![]() |
| ALIEN CONTACT 51 |
| Science Fiction Alien Contact |
|
| Der nachfolgende Artikel erschien 1990 in der ersten Ausgabe von ALIEN CONTACT. In der Rubrik »Rückblende« werden wir in loser Folge vor langer Zeit erschienene Artikel wiederveröffentlichen, die unserer Meinung nach noch heute interessant sind oder einen neuen Blickwinkel erfordern. Der Autor des Artikels, Ralf Lorenz, kommentiert im Anschluss seinen damaligen Text. | |
| Viel ist gesagt
und geschrieben worden über den Autor der apokalyptischen Vision des Jahres 1984, der
diesem Orwell-Jahr seinen Stempel aufdrückte, und der wie kaum ein zweiter im Bewußtsein
weiter Teile der Öffentlichkeit mit den allgemein verbreiteten Ängsten vor Überwachung
und Manipulation assoziiert wird. Es soll an dieser Stelle der Versuch unternommen werden,
Orwells Lebensweg und die Entwicklung seines Denkens nachzuzeichnen, die Bedeutung seiner
Hauptwerke Animal Farm und 1984 zu veranschaulichen und deren Botschaft
auf die konkrete Wirklichkeit in unserem Land, wie sie sich bis vor kurzem hier
darstellte, zu beziehen. Diejenigen, die umwerfend neue Erkenntnisse zu diesem Themenkomplex erwarten, muß ich jedoch enttäuschen: In Hunderten von Essays ist - lange vor mir - sicherlich ähnliches geleistet worden. Daß ich es dennoch wage, den bereits existierenden Arbeiten eine weitere hinzuzufügen, hat seinen Grund darin, daß der historische Umbruch in der DDR (und in ganz Osteuropa) erstmals die Möglichkeit eröffnet, Orwells Bücher auf ihre Gültigkeit hin nach dem Scheitern des von ihm kritisierten totalitären Kommunismus zu verifizieren. Das meiste, was bislang im Westen dazu geschrieben wurde, stammte außerdem von Leuten, die den hierzulande praktizierten Sozialismus nur von außen kannten; die Sicht eines direkt Betroffenen ist in der Regel anders als die eines Außenstehenden. Der historische Umbruch in der DDR sollte jedem denkenden und bewußt lebenden Menschen Anlaß und Verpflichtung sein, über das Vergangene nachzudenken. In diesem Sinne hoffe ich dem scheinbar ausgereizten Thema Orwell den einen oder anderen neuen Gesichtspunkt hinzufügen zu können. Kurzbiographie George Orwells, die Entwicklung seines politischen DenkensGeorge Orwell, mit bürgerlichem Namen Eric Blair, wird im Jahre 1903 in Motihari im fernen Bengalen als Sohn eines britischen Kolonialoffiziers geboren. Nach der Rückkehr der Familie ins Mutterland und nach der obligatorischen Internatserziehung besucht er das College in Eton. Im Anschluß daran nimmt Orwell jedoch nicht das übliche Universitätsstudium auf, sondern meldet sich zur Ausbildung beim britischen Kolonialdienst, um zunächst dieselbe Laufbahn wie sein Vater einzuschlagen. Er wird 1922 Polizeioffizier und dient fünf Jahre für das Empire in Burma. Im Verlauf dieser Zeit erkennt Orwell, für wessen Interessen er - weit entfernt von der Heimat - hier seinen Kopf hinhalten muß. Die Erkenntnis, auf der falschen Seite zu stehen, kommt ihm sehr schnell, und er quittiert zum frühestmöglichen Zeitpunkt (1927) seinen Dienst. Bereits in der Jugend hatte sich bei Orwell eine Neigung zur Schriftstellerei gezeigt - jedoch stand einer Karriere in dieser Richtung seine Skepsis bezüglich des eigenen Talents gegenüber. So sind die einschneidenden Erfahrungen im Kolonialdienst ausschlaggebend dafür, daß Orwell sich berufen fühlt, für die ungerecht unterdrückten Völker die Stimme zu erheben. Zunächst aber betreibt