![]() | |
| Das Magazin für Science Fiction & Fantasy • Ausgabe 49 • |
| Im Abschnitt »DIE TROMMEL« meiner kommentierten Bibliographie-Reihe zu den Science-Fiction-Abdrucken in Zeitungen und Zeitschriften der DDR spekulierte ich über die Gründe, warum wohl von dem sowjetischen SF-Autor Alexander Kasanzew in der DDR nicht mehr Werke erschienen sind. Die Veröffentlichung eines Auszugs aus dessen Roman Planet der Stürme in der Pionierzeitung DIE TROMMEL wurde von vielen Lesern meiner Reihe als kleine Sensation gewertet, da dies als eine Ausnahme von der von vielen Fans wahrgenommenen Diskrepanz zwischen dem Status eines sowjetischen SF-Klassikers - der ihm wohl in der UdSSR eingeräumt wurde - und der Veröffentlichungspolitik der DDR-Verlage, die von Kasanzew fast nichts druckten, wahrgenommen wurde. Meine Spekulationen gingen in die Richtung, daß den verantwortlichen DDR-Lektoren wohl Kasanzews Rolle als Denunziant anderer sowjetischer SF-Autoren nicht verborgen geblieben war und er in der DDR deshalb »geschnitten« wurde. Erik Simon, lange Jahre verantwortlicher Lektor für Science Fiction der sozialistischen Länder beim Verlag Das Neue Berlin, antwortet im nachfolgenden Gespräch auf Fragen zu Kasanzew und zur Auswahl und Veröffentlichung sowjetischer SF in der DDR. - HPN | |
| Hans-Peter Neumann:
Erik, beginnen wir gleich mit einem Bekenntnis: Habt ihr - also deine Lektorenkollegen in
anderen Verlagen und du bei Das Neue Berlin - Alexander
Kasanzews Erscheinen in der DDR bewußt verhindert? Erik Simon: Soweit es mich betrifft: Ja, bewußt schon, aber nicht aus den Gründen, die du vermutet hast. Daß von Kasanzew in der DDR verhältnismäßig wenig gedruckt worden ist, stimmt, wobei zu erwägen bleibt, was man unter »verhältnismäßig wenig« verstehen sollte. Daß Kasanzew in der sowjetischen Science Fiction etwa ab Mitte der sechziger Jahre die sehr unrühmliche Rolle des politischen Denunzianten und Verleumders gespielt hat, ist ebenso wahr wie die Tatsache, daß er sich außer bei seinesgleichen damit kaum Sympathien erworben hat. Man muß freilich in Rechnung stellen, daß viele Leute in der sowjetischen SF und erst recht im Ausland nie davon erfahren haben. Was mich betrifft, so erfuhr ich es auch erst Ende der siebziger oder Anfang der achtziger Jahre, was meine Neigung, Kasanzew in der DDR vorzustellen, ab diesem Zeitpunkt in der Tat nicht gerade stärkte. Das entscheidende Kriterium war das aber nicht, und vorher kann es, wie gesagt, gar keins gewesen sein. HPN: Wie erklärst du dir dann, daß in den fünfziger und sechziger Jahren - abgesehen von zwei Erzählungen in einer Anthologie eines sowjetischen Verlages - nichts von Kasanzew publiziert wurde? ES: Du setzt stillschweigend voraus, daß »normalerweise« mehr von
Kasanzew hätte erscheinen müssen. Aber wieso eigentlich? Gewiß, Kasanzew war in den
fünfziger Jahren einer der prominentesten sowjetischen SF-Autoren, allerdings
hauptsächlich infolge der Menge seiner Werke und seines schon damals nicht zu
vernachlässigenden politischen Einflusses; qualitativ ragte er aus der SF seiner
Zeitgenossen keineswegs heraus, sein erster und (laut A. F. Britikow, der sie bis
Mitte der sechziger Jahre alle gelesen hat) immer noch bester Roman Die flammende
Insel (1940, 1941) hat mehr als zufällige Ähnlichkeit mit W. Orlowskis Aufstand
der Atome (1928). HPN: Kann man also sagen, daß es in der DDR in den fünfziger und sechziger Jahren noch keine klaren verlagspolitischen Vorgaben oder Prinzipien zur Veröffentlichung von SF der sozialistischen Bruderländer gab? ES: Was heißt, es gab noch keine? Auch in den siebziger,
achtziger Jahren gab es keine, und es würde mich doch sehr wundern, wenn es vorher welche
gegeben hätte. Die Vorstellung, die Buchproduktion in der DDR sei durchgehend
irgendwelchen politischen, zumindest verlagspolitischen Prinzipien gefolgt, ist falsch,
besonders in puncto SF. Natürlich gab es die allgemeine ideologische Linie, an die man
sich tunlichst hielt: Der Sozialismus ist gut, der Kapitalismus böse, die Sowjetunion ist
die Vorhut des Fortschritts, ja, es gibt noch Mißstände, und auf dem Wege zum
Kommunismus kommen noch große Probleme auf uns zu, doch die Arbeiterklasse & Co.
