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Wieso denn Kasanzew?

Hans-Peter Neumann im Gespräch mit Erik Simon - zur Auswahl sowjetischer SF in DDR-Verlagen


Im Abschnitt »DIE TROMMEL« meiner kommentierten Bibliographie-Reihe zu den Science-Fiction-Abdrucken in Zeitungen und Zeitschriften der DDR spekulierte ich über die Gründe, warum wohl von dem sowjetischen SF-Autor Alexander Kasanzew in der DDR nicht mehr Werke erschienen sind. Die Veröffentlichung eines Auszugs aus dessen Roman Planet der Stürme in der Pionierzeitung DIE TROMMEL wurde von vielen Lesern meiner Reihe als kleine Sensation gewertet, da dies als eine Ausnahme von der von vielen Fans wahrgenommenen Diskrepanz zwischen dem Status eines sowjetischen SF-Klassikers - der ihm wohl in der UdSSR eingeräumt wurde - und der Veröffentlichungspolitik der DDR-Verlage, die von Kasanzew fast nichts druckten, wahrgenommen wurde. Meine Spekulationen gingen in die Richtung, daß den verantwortlichen DDR-Lektoren wohl Kasanzews Rolle als Denunziant anderer sowjetischer SF-Autoren nicht verborgen geblieben war und er in der DDR deshalb »geschnitten« wurde. Erik Simon, lange Jahre verantwortlicher Lektor für Science Fiction der sozialistischen Länder beim Verlag Das Neue Berlin, antwortet im nachfolgenden Gespräch auf Fragen zu Kasanzew und zur Auswahl und Veröffentlichung sowjetischer SF in der DDR. - HPN
Hans-Peter Neumann: Erik, beginnen wir gleich mit einem Bekenntnis: Habt ihr - also deine Lektorenkollegen in anderen Verlagen und du bei Das Neue Berlin - Alexander Kasanzews Erscheinen in der DDR bewußt verhindert?

Erik Simon: Soweit es mich betrifft: Ja, bewußt schon, aber nicht aus den Gründen, die du vermutet hast. Daß von Kasanzew in der DDR verhältnismäßig wenig gedruckt worden ist, stimmt, wobei zu erwägen bleibt, was man unter »verhältnismäßig wenig« verstehen sollte. Daß Kasanzew in der sowjetischen Science Fiction etwa ab Mitte der sechziger Jahre die sehr unrühmliche Rolle des politischen Denunzianten und Verleumders gespielt hat, ist ebenso wahr wie die Tatsache, daß er sich außer bei seinesgleichen damit kaum Sympathien erworben hat. Man muß freilich in Rechnung stellen, daß viele Leute in der sowjetischen SF und erst recht im Ausland nie davon erfahren haben. Was mich betrifft, so erfuhr ich es auch erst Ende der siebziger oder Anfang der achtziger Jahre, was meine Neigung, Kasanzew in der DDR vorzustellen, ab diesem Zeitpunkt in der Tat nicht gerade stärkte. Das entscheidende Kriterium war das aber nicht, und vorher kann es, wie gesagt, gar keins gewesen sein.

HPN: Wie erklärst du dir dann, daß in den fünfziger und sechziger Jahren - abgesehen von zwei Erzählungen in einer Anthologie eines sowjetischen Verlages - nichts von Kasanzew publiziert wurde?

ES: Du setzt stillschweigend voraus, daß »normalerweise« mehr von Kasanzew hätte erscheinen müssen. Aber wieso eigentlich? Gewiß, Kasanzew war in den fünfziger Jahren einer der prominentesten sowjetischen SF-Autoren, allerdings hauptsächlich infolge der Menge seiner Werke und seines schon damals nicht zu vernachlässigenden politischen Einflusses; qualitativ ragte er aus der SF seiner Zeitgenossen keineswegs heraus, sein erster und (laut A. F. Britikow, der sie bis Mitte der sechziger Jahre alle gelesen hat) immer noch bester Roman Die flammende Insel (1940, 1941) hat mehr als zufällige Ähnlichkeit mit W. Orlowskis Aufstand der Atome (1928).
   Sicher, so bis etwa Mitte der sechziger Jahre hätte man vielleicht mehr DDR-Veröffentlichungen von Kasanzew erwarten können. Daß damals statt seiner Autoren wie Kandyba, Nemzow, Valentin Iwanow, K. Wolkow oder der frühe Martynow gedruckt wurden, die allesamt nicht wesentlich besser (manche sogar noch langweiliger) als Kasanzew schrieben, ist sicherlich purer Zufall und der Tatsache geschuldet, daß damals überhaupt relativ wenig SF übersetzt wurde - man kann eine lange Liste von anderen mittelmäßigen sowjetischen SF-Autoren aus jener Zeit aufstellen, die auch nicht in der DDR publiziert wurden, und eine etwas kürzere Liste von damals schon russisch vorliegenden Werken, die entschieden besser waren und die DDR-Leser trotzdem nicht (oder erst sehr viel später) erreichten. (Und außerdem gab es in der DDR damals durchaus schon bessere sowjetische SF, von Klassikern wie Tolstoi und Obrutschew über sehr respektable Abenteuer-SF wie den etwas späteren Martynow oder Woiskunski & Lukodjanow bis zu dem ungewöhnlichen Polestschuk und dem bahnbrechenden Jefremow.)