er (vielleicht aus einer Art Schuldgefühl heraus?) soziale Studien an der Basis, indem er sich als Underdog in Paris und London durchschlägt. Erst jetzt, indem sich bestimmte prägende Erfahrungen durch eigenes Erleben akkumuliert haben, entschließt er sich, es ernsthaft als freischaffender Autor zu versuchen: 1933 erscheint das erste Buch Down and Out in Paris and London. Im folgenden Jahrzehnt wird Orwell zu einem der einflußreichsten linken Autoren des Landes, der - wann immer sich eine Möglichkeit ergibt - für sozial Unterprivilegierte eintritt. Er träumt von einer besseren als der existierenden, von Klassengegensätzen durchzogenen Gesellschaft des Englands der 30er Jahre. Ja, er hält eine Realisierung dieser besseren Gesellschaft im Großbritannien der unmittelbar bevorstehenden Zukunft für möglich und notwendig! Nach Lage der Dinge erblickt Orwell eine Zukunft im Kommunismus der Sowjetunion, der der breiten Masse langfristig ein erfülltes Leben mit materiellem Wohlstand und ideeller Geborgenheit versprach. Wie viele Intellektuelle seiner Zeit liebäugelt er mit dem Marxismus als der alleinseligmachenden Ideologie, deren endgültiger Durchbruch auch in Westeuropa ihm nur eine Frage der Zeit scheint. 1936 engagiert sich Orwell in einer marxistischen Gruppe der Internationalen Brigaden im spanischen Bürgerkrieg. Hier muß er feststellen, daß seine Ideale der praktischen Überprüfung nicht standhalten: Die prokommunistische, auf die Sowjetunion Stalins eingeschworene Fraktion der republikanischen Spanienkämpfer verfolgt unnachsichtig alle Andersdenkenden in ihren eigenen Reihen. Orwell muß erkennen, daß totalitäre Wahrheiten ein schlimmes Übel sind, die die ursprünglichen Ideale ins krasse Gegenteil verwandeln und sie letztlich zu Staub zerfallen lassen. Eine weitere Ernüchterung steht dem inzwischen geachteten Autor bei der Rückkehr ins Heimatland bevor. Niemand ist bereit, seine Wahrheiten über den spanischen Bürgerkrieg anzuhören, manche leugnen einfach die von Orwell aufgezeigten Widersprüche, manche wollen einfach nicht wahrhaben, was auf der Hand liegt, andere wiederum sind nicht bereit, im Sinne einer falsch verstandenen Loyalität mit der Sowjetunion Stalins auch nur die kleinste Kritik an diesem Land zuzulassen. Die Jahre 1938 bis 1945 sind in Orwells Leben gekennzeichnet durch einen permanenten Kampf gegen die Lügen der offiziösen sowjetischen Propaganda, die auch von vielen Menschen in Großbritannien geglaubt werden. Er hat große Schwierigkeiten, überhaupt ein Sprachrohr für seine Ansichten zu finden; kaum jemand ist bereit, irgend etwas über Schauprozesse, Massenverhaftungen und GULAGs zu veröffentlichen - Dinge, die so gar nicht ins schöne Bild vom »ersten Arbeiter- und Bauernstaat auf Erden« passen wollen. Seine enttäuschten Hoffnungen als Linker machen sich schließlich in einer Generalabrechnung mit dem verlogenen Sowjetkommunismus Luft. Animal Farm und 1984 sind Warnung und Metapher zugleich. Animal Farm und 1984 als die Summe seines LebensAnimal Farm, geschrieben bereits 1943, erschienen aber erst 1945, ist eine künstlerisch ausgewogene Satire, ein besonderer Glücksfall in der modernen Literatur. Dieses Buch bringt Orwells schriftstellerische Entwicklung auf den Höhepunkt - nie zuvor hatte sein Stil so scharfe Konturen und wies derart präzise Formulierungen auf. Mit voller Absicht wollte er eine Parabel schreiben, die die Qualitäten einer pointiert erzählten Geschichte mit politischer Aufklärung über das Durchschaubarmachen von Abläufen verbindet. Und wie ihm dies gelungen ist, kann nur derjenige ermessen, der die Fabel unvorbereitet gelesen hat. Sein Credo. »Man muß wissen, wofür man kämpft, und erkennen, wo die vertretenen Ideale schon längst verraten sind von denen, die sie scheinbar noch geläufig mit sich führen, um Fehler in der Zukunft zu vermeiden.