epilog.de > Alien Contact > Alien Contact 53 > Constantin Werner: Der Sukkubus [Story]
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die S-Bahn:

Constantin Werner

Der Sukkubus

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In meinem Hotelzimmer im Pariser Stadtteil Montmartre ist es immer dunkel. Das einzige Fenster geht auf eine verrottete Ziegelsteinwand. Die Absteige ist so billig wie das Take-out-Menu des Chinesen an der Ecke. Nachts bringen die Huren des nahen Place Clichy ihre Freier in das Hotel, und ich höre, wie die Zimmertüren auf meinem Stock im Halbstundentakt auf- und zugeschlossen werden. Mein Sukkubus mag die Dunkelheit. Sie braucht die Dunkelheit. Nur in ständiger Dunkelheit können der Sukkubus und ich zusammen sein. Sie fürchtet sich vor dem Licht wie die Geister vor der Sonne. Gerade jetzt ist sie bei mir. Heute, morgen, für alle Zeit. Ich schließe die Augen und spüre, wie sich ihr schlanker Körper um mich windet. Ihre Zunge streicht feucht über meinen Hals und wandert über meine Brust nach unten. Ich öffne die Augen und beobachte, wie ein Wassertropfen unter dem nassen Fleck an der Decke immer größer wird und schließlich nach unten fällt. Ihre Lippen umspannen mein Glied und saugen mich tief in ihren Schlund, während das Wasser von der Decke auf mein Gesicht schlägt. Ich schließe die Augen wieder und stöhne leise. Sie setzt sich auf mich und beginnt sich rhythmisch hin und her zu wiegen. Sie fühlt sich eng und warm an. Sie beugt sich nach vorne und beißt mich in die Schulter. Ich spüre das Gewicht ihrer enormen Brüste. Ihre langen Haare fallen über meine Augen. Ihr Mund trifft auf meinen, und ihre Zunge berührt zärtlich meine Zähne und meine Zunge. Sie beginnt auszulaufen, und ihr warmer Saft gießt sich über meine Schenkel. Ich öffne die Augen. Unter dem Fleck an der Decke hat sich ein neuer Tropfen gebildet. Ich spüre die Liebkosungen ihrer Zunge, ihr weiches Haar, die Berührung ihrer Brustwarzen. Ich kann ihren Hintern festhalten, auf ihre Lippen beißen, meinen Kopf zwischen ihren Brüsten versenken. Sehen kann ich sie nicht. Sukkubus. Die Unsichtbare. Verloren zwischen den Welten. Verführerin. Verbrannte Hexe aus einer lang vergangenen Epoche. Ich liege allein in einem Hotelzimmer in Paris. Ich habe alles verloren. Bald werden Krankheit, Einsamkeit und Verzweiflung meinen Körper vernichten, und ich werde endlich wieder ihre Gestalt sehen. Wir werden nackte Geister sein, uns ewig umschlungen halten, von einem Höhepunkt zum anderen in ewiger Nacht, bis dass der jüngste Tag kommt und wir in der Hölle verglühen.
Wie hat alles angefangen? Schon seit frühester Kindheit war mir die Gabe, oder sollte ich sagen, der Fluch gegeben, hinter die oberflächliche Erscheinung der Dinge zu schauen. Wo normale Menschen nur eine Rose in einer Vase sahen, sah ich einen Strauch. Neben dem toten Hasen am Straßenrand sah ich seine trauernden Eltern und Geschwistertiere. Den abgeschnittenen Fingernagel vervollständigte ich zur ganzen Hand. Die beruhigenden und besorgten Versuche meiner Eltern, meine Fähigkeiten als Überempfindlichkeit zu erklären, brachten mich dazu, diese Fähigkeiten meinem Umfeld und selbst meinen besten Freunden zu verschweigen. Meine Empfindsamkeit, zusammen mit den feinen Gesichtszügen, dem drahtigen Körper und den rabenschwarzen Haaren, machten mich zu einem Liebling des anderen Geschlechts. Ich war der Erste am Gymnasium, der eine feste Freundin hatte, und auch der erste, der seine Jungfräulichkeit verlor (dies allerdings nicht durch die Freundin, sondern durch eine Bekannte meiner Mutter, die, gerade geschieden, emotionalen Trost in meiner Unschuld, oder besser gesagt, Unerfahrenheit suchte und fand). Was man zu leicht erwirbt, bedeutet einem wenig, und so weinte ich weder meiner ersten Liebe noch der älteren Freundin zu viele Tränen nach, als mich meine Eltern mit 15 in ein Internat nahe dem Schwarzwald schickten.
© Constantin Werner 2001 • Erstveröffentlichung
Erschienen in
Hardy Kettlitz u.a. (Hrsg.): [[buch.kettlitz-hardy-1966.alien-contact-jahrbuch-2003|Alien Contact – Jahrbuch f
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