HPN: Kann man also sagen, daß es in der DDR in den fünfziger und sechziger Jahren noch keine klaren verlagspolitischen Vorgaben oder Prinzipien zur Veröffentlichung von SF der sozialistischen Bruderländer gab?

ES: Was heißt, es gab noch keine? Auch in den siebziger, achtziger Jahren gab es keine, und es würde mich doch sehr wundern, wenn es vorher welche gegeben hätte. Die Vorstellung, die Buchproduktion in der DDR sei durchgehend irgendwelchen politischen, zumindest verlagspolitischen Prinzipien gefolgt, ist falsch, besonders in puncto SF. Natürlich gab es die allgemeine ideologische Linie, an die man sich tunlichst hielt: Der Sozialismus ist gut, der Kapitalismus böse, die Sowjetunion ist die Vorhut des Fortschritts, ja, es gibt noch Mißstände, und auf dem Wege zum Kommunismus kommen noch große Probleme auf uns zu, doch die Arbeiterklasse & Co. (unter der Führung der Partei mit dem Genossen Sowieso an der Spitze) werden damit fertig, usw. Im Einzelfall herrschte aber fast immer der Zufall. Auf der politischen Ebene hieß das, daß niemand von ganz oben der SF konkrete Vorschriften machte; es gab keine staatlich verordnete Konzeption der SF, weder für die einheimische noch für die aus den Bruderländern. Wenn man sieht, wo solch eine Reglementierung in der Sowjetunion unter Stalin hingeführt hat - nämlich zur sogenannten »Phantastik der nahen Zielstellung« -, kann man nur froh sein, daß uns das größtenteils erspart geblieben ist.
   Andererseits ereigneten sich aber immer wieder ganz unkalkulierbare Einwände und Vorwürfe gegen SF; der sichtliche Mangel an einfachen Regeln, gepaart mit profundem Unverständnis, verlockte so manchen, seine eigenen (bzw. von älteren sowjetischen SF-Ideologen übernomme) Vorstellungen zur allgemein verbindlichen Norm zu erklären. In den sechziger Jahren gab es in der Presse der DDR Ansätze zu einer Diskussion über SF, die eine ziemlich unangenehme polemische Färbung bekam; das muß so um 1966 gewesen sein, denn als Beispiel für die Verwerflichkeit bestimmter Arten von SF mußte wiederholt die Anthologie Marsmenschen herhalten. Eine Reaktion auf diese Lage war die immer wieder erwähnte Konzeption der Utopischen Literatur beim Neuen Berlin, an der Ekkehard Redlin federführend beteiligt war - der Verlag machte sich seine Vorgaben also selber. Das war im Grunde ein für die DDR nach dem Mauerbau ganz typischer Vorgang: Man zog sich selber Grenzen, in der Hoffnung, sich innerhalb dieser Grenzen freier bewegen zu können, einer womöglich noch engeren Grenzziehung zuvorzukommen und diese Grenzen gegen Angriffe von außen behaupten zu können - womit im Falle der SF-Konzeption kein Angriff des Klassenfeindes gemeint ist, sondern ein ideologischer Angriff der eigenen Genossen. Die Konzeption diente also zuvörderst dazu, bestimmte Dinge als erlaubt und wünschenswert festzuhalten; die Einschränkungen nahm später keiner mehr ernst: So dekretierte die Konzeption von DNB noch, bei der Darstellung möglicher künftiger Fehlentwicklungen müsse immer eine Lösung oder wenigstens ein optimistischer Ausblick mitgeliefert werden, die »Warnutopie« (auch ein aus der sowjetischen SF-Diskussion übernommener Begriff) sei abzulehnen; in einigen DDR-Werken (wahrscheinlich bei Heiner Ranks Roman Die Ohnmacht der Allmächtigen, verbürgt bei Gert Prokops Erzählzyklus Wer stiehlt schon Unterschenkel) wurde dieses, wie wir bei DNB sagten, »rote Schwänzchen« ordnungsgemäß angehängt, aber später sind bei DNB auch ganz fortschrittspessimistische SF-Werke erschienen, etwa Huxleys Schöne neue Welt.

HPN: Es gab also keine nennenswerten Einschränkungen der Auswahl?

