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Das »Normale« sind die andern

Hans-Peter Neumann im Gespräch mit Barbara Slawig


Hans-Peter Neumann: Barbara, wie bist du eigentlich dazu gekommen, Science Fiction zu schreiben?

Barbara Slawig: Mein Interesse für SF ist recht alt. Angefangen hat es, glaube ich, mit einer Perry-Rhodan-Phase unter uns Geschwistern. Danach habe ich so ziemlich jedes SF-Buch in unserer Kleinstadtbücherei gelesen. Ich habe mich damals auch schon für Astronomie und Raumfahrt interessiert und Planetenkonstellationen, Sonnenfinsternisse etc. berechnet. Nach dem Abitur hatte ich dann Zugang zu großen Buchhandlungen - und Geld für Bücher - und habe angefangen, bestimmte SF-Autoren systematisch zu lesen.
   Zum Schreiben bin ich dann eher zufällig gekommen. Jahrelang habe ich mich nur als Naturwissenschaftlerin gesehen, und ich hätte auch gar nicht die Muße gehabt, mich nebenher mit etwas so Zeitraubendem wie Schreiben zu befassen. Ich habe aber viel gelesen und die Geschichten manchmal weiter- oder umgesponnen ... Als ich dann aus der Wissenschaft ausgestiegen war, habe ich viel Neues ausprobiert, unter anderem auch das Schreiben. Und da war dann plötzlich klar: Das will ich machen.

HPN: Nun stellen Science-Fiction-Autorinnen ja zumindest im deutschen Sprachraum immer noch eine Minderheit dar.

BS: Ja, eine Minderheit gleich in dreifacher Hinsicht. Erstens sind SF-Autoren - Männer wie Frauen - eine Minderheit unter den Autoren, von denen sich die meisten nie mit solchem Schmuddelkram abgeben würden. Zweitens sind wir deutschen Autoren eine Minderheit unter den SF-Autoren, die in Deutschland veröffentlicht werden. Und drittens sind wir Frauen noch einmal gegenüber den Männern in der Minderheit.

HPN: Ist das denn wirklich ein Nachteil? Manchmal ist ja sogar von einem »Frauenbonus« die Rede.

BS: Es ist sicherlich nicht nur ein Nachteil. Der Vorteil besteht darin, dass man (bzw. frau) schnell bemerkt wird. Das gilt übrigens auch für die anderen Arten von Minderheiten. Die wenigen deutschen SF-Autoren, die es überhaupt gibt, sind vermutlich jedem deutschen SF-Leser bekannt. Zumindest dem Namen nach. Ich war verblüfft, wie schnell sich manche Leute aus der SF-Szene meinen Namen gemerkt hatten - das ist in der »normalen« Literaturszene überhaupt nicht so.
   Der Nachteil ist, dass du eben als eine Art Kuriosum bekannt wirst. Du fällst auf, aber du bist auch ein Fall für sich. Das »Normale« sind die andern. Frauen werden meist nur mit anderen Frauen verglichen, SF-Autoren nur mit anderen SF-Autoren ... Ich werde zum Beispiel manchmal gefragt, ob ich eigentlich nur für Frauen schreiben. Für mich ist das eine völlig abwegige Vorstellung. Genauso stört es mich, wenn SF als abgesonderter Bereich der Literatur behandelt wird, der mit dem Mainstream nichts zu tun hat. Ich mag nicht in einem Ghetto existieren, auch wenn es drinnen gemütlich zugeht.

HPN: Siehst du dich selbst als SF-Autorin oder einfach als Schriftstellerin, die auch oder bevorzugt SF oder Phantastik verfasst?

BS: Letzteres. Meine Geschichten habe alle einen phantastischen Einschlag, aber der kann sehr verschieden aussehen. In einer Geschichte gehen zum Beispiel Wünsche in Erfüllung, wenn man ein bestimmtes Ritual ausführt. Oder einem Berliner Langweiler begegnet eine Wassernixe. Das sind eigentlich »Mainstream«-Geschichten, in denen es etwas verrückt zugeht. »Pakettage« ist SF, »Das Verschwinden der Wangs« (in der Anthologie Feueratem von Michael Nagula) ist halb SF, halb Märchen ... Das heißt, letztlich würde ich meine Texte genau da ansiedeln, wo nach Meinung vieler Verlage und Rezensenten (und wohl auch einiger Leser) nur ein tiefer Graben existiert, nämlich im Grenzbereich zwischen Phantastik und »Mainstream«.

