ALIEN CONTACT
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Von Menschenfressern, Ameisen und anderen Merk-Würdigkeiten.

Ein Gespräch von Hans-Peter Neumann und Sara Schade mit Erik Simon

Science Fiction > Alien Contact
Interview
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Ende Mai 2003 erschien im Shayol Verlag Berlin mit Mondmysterien der 2. Band der Werkausgabe von Erik Simon. Aus diesem Anlaß führten die Herausgeber der Werkausgabe mit »ihrem« Autor das folgende Interview für ALIEN CONTACT.

ALIEN CONTACT: Erik, über deinen Werdegang als Autor, Übersetzer, Lektor, Herausgeber und Kritiker ist schon einiges geschrieben worden, unter anderem im Lexikon der DDR-SF und in unserem Vorwort zu Sternbilder, dem ersten Band deiner Werkausgabe. Der Teil deiner Biographie davor kommt dabei immer ein wenig kurz ...

Erik Simon: Er war ja auch kurz.

AC: Aber doch eher untypisch. Wie bist du eigentlich als gelernter Elektromonteur, Fachübersetzer und Diplomphysiker zur professionellen Beschäftigung mit Literatur, insbesondere der Science-Fiction gelangt?

ES: Na, zunächst mal war ich ein ganz enthusiastischer Science-Fiction-Fan, spätestens, seit ich in der sechsten Klasse beschloß, Physiker zu werden. Ich war damals gut in Mathe, interessierte mich auch lebhaft für die meisten Naturwissenschaften. Geschichte mochte ich übrigens auch, soweit es nicht gerade die Biographie von Walter Ulbricht war, die in der fünften Klasse zwischen der Urgesellschaft und den Sumerern eingeschoben wurde. Damals habe ich diese Einordnung gar nicht verstanden. An den Sozialismus glaubte ich habituell wie andere in dem Alter an den lieben Gott, ohne Zweifel und ohne Inbrunst/1/ aber die Ulbricht-Daten habe ich trotzdem komplett wieder vergessen, nachdem wir die einschlägige Klassenarbeit geschrieben hatten. Die sumerischen Städtenamen, die wir in der folgenden Unterrichtsstunde lernten, waren: Ur, Uruk und Lagasch.
   Das Interesse für SF und das für Naturwissenschaften haben sich gewiß wechselseitig verstärkt; es gibt ja eine Menge Naturwissenschaftler, die früher über die SF zu ihrem Berufswunsch gekommen sind; ein paar richtig berühmte, die es sich leisten können, geben das sogar zu. Neuerdings scheint das aber seltener geworden zu sein; daß man als SF-Fan zugleich Raumfahrtenthusiast ist, ist ebenfalls nicht mehr so selbstverständlich wie einst. Die real existierende Raumfahrt ist freilich auch danach.
   Elektromonteur wurde ich quasi ohne eigene Entscheidung; ich glaube, in der Klasse der Erweiterten Oberschule, in die ich damals ging, standen für körperlich unversehrte Jungen überhaupt nur E-Monteur und E-Mechaniker zur Auswahl. (Genauso unvermeidlich ist Rolf Krohn in Halle Chemiefacharbeiter geworden.)

AC: Und wie kam es zu deinen beeindruckenden Fremdsprachenkenntnissen? Du übersetzt ja aus sieben Sprachen.

ES: Na ja, das ist wahr und trotzdem etwas hochgestapelt. Meine drei hauptsächlichen Fremdsprachen sind Russisch, Englisch und Polnisch, die spreche ich auch, obwohl mein Polnisch etwas eingerostet ist - in den achtziger Jahren durfte man ja als DDR-Bürger kaum noch hin, und seit dem Anschluß ist da für mich nichts mehr zu tun. (Als Tourist reise ich grundsätzlich nicht.) Bulgarisch und Niederländisch lese ich mühelos, aber ob ich diese beiden Sprachen leidlich sprechen könnte, habe ich nie herausgefunden - in der Niederlanden war ich zu selten, und Bulgarien war das einzige Land außerhalb der Sowjetunion, wo man blendend mit Russisch durchkam. Tschechisch spreche ich nur auf Touristenniveau und Slowakisch eigentlich gar nicht (höchstens durch dreiste Interpolation zwischen den Nachbarsprachen); aus diesen beiden Sprachen habe ich nur ein paar ganz kleine Geschichten übersetzt, eher aus Sammelleidenschaft - außerdem waren in der DDR die knappen SF-Bücher auch für Verlagsmitarbeiter kontingentiert, als beteiligter Übersetzer bekam man aber Freiexemplare und durfte zusätzliche kaufen.
   Englisch zählt ja in Deutschland eigentlich nicht mehr als Fremdsprache, sondern wird als selbstverständlich vorausgesetzt, es darf dann auch ruhig ein ganz vermanschtes Englisch sein - obwohl wir es noch nicht so weit wie die Niederlande gebracht haben, wo in den Großstädten wahrscheinlich mehr Leute Englisch als Niederländisch verstehen. Deutsche SF-Verlage neigen ja neuerdings dazu, vorerst mal die Titel unübersetzt zu lassen - Contact, Slant, Eater, Chasm City: alles deutsche Bücher. They should themselves what shame, should they. Andererseits höre ich, daß die Harry-Potter-Bücher eigens aus dem britischen Englisch ins amerikanische übersetzt worden sind; also bleibt vielleicht auch in Zukunft für mich noch was zu tun.
   In den Niederlanden wird übrigens trotzdem eine Menge SF aus dem Englischen übersetzt, da gab es vor allem eine SF-Taschenbuchreihe bei Meulenhoff, die wurde seinerzeit an drei Orten in der DDR gedruckt, unter anderem im Graphischen Großbetrieb »Völkerfreundschaft« in Dresden. Bei diesen Exportaufträgen lieferte die DDR allerhöchste Qualität; selbst bei winzigen Mängeln kamen die Bücher in die Ausschuß-Kiste, um dann vertragsgemäß vernichtet zu werden. Oder anderweitig entsorgt. Ich kenne außer mir selbst noch mehrere ostdeutsche SF-Fans, die über ganz verschiedene Kanäle aus den Druckereien Meulenhoff-SF bekommen haben, die meisten davon lesen gar kein Niederländisch. So oder so, den niederländischen Buchmarkt haben wir mit diesen Exemplaren nicht überschwemmt, Meulenhoff hat nichts eingebüßt, die DDR auch nicht.
   Der Kern meiner Sprachkenntnisse ist aber das Russische, von da aus kommt man leicht zu den meisten anderen slawischen Sprachen, und gutes Russisch hätte wahrscheinlich seinerzeit auch schon genügt, um beim Neuen Berlin Lektor werden zu können - gutes Russisch war sehr selten in dem Land, wo ab der fünften Klasse alle Russisch lernten. Ich habe allerdings eine Klasse mit erweitertem Russischunterricht besucht, davon gab es damals in ganz Dresden nur zwei, an der Penne/2/ dann nur noch eine. Der Russischunterricht fing da schon in der dritten Klasse an und lief ab der siebenten in kleineren Gruppen, außerdem war Englisch nicht, wie sonst in der DDR, fakultativ, sondern Pflichtfach. Es war aber trotzdem keine Sprachklasse, sondern an der Erweiterten Oberschule der B-Zweig, also naturwissenschaftliches Profil - ich vermute, die wollten da ursprünglich was für die bessere Wissenschaftsintegration im RGW/3/ tun. Wie die Lehrerin in der zweiten Klasse in mir eine besondere Sprachbegabung entdeckt hat, so daß sie mich für die R-Klasse empfahl, ist mir heute ganz rätselhaft, ich selber habe davon zunächst gar nichts gemerkt. Ich war auch in Russisch ein recht guter Schüler, aber weder besonders interessiert noch besonders brillant.
   Das lebhafte Interesse für Sprachen, das ich ab der neunten Klasse entwickelte, ist auch dem SF-Fanatismus geschuldet: Ich kriegte in der DDR einfach nicht genug zu lesen, aber die Bibliotheken und die internationale Buchhandlung waren voll von hochinteressanter SF in Fremdsprachen. Das erste SF-Buch, das ich auf Englisch gelesen habe, war ein altes Tauchnitz-Bändchen aus der Stadtbibliothek, The Time Machine und The Island of Doctor Moreau von Wells; ich glaube, das war gegen Ende der neunten Klasse. In der zehnten fing ich dann an, Russisch zu lesen, zunächst vor allem ausländische SF in russischer Übersetzung: zuerst eine Anthologie mit italienischer SF, dann eine mit tschechoslowakischer, dann einen Band von A. C. Clarke ... Dabei habe ich sehr schnell mehr gelernt als in den vielen, vielen Stunden Schulunterricht, und man merkt heute noch, daß mein Russisch aus Büchern stammt: Schriftlich bin ich ziemlich perfekt, aber meine Aussprache ist nicht die beste, ich mache eine Menge Betonungsfehler, einfach, weil die Betonung in den Büchern nicht angegeben ist. Übrigens hat auch mein Wortschatz ein paar spezifische Lücken, die ich beispielsweise bemerke, wenn ich eine russische Speisekarte übersetzen soll: In der SF wird auffällig wenig gegessen, oder es ist egal, was.