ES: Es gab eine ganz entscheidende Einschränkung: Die Auswahl konnte nur aus dem Material getroffen werden, das dem jeweiligen Lektor gerade unterkam und das ihm oder seinen Gutachtern halbwegs gefiel. Lange Zeit, da sich kein Lektor in der DDR systematisch mit sowjetischer SF befaßte, regierte da praktisch nur der Zufall. Mitunter war das ein durchaus glücklicher Zufall, wie die sowjetische SF in der kap-Reihe beweist - deren Herausgeber (»Redakteur«) Lothar Grünewald sprach nämlich kein Russisch und traf seine Auswahl anhand von Gutachten, die andere Kollegen oder Übersetzer für ihn anfertigten. Und bis in die frühen siebziger Jahre gab es halt auch immer wieder jene ideologischen Vorbehalte, die weniger aus einer bestimmten Linie als vielmehr aus Orientierungslosigkeit resultierten.
   Anders ist kaum zu erklären, wie in Klaus Walthers ungeheuer verdienstvolle Anthologie Marsmenschen neben erstklassigen Beiträgen von Lem oder den Anglo-Amerikanern etwa der vergleichsweise viel schwächere Saparin geraten ist oder warum von Nesvadba ausgerechnet »Die Erfindung gegen sich selbst« aufgenommen wurde, die nicht zu seinen allerbesten Arbeiten gehört, dafür aber zu seinen wenigen, die schön bilderbuchhaft Kommunismus illustrieren (der Saparin illustriert ja historischen Materialismus). Es war damals und auch noch unter meiner Vorgängerin Eleonore Weist (obwohl die durchaus Russisch lesen konnte) üblich, anhand von Gutachten eine Vorauswahl zu treffen, diese Texte übersetzen zu lassen und erst anhand der Übersetzung zu entscheiden, was gedruckt und was weggeworfen werden sollte. So wurde auch die ursprüngliche Titelgeschichte von Walthers Anthologie, »Die Marsmenschen« von den Safronows, dann doch herausgenommen, weil sie jemandem (vielleicht dem Herausgeber selbst) nicht gefiel, und im MAGAZIN entsorgt. Diese Verfahrensweise war möglich, solange die UdSSR in keinem internationalen Urheberrechtsabkommen war und man also auf Autorenrechte keine Rücksicht zu nehmen brauchte. (Die Russen haben das übrigens ganz ähnlich gemacht: Dort haben Übersetzer oft sogar ohne Auftrag auf eigenes Risiko etwas übersetzt und den Text dann Verlagen angeboten; sie haben also wie Autoren agiert.)
   In der Folgezeit hat es in der DDR immer genau drei Verlagslektoren gegeben, die sich mit sowjetischer SF befaßten (keiner davon ausschließlich): Hannelore Menke bei Volk und Welt (sie war dort eigentlich als Redakteurin im UdSSR-Lektorat angestellt - nicht als Lektorin, bei Volk und Welt war das getrennt - und durfte nebenbei die SF auswählen, weil die hauptamtlichen Lektoren sich dafür zu schade waren), ich beim Neuen Berlin und in wechselnder Besetzung eine Lektorin im Auslandslektorat des Verlages Neues Leben. Spezifisch an sowjetischer SF interessiert waren Hannelore Menke und ich; im Neuen Leben habe ich solches Interesse eigentlich nur zeitweise feststellen können, als Erika Schulze-Pietraß dort u. a. die sowjetische SF betreute. Ich denke schon, daß von diesen wenigen Spezialisten ich den besten Überblick hatte, einfach aus dem Grunde, weil ich mich auch privat dafür interessierte./1/
   Zuerst einmal muß man aber ein Buch haben, um es prüfen zu können; ich habe mir einen erheblichen Teil der Bücher aus dem sozialistischen Ausland privat im Internationalen Buch gekauft, weil mein Verlag außerstande war, sie auf den zwischen Verlagen üblichen Wegen zu beschaffen. Anders als in den meisten anderen Ländern sah das sowjetische Urheberrecht vor, daß die Verlage nur Abdruckrechte für eine bestimmte Ausgabe und Auflage erwarben, im übrigen verblieben alle Rechte beim Autor, der dasselbe Werk gleichzeitig einem anderen sowjetischen Verlag verkaufen durfte; der Verlag war an den Einnahmen aus Lizenzvergaben in die DDR nicht beteiligt, hatte also kein besonderes Interesse daran und war im übrigen - wie auch der Autor - mit Buchexemplaren permanent unterversorgt. Was ich an Büchern von sowjetischen Verlagen bekam, habe ich fast durchweg auf Dienstreisen selbst eingesammelt, d. h. einem Lektor abgeschwatzt. So ziemlich der einzige Verlag, wo man großzügig mit Exemplaren umging, war der Komsomol-Verlag Molodaja Gwardija - mit Kasanzew-Werken hätte ich mich problemlos eindecken können, wäre nicht der Koffer schon so schwer gewesen. Den Reibach bei Lizenzvergaben ins Ausland machte die sowjetische staatliche Urheberrechts-Agentur, dort bekam man eher mal ein Buch, die Agentur ließ es sich aber oft auch nur von Autor geben, oder sie bekamen und schickten nur den vierten Durchschlag des Manuskripts.
   Diese Agentur übte auch eine Art politische Zensur aus - praktisch die einzige, mit der man in der DDR bei sowjetischen Büchern zu tun hatte, denn daß die ideologisch in Ordnung waren, stand bis zur Perestroika a priori fest. In meiner Praxis passierte das ein einziges Mal: Von der Schnecke am Hang der Strugazkis bekamen wir nur für die 1966 erschienenen Wald-Kapitel die Rechte, nicht aber für die Verwaltungs-Kapitel, die 1968 in einer sibirischen Zeitschrift erschienen und alsbald verboten worden waren; da Der Wald zwar eine völlig in sich abgeschlossene Handlung hat, aber selbst für das kleine Format von DNB zu kurz war, baute ich eine Anthologie herum.
   Das Haupthindernis war jedoch das in der DDR übliche System der internen Optionen. Die zuständige Hauptverwaltung im Kulturministerium teilte nämlich auf Antrag den einzelnen Verlagen das Recht zu, ein fremdsprachiges Werk als erster auf Eignung für das jeweilige Verlagsprogramm zu prüfen; solange war das Werk für andere DDR-Verlage tabu. Der Zweck war, parallele, also doppelte Arbeit zu vermeiden, aber insbesondere Volk und Welt neigte dazu, erstens ganz pauschal auf jedes sowjetische Werk möglichst schon vor dem Erscheinen eine Option zu nehmen (das machte bei denen wohl die Sekretärin) und darauf dann endlos lange sitzen zu bleiben. Ich habe mir durch direkte Absprachen mit Frau Menke und mit Frau Krause, der zuständigen Lektoratsleiterin beim Neuen Leben, das Leben leichter gemacht, das heißt, wir respektierten wechselseitig, daß ein Verlag, der ein Buch eines sowjetischen SF-Autors gebracht hatte, diesen Autor auch weiterhin betreute. Also hatte Volk und Welt beispielsweise Bilenkin und Gansowski, DNB Bulytschow und das Neue Leben die Larionowa; nur um die Strugazkis gab es ein permanentes Tauziehen. Der Hinweis, daß der andere Verlag ebenfalls interessiert ist, hat aber sowohl Frau Menke als auch mir mitunter geholfen, ein Strugazki-Werk im eigenen Verlag durchzusetzen, das heißt, gegen die Konkurrenz der Buchprojekte anderer Lektoren. Denn natürlich reichten Papier und Druckkapazität nie für alle, und ich mußte hart kämpfen, um für das gleiche Geld ein bißchen mehr arbeiten zu dürfen. Bei Heyne haben zeitweise zwei Lektoren auf anderthalb Stellen an die hundertfünfzig Titel pro Jahr betreut; wenn ich mich durchsetzen konnte und hernach die Druckereien tatsächlich ihre Pläne erfüllten, kam ich mit meiner Halbtagsstelle als Lektor bei DNB auf ungefähr drei neue Bücher pro Jahr. Da konnte man wirklich sehr, sehr sorgfältig auswählen und redigieren und nebenbei noch ausgiebig mit Kollegen plaudern: arbeiten wie im vollendeten Kommunismus.