HPN: Wie verträgt sich das mit der in Deutschland üblichen Unterteilung in anspruchsvolle Literatur und Unterhaltung?

BS: Überhaupt nicht. Die Unterscheidung würde ich am liebsten in den Müll werfen. Natürlich gibt es sehr verschiedene Arten von Literatur, aber ich finde es verheerend, das ausgerechnet am Unterhaltungswert festmachen zu wollen. Ich persönlich habe immer vor allem zu meinem Vergnügen gelesen - und zwar alles von Krimis über Science Fiction bis zu Marquez oder Virginia Woolf. Und auch meine eigenen Projekte spielen für mich nicht in verschiedenen Abteilungen der Literatur. Sie sind mal lustiger, mal spannender, mal eher beschaulich, und sie richten sich vielleicht nicht immer an die gleichen Leser, aber sie sollen die Leser immer auch faszinieren, gefangen nehmen und unterhalten.

HPN: Gibt es spezielle Möglichkeiten des Genres Science Fiction, die dich als Autorin reizen?

BS: Oh ja. Vor allem die große Freiheit. Dass man ein altbekanntes Thema mal von einer ganz anderen Seite angehen kann und sich nicht ständig auf den zeitgenössischen Stand der Diskussion beziehen muss, auf Dinge, die in der Zeitung stehen. Zum Beispiel wollte ich die weibliche Hauptfigur in Flugverbot in eine Männerwelt versetzen, in der sie wirklich auf sich gestellt ist, in der sie sich nicht bei einer Gleichstellungsbeauftragten beschweren kann. Ich wollte auch ein biologisches Labor drin haben, ohne über Gentechnik schreiben zu müssen ... Da ließen sich noch viele Beispiele anführen. - Aber abgesehen davon macht es mir auch ganz einfach Spaß, mir abenteuerliche Geschichten auszudenken. Nicht immer und nicht nur, aber eben immer wieder.

HPN: Dein Roman Die Lebenden Steine von Jargus bzw. Flugverbot hat ja schon eine wahre Odyssee durch verschiedene Verlage hinter sich. Nach einer Kleinauflage im Eigenverlag erschien er als Hardcover bei Haffmans, wurde als Taschenbuch bei Heyne angekündigt und landete schließlich beim Argument Verlag in Hamburg. Wie kam es zu diesen zahlreichen Verlagswechseln?

BS: Die erste Auflage von Flugverbot bestand aus 20 im Copyshop hergestellten Exemplaren, die ich eigentlich nur an Freunde, Bekannte und Verwandte verschicken wollte. Ich war überrascht, als ich bald darauf von ganz fremden Leuten Anfragen nach Flugverbot bekam. Das war während der Zeit, als ich noch vergeblich nach einem Verlag für den Roman suchte. Bald darauf konnte ich eine Erzählung im Literaturmagazin DER RABE beim Haffmans Verlag unterbringen (das war »Flaute«, erschienen 1999). Der Lektor Heiko Arntz las daraufhin auch den Roman, und er und Gerd Haffmans beschlossen, ihn unter dem Titel Die Lebenden Steine von Jargus ins Programm zu nehmen, obwohl Haffmans sonst außer Philip K. Dick kaum SF herausgab. Ich finde bis heute, dass das ein wirklicher Glücksfall für mich war: endlich mal ein Verleger, der keine Probleme damit hatte, auch SF als ernst zu nehmende Literatur zu betrachten. Es ist wirklich traurig, dass der Haffmans Verlag die Umschichtungen in der deutschen Verlagsszene nicht überlebt hat und Konkurs anmelden musste.
   Die Taschenbuchrechte an den Lebenden Steinen waren schon einige Zeit vor dem Konkurs an Heyne verkauft worden, und das Taschenbuch sollte eigentlich zwei Jahre nach dem Hardcover erscheinen (unter dem verkürzten Titel Jargus). Das wäre im Sommer 2002 gewesen. Inzwischen war aber der alte Herr Heyne verstorben, der Verlag gehörte jetzt zur Springer-Verlagsgruppe Econ/Ullstein/List, und das SF-Programm wurde massiv umgebaut und zusammengestrichen. Und Jargus stand (in bester Gesellschaft) mit auf der Streichliste. Das war wirklich ein Tiefschlag, weil das Buch wegen des Konkursverfahrens auch als Hardcover nicht mehr lieferbar war. Ich hatte das Gefühl, dass jetzt dringend etwas passieren musste, damit es nicht bei diesem frustrierenden Ergebnis blieb. Darum habe ich mich spontan an den Argument Verlag gewandt. Wir sind uns bald einig geworden, und auch die weitere Arbeit lief so gut, dass das Buch jetzt schon erscheinen kann. Aus meiner Sicht hat die Odyssee also ein sehr befriedigendes Ende genommen, denn bei Argument fühle ich mich wirklich wohl, und ich finde auch, dass der Roman gut ins »Social Fantasies«-Programm passt.