AC: Zurück zu Deinem beruflichen Werdegang. Du hast ja in Dresden Physik studiert und gleichzeitig eine Fachübersetzer-Ausbildung abgeschlossen.

ES: Die Fachübersetzer-Ausbildung an der Uni habe ich mühelos nebenbei absolviert, das war ja fachbezogenes Schmalspur-Russisch. Um die Zeit herum war aber auch schon abzusehen, daß mein Physik-Studium für die Katz sein würde: Während ich studierte, wurde Ulbricht gestürzt, dessen Hobby in seinen späten Jahren die »Entwicklung der Wissenschaft zur Hauptproduktivkraft« gewesen war; Honeckers Hobby war die Konsumgüterproduktion, also wurde die Wirtschaft auf Verschleiß gefahren, und in der Wissenschaft wurden in großem Stil Stellen gestrichen. Natürlich setzten sie keinen auf die Straße (doch, in der DDR war das natürlich), aber sie stellten auch keinen mehr ein. Von den Kommilitonen im Fachbereich Tieftemperaturphysik der TU Dresden, die wie ich 1973 ihr Diplom gemacht haben, hat meines Wissens kein einziger eine Anstellung als Physiker bekommen. Man konnte ja sowieso nicht selber suchen, sondern wurde von der Uni vermittelt; bei der Immatrikulation hatten wir uns alle verpflichtet, nach dem Studium mindestens drei Jahre an der uns zugewiesenen Stelle zu arbeiten. Einer baute dann in Karl-Marx-Stadt Haushaltgeräte, einer wurde Strahlenschutzverantwortlicher in einem KKW (eine Art besserer Schichtleiter für die Jungs mit den Geigerzählern), einen wollten sie im Arzneimittelwerk in Radebeul zum Patentingenieur umschulen ... (Der Job in Radebeul war zunächst mir zugedacht, aber ich habe da vorsätzlich einen so schlechten Eindruck gemacht, daß sie mich nicht nahmen: Das Werk stank bestialisch, und das zwei Straßenbahnhaltestellen weit. Ich habe einen schwachen Magen, und die Arbeit - nein: die bloße Anwesenheit dort war in einem viel zu buchstäblichen Sinne zum Kotzen.) Ob ich durch die Lem-Klub-Affäre/4/, die mich zum Glück nur gestreift hat, auf der Vermittlungsliste ein paar Plätze nach unten gerutscht bin, läßt sich kaum noch feststellen, und im Grunde war es egal - auf mittlere Sicht war der ziemlich schlechte Job, den ich zunächst bekam, für mich genau richtig.
   Ich durfte nämlich zuhören, wie der Mensch im Bezirksbauamt Dresden, wohin ich schließlich vermittelt wurde, herumtelefonierte und mit verschiedenen Werkleitern feilschte, was sie dazubekommen würden, wenn sie mich einstellten (nämlich eine Planstelle). So landete ich als Ingenieur für Produktionslenkung in einem Betonwerk in Heidenau, da machten sie unter anderem Teile für die beliebten DDR-Plattenbauten WBS 70. Ich war mit meinem Diplom im ganzen Betrieb der am höchsten, nur eben völlig falsch qualifizierte Angestellte, ohne jede Ahnung vom Bauwesen; einen Ingenieur für Produktionslenkung hatten sie übrigens schon. Ich habe da meistens diverse Pampel-Arbeiten gemacht, aber auch eine knappe Woche lang den Werkleiter zu vertreten, als der krank wurde und die zwei Bauingenieure, die in der Leitungsstruktur zwischen ihm und mir rangierten, auch gerade fehlten; bei der Gelegenheit habe ich unter anderem Verhandlungen mit einem Kooperationspartner geführt, und zwar zur vollsten Zufriedenheit des Werkleiters, als der wiederkam. Worum es bei den Verhandlungen ging, weiß ich nicht mehr, ich glaube, ich habe es auch damals nicht gewußt. So oder so, ich wollte nicht in diesem Betrieb bleiben, die wollten mich nicht behalten, und als ich ein Dreivierteljahr später die Stelle beim Neuen Berlin bekam, war uns allen in schönster Eintracht die Sache mit der dreijährigen Arbeitsplatzbindung grad mal eben entfallen.

AC: Wie hast du denn als Physiker und Ingenieur in einem Betonwerk die Stelle als Lektor bei DNB bekommen, gab es in der DDR nicht genug Germanisten?