« Animal Farm ist auch utopische Literatur, weil Orwell in der Darstellung der negativen Auswüchse indirekt seine Erwartungen und Hoffnungen zum Ausdruck bringt. Animal Farm zeigt Orwell als Skeptiker bezüglich gesellschaftlicher Veränderungen überhaupt - er stellt die Frage, ob Revolutionen prinzipiell geeignet sind, wirkliche Veränderungen für die breite Masse der Bevölkerung hervorzubringen. Seine Botschaft kann man nur dahingehend interpretieren, daß dies nur dann der Fall sein wird, wenn der Ablauf einer Revolution kontrollierbar bleibt und wenn ausgeschlossen ist, daß die Führung sich von der Masse abkoppelt bzw. von einem bestimmten Punkt an nur noch im eigenen Interesse handelt. Um dies aber erreichen zu können, sollten alle Menschen in der Lage sein, politische Entwicklungen aufmerksam zu verfolgen und zu beurteilen; dies wiederum setzt voraus, daß sie zunächst ihre Trägheit und Denkfaulheit überwinden. Nur dann können Revolutionen langfristig wirkliche Veränderungen für diejenigen bringen, die sie ursprünglich initiiert haben. 1984 ist im Gegensatz zu Animal Farm ein realistischer Gesellschaftsentwurf, dessen Brisanz sich seit dem Erscheinen des Buches im Jahre 1949 kaum abgeschwächt, sondern eher noch verstärkt hat. Seine Schreckensvision steht der Weltsicht Kafkas sehr nahe, der in seinen Werken ebenfalls das Schicksal von ausgespähten und in die Enge getriebenen Menschen zeigt. Jedoch unterscheidet sich Orwells Ansatz in der Darstellung von dem des deutschen Autors dadurch, daß er verbindlich und konkret die politisch motivierten Zielsetzungen des Unterdrückungsapparates aufzeigt. - Haben wir bei Kafka immer den Eindruck, es mit einer phantasievoll ausgedachten, im Kern jedoch existentialistischen Sicht eines Intellektuellen auf die ihm undurchschaubar scheinende Welt zu tun zu haben, packt uns Orwells Gesellschaftsentwurf durch seine beeindruckende Realitätsnähe. Es erscheint kaum möglich, sich der Faszination des Grauens, das die von Orwell ausgemalte Welt des Jahres 1984 ausstrahlt, zu entziehen. Einzelne Szenen bleiben einem förmlich ins Gedächtnis eingebrannt. Die Verhaftungsszene etwa, die als der Schnittpunkt des Romans sämtliche Formkräfte desselben zur Geltung bringt und die Orwells dichteres Vermögen auf dem Punkt explodieren läßt. Im Schlußteil erleben wir hautnah, wie die Bewußtseinsänderung eines Menschen durch Gehirnwäsche herbeigeführt wird, wir sterben den Quasi-Tod dieses Menschen mit. Nie zuvor und in wohl keinem anderen Werk der Weltliteratur wird der auf ein Individuum ausgeübte Terror derart wirklichkeitsnah und beharrlich in immer neuen Varianten in das Bewußtsein des Lesers gebracht. (Und das ist schlimm, aber gut für die Wirkung des Buches!) Die Bedeutung dieses Romans geht weit über das Literarische hinaus; es ist Orwells Vermächtnis an die Nachgeborenen - seine Botschaft ist ein Menetekel für die Krise, in die die Zivilisation im 20. Jahrhundert hineingeraten ist. Orwell warnt uns vor den Gefahren verhängnisvoller