HPN: Eine Frage zur Textentwicklung des Romans. Wie stark unterscheiden sich die drei Varianten Flugverbot, Die Lebenden Steine von Jargus bei Haffmans und Flugverbot. Die Lebenden Steine von Jargus bei Argument voneinander, und wie gut war die Zusammenarbeit mit den Lektoraten von Haffmans und Argument?

BS: Mit beiden war die Zusammenarbeit sehr gut: professionell, entspannt und auf Verständigung bedacht. Heiko Arntz vom Haffmans Verlag hat sich den Text damals sehr gründlich vorgenommen und viele Verbesserungen vorgeschlagen. Dabei ging es meist darum, mehr Klarheit herzustellen, neu eingeführte Personen schneller und schärfer zu charakterisieren oder den Lesern hier und da kleine Gedächtnisstützen zu liefern. Seine Idee war es auch, die Datumsangaben einzubauen, damit klarer wird, in wie kurzer Zeit sich alles abspielt. Handlung, Personen, Aufbau der Geschichte etc. haben sich dadurch aber nicht geändert. Bei der Ausgabe für den Argument Verlag musste dann alles sehr schnell gehen, aber Else Laudan hat den Text trotzdem noch einmal genau durchgesehen und viele kleine Änderungen angeregt, die vor allem den Lesefluss beschleunigen. Inhaltlich unterscheiden sich die beiden Ausgaben praktisch nicht.

HPN: Deine neue Story »Pakettage« spielt ja wieder im »Jargus-Universum«, einige Jahrzehnte vor der Handlung des Romans. Können die Leser auch in Zukunft neue Erzählungen oder Romane aus diesem Universum erwarten?

BS: Ja, es gibt bereits einen Handlungsentwurf plus erstes Kapitel zu einem weiteren »Synarchon«-Roman, und ich habe das Gefühl, dass in diesem Universum noch viele andere Geschichten stecken. Der neue Roman ist über zwei Personen mit Flugverbot verknüpft, aber er ist keine Fortsetzung. Die Hauptperson kommt in Flugverbot nicht vor. Ort der Handlung wird auch ein anderer Planet sein, nicht Jargus.

HPN: Zum Abschluss möchte ich dir noch die klassische Frage stellen: Was sind deine nächsten Projekte, bzw. woran arbeitest du gerade?

BS: Ich habe sehr lange an einem Roman gearbeitet, der in den neunziger Jahren in Brandenburg spielt - keine SF also. Daran muss immer noch einiges umgeschrieben bzw. überarbeitet werden, das wird aber hoffentlich nicht mehr viel Zeit in Anspruch nehmen. Danach will ich mich intensiv dem neuen Synarchon-Roman zuwenden; die Arbeit daran lief bislang nebenher. Dann habe ich zugesagt, eine Weihnachtsgeschichte für eine Anthologie zu schreiben; dann bewerbe ich mich immer mal um Stipendien oder Preise; außerdem stellt sich bald wieder die Frage des Geldverdienens. Noch bringen Buch, Erzählungen und Lesungen zusammen leider nicht genug ein.

HPN: Vielen Dank für dieses Gespräch!


Foto: Siegfried Breuer

Die Lebenden Steine von Jargus bei Haffmans

Geplante Ausgabe bei Heyne, hier mit dem Titel Jargus

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Erschienen in
Hardy Kettlitz u.a. (Hrsg.): [[buch.kettlitz-hardy-1966.alien-contact-jahrbuch-2003|Alien Contact – Jahrbuch f
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