| Thomas
Thiemeyer: Eigentlich musst du anfangen, denn am Anfang war ja bekanntlich das
Wort. Andreas Eschbach: Gut. Es gibt ein Rätsel in der Verlagsbranche,
das bis auf den heutigen Tag nicht befriedigend gelöst worden ist, nämlich warum Solarstation
nicht bei Heyne erschienen ist.
Als ich Solarstation geschrieben hatte, habe ich es an mehrere
Verlage geschickt, weil ich dachte, dieses Buch ist so anders, dass mein Verlag es
vielleicht gar nicht will. Also habe ich es auch bei anderen Verlagen probiert. Unter
anderem habe ich es an Heyne geschickt. Herr Jeschke hat mir gleich ein Angebot gemacht,
am selben Tag, als auch das Angebot von Schneekluth kam, was mich in eine Zwickmühle
brachte. Es war eine Situation, von der ein Autor eigentlich träumt: Zwei Verlage reißen
sich um einen. In der Praxis ist das aber nicht so lustig. Ich habe dann mit Wolfgang Jeschke
gesprochen und ihm die Situation erklärt, und er hat mir den Tipp gegeben, dass ich einen
Agenten bräuchte. Einen guten. Am besten seinen. Ich habe seinen Rat befolgt, und jeder
ist eigentlich davon ausgegangen, dass der Deal so laufen wird: Das Buch erscheint im
Hardcover bei Schneekluth, im Taschenbuch danach bei Heyne. Das kann ein Agent ja gleich
so vereinbaren. Aber dann hat Schneekluth einfach die Rechte an Bastei verkauft und
gesagt: »Naja, Heyne wollte nicht.« Irgendwie habe es zwar ein Gespräch gegeben, aber
eine Vereinbarung kam nicht zustande. Wolfgang Jeschke war daraufhin sehr enttäuscht.
Also sagte ich: Gut, dann schreibe ich später mal ein Buch extra für Heyne, das dann
original dort in der Science-Fiction-Reihe erscheinen soll. Und wenn es dann schon Science Fiction ist, dann machen wir
auch etwas deutlich als Science Fiction erkennbares, nämlich eine richtige Space Opera,
weil ich das Motto habe: »Wenn schon, denn schon; nicht kleckern, sondern klotzen«. Also
habe ich etwas nachgegrübelt. Nachgrübeln heißt bei mir auch immer, in meiner
Ideensammlung zu wühlen. Und dort habe ich eine ganz alte Idee gefunden, die eigentlich
noch älter ist als die zu den Haarteppichknüpfern. Eben die Idee eines
Raumschiffskapitäns, der losfliegt, um den Planeten zu finden, auf dem Gott wohnt. Ich
dachte mir, das ist für eine Space Opera gerade die richtige Kragenweite.
Ich habe das versuchshalber mal mit dem Haarteppichknüpfer-Universum
verbunden, eher aus der Idee heraus, dass es interessant wäre zu sehen, ob man da eine
Verbindung schaffen könnte. Und da kam mir die Idee, die Geschichte in der Zeit
anzusiedeln, in der der Sternenkaiser, von dem in den Haarteppichknüpfern die
Rede ist, die Galaxis überfällt, zu Beginn dieses Krieges. Von dem Moment an sind die
Zusatzideen, die man braucht, damit aus einer kleinen Anfangsidee auch wirklich ein Buch
wird, nur so gesprudelt.
Ich habe also einen Vorschlag an Herrn Jeschke geschickt. Er sagte
gleich: »Ja, großartig, machen wir.« Das war, glaube ich, 1998. Auf dem Con, auf dem
ich für Jesus
Video die ganzen Preise bekommen habe, habe ich ihn wieder getroffen und
vorgeschlagen, dass man vielleicht auch einen Vertrag machen könnte oder so. Das Ganze in
trockene Tücher bringen. »Jaja, machen wir«, lautete die Antwort. Ein weiteres Jahr
verstrich, und irgendwann war es dann soweit. Da befand sich die Angelegenheit allerdings
schon in den Händen von Sascha Mamczak, der die Idee hatte, Innenillustrationen machen zu
lassen. Ich hätte mich gar nicht getraut, das auch nur als Idee aufzubringen. Mir wäre
die Idee nicht einmal gekommen. Obwohl ich gleich an eines der für mich schönsten
Bücher gedacht habe, die Taschenbuchausgabe von Der Wüstenplanet mit den
wunderbaren Farbillustrationen.