HPN: Haben bei deiner Auswahl sowjetischer SF also immer nur Qualitätskriterien eine Rolle gespielt?

ES: Das nun auch wieder nicht. In einem weiteren Sinne schon, aber erstens gab es die erwähnten technischen Einschränkungen, und zweitens sind Qualitätskriterien halt immer subjektiv. Ich habe also zuerst nach dem eigenen Geschmack geurteilt und mein Gewissen damit beruhigt, daß ich erstens ja auch meine Kollegen im Lektorat überzeugen mußte und daß es zweitens, wenn ich wirklich mal ein sehr gutes Buch falsch einschätzen oder übersehen sollte, ja immer noch die beiden anderen Verlage gab. Und natürlich habe ich mein Urteil relativiert, indem ich nicht nur die Vorzüge des einzelnen Werkes berücksichtigt, sondern auch eine gewisse Vielfalt angestrebt habe. Snegow beispielsweise war ein respektabler Autor, aber entschieden keiner von meinen Favoriten; dennoch wäre es angesichts der nahezu religiösen Verehrung, den die beiden ersten Teile von Menschen wie Götter bei den Fans in der DDR genossen (aus Karl-Marx-Stadt schrieb jemand, der auch im Fandom bekannt war, er verdanke diesem Buch die schönsten Stunden seines Lebens), blödsinnig gewesen, den dritten Teil nicht zu bringen. Andererseits habe ich mit Autoren wie Gennadi Gor oder dem Polen Cz. Chruszczewski Autoren vorgestellt, von denen ziemlich sicher war, daß sie nicht den Geschmack des durchschnittlichen SF-Publikums treffen. Überhaupt habe ich im Zweifelsfall lieber einen neuen Autor gebracht als ein weiteres erstklassiges Buch von einem schon bekannten; wir hätten problemlos mehr von Kir Bulytschow bringen können oder beispielsweise zweite Bände von Warschawski oder Kolupajew.
   Und natürlich wollte ich ja die übrigen sozialistischen Länder nicht aus dem Blick verlieren. Ungarn und Rumänien habe ich vernachlässigt, weil ich die Sprachen nicht lese, sie waren aber in den anderen DDR-Verlagen recht gut repräsentiert. Im übrigen habe ich bei sowjetischer SF durchaus strengere Maßstäbe angelegt, einfach, weil die Auswahl viel größer war. In meinen beiden bulgarischen Anthologien sind ein paar relativ schwache Texte, die ich sowjetischen Autoren wohl nicht abgenommen hätte, es sind aber auch sehr starke Erzählungen darin, und die wären auch nicht übersetzt worden, wenn es die Anthologien nicht gegeben hätte.