ES: Dem Verlag - genauer gesagt, dem Lektor Ekkehard Redlin - war ich durch kritisch-theoretische Publikationen in Fanzines und durch Aktivitäten im Lem-Klub aufgefallen, auch mit allerlei aufdringlichen Vorschlägen, was DNB an ausländischer SF drucken sollte; daß der Verlag mich als Lektor für SF des sozialistischen Auslands einstellte (anfangs auch für Krimis und Abenteuerliteratur, die ich aber bald wieder loswurde), verdanke ich aber vor allem meinen Sprachkenntnissen, die ich wiederum der SF verdanke. Ich kam also über zufällige, aber durchaus nützliche Umwege von der SF zur SF. Interessanterweise sind fast alle Lektoren, die ich jemals erlebt habe, auf Umwegen in den Beruf gekommen, erst recht die bedeutenderen in der DDR-SF: Redlin ist Historiker, Fickelscherer Sinologe, Töppe war Ökonom, Spittel ist Philosoph, Szameit hat technische Jobs bei Film und Fernsehen gemacht. So ziemlich die einzige absolute Gegenindikation für einen SF-Lektor in der DDR (und höchstens als Zweitqualifikation wie bei Fickelscherer denkbar) war ein abgeschlossenes Germanistik-Studium. (Ach ja, eine frühe Ausnahme: Orthmann.) Ein anständiger Germanist - oder Slawist - in der DDR interessierte sich nicht für SF und war stolz, keine Ahnung davon zu haben. Im Westen, zu dem wir jetzt gehören, schien und scheint es ein paar mehr Ausnahmen von dieser Regel zu geben, aber das sind einfach statistische Fluktuationen: Es gibt jetzt so unglaublich viel Germanisten, daß darunter einfach alles vorkommen muß, auch Leute, die was von Literatur und sogar von SF verstehen. Wahrscheinlich auch Menschenfresser.

AC: Wenn man deine vorliegenden Werke als SF-Autor betrachtet, fällt auf, daß du dich bisher ausschließlich den kürzeren Erzählformen gewidmet hast. Gibt es dafür einen besonderen Grund?

ES: Ich schreibe Erzählungen und Kurzgeschichten, weil ich die erstens auch lieber lese und weil ich zweitens Romane gar nicht schreiben könnte. Ich meine, schlechte oder vielleicht mittelmäßige könnte ich sicherlich schreiben, aber davon werden weiß Gott schon genug verfertigt. Ich habe bestimmte erzählerische Begabungen, und bestimmte habe ich nicht; anschauliche und einprägsame Schilderungen mit vielen Einzelheiten gehören nicht zu meinen Stärken. Es gibt Romanautoren, die können das auf bewunderswerte Weise, beispielsweise die Strugazkis oder Ursula Le Guin, aber das sind auch nicht die, die jedes Jahr ein, zwei neue dicke Bände irgendeiner endlosen Geschichte absondern.
   In der Welt ist eine Veränderung eingetreten, die einerseits diese unsäglichen dayly soaps im Fernsehen hervorbringt und andererseits eine Romanliteratur, die genau dasselbe Bedürfnis bedient - die eine virtuelle Realität aufspannt, in der immer wieder was passiert, aber nichts, was schwierig zu erfassen oder eigentlich mitteilenswert wäre, so eine Berieselungs-Literatur. Wenn man Bradbury folgt, dann war diese Veränderung selbst oder ihre erste Folge das Fernsehen: In Fahrenheit 451 gibt es solche wandgroßen Bildschirme, wo die Leute inmitten ihrer Wohnung von einer virtuellen Familie umgeben sind. Das hat er vor einem halben Jahrhundert als Teil einer dystopischen Welt erfunden, wo Bücher verboten sind, und bis auf die Bildschirmgröße ist es genau das, was die Leute jetzt haben wollen; die Bücher aber, statt verbrannt zu werden, versuchen mit ihren unzulänglichen Mitteln genau diese seichte Ersatzwirklichkeit zu imitieren. Lieschen Müller und ein Gutteil der akademischen Literaturwissenschaft treffen sich in der Annahme, Literatur habe ein möglichst genauer Abklatsch der Wirklichkeit zu sein. In den phantastischen Genres: ein möglichst genauer Abklatsch einer erfundenen Wirklichkeit, der aber immer noch wie ein Abklatsch wirken soll, mit lauter Kleinkram, bei dem ich mich frage, warum der Autor das mir erzählt statt seinem Friseur. Aber nein, mir erzählt er es ja nicht, er erzählt es derselben Sorte Publikum, das früher im Bewußtsein seiner eigenen Pöbelhaftigkeit und Bedeutungslosigkeit die Fürsten- und Arztromane gelesen hat (oder Vom Winde verweht) und das jetzt Rosamunde Pilcher liest und viel mehr als an seinen eigenen Angelegenheiten brennend Anteil nimmt am Schicksal von Leuten, die ihm eigentlich völlig schnurz sein müßten, von durchgeknallten Feudalrelikten über versoffene Schauspieler und beziehungsgestörte Rennfahrer bis zu mazedonischen Containerasseln.
   Was ich von Literatur - nicht nur von SF übrigens - erwarte, ist, daß sie durchaus etwas über die wirkliche Welt sage, aber etwas Merkwürdiges und Merk-Würdiges, daß sie dieses Merkwürdige hervorhebe und vom Umfeld soviel darstelle, skizziere oder aus dem Erfahrungsreservoir des Lesers aufrufe, wie notwendig ist, um das Merkwürdige glaubhaft und im funktionalen Zusammenhang zu zeigen. Nach relativ kurzer Zeit haben die meisten Leute von den meisten Romanen das weitaus meiste wieder vergessen; Erzählungen und Kurzgeschichten lassen davon manches (beileibe nicht alles) von vornherein weg (gute Gedichte noch mehr). Ich versuche Geschichten zu schreiben, die ich selber gern lesen würde, und mein literarischer Geschmack tendiert statt zur Epopöe eher zur Anekdote, deren naher Verwandter bekanntlich der Witz ist. Etwa dieser: »Liebe Großmutter, ich schreibe diesen Brief ganz langsam, weil ich weiß, daß du nicht so schnell lesen kannst.« Es gibt Autoren, die brennen auch in einem Roman ein Feuerwerk von originellen Ideen, spannenden Szenen und beeindruckenden Bildern ab, und die beneide ich, zumindest, wenn das Ergebnis trotzdem Hand und Fuß hat und nicht bloß willkürlich-beliebig wirkt. Und dann gibt es, zumal in der deutschen SF, die Romanautoren, die ich nicht beneide, die ihre fünf Ideen (sieben davon geklaut) sparsam auf fünfhundert Seiten verteilen, alles ganz genau und gaanz laangsaam darlegen, um ihre Leser nicht zu überfordern; meistens sagen sie auch irgendwo dazu, was sie damit gemeint haben. Ich nehme an, auch die denken sich den Leser nach ihrem Bilde und lassen sich Witze gern gewissenhaft erklären. Ach ja, und schließlich noch diejenigen, die auch auf der Folter nicht zu sagen wüßten, was sie denn gemeint haben könnten. Chasm City von Alastair Reynolds beispielsweise verspricht auf dem Rücktitel eine »atemberaubende Reise durch die Galaxis«, »die große Science Fiction unserer Zeit«. Und endet mit dem grandiosen Fazit: »Das Leben ist das, was man daraus macht.« Ach ja, das Leben. Oder wie der alte Oberförster sagte: »Immer, wenn ich mir so die Ameisen betrachte, denke ich bei mir: Ach ja, die Ameisen.«

AC: Du hast immer wieder mit anderen Autoren zusammengearbeitet, beispielsweise mit Rolf Krohn oder Reinhard Heinrich. Wie kam es zu diesen Kollaborationen und was hat dich daran besonders gereizt?