(unter der Führung der Partei mit dem Genossen Sowieso an der Spitze) werden damit
fertig, usw. Im Einzelfall herrschte aber fast immer der Zufall. Auf der politischen Ebene
hieß das, daß niemand von ganz oben der SF konkrete Vorschriften machte; es gab keine
staatlich verordnete Konzeption der SF, weder für die einheimische noch für die aus den
Bruderländern. Wenn man sieht, wo solch eine Reglementierung in der Sowjetunion unter
Stalin hingeführt hat - nämlich zur sogenannten »Phantastik der nahen Zielstellung« -,
kann man nur froh sein, daß uns das größtenteils erspart geblieben ist. HPN: Es gab also keine nennenswerten Einschränkungen der Auswahl? ES: Es gab eine ganz entscheidende Einschränkung: Die Auswahl konnte
nur aus dem Material getroffen werden, das dem jeweiligen Lektor gerade unterkam und das
ihm oder seinen Gutachtern halbwegs gefiel. Lange Zeit, da sich kein Lektor in der DDR
systematisch mit sowjetischer SF befaßte, regierte da praktisch nur der Zufall.
Mitunter war das ein durchaus glücklicher Zufall, wie die sowjetische SF in der kap-Reihe
beweist - deren Herausgeber (»Redakteur«) Lothar Grünewald sprach nämlich kein
Russisch und traf seine Auswahl anhand von Gutachten, die andere Kollegen oder Übersetzer
für ihn anfertigten. Und bis in die frühen siebziger Jahre gab es halt auch immer wieder
jene ideologischen Vorbehalte, die weniger aus einer bestimmten Linie als vielmehr aus
Orientierungslosigkeit resultierten. HPN: Haben bei deiner Auswahl sowjetischer SF also immer nur Qualitätskriterien eine Rolle gespielt? ES: Das nun auch wieder nicht. In einem weiteren Sinne schon, aber
erstens gab es die erwähnten technischen Einschränkungen, und zweitens sind
Qualitätskriterien halt immer subjektiv. Ich habe also zuerst nach dem eigenen Geschmack
geurteilt und mein Gewissen damit beruhigt, daß ich erstens ja auch meine Kollegen im
Lektorat überzeugen mußte und daß es zweitens, wenn ich wirklich mal ein sehr gutes
Buch falsch einschätzen oder übersehen sollte, ja immer noch die beiden anderen Verlage
gab. Und natürlich habe ich mein Urteil relativiert, indem ich nicht nur die Vorzüge des
einzelnen Werkes berücksichtigt, sondern auch eine gewisse Vielfalt angestrebt habe.
Snegow beispielsweise war ein respektabler Autor, aber entschieden keiner von meinen
Favoriten; dennoch wäre es angesichts der nahezu religiösen Verehrung, den die beiden
ersten Teile von Menschen wie Götter bei den Fans in der DDR genossen (aus
Karl-Marx-Stadt schrieb jemand, der auch im Fandom bekannt war, er verdanke diesem Buch
die schönsten Stunden seines Lebens), blödsinnig gewesen, den dritten Teil nicht zu
bringen. Andererseits habe ich mit Autoren wie Gennadi Gor oder dem Polen Cz.
Chruszczewski Autoren vorgestellt, von denen ziemlich sicher war, daß sie nicht den
Geschmack des durchschnittlichen SF-Publikums treffen. Überhaupt habe ich im Zweifelsfall
lieber einen neuen Autor gebracht als ein weiteres erstklassiges Buch von einem schon
bekannten; wir hätten problemlos mehr von Kir Bulytschow bringen können oder
beispielsweise zweite Bände von Warschawski oder Kolupajew. HPN: Ist also mein Satz in BÄRZIN 23, »daß einige für sowjetische SF verantwortliche DDR-Lektoren zufällig immer viel wichtigere Bücher herauszubringen hatten als etwas von Kasanzew«, ab Mitte der siebziger Jahre doch berechtigt? ES: Ja um Himmels willen, wieso denn zufällig oder gar »zufällig«?