HPN: Ist also mein Satz in BÄRZIN 23, »daß einige für sowjetische SF verantwortliche DDR-Lektoren ›zufällig‹ immer viel wichtigere Bücher herauszubringen hatten als etwas von Kasanzew«, ab Mitte der siebziger Jahre doch berechtigt?

ES: Ja um Himmels willen, wieso denn zufällig oder gar »zufällig«? Bei all den Zufällen, die in der DDR-SF wirkten, ist gerade das ja nun keiner. Wenn die der SF zugeteilten Papier- und Druckkapazitäten nicht einmal für die wirklich erstklassigen Werke und vielleicht noch den einen oder anderen Farbtupfer aus dem gehobenen Mittelfeld ausreichten, wozu hätten Hannelore Menke oder ich dann einen schlechthin überflüssigen Autor ins Programm nehmen sollen? Allein Kir Bulytschow dürfte mehr SF-Bücher geschrieben haben, als in der DDR seit 1975 insgesamt an sowjetischer SF gedruckt wurde, und selbst das schwächste davon ist immer noch viel besser als alles, was Kasanzew jemals zustande gebracht hat.
   Es kommt ja vor, daß einer ein begnadeter Künstler und als Mensch widerwärtig ist, doch der womöglich folgende Konflikt zwischen ästhetischer und moralischer Wertung bleibt einem bei Kasanzew von vornherein erspart. Ich habe einen Erzählungsband von Michail Puchow für die DDR zusammengestellt und damit wohl einiges Befremden bei Freunden und Bekannten in der UdSSR ausgelöst, denn Puchow war mit der strugazkifeindlichen Mafia liiert, die ihr Zentrum im Verlag Molodaja Gwardija hatte (wenngleich mir von ihm persönlich keinerlei unfreundliche Akte gegen andere Autoren bekannt sind); aber Puchow halte ich eben für einen interessanten Autor. Auch Jewgeni Brandis, ein sehr auf Ausgleich und Fairness bedachter SF-Kritiker, hat in seine repräsentative Anthologie der sowjetischen SF Der Wurfspieß des Odysseus Puchow und noch ein paar andere Autoren aus dem Umfeld von Molodaja Gwardija aufgenommen, sogar Wladimir Schtscherbakow, der neben Juri Medwedew und Alexander Kasanzew eine der Zentralfiguren jener Mafia war - Kasanzew aber fand offensichtlich auch er einfach nicht gut und wichtig genug.
   Ich wüßte schon ganz gern, woher denn nun eigentlich bei manchen SF-Fans in der DDR die Überzeugung stammte, Kasanzew sei ein bedeutender sowjetischer SF-Autor. Ich rede nicht von den paar Sammlern, die alles um so wichtiger nehmen, je seltener es ist, sondern von denen, die wirklich etwas verpaßt zu haben glauben, weil sie nicht genug Kasanzew zu lesen bekamen. Ich kann nicht sagen, daß die beiden Erzählungen Kasanzews in Boten aus dem All auffällig schlecht wären, aber besonders positiv prägen sie sich auch nicht ein; ich hatte sogar vergessen, daß es zwei sind, denn dieses eine Motiv - der Tunguska-Meteorit war ein außerirdisches Raumschiff, und der Erzähler begegnet dem einzigen Überlebenden - hat Kasanzew auch in anderen Geschichten immer wieder auf ganz ähnliche Weise (und immer bierernst) abgearbeitet, nur daß das Raumschiff mal vom Mars, mal von der Venus kam. Dann war da noch Der Planet der Stürme, der als Film aber bekannter sein dürfte denn als Roman. Als heroische Weltraum-SF war der Film schon in Ordnung, damals, es gab zu der Zeit ja auch eine Menge ähnliche, sogar einen von der DEFA, und aus heutiger Sicht wundert einen vor allem, wie redundant die zu bestehenden Gefahren sind - um vor Lava wegzulaufen, braucht man ja nicht zur Venus zu fliegen. Und Däniken hat den Kasanzew gelobt, aus naheliegenden Gründen. Ich vermute aber, daß der Glaube an Kasanzews Bedeutung eher auf irgendwelchen Artikeln etwa in der SOWJETLITERATUR beruht. Vermute ich richtig? Die Kampagne von Molodaja Gwardija, die aus ihm einen lebenden Klassiker machen sollte, begann erst in den siebziger Jahren und dürfte in der DDR eigentlich kaum wahrgenommen worden sein.

HPN: Ja, Kasanzew wurde besonders in einigen frühen Heften der SOWJETLITERATUR - d. h. bevor Alexander Fjodorow Chefredakteur der deutschen Ausgabe wurde - mehrfach herausgestellt. In der Nr. 3/1961 widmete der Beitrag »Phantastik und Gegenwart« der sowjetischen SF erstmals breiteren Raum in der SOWJETLITERATUR. Nach einer Einführung zur Geschichte der sowjetischen SF wurden drei »führende sowjetische Vetreter des phantastischen Genres« interviewt, das waren Iwan Jefremow, Wladimir Nemzow und Alexander Kasanzew.

ES: Ach ja, der Nemzow war ja sozusagen der Papst der Nahphantastik, und in den sechziger Jahren hat auch er solche Artikel geschrieben, wo die Strugazkis als ideologische Abweichler entlarvt wurden - er hatte es halt nötig. Ihn und Kasanzew in einem Atemzuge mit Jefremow zu nennen ist eigentlich eine Frechheit; es kann aber durchaus sein, daß der Kritiker seinerzeit damit Jefremow einen Gefallen tun wollte.