ES: Am Anfang stand auch hier der Lem-Klub. Da saßen ja so ungefähr zehn Amateur-Autoren auf einem Haufen, die sich häufig trafen, alle mehr oder weniger nach der Methode von Versuch und Irrtum schrieben und zunächst wechselseitig ihre einzigen Fachkritiker waren - die also anders als in den sonstigen »Zirkeln schreibender Arbeiter« oder in den Literaturzirkeln der Jugendklubs nicht von einem dafür abkommandierten Profi-Schriftsteller angeleitet wurden, das heißt, je nach Charakter und Qualität dieses An-Leiters motiviert, beraten oder gegängelt. Wir hatten alle unsere Schwächen und waren uns dessen auch durchaus bewußt, also versuchten wir gelegentlich, die jeweiligen Stärken durch Zusammenarbeit besser zum Tragen zu bringen.
   Vor allem aber hat uns das gemeinsame Schreiben - wie ja das Schreiben überhaupt - einfach Spaß gemacht. Bei den SLK-Autoren erinnere ich mich an folgende Gespanne (z.T. auch aus der Zeit nach dem Ende des Klubs): Reiß & Heinrich, Heinrich & Simon, Simon & Krohn, Krohn & Köhler, Köhler & Gernreich, Köhler & Simon; vielleicht gab es sogar noch mehr, aber es sind längst nicht alle diese Projekte gelungen oder auch nur fertig geworden. Und dann war da noch eine im SLK von mir begonnene längere Kollektiverzählung »Abenteuer auf Sakuntala«, an der sich 12 weitere Amateur- und Profi-Autoren beteiligt haben, indem - ohne vorher festgelegten Plan - jeder das nächste Kapitel schrieb, darunter Krohn, Rasch, Branstner, Krupkat, Frühauf, Petermann und Kellner. Die ist viele Jahre später sogar noch fertig geworden, als Wolfgang Kellner das Kunststück fertigbrachte, die zerfaserte Geschichte halbwegs auf einen Punkt zu bringen. Als Ganzes ist sie leider trotzdem mißlungen, unter anderem, weil mindestens ein Mitarbeiter nicht willens oder imstande war, sich dem Grundtenor und -stil anzupassen; kurios war das Projekt aber schon.
   Bei mir jedenfalls war der Spieltrieb immer ein Motiv für Kollaborationen. In eurem Vorwort zu den Sternbildern habt ihr mich ja, wenn ich mich jetzt richtig entsinne, als »einen der vielseitigsten und experimentierfreudigsten« Autoren der DDR-SF gerühmt, ich habe auch die meisten Experimente mit Ko-Autoren gemacht; insgesamt, glaube ich, habe ich mit sieben Leuten zusammen Phantastik geschrieben, nicht gerechnet die Kollektiverzählung und Essays. In der alten Bundesrepublik gab es dazu - typischerweise vor allem in meiner Generation - Pendants, in der DDR war es aber ziemlich unüblich, man fand sowohl die spezifischen Talente als auch die Neigung zur Zusammenarbeit mit Kollegen sehr selten. Daran ist dann ja auch Olaf R. Spittels Trödelmond-Anthologie gescheitert: Als weitere Sammlung von Original-SF aus der DDR war das ein sehr gelungener Band - allein schon Landgrafs »Stadt« macht die paar schwächeren Texte wett -, aber der ursprüngliche Shared-World-Ansatz ist völlig auf der Strecke geblieben, die meisten Autoren haben gar nicht versucht, sich der Vorlage der Steinmüllers zu nähern - genauer gesagt, sie haben offensichtlich nicht einmal daran denken können, es zu versuchen; sowas kam in ihrem Literaturverständnis nicht vor.

AC: Von den Autoren, die aus dem Lem-Klub hervorgegangen sind, sind heute die beiden bekanntesten und produktivsten Rolf Krohn und du. Aber gerade von euch beiden sind nie Gemeinschaftsarbeiten erschienen, »Die Notlandung« in Band 2 deiner Werkausgabe ist in dieser Hinsicht ein Novum, obwohl es sich ja um eine alte Geschichte handelt. Gab es andere gemeinsame Projekte? Was ist mit der »Arche«, die gelegentlich im Zusammenhang mit der Lem-Klub-Affäre erwähnt wurde?