Allerdings wollte ich, dass Thomas das Titelbild macht. Meine
Vorstellung war: Quest wird ein Science-Fiction-Roman, der sich vielleicht zwei-,
dreitausendmal verkauft, wenn es gut läuft; also ein Buch für Insider. Ich hatte auch
ehrlich gesagt nicht damit gerechnet, dass das Buch so dick werden würde und dass noch so
viele Ideen kommen würden.
Und dann gab es ein Treffen mit Sascha Mamczak, der extra nach Stuttgart
gekommen ist, um uns zu sagen, dass er viel Geld in dieses Buch investieren würde.
Thiemeyer: Du hast ziemlich weit ausgeholt und ich hoffe, es nimmt mir
niemand übel, wenn ich das auch mache. Ich erzähle kurz die Geschichte, wie wir uns
kennen gelernt haben, weil sie eng mit dem Haarteppichknüpfer-Universum
verknüpft ist.
Es war der Sommer 1996 und ich benötigte unbedingt Lesefutter für den
Urlaub. Nach längerer Abstinenz wollte ich gerne mal wieder etwas von einem deutschen
SF-Autoren lesen. Ich schnappte mir also Jeschkes SF-Jahrbuch und sah nach, wer in letzter
Zeit Preise bekommen hatte. So geriet mir Die Haarteppichknüpfer von Andreas
Eschbach in die Finger. Ich bin dann mit meiner Familie in die Provence gefahren, habe das
Buch gelesen und war begeistert. Ich dachte mir: »Ein Wahnsinnsbuch, diesen Autor willst
du unbedingt kennen lernen.« In der Vita stand zu lesen, dass der Autor ebenfalls in
Stuttgart lebt und eine EDV-Firma leitet. Ich dachte mir, vielleicht wohnt er direkt
nebenan und du weißt es nicht mal. Also fragte ich bei Wolfgang Jeschke nach, der Gott
und die Welt kennt. Er sagte: »Klar wohnt der in Stuttgart, und zwar in der
Spittastraße.« Ich fiel aus allen Wolken, denn das war direkt um die Ecke. Ich schaute
ins Telefonbuch, aber dort war kein Andreas Eschbach verzeichnet. Auch die Auskunft konnte
mir nicht helfen, ebenso wenig wie die Telefon-CD. Ich dachte mir, so einfach kommt er mir
nicht davon, ging in die Spittastraße und sah mich bei der betreffenden Hausnummer um.
Nichts. Langsam begann ich mich zu fragen, ob es den Menschen überhaupt gab.
Erneuter Anruf bei Jeschke: »Da kann irgendwas nicht stimmen.« Er
meinte, dann könne er mir auch nicht helfen. Aber ich solle doch mal bei Thomas Schlück
nachfragen. Zufall oder nicht, Schlück ist Jeschkes, Eschbachs und mein Agent. Thomas
Schlücks Antwort fiel ernüchternd aus. Ja, er habe die Telefonnummer, nein, er könne
sie mir nicht geben: Datenschutz. Er könne mir aber anbieten, Andreas anzurufen und zu
fragen, ob ihm ein Kontakt Recht wäre. Eine Viertelstunde später klingelte mein Telefon
und Tata..., es war Andreas Eschbach. Lange Rede, kurzer Sinn, seitdem sind wir
befreundet. Wir treffen uns regelmäßig mit unseren Freunden und Schriftstellerkollegen
David Kenlock alias Rainer Wekwerth sowie Michael Marrak, der
jetzt leider nach Hildesheim gezogen ist. In diesen legendären Treffen geht es in erster
Linie darum die Manuskripte des jeweils anderen zu zerpflücken, mit seinen Erfolgen
anzugeben, zu essen, zu trinken, schönen Frauen hinterher zu schauen und vieles andere.
Das war also mein Einstieg ins Haarteppichknüpfer-Universum.
Ein weiterer Grund mich um die Illustrationen zu Quest zu reißen war, dass Der
Wüstenplanet mein erstes Science-Fiction Buch war. Jeder, der das Buch in seinem
Regal hat (und das sind fast alle), kennt die wunderbaren Farbtafeln von John Schoenherr.