HPN: In Nr. 12/1970 der SOWJETLITERATUR war dann Kasanzew mit der wissenschaftstheoretischen Skizze »Das Vermächtnis von Nils Bohr« vertreten, die in zwei autobiographische Rahmenteile »Erinnerungen« und »Möglichkeiten« eingebettet war und der eine ausführliche Biographie von Viktoria Polonskaja vorangestellt wurde. Später wurde Kasanzew des öfteren in Artikeln sowjetischer Autoren über die SF ihres Landes erwähnt. Und dann geisterte er mit seinen Theorien à la Däniken immer wieder durch die Tagespresse. Besonders seine These, daß der Tunguska-Meteorit ein abgestürztes Raumschiff Außerirdischer sei, wurde immer wieder mehr oder weniger ernsthaft diskutiert.

ES: Vielleicht gründet sich Kasanzews Ruf bei manchen älteren SF-Fans aus der DDR auf das typische DDR-Gefühl, da sei einem »vierzig Jahre lang etwas vorenthalten« worden? Wie man diesen Eindruck haben kann, wenn man etliche von Kasanzews Romanen gelesen hat - beispielsweise die beim Neuen Leben oder bei Heyne erschienenen -, ist mir aber ein Rätsel. Bei den russischen SF-Lesern haben die Anstrengungen, ihn zum Klassiker zu erheben, jedenfalls nichts gefruchtet - die einen lesen immer noch lieber die Strugazkis oder Bulytschow, und die anderen lesen inzwischen lieber Niven & Pournelle.
   Da Kasanzew am raschen Aufschwung, den die sowjetische SF seit den späten fünfziger Jahren erlebte, in keiner Weise teilnahm und genauso weitermachte wie zuvor (nur mit wachsender Neigung zur Pseudowissenschaft), blieb er zurück und sank rasch unter den Durchschnitt ab. Insbesondere bei seinen frühen, noch öffentlich (in Artikeln) und halböffentlich (nämlich im Schriftstellerverband) vorgetragenen ideologisch verbrämten Angriffen auf andere Autoren waren ganz unverhüllt Neid und Rachsucht wegen Kritik die Beweggründe./2/  Anfang 1967 führten ein damals existierender großer SF-Klub an der Moskauer Lomonossow-Universität und die SF-Sektion des aserbaidschanischen Schriftstellerverbandes in Baku Umfragen zur SF mit jeweils 700 Teilnehmern durch. Den Befragten wurde u. a. eine Liste mit 41 damals in der UdSSR bekannten (d. h. in zentralen Verlagen mit hoher Auflage gedruckten) SF-Büchern in- und ausländischer Autoren vorgelegt. Die beiden auf der Liste aufgeführten Romane Kasanzews kamen auf Platz 30 (Die flammende Insel) und Platz 37 (Das Eis kehrt zurück). Hinter dem zweiten, neueren Buch Kasanzews rangierten nur noch ein ungarischer Autor, ein Roman von Toman und zwei von Nemzow./3/  Vor Kasanzew fand sich auf Platz 28 der nicht existierende Roman Die lange Dämmerung des Mars vom nicht existierenden Autor N. Jakowlew, den die Verfasser der Umfrage eingefügt hatten, um das Gedächtnis der Teilnehmer zu testen. Unwillkürlich hatten sie damit auch eine Art Nullpunkt ihrer Skala definiert: »Jakowlew« hatte einen sicherlich sehr nebelhaften, aber jedenfalls besseren Eindruck hinterlassen als Kasanzew ...

HPN: Zu deiner Bemerkung zum Ruf Kasanzews bei älteren DDR-SF-Fans läßt sich sagen, daß die drei Kasanzew-Bücher des Heyne-Verlages ja kaum ein DDR-Fan gelesen haben dürfte, und die beiden Titel beim Neuen Leben kamen erst 1987 bzw. 1989 heraus. Die Qualität konnte man also selbst nicht einschätzen. Aber gerade die Tatsache, daß der Heyne-Verlag, der ja bekanntermaßen nur sporadisch osteuropäische SF veröffentlichte, gleich drei Bücher von Kasanzew herausbrachte, hat das Mysterium ungemein verstärkt. Spätestens durch deinen Artikel in TERMINATOR EXTRA 5, als du erstmals ausführlich auf die Rolle Kasanzews als Denunziant gerade der Strugazkis eingegangen bist, glaubte man das Rätsel natürlich im Sinne meiner angesprochenen Spekulationen gelöst.
   Aber wenn wir noch einmal auf die Zeit ab Ende der siebziger Jahr zurückkommen wollen, als Kasanzew in der Sowjetunion zum Klassiker aufgebaut wurde, du aber schon um seine Denunziantenrolle wußtest: Was wäre denn passiert, wenn jetzt irgendjemand vom Ministerium oder sonst einer höheren Stelle gekommen wäre mit der hochnotpeinlichen Frage: Warum bringt ihr nicht mal wieder was vomverdienten SF-Klassiker Kasanzew?