ES: »Die Notlandung« ist zwar eine ganz alte Geschichte, ursprünglich von 1972, aber auch eine ganz neue - die jetzt erschienene, stellenweise stark abgewandelte Fassung stammt aus dem Jahre 2003. Irgendwann einmal - vielleicht so um 1980 herum? - haben Rolf und ich das Projekt eines historisch-phantastischen Romans erwogen, aber da ist nicht mehr herausgekommen als ein ganz grober Handlungsabriß, der bequem auf eine Seite passen würde; ich bin eh kein Romanautor. »Die Arche« ist unsere einzige andere realisierte Kollaboration, und anders als bei der »Notlandung« wird es wohl keinen Sinn haben, sie heute noch zu überarbeiten und zu drucken. Wir haben sie Mitte 1972 geschrieben, und sie hat - neben vielen anderen Vorwürfen - 1973 zu Rolfs dauerndem Ausschluß vom Hochschulstudium in der DDR beigetragen und mir, gegen den weiter nichts vorlag, immerhin eine milde Disziplinarstrafe der TU Dresden eingebracht, übrigens erst auf Betreiben von Kulturbund-Funktionären, nachdem für die TU die ganze Sache eigentlich schon erledigt war. Mit verquerer Zwecklogik wurde uns diese Erzählung seinerzeit, weil darin ein Kapitalist etwas Kapitalistisches sagt, als antikommunistisch ausgelegt, sie war jedoch in Wahrheit ganz naiv-klassenkämpferisch: In einer unterirdischen Bunkerstadt sitzen die Nachkommen von amerikanischen Militärs und Kapitalisten und warten darauf, daß in der Außenwelt die von einem Atomkrieg verursachte Radioaktivität abklingt. Ein schon im Bunker geborener junger Mann findet heraus, daß die Erde gar nicht verwüstet ist, kehrt mit dieser Nachricht zurück und wird umgebracht. Was er nicht weiß, wohl aber seine älteren Vorgesetzten, die wenigstens da unten noch ein bißchen weiterherrschen wollen: In Wahrheit hat es eine Revolution gegeben, und die USA sind kommunistisch (oder was ähnliches) geworden.
   Diese Botschaft war mir eigentlich schon Mitte der siebziger Jahre peinlich; die Lem-Klub-Affäre hat wohl doch erheblich zu meiner politischen Bildung beigetragen. Dennoch versuchte ich - nur um die Geschichte und indirekt uns zu rehabilitieren und ein paar BonzInnen (das bitte mit feministisch großem I!) in Dresden zu ärgern -, sie Helmut Fickelscherer für die Begegnung im Licht aufzuschwatzen, aber erfolglos. Ob ihn die heikle Vorgeschichte störte - die Lem-Klub-Affäre ist ja bis ins ZK der SED wahrgenommen worden - oder die wirklich bescheidene literarische Qualität dieser Erzählung oder beides, weiß ich nicht. 1985 allerdings erschien - auch im Verlag Neues Leben - Reinhard Krieses Roman Eden City, die Stadt des Vergessens, der etliche Parallelen zur »Arche« aufweist. Ich bin denn doch ziemlich froh, daß »Die Arche« unveröffentlicht geblieben ist und daß Rolf und ich nicht als die Wegbereiter dieses Buches in die Geschichte der DDR-SF eingegangen sind.
   Übrigens ist mir etwas Vergleichbares noch mit einem anderen aufgegebenen Gemeinschaftsprojekt widerfahren. 1973 habe ich zusammen mit Wolfgang Köhler einen kurzen Roman begonnen, der sollte »Armageddon« heißen und davon handeln, wie auf dem Merkur zwei automatische Roboterfabriken einen Krieg gegeneinander vom Zaune gebrochen haben, ausgelöst von einer Fehlfunktion, aber ansonsten unter strikter Befolgung der Asimovschen Robotergesetze; das alles findet eine wegen des Abbruchs jeglichen Funkkontakts zum Merkur entsandte Raumschiffbesatzung nach und nach heraus. Wir haben ein Exposé, einen Prolog und zwei Kapitel geschrieben, alles ans Neue Leben geschickt, aber bei Helmut Fickelscherer keine sonderliche Begeisterung ausgelöst und die Sache auf sich beruhen lassen. Gut wäre es wohl sowieso nicht geworden: 1980 hat Tuschel mit Kommando Venus 3 zu einem ganz ähnlichen Thema einen seiner schwächsten Romane publiziert, und der konnte sowas immer noch besser als wir.

AC: 1977 erschien der Erzählungsband Die ersten Zeitreisen, den du gemeinsam mit Reinhard Heinrich verfaßt hast. Von den im Lem-Klub entstandenen Gespannen wart ihr beide das einzige, das es zu einem Buch gebracht hat. Was war das besondere an dieser Zusammenarbeit?

ES: Wenn ich es recht bedenke, sind in den meisten anderen Fällen die gelungenen Kollaborationen so zustandegekommen, daß ich eine Idee eines anderen Autors - oder eine fertige Geschichte mit verschenkten Chancen - aufgegriffen, sie neu konzipiert und das dann um- oder mit dem betreffenden Autor gemeinsam neu geschrieben habe. Geschichten, wo ich wußte, wie man es besser machen müßte, sind mir natürlich häufig untergekommen - ich war Lektor; ich wurde fürs Besserwissen bezahlt -, ein viel seltenerer Glücksfall war es aber, daß ich es tatsächlich besser machen konnte und wollte. Die Geschichte oder die Idee mußte also einerseits unvollkommen sein, andererseits aber verlockend genug für einen Neuansatz, sonst hätten wir ja jeder allein irgendwas anderes schreiben können; denn Ideen an sich sind meistens das letzte, woran es einem halbwegs respektablen Autor mangelt. Mit Rolf Krohn beispielsweise hat das bei der »Notlandung« funktioniert; bei der »Arche«, wo die Idee von mir stammte, hat es nicht geklappt.
   Mit Reinhard ging das anders: Mit zwei oder drei Ausnahmen stammen in unseren gemeinsamen Geschichten die Grundideen von mir. Reinhard trat in der zweiten Hälfte des Jahres 1971 - er war damals noch Lehrling - im SLK mit ein paar kleinen, witzig und lebhaft geschriebenen, aber ziemlich ziellosen Texten hervor. In der ersten Hälfte des Jahres hatte ich mit der Arbeit an einer Zeitreisegeschichte begonnen, die sich mir unter der Hand in drei verschiedene Geschichten aufspaltete und dann steckenblieb. Über die unterhielt ich mich mit Reinhard, und er brachte genau die nötige Unbekümmertheit und eine Menge hübsche Detaileinfälle ein, die mir fehlten. Zum Glück hatte ich die Geschichten sowieso schon mit diesen ganz kurzen Abschnitten angelegt, sowas konnte Reinhard sehr gut schreiben, und ich hab dann das Material sortiert und mit weiteren Abschnitten Lücken gefüllt und Fäden geknüpft. Im technischen Ablauf haben wir verschiedene Möglichkeiten durchprobiert, unterm Strich lief es aber fast immer darauf hinaus, daß ich Haut und Knochen lieferte und Reinhard das Fleisch - will sagen, ich die Grundidee, die Fabel und die Endredaktion und Reinhard die meisten Szenen.

AC: Du hast immer wieder auch Beiträge zum theoretischen Diskurs um die Science-Fiction als Literaturform geleistet. Kannst du kurz dein Verständnis von Science-Fiction und deren Möglichkeiten umreißen?

