteren Forst widerfahren würde - etwas Erfreuliches würde es wohl nicht sein.

Wie wäre es, um dieses Bild herum eine Kurzgeschichte zu schreiben, ein kleines schauriges Märchen vielleicht, mit den zentralen Motiven Axtmord und Kannibalismus? Womöglich war es aber gar nicht so unerfreulich, was den Kindern widerfuhr, vielleicht ging es letztendlich dem Axtträger an den Kinderschänderkragen, und er war derjenige, der verspeist wurde - von den Kindern, bei lebendigem Leib? Oder eine Zehn-Kleine-Negerlein-Geschichte, in der jeder sein Fett abkriegt, bis auf den winzigen Däumling, der als einziger übrigbleibt - und dann von einem ganz, ganz kleinen Wolf gefressen wird? Ich nahm mir vor, mich demnächst wieder einmal eingehender mit Dorés Werk zu beschäftigen. Man könnte sogar ein ganzes Buch aus der Idee machen, dachte ich, eine Sammlung einzelner Kurzgeschichten, die sich jeweils an einem Bild von Gustave Doré entzündeten. Es kam ein wenig anders, aus dem Kurzgeschichtenband wurde ein Roman, und bedauerlicherweise hat ausgerechnet diese wundervolle Illustration zum Kleinen Däumling - eine von Dorés besten - ihren Weg in das fertige Buch nicht gefunden. Aber sie war der erste Impuls, sozusagen das Ticket für meine Wilde Reise durch die Nacht.

Ich nahm mir vor, alles von Doré zusammenzukaufen, was mir in Buchhandlungen von ihm begegnen würde. Da ich mich zu dieser Zeit auf einer längeren Reise durch Amerika befand, beschränkten sich meine Funde auf billige Hefte, in denen Doré-Zeichnungen, von ihrem literarischen Kontext getrennt, lediglich als Referenzmaterial für Zeichner abgedruckt waren - zur Herstellung von Collagen. Das hatte einen unerwarteten, für mein Vorhaben durchaus hilfreichen Effekt: Ohne Text, ganz für sich genommen, verselbständigten sich die Bilder noch mehr, ließen mehr Raum für eigene Einfälle. Ich kam allerdings bald von der Idee ab, Kurzgeschichten um sie herum zu schreiben. Mit der Zeit kristallisierte sich nämlich eine Auswahl von etwa zwanzig Bildern heraus, die einen besonders nachhaltigen Eindruck auf mich machten. Ich fotokopierte die Illustrationen, legte sie in eine Mappe und sah sie mir immer wieder an - bis sie sich nach und nach zu einem erzählerischen Ablauf fügten, mit einer durchgehenden Handlung, die schließlich genug Stoff für einen kleinen Roman ergab, in dem der Zeichner Gustave Doré selber die Hauptrolle spielt.

Der zwölfjährige Gustave hat einen Traum, in dem er einige der besten Bilder seines Schaffens vorausträumt. In einer pf_blau.gif (839 Byte) rasanten Reise durch eine einzige Nacht bewegt er sich von Traumbild zu Traumbild, durch eine Welt voller Gefahren und monströser Gestalten. Er macht eine Wette mit dem Tod, in der es um seine Seele geht, und so muß er verschiedene Abenteuer mit schrecklichen Ungeheuern und Gespenstern, mit nackten Amazonen, feuerspeienden Drachen, denkenden Stürmen, bösartigen Riesen, einer Traumprinzessin und einem sprechenden Pferd bestehen.

Ich erzählte also den Bildern Gustave Dorés meine Geschichte, und es war mir egal, ob den Bildern die Geschichte gefiel oder nicht. Darf man so was?

Das war schamloseste Aneignung künstlerischen Eigentums, skrupellose Ausnutzung des internationalen Urheberrechts. Denn über Illustrationen kann man siebzig Jahre nach Ableben des Künstlers frei verfügen. Aber die Selbstvorwürfe schienen verkraftbar zu sein, denn Doré war nachweislich mit den von ihm illustrierten Autoren ebenso erbarmungslos umgesprungen. Seine Illustrationen erzählen nicht selten eine eigene, von ihrer literarischen Grundlage abweichende, auf jeden Fall aber immer dramatischere Geschichte. Ich bin nicht davon überzeugt, daß all die von Doré illustrierten Autoren von seinen Bildern wirklich beglückt gewesen wären, wenn sie sie zu Lebzeiten zu Gesicht bekommen hätten. Ich bezweifle, daß Dante, La Fontaine oder Cervantes sich ihre Figuren, Landschaften und Szenen tatsächlich so vorgestellt haben, wie Doré sie angelegt hat. Er ordnete seine eigene Arbeit der Literatur nicht unter, sondern eignete sich die Texte an, damit sie ihm als Folie für seine überschäumenden Visionen dienen konnten. Er zeichnete sie von allen Seiten zu und verschüttete sie gnadenlos unter seinem visuellen Einfallsreichtum. Wenn Doré illustrierte, wollte er nicht Coleridge, Chateaubriand oder Dante zeigen, sondern Doré, Doré und Doré.

