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| Das Magazin für Science Fiction & Fantasy • Ausgabe 51 • Interview |
ALIEN
CONTACT: Es ist schwer zu übersehen, dass du mit deinen
Geschichten auch und vor allem Gesellschaftskritik formulierst. Hältst du das Genre der
SF dafür in irgendeiner Weise für prädestiniert?
Marcus Hammerschmitt: Ja, ganz bestimmt. Die SF beschäftig sich vor allem mit der Alternative und der Zukunft. Das sind zwei Dinge, an denen es uns derzeit schwer mangelt. Die SF kann »gehen, wohin kein anderes Genre geht«, und sie kann Lichtungen in einem Wald aufzeigen, den viele Leute vor lauter Bäumen gar nicht mehr sehen. Die große Kunst dabei bleibt, Agitprop zu vermeiden und der grundsätzlichen Ethik des Erzählers zu gehorchen, nämlich den Lesern eine interessante Geschichte zu erzählen. Propaganda kann Tageslosungen bündeln, ödet aber als Roman nur an.
AC: Gerade die Rolle der Satire scheinst du ja auch kritisch zu sehen. Ich erinnere mich, dass du auf dem »Out-of-this-World«-Kongress 2002 in Bremen Satire als prinzipiell eher affirmative Praxis beschrieben hast - in dem Sinne, dass sie ein Lachen herausfordert, das mit den Grundbedingungen der Gesellschaft versöhnt, indem es ihre scheinbaren »Verzerrungen« vorführt.
MH: Der Bodensatz dieser Form von Satire ist ja die Comedy, die ihre Chancen der transzendierenden Blödelei nicht nutzt und sich stattdessen in autodestruktivem Zynismus suhlt. Sich immer wieder selbst eine Sahnetorte ins Gesicht hauen, wie komisch. SF könnte eine gesellschaftliche Satire im Angriff sein, wenn mit Angriff nicht der platte Aufruf zu sozialem Aktivismus verbunden ist, sondern der Angriff auf Mythen, Ideologie, verleugnete Missstände und auch die Selbstgerechtigkeit und unfreiwillige Komik der Autorschaft. Eine Säure, die den ganzen Müll wegätzt, mit dem unsere Wirklichkeit umkleidet wird - was übrig bleibt, ist oft nicht lustig, aber der Prozess des Ätzens gibt mehr Spielraum für alle Arten von Komik her als gelungene Schlußpointen, bei denen sich das Publikum auf die Schenkel klopft.
AC: Wenn man deine letzten drei Romane betrachtet, kann man eine Entwicklungslinie ausmachen: Im Opal gibt es am Ende noch eine Art Befreiungsschlag, in dem das System kollabiert. Beim Zensor steht eine Umwälzung am Ende zwar in Aussicht, erscheint aber doch alles in allem recht fraglich und auch fragwürdig. Polyplay dagegen schließt mit der Feststellung, dass es keine Alternative zum Mitspielen in der Gesellschaft gibt. Tendierst du bewusst dahin, immer mehr zu thematisieren, dass es »kein richtiges Leben im falschen« gibt?
MH: Ich habe schon große Fortschritte gemacht. In früheren Arbeiten (z. B. den Erzählungen aus Der Glasmensch oder in Target, am deutlichsten in den vier thematisch und gestisch verwandten Geschichten »Charly 2000«, »Hundherz«, »Lizzie X« und »Café Vidocq«) stand am Ende oft nur die totale Vernichtung der mehr oder weniger kaputten Protagonisten. Das begann mich zu langweilen. Meine neueren Helden nutzen die Chancen, die sie nicht haben. Das ist als Ansatz nicht rasend neu, aber vielleicht unserer gesellschaftlichen Realität angemessener und auch spannender als der unbedingte Katastrophismus.
AC: Stimmt, Polyplay wirkt da im Verhältnis eher nüchtern. Die Groß-DDR erscheint ja verglichen mit der real existierenden BRD weder als Utopie noch als Dystopie. Deine Version wirkt vielleicht etwas spießiger und gemütlicher, ist dafür aber mit moderner Informations- und Verkehrstechnologie aufpoliert. Sogar unser aktueller Außenminister bleibt uns in Polyplay erhalten ... Wenn diese Nüchternheit deine Absage an den Katastrophismus ist, in welche Richtung zielt dann deine Kritik? Ich meine, der große gesellschaftliche Umsturz ist ja bei Polyplay nicht in Sicht, weder im positiven noch im negativen Sinne.
MH: Eine der Aufgaben von Polyplay ist eine archäologische. So seltsam es klingt: Manche müssen heute, zwölf Jahre nach der »Wiedervereinigung«, daran erinnert werden, dass es so etwas wie die DDR überhaupt gab. Das Buch als eine Kritik des Vergessens. Zweitens kritisiert Polyplay die DDR. Eigentlich war sie ja ein sehr seltsames Unterfangen, ein veranstalteter, nicht-revolutionärer Sozialismus in einer postfaschistischen Gesellschaft. Polyplay richtet sich gegen einen allzu bequemen Optimismus, der sich selbst treuherzig zuruft: »Beim nächsten Mal wird alles anders! Wenn man das nur richtig anpackt, klappt das schon!« Nein, so geht es grundsätzlich nicht. Drittens kritisiert das Buch die Identifikation des Lesers mit dem Helden, indem er zum Ende hin mit einem radikalen Wandel dieses Helden konfrontiert wird. Ich hoffe, dass möglichst viele Leser diesen Wandel als Schock erleben. Ansonsten, und das kann ich nicht oft genug betonen, wollte ich mit Polyplay wie mit all meinen erzählenden Texten nicht primär etwas kritisieren (das behalte ich meinen Essays vor), sondern eine Geschichte erzählen, die sich mir aufdrängte. Und gleichzeitig nimmt er die Aufgabe der Kritik ernst genug, um sich nicht zur Utopie aufzuschwingen, die allen ernstes Vorschläge zur Rettung der Welt macht.