gesellschaftlicher Fehlentwicklungen, insbesondere vor den Gefahren, die unter totalitären Bedingungen auf den Einzelnen lauern. Er zeigt uns, wie solche Systeme ihre Macht erringen und aufgrund von perfide perfektionierten Manipulationsmechanismen und buchstäblich über Leichen gehenden Apologeten der Macht auch behalten. Orwell bekennt sich leidenschaftlich zum gesunden Menschenverstand (für dessen Funktionieren freilich jeder Einzelne von uns die Verantwortung trägt!), zu liberaler Toleranz gegenüber Andersdenkenden, und ist nicht bereit, im Interesse »höherer Ideale« auf Teile der Wahrheit zu verzichten. Am Ende seines Lebens tritt uns Orwell also als Moralist und Humanist gegenüber - er ist frei von dem schrecklichen Pathos aller »Weltverbesserer«. Sein ursprüngliches Engagement für die sozial Benachteiligten in der bürgerlichen Gesellschaft ist noch immer vorhanden (mit Sympathie schildert er die »Proles« als die einzigen Hoffnungsträger für eine nicht-totalitäre Zukunft), jedoch glaubt er nicht mehr an den Marxismus als eine den Menschen befreiende und beglückende Ideologie. Zu bitter sind seine Hoffnungen auf »den anderen Weg« durch das real existierende sowjetkommunistische Regime enttäuscht worden, und zu offensichtlich treten die praktischen Schwächen, die der neuen Gesellschaftsordnung immanent sind und die in vielerlei Hinsicht die der alten übertreffen, in Erscheinung. Orwell war bis zu seinem Tod im Jahre 1950 ein überzeugter »Linker«, der am Schluß jedoch eher auf eine pragmatische Änderung des bürgerlich-demokratischen Gesellschaftsmodells setzte. Die Schaffung eines breiten Mittelstandes und die Hebung des allgemeinen Bildungsniveaus erschienen ihm nunmehr als Voraussetzungen, um eines Tages - vielleicht - doch noch den Traum einer besseren, humaneren sozialen Ordnung verwirklichen zu können. Orwells Vermächtnis und das Ende des »Sozialismus« in der DDR45 Jahre nach dem Druck von Animal Farm und 41 Jahre nach Erscheinen des Romans 1984 sind sie für unser Land aktueller denn je. Just in dem Jahr, in dem die Gründerväter der »Republik« das Jubiläum ihrer Machtergreifung feierten (oder besser: feiern wollten), hat ihr System abgedankt, und der - von Anfang an künstliche - Staat DDR geht dem Ende seiner Existenz entgegen. 40 Jahre funktionierte in ihren Augen alles prächtig, man stand immer kurz davor, dem »Sozialismus« zum weltweiten Sieg zu verhelfen. Mit den paar Querulanten, die es wagten, in der Öffentlichkeit Kritik an ihnen oder den Heiligtümern der Bewegung zu üben, ist man noch allemal fertig geworden. Wozu gab es schließlich Gefängnisse und den »Staatssicherheitsdienst«, die große Masse hatte man jederzeit »im Griff«. Freilich, Kontrolle war schon wichtig, denn - allen unfehlbaren Gesetzen der gesellschaftlichen Entwicklung zum Trotz - hatte man irgendwie doch noch nicht die geeigneten Menschen für die propagierte Idealgesellschaft ... Aber das würde sich schon finden. »Den Sozialismus in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf«, tönte einer ihrer Führer. Oder war's das Schwein Napoleon? Das hatte ganz ähnliche Sprüche drauf. Nein, Ochs und Esel hätten sich ganz sicher - ähnlich wie in Animal Farm - noch jahrzehntelang für dumm verkaufen lassen, noch jahrzehntelang hätten sich »Boxers« abgerackert und ihren geliebten Führern ein angenehmes Leben verschafft ... Daß es dazu nicht kam, ist der Lernfähigkeit der Menschen zu