Als pickeliger Jüngling dachte ich damals: »Was muss es für einen Illustratoren für
eine Ehre sein, ein solches Buch bebildern zu dürfen. Das ist sicher nur den Allerbesten
vorbehalten.« Nun ist Andreas nicht Frank Herbert und ich bin nicht John Schoenherr, aber
immerhin.
Irgendwann bekam ich dann das Manuskript von Quest zu lesen.
Noch vor Jeschke, Schlück und allen andern, was ich als besondere Ehre ansehe. Ich habe
es gelesen und war begeistert. Ich fand, dass es ein Buch war, das förmlich danach schrie
bebildert zu werden. Wolfgang Jeschke und Sascha Mamczak waren erfreulicherweise der
selben Meinung. Sascha Mamczak kam nach Stuttgart und ich konnte ihm gleich einen
Umschlagentwurf präsentieren. Mit diesem Bild im Gepäck fuhr er zurück nach München
und präsentierte den Vertretern das Buch mit solchem Erfolg, dass nicht nur die
Farbtafeln durchgesetzt wurden, sondern auch ein übergroßes Format.
Eschbach: Sascha Mamczak hat auch die Idee mit der Risszeichnung
aufgebracht. Das ist dieses kleine graue Ding, das etwas versteckt vorne im Buch ist und
bei dem die interessanten Sachen alle im Falz verschwinden. Dafür sind wir zur Perry-Rhodan-Redaktion gegangen
- genaugenommen habe ich Klaus Frick angemailt, ob er mir einen Risszeichnungs-Zeichner
»ausleihen« kann. Der war angetan und hat den Kontakt zu Georg Joergens hergestellt. Dem
wiederum habe ich die entscheidenden Passagen aus dem Buch geschickt, damit er sich
irgendwas Hübsches ausdenkt. Es ging dann ein paar Mal hin und her. Er hat mir erst
Entwürfe geschickt, die - genau wie die Illustrationen - ganz anders waren, als ich es
mir vorgestellt hatte, aber gut. Ein paar Sachen, die ganz offensichtlich nicht zum Text
gepasst haben, haben wir korrigiert und ergänzt. Vor allem was die Gestaltung des
Oberdecks anbelangt, gab es ein paar Verständigungsschwierigkeiten, bis ich mich klar
genug ausgedrückt hatte, wie ich mir das vorstellte.
Einige von euch waren ja bei der Buchpräsentation in Stuttgart. An
diesem Tag habe ich das Buch zum ersten Mal in die Hand bekommen. Wenn man ein Buch immer
nur als Abbildung im Prospekt gesehen hat, dann ist es schon etwas ganz anderes, es zum
ersten Mal wirklich vor sich zu haben. Der erste physische Kontakt mit einem Buch ist für
mich immer sehr wichtig, und der war in diesem Fall sehr zufriedenstellend.
Aber ich glaube, ich habe jetzt etwas übersprungen. Denn vor der
endgültigen Gestaltung des Umschlags ...
Thiemeyer: ...steht eine Geschichte, die mir schon lange auf der Seele
brennt und mir sehr peinlich ist. Sie hängt mit dem Umschlag zusammen.
Wolfgang Jeschke erteilte mir also den Auftrag für die Farbtafeln und
das Cover. Letzteres brauche er aber innerhalb von drei Tagen, weil das
Neuheitenverzeichnis gedruckt werden sollte und er darin irgendetwas zeigen musste. Ich
antwortete ihm: »Bitte tu mir das nicht an. Ich habe das Buch gerade fertig gelesen. Es
liegt mir am Herzen, und ich möchte mir damit viel Mühe geben.«
»Kein Problem«, antwortete er, »bastelst du halt einfach einen
Türken.«
Er wollte also einen Platzhalter haben, den man anstelle des richtigen
Titelbildes im Neuheitenverzeichnis einsetzen konnte.
Da ich nicht die Zeit hatte, ein Raumschiffmodell im Computer zu
entwerfen, lud ich mir ein vielversprechend aussehendes aus dem Internet runter,
texturierte und beleuchtete es, zauberte einen schönen Sternenhintergrund und fertig war
der »Türke«. Das Raumschiff sah wirklich schön aus, war dynamisch und kraftvoll; das
hatte jemand entworfen, der Ahnung hatte. Ich habe das Bild an Wolfgang Jeschke geschickt,
er hat es im Verlag rumgezeigt, alle waren begeistert. Aus dem Türken wurde in
Nullkommanichts der endgültige Umschlag gemacht. Diese Wendung gefiel mir zwar nicht,
aber was sollte ich machen?