Bei all den Zufällen, die in der DDR-SF wirkten, ist gerade das ja nun keiner. Wenn die
der SF zugeteilten Papier- und Druckkapazitäten nicht einmal für die wirklich
erstklassigen Werke und vielleicht noch den einen oder anderen Farbtupfer aus dem
gehobenen Mittelfeld ausreichten, wozu hätten Hannelore Menke oder ich dann einen
schlechthin überflüssigen Autor ins Programm nehmen sollen? Allein Kir Bulytschow
dürfte mehr SF-Bücher geschrieben haben, als in der DDR seit 1975 insgesamt an
sowjetischer SF gedruckt wurde, und selbst das schwächste davon ist immer noch viel
besser als alles, was Kasanzew jemals zustande gebracht hat. HPN: Ja, Kasanzew wurde besonders in einigen frühen Heften der SOWJETLITERATUR - d. h. bevor Alexander Fjodorow Chefredakteur der deutschen Ausgabe wurde - mehrfach herausgestellt. In der Nr. 3/1961 widmete der Beitrag »Phantastik und Gegenwart« der sowjetischen SF erstmals breiteren Raum in der SOWJETLITERATUR. Nach einer Einführung zur Geschichte der sowjetischen SF wurden drei »führende sowjetische Vetreter des phantastischen Genres« interviewt, das waren Iwan Jefremow, Wladimir Nemzow und Alexander Kasanzew. ES: Ach ja, der Nemzow war ja sozusagen der Papst der Nahphantastik, und in den sechziger Jahren hat auch er solche Artikel geschrieben, wo die Strugazkis als ideologische Abweichler entlarvt wurden - er hatte es halt nötig. Ihn und Kasanzew in einem Atemzuge mit Jefremow zu nennen ist eigentlich eine Frechheit; es kann aber durchaus sein, daß der Kritiker seinerzeit damit Jefremow einen Gefallen tun wollte. HPN: In Nr. 12/1970 der SOWJETLITERATUR war dann Kasanzew mit der wissenschaftstheoretischen Skizze »Das Vermächtnis von Nils Bohr« vertreten, die in zwei autobiographische Rahmenteile »Erinnerungen« und »Möglichkeiten« eingebettet war und der eine ausführliche Biographie von Viktoria Polonskaja vorangestellt wurde. Später wurde Kasanzew des öfteren in Artikeln sowjetischer Autoren über die SF ihres Landes erwähnt. Und dann geisterte er mit seinen Theorien à la Däniken immer wieder durch die Tagespresse. Besonders seine These, daß der Tunguska-Meteorit ein abgestürztes Raumschiff Außerirdischer sei, wurde immer wieder mehr oder weniger ernsthaft diskutiert. ES: Vielleicht gründet sich Kasanzews Ruf bei manchen älteren
SF-Fans aus der DDR auf das typische DDR-Gefühl, da sei einem »vierzig Jahre lang etwas
vorenthalten« worden? Wie man diesen Eindruck haben kann, wenn man etliche von Kasanzews
Romanen gelesen hat - beispielsweise die beim Neuen Leben oder bei Heyne erschienenen -,
ist mir aber ein Rätsel. Bei den russischen SF-Lesern haben die Anstrengungen, ihn zum
Klassiker zu erheben, jedenfalls nichts gefruchtet - die einen lesen immer noch lieber die
Strugazkis oder Bulytschow, und die anderen lesen inzwischen lieber Niven & Pournelle. HPN: Zu deiner Bemerkung zum Ruf Kasanzews bei älteren DDR-SF-Fans
läßt sich sagen, daß die drei Kasanzew-Bücher des Heyne-Verlages ja kaum ein DDR-Fan
gelesen haben dürfte, und die beiden Titel beim Neuen Leben kamen erst 1987 bzw. 1989
heraus. Die Qualität konnte man also selbst nicht einschätzen. Aber gerade die Tatsache,
daß der Heyne-Verlag, der ja bekanntermaßen nur sporadisch osteuropäische SF
veröffentlichte, gleich drei Bücher von Kasanzew herausbrachte, hat das Mysterium
ungemein verstärkt. Spätestens durch deinen Artikel in TERMINATOR EXTRA
5, als du erstmals ausführlich auf die Rolle Kasanzews als Denunziant gerade der
Strugazkis eingegangen bist, glaubte man das Rätsel natürlich im Sinne meiner