Den Don Quichote stattete er mit 377 Illustrationen aus, den Ariost mit 618, den Rabelais mit 719, für den geplanten und nicht mehr ausgeführten Shakespeare veranschlagte er glatt 1000 Illustrationen - »eine schöne runde Zahl, die sich auch gut auf den Reklameplakaten macht«. (Gustave Doré) Manchmal, wie etwa bei den Fabeln La Fontaines, scheint er dem Text nicht allzuviel zuzutrauen. Deshalb werden zahlreiche Motive gleich zweimal, aus zwei verschiedenen Perspektiven, dargestellt, in jeweils einem ganzseitigen Holzschnitt und einer halbseitigen Federzeichnung. Es macht beinahe den Eindruck, als würde der Text die Bilder illustrieren und nicht umgekehrt. Einen ähnlichen Eindruck muß Jules Barbey d'Aurevilly gehabt haben, der beim Anblick der Tolldreisten Geschichten sagte: »Der Illustrator ist Balzac, der Illustrierte Doré.« Ich brauche also kein allzu schlechtes Gewissen zu haben, wenn ich zwanzig Doré-Bilder unter zweihundert Seiten Text begrabe: Der Meister hat schließlich damit angefangen. Drei Punkte gefallen mir an meiner Schandtat besonders gut: Erstens: Ich habe die Illustrationsarbeit für mein neues Buch komplett gespart. Zweitens: Ich habe mir dafür den größten Illustrator aller Zeiten ausgesucht. Und drittens: Ich muß ihn nicht einmal bezahlen oder an den Tantiemen beteiligen!

Das ist nicht nur künstlerisch und moralisch infam, das ist die Idee eines kriminellen Superhirns. Selbst die Methode habe ich beim Meister geklaut und lediglich umgekehrt: Er illustrierte die Texte - ich habe die Illustrationen betextet. Da auch Doré bevorzugt mit toten Partnern gearbeitet hat, konnte ich mir zur Gewissenserleichterung auch noch einreden, daß ihm meine Methode der kreativen Leichenschändung gefallen hätte. Also rief ich meinen Verleger an, um vor ihm mit meinem teuflischen Plan zu prahlen.

Ich: »Hallo Verleger!«
Verleger: »Hallo Sklave! Folgst Du auch schön deinem krankhaften Zwang, mit manischer Produktivität gutverkäufliche Bücher zu generieren?«
Ich: »Ja, Meister.«
Verleger: »Brav! Hast du heute auch schon ein goldenes Ei gelegt?«
Ich: »Ja, denk Dir nur, Meister, ich hatte just wieder eine Idee für ein neues Buch.«
Verleger: (jovial) »Nur frisch heraus damit!«
Ich: »Ich habe zwei Nachrichten: Eine gute und eine noch bessere. Die gute zuerst: Ich habe das Buch bereits geschrieben ...
Verleger: »Hurra! Ich setze sofort einen der üblichen Knebelverträge auf!«
Ich: »... und ich hätte dafür gerne den besten, berühmtesten und teuersten Illustrator aller Zeiten.«
Verleger (greift sich scheinbar ans Herz - aber Verleger haben kein Herz: er legt nur instinktiv schützend seine Hand über seine Brieftasche): »Schluck!«
Ich: »Die noch bessere Nachricht: Der Illustrator ist seit über hundert Jahren tot und seine Illustrationen sind rechtefrei.«
Verleger: »Halleluja! Superidee!«
(Danach befreites Gelächter, Gesang, ein Entkorkungsgeräusch.)

© 2001 Eichborn Verlag • Mit freundlicher Genehmigung

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Essay »Das Traumkino des Gustave Doré« von Walter Moers.

Walter Moers
Wilde Reise durch die Nacht, mit Illustrationen von Gustave Doré (Frankfurt/M.: Eichborn, 2001) Bestellen
Hörbuch gelesen von Dirk Bach (Frankfurt: Lido, 2001) Bestellen
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