Eschbach: Ich war auch begeistert. Einen Autor fragt normalerweise
sowieso keiner, ob es ihm gefällt. Oder erst dann, wenn sowieso schon feststeht, dass ein
Bild genommen wird. Aber mir hat es auch gefallen.
Thiemeyer: Ja, einerseits war ich ein bisschen enttäuscht, weil ich
mir für das Buch mehr gewünscht hätte. Aber andererseits war es für mich auch eine
Arbeitsersparnis und ich konnte mich auf die Bilder im Innenteil stürzen.
Etwa zwei Monate später bekam Andreas eine E-Mail von einem Star-Wars-Fan, der dieses Bild gesehen
hatte. Er meinte: »Leute, habt ihr keine Angst, Problem mit George Lucas zu bekommen?
Dieses Raumschiffmodell ist ein Schiff aus Star Wars - Episode I.«
Andreas teilte mir das mit, ich sah mir den Film an, und tatsächlich, es war das Schiff,
das am Anfang des Films einmal kurz durchs Bild fliegt. Ich war entsetzt, rief natürlich
gleich bei Heyne an und sagte, dass wir unbedingt das Cover ändern müssen, sonst könnte
es Probleme geben. Sascha Mamczak meinte, das wäre kein Problem, dann würden wir halt
etwas anderes machen. Daraufhin entwarf ich das Raumschiff, das jetzt auch tatsächlich
auf dem Buch zu sehen ist. Ich hörte dann ewig lange nichts mehr von der Sache, und
glaubte, alles habe seine Richtigkeit.
Als dann irgendwann der Buchhändlerprospekt erschien, glaubte ich
meinen Augen nicht zu trauen: Da war immer noch das alte Cover zu sehen!
Der nächste, der sich meldete, war der Anwalt von George Lucas,
zuständig für den deutschsprachigen Raum. Er drohte dem Heyne-Verlag eine Klage über
eine unglaubliche Summe an wenn wir nicht umgehend das Cover ändern würden. Und dann
waren auch Sascha Mamczak und Wolfgang Jeschke nicht mehr cool, sondern ziemlich nervös
...
Eschbach: ... unentspannt ...
Thiemeyer: ... geradezu aufgeregt. Mir ging es genau so. Ich dachte,
mein Gott, wenn es jetzt tatsächlich zum Prozess kommt, kann ich schon mal mein Sparbuch
zücken...
Als dann das Buch erschien, mit dem richtigen Umschlag, löste sich die
ganze Sache in Wohlgefallen auf. Der Anwalt zog die Klage zurück, und alle waren
glücklich und zufrieden. Aber glaubt mir, ich träume heute noch davon. Es war immer mein
Wunsch gewesen, mal mit Lucas in Kontakt zu kommen, aber doch nicht so!
Die Lehre, die ich daraus gezogen habe ist, nie mehr unbedacht etwas aus
dem Internet runterzuladen. Man kann damit wirklich in Teufels Küche kommen. |
 |
| Eschbach:
Hat jemand eine Frage, so zwischendurch? Frage aus dem Publikum: Sie
sagten vorhin, daß die Bilder nicht so aussehen, wie Sie sie sich vorgestellt haben.
Warum?
Thiemeyer: Ja, das verstehe ich auch nicht (grinst).
Eschbach: Naja, einerseits war mir klar, wenn ich mir was ausmale
und er es dann tatsächlich malt, dass das zwei verschiedene Sachen sind. Man hat
beim Schreiben ein Bild vor sich, von der Landschaft beispielsweise, und das ist schon
eine relativ klare Vorstellung. Das ist ein Bild, von dem man das Gefühl hat, dass man es
malen könnte, und dieses Gefühl würde wahrscheinlich erst dann schwinden, wenn man es
tatsächlich versuchte. Aber dann sahen die Illustrationen doch ganz anders aus.