ES: Also zunächst mal ganz trocken theoretisch: Science-Fiction ist für mich eine Sparte der phantastischen Literatur, die im Unterschied zu den anderen Spielarten und in Übereinkunft mit dem Leser so tut, als gäbe es für die in ihr vorkommenden Wunder eine Erklärung im Rahmen des wissenschaftlichen Weltbildes. Sie ist nicht wissenschaftlich, sondern wissenschaftsähnlich und hat sich im Laufe des 19. Jahrhunderts allmählich aus Vorläufern und einzelnen, verstreuten SF-Werken als eigenständiges Genre konstituiert, weil damals das wissenschaftliche Weltbild - in vereinfachter Form - ins Bewußtsein eines Großteils der Leser gedrungen ist, die Leute sich also derart an die realen Wunder der Wissenschaft gewöhnten, daß sie ihr noch größere ohne weiteres zutrauten. Die Abgrenzung gegenüber den anderen phantastischen Genres ist zu einem Gutteil tradierte Konvention und Ermessensfrage; es geht nicht darum, ob die phantastischen Elemente rational erklärt sind, sondern ob sie diesen Eindruck machen und vom Autor glaubhaft so behandelt werden.
   Ich empfinde als Leser, zum Teil auch als Autor eigentlich für alle Spielarten des Phantastischen besonderes Interesse. Abstriche würde ich vor allem dort machen, wo sich solch eine Sparte selbst sehr eng definiert, in Deutschland sind das Fantasy und Horror. In beiden Fällen ist die enge Definition keine aus dem Genrecharakter notwendig folgende Eigenschaft, sondern bloß eine Erscheinung des deutschen Buchmarktes, der besonders zum Denken in Schubkästen und Moden - »Mehr von demselben!« - neigt. Im englischen Sprachgebrauch kann Fantasy nahezu alles sein, was phantastisch, aber keine SF ist, so versteht sich ja auch der Zeitschriftentitel Fantasy and Science Fiction; in Deutschland sind das grundsätzlich Heldenabenteuer in meistens mittelalterlichem Ambiente, wo viel gewandert, gekämpft, gezaubert und am Ende gesiegt wird: Tolkien »und mehr davon«, eine Art weiträumige Geländespiele. Bei Heyne gab es mal eine Anthologie von Asimov, Fantasy Erzählungen des 19. Jahrhunderts, darin war nach deutschem Verständnis überhaupt nichts Fantasy: Gogol, Dickens, Andersen, Tolstoi, Wilde, etc. etc. Manche halten hierzulande ja nicht einmal Harry Potter für »richtige« Fantasy. - Horror ist, wenn ein Wahnsinniger ein Opfer nach dem anderen mit der Kettensäge tranchiert, für sowas bin ich als Leser nicht deformiert genug. Unheimliche Phantastik (eigentlich: Phantastik des Unheimlichen) oder Weird Fiction hingegen kann sehr anspruchsvolle und stilbewußte Literatur sein, aber auch da haben deutsche Autoren oft ein ziemlich begrenzes Blickfeld, und diese endlosen Lovecraft-Derivate mag ich nicht mehr lesen, zumal schon bei Lovecraft manches wie eine billige Nachahmung seiner selbst wirkt.

AC: Immerhin hast du in der DDR selber eine Lovecraft-Auswahl herausgegeben.

ES: Ja doch, das war fast das einzige Buch aus dem Bereich SF und Phantastik, welches Das Neue Berlin auch Anfang der neunziger Jahre noch verkaufen konnte. Dieser Erzählungsband hieß Die Farbe aus dem Raum, ich wollte dem noch einen Band Der Schatten aus der Zeit mit zwei Romanen folgen lassen, und das wäre dann die Lovecraft-Edition für die DDR gewesen. Wenn man weiß, daß man eh nicht alles bringen kann, ist es nicht schwer, eine gute Auswahl zu machen. Der Lovecraft war ja wirklich interessant und durchaus nicht auf diesen Huch-jetzt-faßt-er-mich-an-Horror beschränkt, mit dem er freilich besonders bekannt geworden ist; sein Spektrum ging bis zur SF und zu einer Phantastik in den Traditionen von Poe und auch von Lord Dunsany. Meine Auswahl lebte davon, daß sie sich eben nicht auf die bekanntesten Cthulhu-Grusel konzentrierte, sondern das ganze Spektrum zeigte und das weniger Geläufige eher noch hervorhob.
   An phantastischer Literatur im weitesten Sinne - also auch an SF - schätze ich, daß sie, wenn sie was taugt, vom Ungewöhnlichen und Außergewöhnlichen handelt oder aber Vertrautes aus ungewohntem Blickwinkel zeigt. Sie kann durch Extrapolation, modellhafte Vereinfachungen oder Verfremdung (wiewohl ich diesen zum germanistischen Schlagwort verkommenen Begriff ungern verwende) Metaphern finden und Dinge verdeutlichen, die anders kaum ins literarische Bild zu bringen wären. Ein Großteil der sogenannten »realistischen« Literatur scheint eine Abbildung der Wirklichkeit anzustreben, wo man nur nicken und »Ja, ja, genauso isses« sagen kann, »wie im richtigen (will sagen: wirklichen) Leben«. Gute phantastische Literatur, die auf weniger direkte Art durchaus noch realistischer sein kann, ermöglicht im Idealfall zu sagen: »Ach ja doch: so ist das!« Das »richtige Leben« ist sowieso da, wozu es auch noch kopieren? Ich empfehle, dazu den Anfang von Lems »Drachen der Wahrscheinlichkeit« zu lesen.

AC: Wie würdest du rückblickend den Stellenwert der Science-Fiction im Literaturbetrieb der DDR beschreiben?

ES: Science-Fiction in der DDR war erstens in der offiziellen Literaturgesellschaft wenig angesehen, zweitens aus diesem Grunde etwas weniger gründlich überwacht als die »Hochliteratur« und drittens bei den Lesern ungeheuer beliebt. Der Grund für das geringe Ansehen war derselbe wie im Westen, also eine nicht DDR-spezifische Hochnäsigkeit der literaturerklärenden Hohenpriester (und erst recht ihrer Chazzonim, Kantoren und Muezzine). DDR-Unterhaltungsliteratur, zu der man ja die SF zählte, wurde in den Literaturzeitschriften, Tageszeitungen und Rundfunksendungen meistens ignoriert, dankenswerterweise auch in denen des Westens; sie wurde - wie übrigens auch der Krimi - kaum als Politikum wahrgenommen und daher auch von der Zensur eher vernachlässigt, das heißt, meist bloß mechanisch abgearbeitet. Die Freiräume, die sich damit auftaten, wurden aber von den Autoren nur sehr zurückhaltend genutzt, und als die Brauns es mit ihrem Spott übertrieben, war es für sie mit den Freiräumen erst mal vorbei./5/
   Die Leser schätzten die SF denn auch weniger wegen gezielter politischer Aussagen als vielmehr wegen der Exotik, aber ebenso, weil da immerhin Ideen vorkamen, die selten systemkritisch waren, aber doch wenigstens auch nicht offensichtlich von oben verordnet; nicht das Zeug, das einen gleich an Spruchbänder denken ließ. (Das gab es in der DDR-SF freilich auch, und damit ging man dann um wie mit den anderen Losungen: Man sah sie nach einer Weile gar nicht mehr. Die albernste Zigarettenreklame ist jetzt viel intelligenter gemacht, aber da geht's ja auch um richtiges Geld.)
   Die DDR-SF dachte mit dem System und gegen das System (gegen den Sozialismus im allgemeinen so gut wie nie), vor allem aber neben dem System her: es war eine typische DDR-Nische. Man kann heute an der DDR-SF - übrigens nicht nur an der anspruchsvollen - DDR-Mentalitäten und -Befindlichkeiten ziemlich deutlich ablesen, wenn man das Bezugssystem noch versteht. (Ein viel direkteres Bild der DDR-Wirklichkeit, und mit Ausnahme übertrieben edel & korrekter Volkspolizisten ein ziemlich realistisches, bot allerdings der Krimi.) Es ist aber genau diese DDR-SF, die die reale DDR als Folie und Bezugssystem mitdachte, sich jedoch ansonsten um sie nicht besonders scherte - genauer gesagt, der ambitioniertere Teil davon -, der heute noch lesenswert ist. Ob nun ein Dissident den entarteten (oder, je nach Sichtweise, eben ganz unvermeidlich menschenfeindlichen) real existierenden Sozialismus geißelte oder ein als Hofnarr geduldeter Kabarettist die Tatsache, daß es im Konsum wieder keine frischen Brötchen gab, ist aus heutiger Sicht gleichermaßen erledigt und abgehakt; wer heute noch verbissen dem Leichnam DDR Fußtritte austeilt, will - in wessen Interesse auch immer - von anderem ablenken, und sei es vom eigenen Sturz aus dem dissidentischen Rampenlicht in die Bedeutungslosigkeit einer Gesellschaft, wo jeder alles sagen darf, weil nichts zählt.