AC: Apropos »das Rettende«: Selbiges nimmt bei dir ja zuweilen befremdliche Formen an. Ich denke da an den Zensor. Eine der Hauptfiguren der Guerillakämpfer, Enrique, der immer wieder verblüfft und schockiert ist über die seltsamen Bündnisse, die er z. B. mit erzkonservativen Christen schließen muss. Der Zensor scheint auf die Feststellung abzuzielen, dass soziale Kämpfe immer von Spannungsverhältnissen geprägt sind, und dass das, was gestern noch rettend war, heute schon unerträglich reaktionäre Züge annehmen kann.
MH: Das ist so. Man will das nicht. Man will sich nicht mit seinen Gegnern in ein Boot setzen, nur um einen konkreten politischen Erfolg zu erzielen. Man will das dumme Zeug nicht hören, das die anderen für die reine Wahrheit halten. Und trotzdem ist es notwendig und wird immer notwendig sein. Enrique macht nun die Erfahrung des bitteren Umschlagens einer Bündnispolitik, die er selbst lange, viel zu lange mitgetragen hat. Seine Leute sind bereit, ihn zu opfern, damit ein falsches Bündnis bestehen bleiben kann (in diesem Fall das antimayanische Widerstandsbündnis zwischen dem marxistisch und dem katholisch orientierten Flügel der Guerilla). Das Dumme an Bündnissen ist: Es gibt keine Garantien. Ich habe bis vor kurzem auch noch einige Leute für Linke gehalten.
AC: Deine letzten drei Romane sind bei Argument Social Fantasies erschienen - eine Reihe, die den gesellschaftskritischen Anspruch ja deutlich in den Vordergrund stellt. Vorher war Suhrkamp der Hausverlag für deine SF-Sachen. Hat der Wechsel inhaltliche Gründe, oder hängt er einfach mit dem allgemeinen Niedergang der Phantastischen Bibliothek bei Suhrkamp zusammen?
MH: Letzteres. Natürlich war ich sehr froh, mit meinem ersten Buch überhaupt (Der Glasmensch, 1995) dort herauszukommen - der Suhrkamp Verlag war und ist etwas Besonderes. Das Glück hielt auch noch an, nachdem ich mit »Wind« (1997) den Thaddäus-Troll-Preis holte - unüblich für jemanden, der bis dahin nur Phantastik veröffentlicht hatte. Nach Target (1998) setzte allerdings eine Stagnation in meinen Beziehungen zu Suhrkamp ein, die mich zunächst ratlos und dann wütend machte. Ich sah, dass die Phantastische Bibliothek auslaufen sollte, und die Vertragsverhandlungen zu Der Opal waren so zäh, dass ich das Handtuch warf. Der Opal sollte dann mein erstes Buch bei Argument werden - und dieser Roman und seine Nachfolger hatten mehr Erfolg »am Markt« als jeder meiner Suhrkamp-Titel. Was mit der Phantastischen Bibliothek bei Suhrkamp geschehen ist, kann ich nur bedauern - wie auch einige andere Entwicklungen, die den gesamten Verlag betreffen.
AC: Würdest du sagen, dass sich die Bedingungen für deutsche SF-Autoren in den letzten Jahren verschlechtert haben, z. B. durch die Sache mit Suhrkamp?
MH: Die Bedingungen haben sich enorm verschlechtert. Das Ende der Phantastischen Bibliothek ist ja nur ein Beispiel für die stetig abschmelzende Publikationsbasis - ein weiteres, das mich persönlich herb trifft, ist die Einstellung der seinerzeit von Wolfgang Jeschke betreuten Anthologien bei Heyne. Das war eine Möglichkeit, Formate von der klassischen Short Story bis zum Kurzroman mit 130 Seiten zu testen - und Heyne hat mich auch immer passabel (und pünktlich) bezahlt. Was für Verlage keine Selbstverständlichkeit ist.
AC: Du bist ja nicht nur Science-Fiction-Autor ...
MH: Ich bin es eigentlich sogar nur zu einem kleineren Teil. Die Wahrnehmung, ich sei ausschließlich ein SF-Autor, entsteht durch die Tatsache, dass die meisten meiner veröffentlichten Titel aus diesem Genre stammen. Aber meine Homepages geben Auskunft über meine Lyrik, meine Essays, Hörspiele, Online-Projekte usw.
AC: Bleibt die obligatorische Frage, was wir als Nächstes von dir zu erwarten haben ...
MH: Das weiß ich leider noch nicht, konkrete Verträge gibt es im Moment nicht. Was ich sehr gerne einmal im Druck sehen würde, sind verschiedene phantastische Erzählungen, die auf der Grenze zwischen SF, Horror, Mainstream und alternate history balancieren und die sich um eine Novelle von etwa 75 Seiten Länge gruppieren ließen. Zwei davon werden in näherer Zukunft erscheinen, aber an recht entlegenen Orten - eine davon auf Ungarisch. Auch für meine Gedichte wünsche ich mir eine Buchausgabe. Immerhin insgesamt sieben Arbeiten werden demnächst in zwei Anthologien erscheinen. Ich versuche gerade, die Chancen für einen Roman auszuloten, der im eigentlichen Sinn nicht mehr als Science Fiction begriffen werden kann. Erwachsen ist dieser Roman aus meiner Beschäftigung mit der Eisenbahn, die zu meinem Essayband Das geflügelte Rad geführt hat. Man wird sehen.
AC: Hoffentlich bald ... Vielen Dank für das Gespräch.
Jakob Schmidt ALIEN CONTACT