Andererseits will ich sowieso nicht, daß die Bilder eine direkte Umsetzung des
Geschriebenen sind, sonst wäre es ja keine Kunst mehr im eigentlichen Sinne.
Mir gefallen die Bilder eigentlich alle. Das einzige, was mich irritiert
hat, war das mit den Kristallen. Da dachte ich mir, dass es eher wie ein Kristallwald
aussieht und mit der kristallenen Stadt auf dem stillgelegten Planeten so gar nichts zu
tun hat. Da war ich ein bißchen enttäuscht.
Thiemeyer: Dazu muss man wissen, dass ich bei Heyne seit Jahren große
Freiheiten genieße, was die Motivwahl betrifft. Häufig haben die Bilder gar nichts mit
dem Inhalt zu tun, sondern entstehen rein intuitiv. Sie sollen vielmehr den Charakter, den
Geist des Buches wiedergeben, als eine Szene eins zu eins rekapitulieren. Jeder der die
Bücher von Andreas gelesen hat weiß, dass er eine unglaublich bildhafte Sprache hat. Man
glaubt, sich in einem Film zu befinden. Ich wollte nicht in die Falle tappen, nur zu
beschreiben, was sich ohnehin schon im Text befindet. Außerdem sollten die Bilder einer
Idee folgen, einen Zusammenhang bilden, einen durchgehenden roten Faden, wenn man so will.
Ich stellte bald fest, das die Landschaften auf den einzelnen Stationen der Reise ein
zentrales Element bieten, dass sich optisch umsetzen ließ.
Bei dem ersten Bild, das ich gemalt habe - dem Pashkanarium - habe ich
gleich gemerkt, dass die Szenerie so gigantisch ist, dass man sie eigentlich gar nicht
richtig darstellen kann. Kein Mensch kann die Dimensionen des Bauwerks erahnen. Mit diesem
Bild bin ich nicht zufrieden, weil es keine Möglichkeit bietet, die schiere Größe des
Tempels wiederzugeben.
Bei der Kristallwelt hatte ich ein ähnliches Problem. Riesige Städte
aus Kristall. Ich habe erst gar nicht versucht sie abzubilden, sondern mich auf einen
organisch gewachsenen Vorort beschränkt, durch den zwei kleine Raumfahrer marschieren.
Die eigentliche Stadt ist im Hintergrund nur angedeutet. Vielleicht ist es das, was dich
enttäuscht hat.
Eschbach: Ich glaube, was mich irritiert hat ist, daß deine Kristalle
zu gewachsen aussehen und nicht gebaut.
Thiemeyer: Aber so ähnliche ist es doch auch mit dem letzten Bild,
auf dem Eftalan Quest den Planeten des Ursprungs betritt. Ich habe mich ganz bewusst von
der Buchvorlage abgewandt, da er dort eindeutig in einem Raumanzug herumspaziert. Ich
dachte mir: »Seinem Schöpfer tritt man nicht im Gummianzug entgegen. Da muss etwas
Würdevolleres her.« Also habe ich ihn mit einer Toga bekleidet, wie einen römischen
Senator.
Das ist ein Bild, auf das ich häufig angesprochen werde, weil es stark
von der Beschreibung im Buch abweicht.
Eschbach: Das zum Beispiel stört mich nun wieder gar nicht. Genau
deshalb, weil es das Gefühl wiedergibt - auch für mich. Wenn man nur dieses Kapitel mit
einem Titelbild versehen würde, dann wäre es genau das richtige Bild dafür. Insofern
ist es auch eine gute Innenillustration.
Thiemeyer: Wie du weißt, habe ich habe dem Buch keinen guten Start
prognostiziert. Es ist für eine Space Opera riskant, vollkommen gegen die Erwartungen der
Leser zu spielen. Auch ich habe einige Tage gebraucht, um mich mit dem Ende anzufreunden.
Normalerweise ist man von Space Operas gewohnt, dass sie sich steigern, um dann mit einem
großen Knall zu enden. Dieses Buch aber wird zum Ende hin immer leiser, immer
philosophischer. Dieses Buch zielt mit seiner ganzen Aufmachung auf ein sehr junges
Publikum, auf die sensationslüsterne Fun-Generation, wenn man so will, und nicht auf den
nachdenklichen, ernsthaften Leser. Ich habe geglaubt, dass das Ende sehr viel
Enttäuschung hervorrufen wird. Aber da habe ich mich glücklicherweise geirrt.
