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| Das Magazin für Science Fiction & Fantasy • Ausgabe 48 • Story |
Als Andrew sieben war, verwandelte sich seine Mutter in einen Fuchs.
Schnee ersparte den Kindern mittags die Schule, der Bus schlitterte den Hügel hinunter, um an jeder eisüberzogenen Ecke jubilierende Banden in die Freiheit zu entlassen. Andrew stieg als Letzter aus, und beinahe wäre er vom Trittbrett gefallen, als er sich umwandte, um dem Fahrer zuzuwinken. Er rannte zur Vordertür des Hauses, hämmerte an die Scheibe und rief: »Mama! Mama!«. Er zog sich den Schal vom Gesicht, um besser durch die frostüberzogenen Fenster spähen zu können. Innen sah es dunkel aus; aber er hörte den Fernseher mit sich selbst plappern, hörte die alte Schiffsuhr halb zwei schlagen. Dann musste sie wohl unten sein und die Wäsche machen. Er stürmte ums Haus herum und glitt über die vereisten Steinplatten.
»Mama ... ich bin zu Hause, es hat geschneit, ich bin ...«
Zuerst sah er den Vogel. Er hielt ihn für den Kardinal, der letzten Frühling im Vogelhaus genistet hatte: ein leuchtend purpurner Einschnitt im Schnee, wie sein verlorener Fäustling. Andrew hielt den Atem an, als er sich unbehaglich vorbeugte, um ihn in Augenschein zu nehmen.
Eine Blaumeise, die nicht mehr blau war, die verstreuten Federn trübgrau wie angelaufenes Silber, die bleiche Haube bebend wie ein anklagend erhobener Zeigefinger. Der Schnee unter ihr leuchtete rot wie Farbe, Dampf stieg von der übel zugerichteten Brust auf. Andrew raffte seinen Schal und suchte das Haus nach der Nachbarskatze ab.
Dann sah er den Fuchs, der die Stufen zur offenen Hintertür hinauftrippelte. Sein Maul stand offen und entblößte feuchte, weiße Zähne; der gekrümmte Halbmond des Flügels der Meise hing aus seinen Fängen. Andrew schnappte nach Luft. Der Fuchs war ebenso überrascht, er öffnete das Maul, und der Flügel fiel und zerbrach wie rotierende Ahornsamen. Für einen Augenblick sahen sie sich an, aus blauen und schwarzen Augen. Dann streckte der Fuchs die Vorderbeine, als würde er gähnen, dehnte das Maul weit, allzu weit, bis es aussah, als würde sein Kiefer sich spalten wie die gebrochenen Federn. Andrew sah rotes Zahnfleisch und die Zunge, Zähne wie eine Elfenbeintreppe, die in der Finsternis entschwindet – eine Schwärze, die zum Haar seiner Mutter wurde, zu ihren Augen, zu seiner Mutter, die nackt im Schnee zusammengekrümmt auf der obersten Stufe nach Luft schnappte.
Jetzt musste sie es ihm zeigen. Nicht am gleichen Tag, nicht einmal in jenem Winter, aber später, im Sommer, als wieder Kardinäle im Vogelhaus nisteten und krächzende Eichelhäher Goldfinken aus dem Vogelbad jagten.
»Eines Tages wird es dir gehören, Andrew«, sagte sie, als sie ihr Schmuckkästchen aus dem Geheimfach in der Küche zog. »Wenn du älter bist. Sonst gibt es niemanden«, fügte sie hinzu. Sein Vater war vor Andrews Geburt gestorben. »Es gehört ohnehin mir.«
In dem Kästchen lagen Perlenketten, Jadeschildkröten, ein Anhänger aus Schmetterlingsflügeln, der einen Sonnenuntergang hinter Palmen darstellte. Und ein kleines, ekliges Ding, so lang wie ihr Daumen und von der gleichen Farbe: cremefarben gesprenkelt, nussbraun in den Falten. Zuerst hielt er es für einen Käfer. Es war das Jahr der Heuschrecken, und ihre leeren Hüllen starrten ihn überall aus Bäumen und Wandritzen an.
Aber es war keine Heuschrecke. Seine Mutter legte es ihm in die Hand, und er hielt es direkt vor sein Gesicht. Ein fremdartiger Stein, glatt wie Haut. Zuerst fühlte er sich kühl an, doch nach einer Weile wurde er in seiner Hand wärmer. Er warf seiner Mutter einen hilfesuchenden Blick zu.
»Keine Angst.« Sie lachte trocken. »Es beißt nicht.« Und sie nahm einen Schluck aus ihrem Glas.
Es war ein Tier, das nur aus schräg stehenden Augen und grinsendem Maul zu bestehen schien, und es hatte die Pfoten unter dem spitzen Kinn angewinkelt wie ein Hund, der Männchen machte. In den Stein war ein kleines Loch gebohrt worden, so dass man ihn an einer Schnur befestigen konnte.
»Wie funktioniert es?«, fragte Andrew. Seine Mutter schüttelte den Kopf.
»Noch nicht«, sagte sie und ließ die Eiswürfel in ihrem Glas klirren. »Es gehört immer noch mir. Aber eines Tages eines Tages zeige ich es dir.« Sie nahm die kleine Schnitzerei und legte sie an ihren Platz zurück, dann schloss sie das Schmuckkästchen wieder im Geheimfach ein.
Das war nun sieben Jahre her. Der Bus, der am Fuß des Hügels hielt, würde Andrew bald zur Highschool bringen. Ein weiterer Heuschreckensommer ging vorbei. Die Zikaden erwachten in den Augustnächten und krochen wie eine Geisterarmee aus den gespaltenen Häuten. In der Nacht, in der sie zu singen begannen, wachte Andrew auf und entdeckte die Leiche seiner Mutter. Helle Pillen kullerten aus ihrer Hand, als er die Finger aufbog. In der anderen Hand lag das Amulett. Wo sie den Stein umklammert hatte, war die Handfläche wund.
Er lehnte die Beruhigungsmittel ab, die der Arzt ihm anbot, wies verlegene Beileidsbekundungen seiner Freunde und Verwandten zurück, die sich plötzlich in Fremde verwandelt hatten. Später schlurfte er vor dem Sarg auf und ab und zupfte Blütenblätter von den Nelken. Der Schwester seiner Mutter nickte er steif zu, als sie kam, um ihn auf das Begräbnis mitzunehmen.
»Colin geht in drei Wochen nach Brockport«, sagte seine Tante später im Auto. »Wenn er weg ist, kannst du das Zimmer für dich alleine haben. Entweder das oder die Couch.«
»Ist mir egal«, antwortete Andrew. Er hatte nicht vorgehabt, seiner Stimme einen so groben Klang zu geben. »Ich meine, es ist nicht so wichtig. Es ist so oder so in Ordnung. Wirklich.«
Und das war es, wirklich.
Denn am nächsten Tag war er fort.