AC: Für viele ehemals erfolgreiche ostdeutsche Autoren bedeutete das Ende der DDR auch ein Stagnieren ihrer Karriere als Schriftsteller. Wie hast du diesen Übergang in ein anderes Gesellschaftssystem erfahren und welchen Einfluß hatte er auf deine literarische Tätigkeit?

ES: Einen verheerenden natürlich. Besonders und ganz unmittelbar auf meine Arbeit als Lektor und als Anthologist, die alsbald aufhörte, aber unter meinen SF-Aktivitäten durchaus den ersten Platz eingenommen hatte, sowohl der Wirkung als auch meiner Neigung nach. Geschrieben habe ich ja auch in der DDR eher nebenbei, vor allem, um mir die Freiheit zu bewahren, wirklich nur das zu schreiben, wozu ich Lust habe und wovon ich glaube, daß ich es kann. (Auch von der zusätzlichen Freizeit, die ich gewann, indem ich ab 1982 nur noch halbtags im Verlag arbeitete, ging der größere Teil in Übersetzungen und Anthologieprojekte.) Und wenn man nicht schreiben muß, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, findet der innere Schweinehund natürlich noch ein paar Gründe mehr als sonst, es auch nicht zu tun. Obwohl mir als Leser mittlerweile manche Arten von SF gründlich zum Halse heraushängen, bin ich anscheinend immer noch ein Fan - einen anderen Grund, daß ich weiterhin ab und zu SF verfasse, kann ich mir beim besten Willen nicht denken, denn die Gründe, es sein zu lassen, sind natürlich jetzt noch viel stärker: Ich verdiene so gut wie gar nichts damit, erreiche in Deutschland einen kleinen Bruchteil meines vormaligen DDR-Publikums und im Ausland gar niemanden mehr, letzteres, weil dort auch nur noch Amerikaner übersetzt werden (unter stillschweigender Einbeziehung von Airstrip One) und weil ich zudem kaum noch Neigung und Gelegenheit habe, in den diversen Szenen wie etwa auf ausländischen Cons herumzuwuseln. Und ich habe viel weniger Zeit, weil ich als Übersetzer - im Verhältnis zu den Lebenshaltungskosten - pro Seite viel, viel weniger verdiene als in der DDR. Der einzige Trost dabei ist, daß die Leser, die meine Sachen jetzt noch lesen, auch wirklich ganz genau das wollen - in der DDR ist ja doch ein Teil der hohen Auflagen von Leuten weggekauft worden, die das nicht getan hätten, wenn sie, sagen wir, das ganze Spektrum von H. G. Wells bis Perry Rhodan gekriegt hätten oder auch nur, wenn Fred Hubert fleißiger Westautoren plagiiert hätte. Diese Leser hat das kommunistische Terrorregime gezwungen, unter anderem meine Bücher zu kaufen. Es hat sie aber nicht gezwungen, auch noch Schulaufsätze drüber zu schreiben, also war das für uns DDR-SF-Autoren so ziemlich genau das günstigste Quantum Zwang.

AC: Nach der »Wende« hast du weiterhin als Übersetzer für Science-Fiction und Fantasy gearbeitet, zum Beispiel für den Heyne-Verlag. Wie würdest du das Niveau der anglo-amerikanischen SF, die ja in der DDR eine eher untergeordnete Rolle gespielt hat, und deren Übersetzungen beschreiben?

ES: Die Frage nach dem Niveau der anglo-amerikanischen SF ist etwas müßig, das erklärt sich im Grunde alles aus der riesigen Quantität: Der überwiegende Teil der erstklassigen SF seit Wells ist in englischer Sprache verfaßt, und der überwiegende Teil des finstersten Schundes auch. Den ersten Platz auf dem Buchmarkt, auch auf dem deutschen Buchmarkt, hat die anglo-amerikanische SF durchaus verdient; nicht verdient - auch nicht, schon gar nicht, in den USA selber - hat sie diese Monopolstellung, wo neben den Anglo-Amerikanern praktisch gar kein Platz mehr für alle anderen bleibt.
   Aber die Leser kriegen halt, was sie wollen; das gilt dann auch für die Qualität der Übersetzungen. Sogar der beste Übersetzer macht mal einen Fehler, und dem abzuhelfen, hatte man früher Lektoren und Redakteure; wo die natürlich eingespart oder mit ganz anderen Aufgaben überlastet werden und wo die Übersetzerhonorare derart niedrig sind, daß selbst ein Bundespräsident (Roman Herzog seinerzeit) sie als Skandal eigens erwähnt, steigt die Fehlerquote unweigerlich an. Doch selbst das erklärt nicht, warum man des öfteren schon am deutschen Text sieht, daß der Übersetzer ganz offensichtlich einfach kein Englisch kann. Wenn man solchen Leuten mehr zahlt, bekommt man auch keine bessere Übersetzung; aber wenn man im Durchschnitt generell mehr zahlte, bekäme man vielleicht mehr Wettbewerb und könnte besseren Leuten mehr zahlen. Nur daß daran offensichtlich keinerlei Bedarf besteht; denn der überwiegenden Mehrheit der Leser ist es völlig schnuppe, ob ein Buch gut oder schlecht übersetzt ist, die merken das gar nicht, und solange das Publikum für gute SF-Übersetzungen nicht freiwillig mehr berappt als für erbärmliche oder sie häufiger kauft, wird sich nichts ändern. Also wird sich nichts ändern. Es gab ja bei Heyne diese überdurchschnittlich gute weiße »Bibliothek der Science Fiction Literatur«, die haben die Buchhändler nicht mehr abgenommen, weil sie ihnen zu anspruchsvoll vorkam.

AC: Welche Erfahrungen hast du bei deiner Arbeit als Lektor, Herausgeber und Übersetzer mit dem westdeutschen Verlagssystem gemacht?