verdanken; ob die Tiere auf der Animal Farm jemals den Betrug gemerkt hätten, ist nach Anlage der Fabel unwahrscheinlich. Ob die »Proles« aus 1984 jemals den Aufstand geprobt hätten, ist auf Grund ihrer De-facto-Entmündigung ebenso unwahrscheinlich. Zu perfekt arbeitete die Propagandamaschinerie der Partei, zu träge und zu denkfaul war die breite Masse - in 1984. In 1989 gab's ein anderes Szenario. Viele Faktoren führten dazu, daß Orwells Vision einer ewigen totalitären Ordnung (obwohl in weiten Teilen in diesem unseren Land verwirklicht!) nicht unser Schicksal wurde. Es gab Einflüsse von außen, es gab Erosionserscheinungen im Inneren, aber das Wichtigste war: Die schwarzweißmalende Verdummungsmaschinerie funktionierte nicht mit der von Orwell beschriebenen Präzision. Eine allseitige Manipulation der in ihrem Machtbereich lebenden Menschen mit dem Endziel einer Auslöschung selbständigen Denkens zugunsten der Übernahme primitiver Denkraster blieb zu allen Zeiten bloßer Wunschtraum unserer Partei - nicht so in 1984: Dort war genau dies schon erreicht. Ein Sieg des (von Orwell leidenschaftlich verteidigten) gesunden Menschenverstandes, ein Sieg über Lüge und Macht und Ideologie - ein Sieg Orwells. Man mag über den Ausgang der ersten freien Wahlen seit 58 Jahren in diesem unseren Land geteilter Meinung sein, über eines dürfte jedoch Konsens bestehen: Die Mehrheit entschied sich bei der Stimmabgabe für diejenigen Kräfte, welche keine Patentrezepte anzubieten hatten, wie alle Menschen frei und gleich und glücklich werden sollen, und die trotzdem realistische Konzepte für die konkrete Gestaltung unserer Zukunft entwickelten. Nur eine Minderheit entschied sich für die Partei, die uns 40 Jahre am Gängelband führte. Dies bestätigt, daß die Menschen durchaus lernfähig sind: Die pluralistische Demokratie westlicher Prägung hat auch in unserem Land ihre Feuertaufe bestanden. Wahr ist, daß es ziemlich lange gedauert hat, bis es zu dieser historischen Wende kommen konnte. Wahr ist, daß es ohne gewisse äußere Anstöße und Vorbildwirkungen niemals (naja, jedenfalls nicht so bald!) dazu gekommen wäre. Wahr ist, daß die Menschen an sich Opportunisten sind, die - droht keine unmittelbare Gefahr für Leben und Gesundheit - sich viel, sehr viel gefallen lassen. Wahr ist, wir alle haben diesen Irrsinn mitgemacht, ohne an die nächste Generation und das, was wir ihr - ungefragt - zumuten, überhaupt zu denken. Wahr ist aber auch: Es gibt keine perfekte und widerspruchsfreie gesellschaftliche Ordnung - und es wird sie vermutlich auch in Zukunft nicht geben. Und wahr ist außerdem, daß jede gesellschaftliche Ordnung sowohl Vor- als auch Nachteile hat, deren Überwiegen auf der einen oder anderen Seite individuell verschieden gesehen wird. Der Mensch muß jedoch zunächst die Wahl haben, man muß ihm die Chance einräumen, selbst darüber zu bestimmen, wie und unter welchen äußeren Rahmenbedingungen er sein Leben gestalten möchte. Und dafür erscheint eine offene Gesellschaft bei weitem geeigneter als eine - wie ein monolithischer Block dastehende - geschlossene: Die erstere ist insgesamt anpassungs- und wandlungsfähiger, die letztere ist schon aufgrund der ihr innewohnenden Intoleranz gegenüber Andersdenkenden und ihrer strikten ideologischen Verbohrtheit zum Untergang verurteilt. Orwell hat es gewußt, und er hat es uns gesagt. Er hielt uns die Krücken hin, mit deren Hilfe wir den aufrechten Gang erlernten. Jetzt müssen wir selber laufen. erschienen in ALIEN CONTACT 1, Juli 1990 |
