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| Das Magazin für Science Fiction & Fantasy • Ausgabe 50 • Interview |
| Auf dem 6. ElsterCon in Leipzig führte Dirk Berger am 21. September 2002 ein Podiumsgespräch mit Tim Powers. Der Autor zählt seit Die Tore zu Anubis Reich auch im deutschsprachigen Raum zu den bekanntesten Vertretern anspruchsvoller Phantastik. ALIEN CONTACT dokumentiert die Veranstaltung. | |
| Dirk
Berger: Ich freue mich, dass wir dieses mal einen der besten Autoren
phantastischer Literatur vorstellen können, Tim Powers! Mit nur elf Romanen und einer
Hand voll Kurzgeschichten hat er es geschafft, sich eine große Leserschaft zu
erschreiben, die alles kauft, wo Tim Powers draufsteht. Und nicht nur Bücher. Wer es
nicht glaubt, sollte einmal bei Ebay nachsehen! Dort werden Zettel versteigert,
Bierdeckel, alles mögliche. Ein Tipp, wie man billig an so etwas herankommt: Wo Tim
Powers sitzt einfach einen Zettel und einen Stift hinlegen, nach fünf Minuten
vorbeikommen und den Original Tim Powers abholen. Wie gesagt, elf Romane in 15 Jahren sind nicht sehr viel, aber mitunter setzt sich Qualität durch. Das hat Tim Powers bewiesen. Spätestens seit Die Tore zu Anubis Reich ist sein Name aus der Phantastik nicht mehr wegzudenken. Auch war Tim Powers einer der engsten Freunde von Philip K. Dick, der ja für viele von uns eine Legende ist ... Was haben Sie gemacht, bevor Sie mit dem Schreiben begannen? Ihr erstes Buch erschien 1976. Was war der Grund, mit dem Schreiben überhaupt zu beginnen? Tim
Powers: Lassen Sie mich überlegen. Als ich etwa fünf Jahre alt war, gab mir
jemand ein Buch: Timothy Turtle, mit Bildern einer Schildkröte, die auf den
Rücken gefallen war. Ein einfaches Bilderbuch, aber schon als ich es damals las,
entschied ich, dass schreiben das Größte ist, was jemand überhaupt machen konnte. Also
schrieb ich Geschichten und zeigte sie meinen Brüdern und Schwestern. 1967 stieß ich in
einem amerikanischen Science-Fiction-Magazin auf ein Vorwort, in dem es darum ging, wie
man Science-Fiction-Geschichten
schreibt und wie sie aussehen mussten, damit man diese Geschichten zur Veröffentlichung
einreichen konnte. Also schrieb ich sofort eine Geschichte, die so ähnlich war, wie eine
Text in dieser Ausgabe des Magazins und schickte sie an den Herausgeber. Sie wurde
natürlich abgelehnt, schließlich war sie fast ein Plagiat aus diesem Magazin. Aber ich
war sehr erfreut, meine erste schriftliche Absage bekommen zu haben. Hemingway hat ebenso
Ablehnungen bekommen, wie jeder mir bekannte Schriftsteller auch. Es war die Belohnung
für meine Arbeit. Dirk Berger: Einige Ihrer Werke erschienen unter einem Pseudonym, das nicht nur Sie verwenden, sondern auch Ihr Freund James Blaylock. Und zwar erfanden beide unter dem Pseudonym »William Ashbless« eine Figur, die in mehreren Büchern auftaucht, unter anderem auch in Die Tore zu Anubis Reich. Es gibt mittlerweile auch eigene Ashbless-Bücher. Inzwischen wurde sogar eine Gesellschaft gegründet, die sich mit den Werken dieses nicht existierenden Dichters auseinander setzt. Es gibt ein Kochbuch mit Rezepten dieses Autors, das ich aber niemandem empfehlen würde, weil sonst in zwei Jahren vielleicht nur noch ein Viertel von uns hier sitzen würde. - Wie kam es zu diesem Mr. Ashbless? Tim Powers: Sie haben die Ursprünge übergangen. Während meiner
Gymnasialzeit lernte ich James Blaylock kennen, der ebenso wie ich Science-Fiction- und Fantasy-Geschichten schrieb und verschickte
und ebenso wie ich immer wieder Ablehnungen erhielt. Uns fiel auf, dass in der
Schulzeitung ein Haufen wirklich entsetzlicher Gedichten gedruckt wurde. Es war um 1970,
71, 72, die Hippie-Generation hinterließ Spuren, in den Texten kamen Blumen vor und
nackte Kinder, die im Sand spielten. Und wir dachten, das können wir noch schlechter
machen. Wir nahmen ein Blatt Papier und schrieben immer abwechselnd eine Zeile. Wer am
unteren Rand ankam, schrieb den Schluss und machte einen Punkt. Das war ziemlich
bedeutungsloses Zeug, aber wir versuchten, es so unheilvoll wie möglich klingen zu
