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| Das Magazin für Science Fiction & Fantasy • Ausgabe 51 • Story |

Vor ihm hockte ein kleine graue Stadttaube auf dem Straßenpflaster, starrte auf die zu Boden gefallenen Reste des zweifelhaften Leckerbissen, einen Blick unsäglichen Verlangens in den runden Augen. Wer Taubenblicke deuten konnte, wusste, dass genau das es war, wovon sie geträumt, wonach sie ihr Leben lang gesucht hatte. Jetzt war der größte Teil davon im Rachen einer sabbernden Bestie verschwunden. Sie nahm einen zu Boden gefallenen Knorpelfetzen auf, schlang ihn hastig herunter, dann noch einen und noch einen ...
Das Winseln verwandelte sich in ein Knurren. Beute fraß Beute. Zwar handelte es sich bei beidem um Ungenießbarkeiten, deren Verwandtschaft mit Fleisch etwa mit der des Köters zu einem Steppenwolf vergleichbar war, aber hier ging es ums Prinzip.
Die Taube nahm den unheilverkündenden Laut wohl war, doch der Lebenserhaltungstrieb blieb weit hinter dem Verlangen zurück, dieses essenzielle letzte Teil aufzunehmen. Erfüllung ...
Mächtige, triefende Kiefer schnappten zu, und nur ein Reflex, eine schwache Erinnerung an die Evolution, rettete den Kopf der Taube. Nicht ihren rechten Flügel, der Blut und Federn ließ. Das bellende Lachen stieg eine Oktave auf, die Sprache eines Gottes mit einer intellektuellen Kapazität, die auf den Kauf von Currywurst spezialisiert war, wozu sie mit ein paar provisorischen Erweiterungen auch ausreichte. Dicke Finger ließen die Leine fahren.
Hund knurrt, Mensch bellt, ein mitreißender Beat, und die Taube taumelt wie in Strobo, ein Flügel wild flatternd, immer um ihre eigene Achse, doch irgendwie vergrößert sie den Abstand zum Pitbull, und wahrscheinlich könnte sie entkommen ...
Stadtbus. Trifft. Stadttaube.
Was sagt die Stadttaube?
Eine gewaltige Explosion zerreißt sie von innen heraus, der Bus schlägt ein Rad, graziös wie ein Turner, nur das er es nur zur Hälfte schafft, und zwölf Scheiben zerspringen in der Druckwelle, während er auf dem Dach zu liegen kommt.
»Er hat Rod getötet!«
Empörtes Gurren aus zehntausend Taubenkehlen erfüllte den verfallenen Dachstuhl.
»Wie viele sollen es noch sein? Er muss gestoppt werden!«
Mehr Gurren, diesmal zustimmend. Ted blickte durch die Ränge. Er hatte sie voll auf seiner Seite. Sie alle. Sie würden eine konzertierte Aktion starten. Es fehlte nur die Erlaubnis von ...
»Nein.« Der gewaltige Leib, zehnmal so groß wie ein Mensch, schob sich unter dem grauen Kotberg hervor. Oons Stimme, in einem überdimensional aufgeblähten Brustkorb erzeugt, ließ den Raum erzittern. »Keine konzertierten Aktionen vor der dritten Metamorphose. Die Regel der Geheimhaltung.«
»Wenn er noch viele aus der dritten Generation zum Explodieren bringt, müssen wir uns um Geheimhaltung bald ohnehin keine Gedanken mehr machen!«, stieß Ted empört hervor. Das zustimmende Gurren blieb aus. Niemand wagte sich so weit vor, der Übermutter Oon zu widersprechen.
»Die externe Technologie der Menschen ist primitiv. Weil sie die Verdauungssynthese nicht verstehen, werden sie die Augen davor verschließen bis es zu spät ist. Sie führen die Explosionen auf vergessene Minen aus einem ihrer Kriege zurück. Unsere Invasiven unterstützen diese Meinung.« Ted unterdrückte ein beleidigtes Brummen. Er selbst war mehrere Jahre lang Invasiver gewesen. Er erinnerte sich immer noch gerne an die Zeit, als er seine mutierten Eier an den Hirnstamm von Menschen angeheftet hatte, um ihre primären Funktionen zu steuern. Es war eine einfache, aber zutiefst befriedigende Arbeit gewesen. Oon musste ihm zuletzt erklären, was die Arbeit eines Invasiven war! Notgedrungen schluckte Ted seinen Ärger herunter.