![]() |
|
Anzeige |
|
![]() |
|
|
Anzeige |
|
Ralf LorenzOrwell Ein RückblickMenschlicher Grunderfahrung entspricht es, daß Dinge und Ansichten über Dinge in einem anderen Licht erscheinen, wenn sich der Blickwinkel der Betrachtung verändert. Dies ist unvermeidlich, denn die Zeit des gelebten Lebens ist ein unbestechlicher Richter. So hat die Wiederbegegnung mit einem selbst verfaßten Text, immerhin 13 Jahre alt, einen Reiz der besonderen Art. Seinerzeit schrieb ich den Essay »George Orwell Animal Farm und 1984« unter dem unmittelbaren Eindruck des später als »Wende« deklarierten Umbruchs in der ehemaligen DDR. So lebt dieser Essay von der vermeintlich kollektiven Erfahrung des von mir als bedrückend empfundenen DDR-Sozialismus, von der Hoffnung auf ein freiheitliches System, das ähnliche gesellschaftliche Fehlentwicklungen nicht zuläßt. George Orwell als Schriftsteller, seine Biographie, aber insbesondere die beiden Werke Animal Farm und 1984, boten sich als Projektionsflächen dafür an. Seine glasklare Prosa, sein unbestechlicher Blick für Strukturen und Wirkungsmechanismen einer reglementierten Gesellschaft, seine Distanziertheit zur Masse all dies waren Dinge, die mich damals besonders ansprachen. In jener besonderen historischen Situation mußte dies dazu führen, daß anderes überblendet wurde. George Orwell ist gewiß kein zeitloser Autor, dessen Texte auch nach Jahrzehnten unverbraucht und unwidersprochen gelesen werden können. 13 Lebens- und Lesejahre weiter, mit den Erfahrungen der neuen gesellschaftlichen Wirklichkeit im Rücken, waren Verschiebungen der Perspektiven unvermeidlich. Einerseits mußte ich erkennen, daß nicht alle Ostdeutschen den gelebten DDR-Sozialismus als bedrückend empfanden. Ganz offensichtlich war es nicht gerechtfertigt, die Geschichte vom ostdeutschen Herbst des Jahres 1989 nur vom Ende her zu sehen, sozusagen als Befreiungsgeschichte. Andererseits empfinde ich klarer als damals, daß die individuelle Freiheit und Befindlichkeit zwar von äußeren Einflüssen abhängig ist, sie aber nicht ausschließlich durch diese determiniert wird. Das Streben nach Glück und individueller Freiheit hat viele Facetten, die sich unter den je wechselnden gesellschaftlichen Bedingungen und individuellen Ansprüchen der Menschen verändern. Die Glücksvorstellungen eines ägyptischen Schreibers in der Pharaonenzeit dürften sich erheblich von denen eines Beamten am Hofe Friedrichs II. unterschieden haben. Noch ganz anders geartet, in ungeahnter Breite und Tiefe, haben sich die Wertvorstellungen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in den entwickelten Gesellschaften des Westens ausdifferenziert. Bei näherer Betrachtung wird wohl jeder der Aussage zustimmen, daß individuelle Freiheit von keiner menschlichen Ordnung voraussetzungslos gewährt werden kann. Der Grad dieser Freiheit bleibt abhängig von den gesellschaftlichen Grundwerten der jeweiligen Ordnung. Daß diese Werte in modernen Gesellschaftssystemen permanent in Frage gestellt werden müssen, um Verkrustungen und Fehlentwicklungen zu vermeiden, dürfte inzwischen unstrittig sein. Dies war aber keineswegs der historische Normalfall. In Orwells 1984 erscheint das individuelle Aufbegehren des Winston Smith bereits als Programm. Ebenso die Revolte der Tiere in Animal Farm. Welche Ziele hatte Winston Smith über das Streben