Eschbach: Sag das nicht. Quest ist ein Buch, zu dem ich
richtige Hass-E-Mails bekommen habe. Teilweise unter eindeutig erfundenen Namen haben mir
Leute geschrieben, dass das Buch das Letzte sei und ich überhaupt nicht schreiben könne.
Ich dachte mir, mein Gott, was hab ich denn getan? Ob ein Autor schreiben kann oder nicht,
das muss man als Leser doch abchecken, bevor man einen Haufen Geld für ein Buch ausgibt.
Da liest man halt ein bisschen rein, dann merkt man das ja.
Frage aus dem Publikum: Aber was steckt denn dahinter? Wollen die
Leute nur schimpfen?
Eschbach: Da rätsele ich auch noch, woher einige dieser enorm starken
Emotionen kommen. Ich weiß es nicht. Ich denke, es hat damit zu tun, dass eine bestimmte
Erwartungshaltung vielleicht geweckt und nicht befriedigt wurde.
Ich muss hinzufügen: Dass das Buch so enden würde, stand seit
ungefähr zwanzig Jahren fest. Das war in der Uridee schon enthalten. Hinzugekommen sind
während des Schreibens ganz viele kleine Einzelheiten. Zum Beispiel die Schneckenwesen,
die über den einen Raumfahrer hinwegkrabbeln. Mir war klar, die müssen Zwischenstation
auf einem Planeten machen, wo sie diverse Rätsel lösen, damit die Geschichte weitergeht.
Sie treffen auf intelligente Wesen, und ich musste mir überlegen, wie die wohl aussehen.
Zu der Zeit hatte ich mit meiner Frau eine Wanderung gemacht und sie hat dabei eine
Schnecke zertreten, was ihr heute noch leid tut. Und als ich die Schnecke gesehen habe,
dachte ich mir, ich nehme Schneckenwesen. So was hatten wir schon lange nicht mehr. Das
war dann die Rache der Schnecken an den Menschen.
Frage aus dem Publikum: Als ich das Buch ausgelesen hatte, war ich
verwirrt und fragte mich: War es das jetzt? Durch die Haarteppichknüpfer wurde
die Erwartung geweckt, dass eine Lösung kommen würde. Aber die kam in Quest
nicht. Und wenn man darauf gewartet hat, kann man schon enttäuscht sein. Und dann ist
auch so viel Theater um das Buch gemacht worden.
Eschbach: An der Stelle will ich nicht unerwähnt lassen, dass dieses Haarteppichknüpfer-Universum
ein Baum ist, an dem mehrere Früchte darauf warten, reif zu werden. Die Geschichte geht
weiter, es wird noch Seitentriebe geben, wahrscheinlich so lange ich lebe. Die Geschichten
sind alle noch nicht zu Ende erzählt. In den Haarteppichknüpfern hat sich schon
ein Gestaltungsprinzip angedeutet. Das war ein ganz kleinformatiges Patchwork, das auf
alles verzichtet, was klassischerweise einen Roman ausmacht: Es gibt keinen durchgehenden
Helden, es gibt nur eine zu erahnende Handlung, aber es ist alles miteinander verbunden.
Das ist so wie im richtigen Leben: Wir begegnen jemandem, und dann verlieren wir ihn
wieder aus dem Augen. Etwas passiert, aber wir wissen nicht, wie es weitergeht. Wir haben
immer nur Ausschnitte, aber wir erahnen hinter diesen Ausschnitten das große Ganze. Und
so ist es auch in den Haarteppichknüpfern. Wenn man die beiden Bücher
zusammennimmt, so haben sie auf die gleiche Geschichte zwei ganz verschiedene Blickwinkel.
Diese beiden Bilder sind nicht deckungsgleich, man ahnt nur die Zusammenhänge.
Eine klassische Space Opera hätte mit dem Untergang und der
Wiedergeburt des Universums enden müssen, oder damit, dass sich ganz unglaubliche
Zusammenhänge offenbaren. Oder es wird eine Zivilisation aufgebaut, die nachher die Erde
sein wird, oder so was. Das ist mir aber gar nicht in den Sinn gekommen, weil für mich
von Anfang an feststand, dass das Buch in etwas Stillem enden musste. Und dadurch ist es
vielleicht wieder keine typische Space Opera. Aber vielleicht ist die Zeit dafür auch
tatsächlich vorbei, ich weiß es nicht. Man kann nicht endlos noch eins draufsetzen. Wenn
das Universum mal untergegangen und neu geboren ist - und das hatten wir ja schon öfter
-, dann ist das nicht mehr steigerungsfähig.