angesprochenen Spekulationen gelöst. ES: Ja, wer hätte denn da kommen sollen - und wozu? Aus der Frage
spricht wieder so eine typische SF-interne Sichtweise, die SF wichtig nimmt und das auch
vom Rest der Welt erwartet. Ich kann das gut verstehen, ich nehme sie ja selber wichtig,
aber man muß doch die Perspektive wahren. Im Verlagswesen der DDR galt SF - völlig zu
Recht - als unwichtig, was den Vorteil hatte, daß man die Lektoren (im Rahmen
der allgemeinen und nicht sehr scharf formulierten politischen Linie) meistens machen
ließ, was sie wollten - das heißt, es war im Grunde wieder dem Zufall überlassen,
nämlich, wer mehr oder minder zufällig in die Position des zuständigen Lektors geraten
war und welche Laune seine unmittelbaren Chefs gerade hatten: Es zählt nicht eben zu
den höchsten Daseinszwecken des Universums, gute SF hervorzubringen. Der gesamten
Literatur-Obrigkeit in der DDR waren die verdienten SF-Klassiker aller Länder herzlich
gleichgültig, und daß Kasanzew einer sei, dürfte ihnen kaum jemand gesagt haben. Dem
Verlag Neues Leben immerhin konnte man Kasanzew ans Herz legen, denn er unterstand außer
dem Kulturministerium auch noch dem Zentralrat der FDJ, und da mag vom sowjetischen
Partner, dem Komsomol-Verlag Molodaja Gwardija, ein brüderlicher Hinweis gekommen sein.
Vielleicht erklärt das die beiden dort erschienenen Bücher, vielleicht hatte man auch
wirklich zufällig nichts Wichtigeres zu drucken, oder sie gefielen der Lektorin
bzw. der Lektoratsleiterin tatsächlich. Wenn Schund gedruckt wird, so mag das Zufall oder
irgendwie zu erklären sein, aber als Normalfall, der weiter keiner Erklärung bedarf,
sollte doch wohl gelten, daß er nicht gedruckt wird. © 2001 Hans-Peter Neumann & Erik Simon |
![]() Foto: Peter Fleissner |
![]() Die Anthologie Der Bote aus dem All. Verlag für fremdsprachige Literatur, Moskau [1960]. Enthält zwei SF-Erzählungen von Alexander Kasanzew. |
|
![]() Die Anthologie Marsmenschen; Verlag Das Neue Berlin 1966. Das Buch erschien auch in Lizenz bei der Buchgemeinde Wien. |
|
![]() Alexander Kasanzew Schärfer als Degen; Verlag Neues Leben Berlin 1987 [keine SF] |
|
![]() Alexander Kasanzew Der Nachfahre der Himmelssöhne; Verlag Neues Leben Berlin 1989 |
|
![]() Alexander Kasanzew Stärker als die Zeit; Wilhelm Heyne Verlag München 1979 |
|
![]() Alexander Kasanzew Auf drei Planeten; Wilhelm Heyne Verlag München 1983 |
|
![]() Alexander Kasanzew Die Kuppel der Hoffnung; Wilhelm Heyne Verlag München 1984 |
|
Anmerkungen1 Ich habe ja in jungen Jahren etliche Sprachen einzig zu dem Zweck gelernt, mehr SF lesen zu können, also Sprachen, in denen man in der DDR interessante SF zu kaufen bekam - bzw. im Dresdner Graphischen Großbetrieb »Völkerfreundschaft« aus der Makulatur-Kiste des Meulenhoff-Verlages retten lassen konnte, wie es die Völkerfreundschaft gebot. Um 1971 habe ich mit Spanisch begonnen, es aber bald wieder aufgegeben: soviel zum damaligen Angebot an kubanischer SF. Hätten sie seinerzeit im Internationalen Buch in Dresden Borges im Original verkauft, könnte ich jetzt wahrscheinlich Spanisch. Man sieht: Plenus venter non studet libenter, Mangelwirtschaft + eine Prise Fanatismus fördern die Bildung, während Überfluß zu den bekannten Pisa-Desastern führt. - E. S. 2 So nutzte Kasanzew eine 1962 begonnene (damals noch relativ moderat geführte) Kampagne gegen Abstraktionismus und Formalismus, um auf einer erweiterten Tagung der Sektion SF und Abenteuerliteratur bei der Moskauer Organisation des Schriftstellerverbandes am 26. 