nach Wahrheit hinaus? Kann die Überwindung einer Mangelwirtschaft bereits als Wert an sich betrachtet werden? Was wollten die Tiere nach dem erhofften Umsturz anders machen? Welche Ordnung mit welchen Werten hatten sie vor, sich zu geben, um künftig besser zusammen zu leben? George Orwell gibt auf diese Fragen keine ausreichenden Antworten, ja, eigentlich stellt er diese Fragen gar nicht. Er suggeriert, daß gesellschaftliche Strukturen ausschließlich durch den Mantel von Ideologien zusammengehalten werden, die Macht der Herrschenden letztlich auf der Dummheit der Massen beruht. Er meint, daß die jeweilige Oberschicht diese Massen durch Verschleierung der wirklichen Verhältnisse in Schach hält, und auf Grund dessen über sie herrscht. Individuen, die keiner dieser beiden Gruppen angehören die Mittelschicht sind die einzigen Menschen, die Fragen stellen. Und zwar, weil sie allein ein Gefühl für individuelle Freiheit und Würde besitzen, und somit für das, was den eigentlichen Wert des Lebens ausmacht. Die sogenannte Wende brachte für die Ostdeutschen einen Paradigmenwechsel in Bezug auf die gesellschaftlichen Werte mit sich. Für die meisten war damit auch ein tiefer Einschnitt in ihre persönliche Biographie verbunden. Gemeinsinn, die Rücksichtnahme auf den Schwächeren, aber auch individuelle Reglementierungen traten in den Hintergrund. Individuelles Können, Flexibilität und Leistungsbereitschaft wurden maßgebend für den sozialen Status des einzelnen. Im Ganzen also ein Übergang von einer kollektiv geprägten Gesellschaft in eine individualistische. Ein Übergang von einem normierten System mit starren Vorschriften und nivellierenden Vorgaben in ein ambivalentes, in welchem individuelle Freiheit lediglich von der ökonomischen Zweckbindung des einzelnen begrenzt wird. So etwas war natürlich nicht zum Nulltarif zu bekommen. Und daß damit persönliche Anstrengungen verbunden waren und sind, hatten viele Ostdeutsche nicht erwartet. Es ist eine Binsenweisheit, daß die Menschen als Individuen von ihren Anlagen her unterschiedlich sind; das bürgerliche Glücksversprechen der Französischen Revolution »Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit« kann darüber nicht hinwegtäuschen. Je nach persönlicher Couleur wird man die individuellen Unterschiede der Menschen feiern oder sie zu nivellieren versuchen. Systeme, die primär auf diese Unterschiede setzen, sind aller historischen Erfahrung nach wohl näher an der Natur des Menschen orientiert als Modelle, die mehr auf die Gleichheit setzen. Was bleibt von der Orwell-Lektüre der 80er Jahre, in der Endzeit der ehemaligen DDR? Obwohl Orwells Weltbild statische Momente hat, bleibt der rebellische Habitus wesentlich. Es ist das Hinterfragen der gesellschaftlichen Wirklichkeit, das Nicht-stehen-bleiben-Können bei einer finalen Wahrheit, das den dauerhaften Wert seiner besten Bücher ausmacht. Von einem Autor Lebenshilfe zu erwarten, oder gar endgültige Antworten, ist sicher verfehlt. Gute literarische Texte wirken eher wie Katalysatoren, können ein Seitenstück zum gelebten Leben bilden. »Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne« wußte schon Hermann Hesse. Orwell wird für mich immer verbunden bleiben mit der Erfahrung des Aufbruchs, mit dem unglaublichen Glücksgefühl, das sich einstellt, wenn Dinge in Bewegung kommen und sich neue Perspektiven öffnen. Ralf Lorenz, Berlin im Januar 2003 |
![]() |
| ALIEN CONTACT 51 |