lassen. Eine Zeile lautete folgendermaßen: »Schwer auf meiner Braue sitzt der kalte Hund
des Schnees.« Sehr inhaltsschwanger! Dirk Berger: Noch eine kurze Frage zu Ashbless. Haben Sie die Rezepte im Ashbless-Kochbuch alle selbst ausprobiert? Tim Powers: Na klar! Die Rezepte sind sogar sehr gut! Wenn man sie nachkochen möchte, sollte man allerdings berücksichtigen, dass Ashbless ständig Zigaretten rauchte. Wer das Ragout also genauso haben will, wie Ashbless es gekocht hätte, muss einen Esslöffel Zigarettenasche hinzufügen. Dirk Berger: Sie wohnten lange Zeit mit Philip K. Dick in einem Haus. Wie lief das ab? Haben Sie die Bücher des anderen gelesen, gaben sie sich gegenseitig Tipps? Welchen Einfluss hatte Dick auf Ihre Bücher? Tim Powers: Ich habe Philip K. Dick 1972 getroffen, als er quasi aus
Nordkalifornien flüchtete: Sein Haus war gerade in die Luft gejagt und es war auf ihn
geschossen worden, seine Frau hatte ihn verlassen, die Polizei mochte ihn nicht. Also zog
er nach Südkalifornien, und dort habe ich ihn kennen gelernt. Allerdings habe ich nie mit
ihm in einem Zimmer gewohnt, aber wir lebten einmal im gleichen Haus, quer über den Flur,
während seine Freundin bei ihm wohnte. Wir haben nicht viel über das Schreiben geredet.
Als ich ihn kennen lernte, hatte ich nur eines seiner Bücher gelesen und das war gut so,
denn dadurch konnte ich mit ihm reden. Wenn ich mehrere seiner Bücher gelesen hätte,
hätte ich vor Ehrerbietung kaum noch den Mund aufbekommen. Wenn ich einen Autor treffe,
dessen Arbeit ich bewundere, verwandle ich mich in einen Idioten. Ich fange an zu
schwitzen und zu zittern.
Dirk Berger: Ihr bekanntestes Buch ist immer noch Die Tore zu Anubis Reich. Die vorangegangenen Bücher waren eigentlich eher klassische Fantasy. Was war der Antrieb, dieses komplett andere Buch zu schreiben, das dann eine eigene literarische Richtung auslöste, den sogenannten »Steampunk«? Tim Powers: Die Idee stammt eigentlich von K. W. Jeter. Er hatte ein paar Bücher von Henry Meyhew, einem britischen Schriftsteller, gefunden, die im London des frühen 19. Jahrhunderts spielten, mit einer Menge Einzelheiten darüber, wie die armen Leute damals lebten, ständig auf der Suche nach Arbeit, wie sie ihre Kleidung bekamen, wo sie lebten - Geschichten über Keller und Dächer und geheime Verstecke. Dickens nutzte Meyhew beispielsweise als Quelle. Für einen Schriftsteller ist das eine unglaublich einladende Welt. Ich war selbst noch nie in London, aber es ist etwas archetypisches an der Idee, über das düstere alte London mit den engen Straße und den Figuren mit Cape, Hut und Stock zu schreiben: Das erinnert an Jack the Ripper, Dr. Jekyll und Mr. Hyde oder Sherlock Holmes. Es ist eine in sich geschlossene, fast imaginäre Welt, und es macht Spaß, Geschichten zu schreiben, die dort spielen. Wir haben uns alle drei entschieden, dort Geschichten spielen zu lassen. Leute, die mit dem heutigen oder auch dem alten London vertraut sind, haben uns gesagt, dass wir viele Fehler gemacht haben. Aber eigentlich schreiben wir sowieso über ein imaginäres London, eben das London von Sherlock Holmes. Es ist ähnlich wie Arkham, Oz, Mittelerde, Lankhmar - eben eine eigene Welt. Dirk Berger: Der nächste große Wendepunkt war Last Call. Warum jetzt der Wechsel zur jüngeren Vergangenheit, gerade als die historischen Bücher recht erfolgreich liefen? Ist das nicht riskant? Viele sagen: Das lese ich nicht mehr. Aber letztlich hat das Buch sogar den World Fantasy Award gewonnen und ist eines Ihrer erfolgreichsten Romane. Tim Powers: Ich hatte genug davon, über Kutschen, Schwerter, antike
Kleidung und all diese Dinge zu schreiben. Ich schätze, ich wollte ein Buch schreiben, in
dem Autos und Fernsehgeräte vorkommen. Ich glaubte auch, dass es weniger Vorarbeiten
bedeuten würde. Für die vorherigen Bücher musste ich herausbekommen, ob es damals
Schnürsenkel gab, welches Geld, wie die Polizei organisiert war, wie die Leute redeten -
und das für jede Szene eines Romans! Ich musste eine Menge Grundlagenforschung betreiben.