3. 1963 Genrich Altow und Valentina Shurawljowa - beides keine Moskauer und also abwesend - zu denunzieren, ihre Werke »spielten dem Faschismus in die Hände«. Begründung: In einer Erzählung Altows kommt Überlichtgeschwindigkeit vor, Einstein war gegen die Überlichtgeschwindigkeit, die Nazis haben Einstein deswegen (sic!) verfolgt, also ist Überlichtgeschwindigkeit ein faschistisches Konzept. Kasanzew entblödete sich damals nicht, als weiteres Argument gegen Altow anzuführen, daß Altow 1958 auf einer Tagung seine (Kasanzews) und Dneprows SF kritisiert habe. Da alle Redebeiträge mitstenographiert wurden, zielte Kasanzews Äußerung unzweifelhaft darauf ab, Altow und seinesgleichen ein für allemal als Faschisten aktenkundig zu machen - das Schlimmste, was man in der UdSSR jemandem vorwerfen konnte. Arkadi Strugazki trat bei jener Gelegenheit gegen Kasanzew auf, auch Dneprow distanzierte sich von Kasanzews Äußerung. - E. S. 3 Solche Umfragen sind immer mit Vorsicht zu genießen, insbesondere, wenn nur eine vorgegebene Vorauswahl von Werken zur Debatte steht. Im hinteren Drittel landeten auch durchaus anspruchsvolle, aber nicht sehr SF-typische und aktionsarme Werke von Gennadi Gor und Lidia Obuchowa. Qualität und Beliebtheit sind zweierlei (wie jede Bundes- und Landtagswahl bestätigt). Für die Beliebtheit aber sind 1 400 Befragte schon ziemlich repräsentativ, was auch die annähernd parallele Wertung in Moskau und Baku belegt, und unabhängig von der Position einzelner Werke wurde die allgemeine Tendenz sehr deutlich. Im letzten Drittel sammelten sich u. a. alle sowjetischen Vertreter der Nahphantastik und der Raumfahrt-SF älterer Machart, auf den ersten zwölf Plätzen erschienen - z. T. mehrfach - die Strugazkis, Bradbury, Lem, Sheckley, Asimov und Jefremow. Der einzige deutsprachige Autor auf der Liste, Sandner mit Signal aus dem All, belegte Platz 36. Die größten Sprünge bei den Punktzahlen lagen zwischen Platz 11 (Jefremows Mädchen aus dem All) und 12 (Jefremows Die Schneide des Rasiermessers) sowie am Ende der Liste, wo Nemzow weit abgeschlagen war.) - E. S. 4 Selbst unter den Bedingungen der Massenproduktion, die naturgemäß nicht nur Spitzenwerke bringen kann, fallen Kasanzews Romane deutlich gegen den Durchschnitt der Heyne-SF ab, zumindest außerhalb von Subserien wie etwa BattleTech. In Erwägung, daß Heyne dem Markt nur eine schmale Auswahl aus der SF der slawischen Länder zumuten konnte, hätte man aber erwarten sollen, daß die Maßstäbe auf diesem Gebiet eher höher lagen als beim anglo-amerikanischen Kern des Verlagsprogramms, und tatsächlich ist Kasanzew die einzige auffällige Ausnahme geblieben. - E. S. 5 Das ist eher ein Lob als ein Tadel. Wo immer eine Literaturszene hinreichend mächtig ist, daß die Statistik wirken kann, bildet sich die Qualitätspyramide mit breiter Basis und schmaler Spitze aus, und in mittlerer Höhe ist man dort schon deutlich besser als die meisten. Das Bild ändert sich, wenn die Menge von vornherein klein ist oder wenn eine relativ schmale Auswahl daraus getroffen wird. Selbst die große Anzahl der Übersetzungen in Deutschland gibt kein zutreffendes Bild von der US-amerikanischen SF, denn trotz des Diktats des Marktes, der anspruchsvolle SF deutlich benachteiligt und gedankenloses Lesefutter verlangt, all die tausendseitigen Produkte der Textverarbeitungsprogramme mit dem charakteristischen »word shitting« - trotzdem also wird der Ozean des ärgsten Schundes immer noch von den deutschen Verlagen ausgeblendet. - E. S. |
Anzeige |