Thiemeyer: Aber ich denke, es hat Prinzip, dass du gegen die
Erwartungen spielst. Die Bücher, die du bisher geschrieben hast, ähneln sich
untereinander kein bisschen, jedes ist vollkommen eigenständig. Bei Quest war
ich zuerst enttäuscht, dass du gegen meine Erwartungen gespielt hast, im Nachhinein
gesehen ist aber das Ende auf diese Art viel reichhaltiger und befriedigender.
Wenn ich überlege, welche Space Operas mir gefallen, komme ich auf Iain
Banks mit seinem Kultur-Zyklus oder auf Dan Simmons mit Hyperion. In
diesen Geschichten verläuft die Handlung, wie auch im Haarteppichknüpfer-Universum,
nicht chronologisch, sondern es können auch mal 80.000 Jahre vergehen, bis die Geschichte
aus einem ganz anderen Blickwinkel fortgesponnen wird. Eine spannende und raffinierte
Herangehensweise.
Eschbach: Interessant ist auch, wie ein Buch erwartet und aufgenommen
wird. Die Haarteppichknüpfer wurde nicht erwartet, im Gegenteil. Es war einfach
noch ein Buch, das die Welt nicht brauchte. Es kam völlig unvorbereitet. Vor Quest
gab es eine hohe Erwartungshaltung. Und wir versuchten auch, die Erwartungen
hochzuschrauben, indem wir auf der Homepage jeden Monat einen neuen Textauszug gebracht,
die Bilder vorab vorgestellt und einfach die Trommel gerührt haben. Wie auch die Werbung
bei gewissen Filmen führt das zu Erwartungshaltungen, die kein Werk erfüllen kann.
Selbst wenn es zu perfekt wäre, würden alle sagen, das wäre zu perfekt. Also liegen
selbst in der Werbung für ein Buch Fallstricke verborgen.
Frage aus dem Publikum: Werden die Bücher Die Haarteppichknüpfer
und Quest auch ins Englische übersetzt?
Eschbach: Quest nicht, aber zu den Haarteppichknüpfern
gibt es seit zwei Jahren oder so Gespräche mit einem amerikanischen Verlag. Aber die
amerikanischen Verlage sind es nicht gewohnt, Bücher zu importieren und kommen nicht zu
Potte. Interessant ist es, die amerikanischen Buchverträge zu lesen. Man merkt, dass
neunzig Prozent aller Anwälte auf diesem Planeten in Amerika tätig sind. So ein Vertrag
ist mindestens zehnmal so umfangreich wie ein deutscher Buchvertrag.
Also, es gibt Gespräche, aber die verlaufen äußerst zäh. Aber das
ist sowieso keine Zielrichtung, an der man sich als deutscher Autor ausrichten sollte. Ich
kann die Bücher auch nicht für die Amerikaner zurecht schreiben. Wobei ich gehört habe,
dass es tatsächlich Bücher gibt, die für den amerikanischen Markt noch einmal
»geglättet« werden. Unerfreulichkeiten wie zum Beispiel sterbende Leute werden da
rausgenommen.
Thiemeyer: ...oder nackte. |
Anzeige
|
| Frage aus dem
Publikum: Ein Autor erfährt von den Reaktionen der Leser durch Leserbriefe oder
Rezensionen. Aber wie ist das als Illustrator? Bekommst Du ein Feedback? Thiemeyer:
Bevor ich meine eigene Homepage und E-Mail-Adresse hatte,
bekam ich überhaupt keine Reaktionen. Das war mein großes Problem, denn ich war von den
Kinderbuchverlagen, für die ich illustriert hatte, sehr verwöhnt. Die haben sich rührig
um ihre Illustratoren bemüht und haben mir halbjährlich sämtliche Rezensionen
zugeschickt. Zwar habe ich auch damals selten ein direktes Leserfeedback bekommen, aber so
hatte ich immerhin etwas, woran ich mich orientieren konnte. Bei den
Science-Fiction-Covern habe ich jahrelang in den luftleeren Raum hinein gearbeitet. Passt
ja zum Genre, ist aber sehr unbefriedigend. Seit ich auf meine Homepage verkündet habe,
dass ich mich über Meinungen, Kritik und Anregungen freue, bin ich mit der Rücklaufquote
sehr zufrieden.