ES: Ja, wer hätte denn da kommen sollen - und wozu? Aus der Frage spricht wieder so eine typische SF-interne Sichtweise, die SF wichtig nimmt und das auch vom Rest der Welt erwartet. Ich kann das gut verstehen, ich nehme sie ja selber wichtig, aber man muß doch die Perspektive wahren. Im Verlagswesen der DDR galt SF - völlig zu Recht - als unwichtig, was den Vorteil hatte, daß man die Lektoren (im Rahmen der allgemeinen und nicht sehr scharf formulierten politischen Linie) meistens machen ließ, was sie wollten - das heißt, es war im Grunde wieder dem Zufall überlassen, nämlich, wer mehr oder minder zufällig in die Position des zuständigen Lektors geraten war und welche Laune seine unmittelbaren Chefs gerade hatten: Es zählt nicht eben zu den höchsten Daseinszwecken des Universums, gute SF hervorzubringen. Der gesamten Literatur-Obrigkeit in der DDR waren die verdienten SF-Klassiker aller Länder herzlich gleichgültig, und daß Kasanzew einer sei, dürfte ihnen kaum jemand gesagt haben. Dem Verlag Neues Leben immerhin konnte man Kasanzew ans Herz legen, denn er unterstand außer dem Kulturministerium auch noch dem Zentralrat der FDJ, und da mag vom sowjetischen Partner, dem Komsomol-Verlag Molodaja Gwardija, ein brüderlicher Hinweis gekommen sein. Vielleicht erklärt das die beiden dort erschienenen Bücher, vielleicht hatte man auch wirklich zufällig nichts Wichtigeres zu drucken, oder sie gefielen der Lektorin bzw. der Lektoratsleiterin tatsächlich. Wenn Schund gedruckt wird, so mag das Zufall oder irgendwie zu erklären sein, aber als Normalfall, der weiter keiner Erklärung bedarf, sollte doch wohl gelten, daß er nicht gedruckt wird.
   Daß bei Heyne drei Romane von Kasanzew erschienen sind, ist solch ein erklärlicher Zufall: Wolfgang Jeschke war auf das Urteil von Winfried Petri angewiesen, seines Spezialisten für russische SF; der wiederum war mit Kasanzew persönlich bekannt und fand ihn aus denselben Gründen gut, aus denen Kasanzew seinerseits Hugo Gernsback für einen bedeutenden SF-Autor hielt: wegen der »vielen wissenschaftlich-technischen Ideen«. Daß diese drei Romane Kasanzew eher als »Durchschnitt« ausweisen, kann ich aber nicht finden, es sei denn, man bedient sich der nach unten offenen Qualitätsskala des Marktes - die ging uns in der DDR zum Glück nichts an./4/  Jede Wertung ist relativ und nur im gegebenen Kontext sinnvoll; wenn ein Werk als Durchschnitt eingeordnet wird, so folgt daraus allein schon aus rein arithmetischen Gründen, daß es unter den grundsätzlich vergleichbaren eine nennenswerte Menge besserer und eine nennenswerte Menge schlechterer Werke geben muß. Im sowjetischen Kontext ihrer jeweiligen Zeit hätte ich beispielsweise Sharenow oder Guljakowski für eher mittelmäßige Autoren gehalten/5/, aber wir sprechen ja von den Publikationen in der DDR. Da würde mich doch lebhaft interessieren, was in den siebziger und achtziger Jahren in der DDR an sowjetischer SF erschienen sein soll, die signifikant schlechter wäre als Kasanzews Romane bei Heyne und beim Neuen Leben. Altow? Bilenkin? Bulytschow? Gansowski? Gor? Grigorjew? Kolupajew? Larionowa? Mejerow? Sawtschenko? Schefner? Snegow? Die Strugazkis? Warschawski? Sogar Zerwikalski und Zystalgin waren besser.

•  © 2001 Hans-Peter Neumann & Erik Simon
Erstveröffentlichung in BÄRZIN 25


Foto: Peter Fleissner

Die Anthologie Der Bote aus dem All. Verlag für fremdsprachige Literatur, Moskau [1960]. Enthält zwei SF-Erzählungen von Alexander Kasanzew.

Die Anthologie Marsmenschen; Verlag Das Neue Berlin 1966. Das Buch erschien auch in Lizenz bei der Buchgemeinde Wien.

Alexander Kasanzew Schärfer als Degen; Verlag Neues Leben Berlin 1987 [keine SF]

Alexander Kasanzew Der Nachfahre der Himmelssöhne; Verlag Neues Leben Berlin 1989

Alexander Kasanzew Stärker als die Zeit; Wilhelm Heyne Verlag München 1979

Alexander Kasanzew Auf drei Planeten; Wilhelm Heyne Verlag München 1983

Alexander Kasanzew Die Kuppel der Hoffnung; Wilhelm Heyne Verlag München 1984

Anmerkungen

1 Ich habe ja in jungen Jahren etliche Sprachen einzig zu dem Zweck gelernt, mehr SF lesen zu können, also Sprachen, in denen man in der DDR interessante SF zu kaufen bekam - bzw. im Dresdner Graphischen Großbetrieb »Völkerfreundschaft« aus der Makulatur-Kiste des Meulenhoff-Verlages retten lassen konnte, wie es die Völkerfreundschaft gebot. Um 1971 habe ich mit Spanisch begonnen, es aber bald wieder aufgegeben: soviel zum damaligen Angebot an kubanischer SF. Hätten sie seinerzeit im Internationalen Buch in Dresden Borges im Original verkauft, könnte ich jetzt wahrscheinlich Spanisch. Man sieht: Plenus venter non studet libenter, Mangelwirtschaft + eine Prise Fanatismus fördern die Bildung, während Überfluß zu den bekannten Pisa-Desastern führt. - E. S.