Ich dachte, wenn ich ein Buch schreibe, das in der Gegenwart spielt, weiß ich, wie die
Schuhe gebunden werden und ich weiß, wie die Menschen reden. Dirk Berger: Warum ist Dinner at Deviant's Palace eigentlich der einzige Science-Fiction-Roman, den Sie geschrieben haben? Science Fiction erfordert weniger Vorarbeiten ... Tim Powers: Für Zu Tisch in Deviants Palast brauchte ich
tatsächlich nicht allzu viel zu recherchieren, weil nach einem Atomkrieg jegliche
Technologie verloren gegangen ist und ich mir die Welt und die primitive Situation
komplett ausdenken konnte. Ich komme mir immer wie ein Betrüger vor, wenn ich sage, ich
schreibe Science Fiction, obwohl es eigentlich Fantasy ist. Aber das kann ich meinen
Nachbarn nicht erzählen, weil die dann denken, dass das etwas mit Leder und Peitschen zu
tun hat.
Dirk Berger: Vielleicht noch etwas zu Ihrem neuesten Roman Declare, der immerhin den World Fantasy Award gewonnen hat - Ihren zweiten -, und der den Nebula Award eigentlich nur auf Grund einer Panne nicht bekommen hat, sonst hätten Sie diesen Preis sicherlich auch erhalten. Wie sind Sie auf Kim Philby, eine der Hauptpersonen, gekommen, und was hat Sie an diesem Thema besonders gereizt? Tim Powers: Spionagegeschichten habe ich schon immer gemocht. John Le
Carrés Der Spion, der aus der Kälte kam, Dame, König, As, Spion und
solche Bücher. Es ist klasse, wenn der große Unbekannte zu einem toten Briefkasten geht,
um eine Nachricht abzuholen. Checkpoint Charlie. Geheimagenten in der arabischen Wüste
und dergleichen. Ich wollte diese Spielzeuge auch in meinen Geschichten verwenden. Dann
habe ich eine Biographie über Kim Philby gelesen, der beim britischen Geheimdienst
arbeitete und als Chef für die Gegenspionage im Bereich der Sowjetunion verantwortlich
war. Wie sich herausstellte, arbeitete er, seit er 20 Jahre alt war, gleichzeitig für
Russland. Ich habe diese Biographie eigentlich nur zum Spaß gelesen und weil sie ein
Vorwort von John LeCarré hatte. Dirk Berger: Worum geht es in diesem neuen Roman? Tim Powers: Der nächste Roman wird einige Jahre in der Vergangenheit spielen, so um 1930 herum, und er handelt von Albert Einsteins Aufenthalt in Hollywood, Los Angeles und der Mojavewüste. Er hat einige merkwürdige Dinge gemacht, so hat er zum Beispiel an einer Seance gemeinsam mit Charlie Chaplin teilgenommen. Einstein gehörte zu jener Zeit nicht mehr zur ersten Riege der Physiker, und ich möchte herauszufinden, was dabei Zufall ist und was nicht. Frage aus dem Publikum: Bereitet den größten Spaß nicht das Schreiben, sondern die Vorarbeiten dazu? Tim Powers: Jawohl! Eine erfundene Erklärung für eine bestimmte
historische Zeit zusammenzubasteln. Meistens finde ich dann, wenn ich mein Gebäude
zurechtgezimmert habe und meine etwas andere Erklärung der Geschichte steht, spät in der
Nacht ein für mich neues Buch, das meine Theorie zu bestätigen scheint. Ich denke dann
immer, dass ich mir das nicht ausgedacht habe, sondern dass ich darüber gestolpert bin.
Und ich fürchte, dass die CIA oder die NSA darüber Bescheid wissen und gerade ein
Scharfschütze in meinem Garten auf der Lauer liegt und meinen Kopf im Fadenkreuz hat. Dirk Berger: Vielen Dank für das Gespräch. Übersetzung: Anita Winkler © 2002 |
![]() Foto: Siegfried Breuer |
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