Aber noch einmal zurück zu Quest, denn es gibt etwas
Erfreuliches zu vermelden. Der Erfolg des Taschenbuchs, das mittlerweile in der 7. Auflage
ist, hat den Heyne Verlag bewogen, das Buch in die Allgemeinen Reihe zu nehmen. Es wird
wahrscheinlich 2003 mit neuem Cover erscheinen, aber die bisherige Ausgabe wird weiter
lieferbar sein.
Frage aus dem Publikum: Weil gerade das Thema Jugendbuch erwähnt
wurde: Thomas hat ja auch für Das Marsprojekt
das Titelbild gemalt. Welchen Grund gab es dafür, dass das Bild für die
Taschenbuchausgabe nicht mehr verwendet wurde?
Thiemeyer: Das weiß ich nicht. Vielleicht hat ihnen das Bild nicht so
gefallen. Vielleicht war es ihnen zu technisch.
Eschbach Ich hatte einen Anruf bekommen, dass der Verlag ein anderes
Titelbild nehmen wollte. Als ich nachfragte hieß es, dass der Vertrieb das so haben will.
Und in so einem Verlag trifft der Vertrieb eigentlich alle Entscheidungen. Er entscheidet
auch über die Titel. Ursprünglich hieß das Buch Die Marskinder, und damit gab
es erst mal auch kein Problem. Bis ein Anruf kam: »Der Vertrieb sagt, man kann keinen
Titel bringen, in dem das Wort Kinder vorkommt.« Das mag stimmen oder nicht,
jedenfalls habe ich viele Vorschläge gemacht und der blödeste von allen Titeln ist es
dann geworden. Meine Theorie ist, dass es sich aufgrund des etwas langweiligen Titels Das
Marsprojekt nicht so verkauft, wie sie sich das vorgestellt haben. Obwohl es sich
wohl doch ganz gut verkauft hat, weil es immerhin eine zweite Auflage gegeben hat. Und
weil man den Titel eines Buches für die Taschenbuchausgabe nicht ändern kann, haben sie
es wohl mit dem Titelbild probiert.
Bei Perfect Copy
war es so ähnlich. Man verwendet Stunden kostbarer Arbeitszeit darauf, sich reihenweise
Titel auszudenken, von denen dann keiner genommen wird. Kurz bevor ich in den Urlaub ging
kam ein Anruf: »Wir haben uns jetzt entschieden das Buch soundso zu nennen.«
Frage aus dem Publikum: Was macht die Verfilmung von Jesus Video?
Eschbach: Die ist fertig. Die Premiere für die Presse ist am 14.
Oktober 2002 in Hamburg. Womöglich werde ich auch eingeladen, ich weiß es noch nicht.
Man will mich sogar mit dem Drehbuchautor zusammenbringen. Ich hoffe, dass das ohne
Blutvergießen abgeht.
Ausgestrahlt wird es vermutlich im Winter.
Frage aus dem Publikum: Hast du Einfluss auf das Drehbuch gehabt?
Eschbach: Nein, nein! Also bitte auch weitersagen: Ich hatte keinerlei
Einfluss aufs Drehbuch. Ich musste darum kämpfen, dass ich es überhaupt vorab lesen
durfte. Ich habe mit dem Film, außer dass ich ein Buch geschrieben habe, auf dem er
basiert, nichts zu tun. Wenn es ein Meisterwerk wird, dann trifft mich keinerlei Schuld.
Dann dürfen sich das der Regisseur und der Produzent auf die Fahnen schreiben. Und wenn
es kein Meisterwerk wird, müssen sie es sich auch auf die Fahnen schreiben.
Was von beidem es ist, kann ich noch nicht sagen, aber auf jeden Fall
kann man davon ausgehen, dass den Film zu sehen die Lektüre des Buches nicht
überflüssig macht.
© 2002 by Andreas Eschbach und Thomas Thiemeyer |
Anzeige
|