2 So nutzte Kasanzew eine 1962 begonnene (damals noch relativ moderat geführte) Kampagne gegen Abstraktionismus und Formalismus, um auf einer erweiterten Tagung der Sektion SF und Abenteuerliteratur bei der Moskauer Organisation des Schriftstellerverbandes am 26. 3. 1963 Genrich Altow und Valentina Shurawljowa - beides keine Moskauer und also abwesend - zu denunzieren, ihre Werke »spielten dem Faschismus in die Hände«. Begründung: In einer Erzählung Altows kommt Überlichtgeschwindigkeit vor, Einstein war gegen die Überlichtgeschwindigkeit, die Nazis haben Einstein deswegen (sic!) verfolgt, also ist Überlichtgeschwindigkeit ein faschistisches Konzept. Kasanzew entblödete sich damals nicht, als weiteres Argument gegen Altow anzuführen, daß Altow 1958 auf einer Tagung seine (Kasanzews) und Dneprows SF kritisiert habe. Da alle Redebeiträge mitstenographiert wurden, zielte Kasanzews Äußerung unzweifelhaft darauf ab, Altow und seinesgleichen ein für allemal als Faschisten aktenkundig zu machen - das Schlimmste, was man in der UdSSR jemandem vorwerfen konnte. Arkadi Strugazki trat bei jener Gelegenheit gegen Kasanzew auf, auch Dneprow distanzierte sich von Kasanzews Äußerung. - E. S.

3 Solche Umfragen sind immer mit Vorsicht zu genießen, insbesondere, wenn nur eine vorgegebene Vorauswahl von Werken zur Debatte steht. Im hinteren Drittel landeten auch durchaus anspruchsvolle, aber nicht sehr SF-typische und aktionsarme Werke von Gennadi Gor und Lidia Obuchowa. Qualität und Beliebtheit sind zweierlei (wie jede Bundes- und Landtagswahl bestätigt). Für die Beliebtheit aber sind 1 400 Befragte schon ziemlich repräsentativ, was auch die annähernd parallele Wertung in Moskau und Baku belegt, und unabhängig von der Position einzelner Werke wurde die allgemeine Tendenz sehr deutlich. Im letzten Drittel sammelten sich u. a. alle sowjetischen Vertreter der Nahphantastik und der Raumfahrt-SF älterer Machart, auf den ersten zwölf Plätzen erschienen - z. T. mehrfach - die Strugazkis, Bradbury, Lem, Sheckley, Asimov und Jefremow. Der einzige deutsprachige Autor auf der Liste, Sandner mit Signal aus dem All, belegte Platz 36. Die größten Sprünge bei den Punktzahlen lagen zwischen Platz 11 (Jefremows Mädchen aus dem All) und 12 (Jefremows Die Schneide des Rasiermessers) sowie am Ende der Liste, wo Nemzow weit abgeschlagen war.) - E. S.

4 Selbst unter den Bedingungen der Massenproduktion, die naturgemäß nicht nur Spitzenwerke bringen kann, fallen Kasanzews Romane deutlich gegen den Durchschnitt der Heyne-SF ab, zumindest außerhalb von Subserien wie etwa BattleTech. In Erwägung, daß Heyne dem Markt nur eine schmale Auswahl aus der SF der slawischen Länder zumuten konnte, hätte man aber erwarten sollen, daß die Maßstäbe auf diesem Gebiet eher höher lagen als beim anglo-amerikanischen Kern des Verlagsprogramms, und tatsächlich ist Kasanzew die einzige auffällige Ausnahme geblieben. - E. S.

5 Das ist eher ein Lob als ein Tadel. Wo immer eine Literaturszene hinreichend mächtig ist, daß die Statistik wirken kann, bildet sich die Qualitätspyramide mit breiter Basis und schmaler Spitze aus, und in mittlerer Höhe ist man dort schon deutlich besser als die meisten. Das Bild ändert sich, wenn die Menge von vornherein klein ist oder wenn eine relativ schmale Auswahl daraus getroffen wird. Selbst die große Anzahl der Übersetzungen in Deutschland gibt kein zutreffendes Bild von der US-amerikanischen SF, denn trotz des Diktats des Marktes, der anspruchsvolle SF deutlich benachteiligt und gedankenloses Lesefutter verlangt, all die tausendseitigen Produkte der Textverarbeitungsprogramme mit dem charakteristischen »word shitting« - trotzdem also wird der Ozean des ärgsten Schundes immer noch von den deutschen Verlagen ausgeblendet. - E. S.

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