»Wenn wir jetzt mit konzertierten militärischen Schlägen beginnen, könnte das unseren gesamten Zeitplan gefährden, vielleicht sogar unser Ziel in unerreichbare Ferne rücken«, fuhr die Übermutter träge blinzelnd fort. Enttäuschtes Gurren erfüllte den Dachstuhl. Oon hob erneut die Stimme, und erwartungsvolle Stille machte sich breit, als sie sagte: »Ich verstehe jedoch die Dringlichkeit des Problems. Deshalb werde ich es persönlich in die Hand nehmen.« Zehntausende Tauben hielten den Atem an. Die Stille war dröhnend. »Ted. Du wirst diese Kreatur meinen Bedürfnissen entsprechend mästen.«
Oons Worte verursachten Ted das Gefühl, schockgefroren zu werden. Einen Hund zu mästen war eine komplizierte Angelegenheit, ein Tanz, bei dem es darum ging, immer etwas anderes an den Ort zu bringen, wo die Kiefer zuschnappten. Noch dazu etwas Nützliches. Gleichzeitig war ein erfolgreich gemästeter Köter das Zehnfache einer Taube wert, wenn es darum ging, die dritte Metamorphose der Übermutter herbeizuführen. Einen so prestigeträchtigen Auftrag konnte Ted kaum ablehnen. Der Vorschlag an sich kam einer Auszeichnung gleich, die nur mit der Position eines Nährers der vierten Generation vergleichbar war, für den sich bald die Hoffnung erfüllen würde, in die Unendlichkeit der Mägen der Mütter aufgenommen zu werden. Rod hatte kurz vor dieser Ehre gestanden, als die Bestie ihn getötet hatte. Die Currywurst hatte die letzten enzymatischen Bausteine enthalten, die es ihm erlaubt hätten, sich von Oon verschlingen zu lassen und auf ewig ein Teil des großen Projekts zu werden. Ein wohliger Schauer ließ Teds Gefieder erzittern. Die Selbstaufgabe für das Projekt, der Eingang in die Ewigkeit. Es gab nichts Größeres, was sich eine einfache Taube erträumen konnte. Und nun verlangte man von ihm, sein Leben für das Projekt aufs Spiel zu setzen, ohne die geringste Möglichkeit, dass er selbst den glorreichen Weg in den Verdauungstrakt nehmen würde. Die Aussicht auf einen ehrenvollen, aber keinesfalls erfüllten Tod. Ted stieß ein enttäuschtes Gurren aus. Erst jetzt merkte er, dass der Saal noch immer den Atem anhielt, offensichtlich in Erwartung seiner Antwort.
»Ich akzeptiere«, verkündete er, doch seiner Stimme fehlte die Selbstsicherheit, mit der er die Sitzung begonnen hatte.
Gier, so viel wusste Ted, Gier und Neid waren die Schlüssel. Kein Mensch hätte die Bedeutung dieser beiden Faktoren jemals so vollkommen erfassen können, wie Ted es tat, während er von der Sicherheit einer Dachrinne herab seinen Todfeind beobachtete, der zu seinem Opfer werden sollte.
Der Übergang von der Barbarei zur Zivilisation hatte nicht das Geringste mit der Eliminierung dieser beiden Faktoren zu tun. Es ging vielmehr darum, sie einem höheren Zweck unterzuordnen. Die beiden Säulen der Taubenzivilisation waren Gier und Neid, und es war allen wissenschaftlichen Erkenntnissen zufolge um die höchstentwickelte Spezies des Planeten. Der Grund dafür: Gier und Neid waren die Gelatine in der Götterspeise der Gesellschaft. Und wie Gelatine machte man sie aus gemahlenen Knochen.
Herrchen wälzte sich auf der Parkbank dösend hin und her, und hätte Ted es nicht besser gewusst, hätte er geglaubt, dass auch seine Knochen zermahlen waren, um den Kitt für die schwabbelige Körpermasse zu ergeben. Von Herrchen ging im Moment keine Gefahr aus, doch Pitbull war wachsam, als ahnte er, dass er beobachtet wurde.