ES: Zunächst mal: siehe oben. Lektor bin ich im westdeutschen Verlagssystem nie gewesen, weshalb sich meine Erfahrungen da in engen Grenzen halten. Den Lektor, den ich im Westen am besten kannte, Wolfgang Jeschke, habe ich immer bewundert, aber beneidet habe ich ihn nie, jedenfalls nicht in seiner Eigenschaft als Lektor. Ich hätte das nicht gekonnt und vermutlich auch gar nicht gewollt; ich habe immer noch diese altmodische Vorstellung von einem Lektor, der Autoren und Übersetzer ausführlich berät. Das geht natürlich nicht, wenn man jede Woche ein neues Buch herausbringt. In der DDR gab es ja SF-Bücher, da hätte von Rechts wegen der Name des Lektors als Ko-Autor draufstehen müssen, am häufigsten wohl der von Ekkehard Redlin; mein Name eher bei der einen oder anderen Übersetzung, die ich redigiert habe.
   Durchaus beneidet habe ich Wolfgang um die Möglichkeit, diese schönen internationalen Anthologien herauszugeben. Sowas hätte ich auch gern öfters gemacht, noch lieber: Anthologien zu einem bestimmten Thema oder einem bestimmten Land, oder auch Auswahlbände aus dem Erzählwerk eines bestimmten Autors. Aber damit war mit dem Ende der DDR praktisch Schluß, auch die westdeutschen thematischen SF-Anthologien sind ja fast alle vor 1990 erschienen. Heutzutage ist jede SF-Anthologie, sei sie nun besser oder schlechter, zunächst einmal ein Mirakel, ein Triumph über alle Wahrscheinlichkeit, denn jeder Verleger weiß oder glaubt zu wissen: Romane verkaufen sich so-so, Erzählungsbände eines Autors verkaufen sich schlecht bis gar nicht und Anthologien noch schlechter als gar nicht.

AC: Du hast immerhin erst vor kurzem eine Terry-Pratchett-Anthologie zusammengestellt. Was fasziniert dich an dieser Arbeit und welche Kriterien sind dir bei der Auswahl von Geschichten wichtig? Wie würdest du die Qualität von Science-Fiction-Anthologien in Deutschland einschätzen?

ES: Ja, ich habe nach längerer Pause 1999 wieder begonnen, Anthologien herauszugeben, als erstes zwei Projekte, die ihre Wurzeln viel früher hatten - als Hobbypublikation das Lichtjahr 7 und bei Heyne die Alexander-Anthologie, an der ich auch jahrelang gearbeitet habe und die ja an die gleichzeitig bei Heyne erschienene klassische Alternativgeschichts-Anthologie von Squire anknüpft. Seither habe ich dann - meistens zusammen mit Friedel Wahren - so Anthologien gemacht, die sich an einen großen Namen anhängen, also an Pratchett oder Tolkien. Für Anthologien verkaufen die sich ganz gut, und man kriegt gute Geschichten an Leute, die sowas vielleicht nie in die Hand nehmen würden, wenn eben nicht der große Name drauf stünde. Zu der jüngsten Pratchett-Plus-Anthologie habe ich in den Mondmysterien - im Kommentar zu »Retter der Ewigkeit« - Näheres geschrieben, das vermittelt vielleicht auch eine Vorstellung, wie diese Anthologien entstanden sind. Solche Anthologien unterliegen allen möglichen Sachzwängen, nicht zuletzt ökonomischen, und es ist durchaus eine Herausforderung, trotzdem ein halbwegs originelles Konzept zu finden und durchzuhalten, also nicht einfach hineinzustopfen, was einem gerade mal unter die Finger kommt.
   Aber die Sorte Anthologien, die ich am liebsten mache und auch am besten finde, sind eben solche wie das Lichtjahr und Alexanders langes Leben, Stalins früher Tod. So eine Anthologie muß mit Blick auf das Thema (oder die Gruppe von Themen) komponiert werden, die Geschichten beeinflussen sich ja gegenseitig in ihrer Wirkung, und das sollte man möglichst schon bei der Auswahl beachten, spätestens aber, wenn man die Reihenfolge festlegt. (Für Erzählungsbände eines Autors gilt das natürlich auch, beispielsweise Bradbury hat das vorbildlich gemacht.) Ein paar Texte einzustreuen, die für sich genommen vielleicht gar nicht so stark sind, aber an der richtigen Stelle die Gesamtwirkung erhöhen, ist allemal besser als ein Sammelsurium von allem, was gut & teuer ist. Freilich, wenn der Leser dann den Band als Sammelsurium betrachtet und kreuz und quer darin herumliest, hat man sich für ihn die Mühe vergebens gemacht. Aber allen kann man es bei einer Anthologie eh nicht recht machen, da gibt es immer Leute, die das alles schon kennen oder empört sind, daß gerade ihre Lieblingserzählung fehlt.
   Wie ich die Qualität der SF-Anthologien in Deutschland einschätze? Es gibt ja kaum noch welche; was ist da einzuschätzen? Am wichtigsten waren wohl doch diese internationalen Anthologien von Wolfgang Jeschke; man muß sich allerdings vor Augen halten, daß das eben keine komponierten Einzelstücke waren, sondern daß sie - zusammen mit dem SF Jahr von Heyne - im Grunde die in Deutschland fehlende professionelle und professionell vertriebene SF-Zeitschrift ersetzt haben, und da gelten andere Kriterien - komponieren kann man da nur im kleinen, im Nahbereich von vielleicht zwei, drei speziell zueinander passenden Texten, und auch das nur in günstigen Fällen; bei den Lichtjahren war das ja früher ähnlich, da habe ich dann kleine thematische Blöcke gemacht, ein übergreifendes Thema hatte nur Lichtjahr 7.

AC: Die übliche Frage in Interviews: Woran arbeitest du? Was für Pläne und Projekte hast du?

ES: Arbeit, habe ich gelernt, wird hierzulande & heutzutage als »auf Erwerb gerichtete Tätigkeit« definiert, also etwas, was man ums Verrecken nicht täte, wenn man nicht dafür bezahlt würde; wenn man etwas in erster Linie tut, weil man es gern tut und es vielleicht anderen Leuten nützt, so akzeptiert das Finanzamt das nicht als Arbeit. Wer mich demnächst wofür bezahlen wird, weiß ich noch nicht. Fragt mich also lieber nach meinen Wunschvorstellungen und meinen Hobbys.

AC: Bitteschön: Was würdest du gern tun - als Autor, Übersetzer, Herausgeber, Kritiker und so weiter?

ES: Viel mehr, als ich tatsächlich tun kann, selbst wenn eine gute Fee daherkäme und dafür sorgte, daß ich für alles bezahlt werde. Endlich das Dutzend Erzählungen schreiben, zu dem ich die Ideen schon seit längerem mit mir herumtrage - die meisten eigentlich seit den achtziger Jahren, als ich mir überlegt habe, wie meine nächsten beiden Erzählungsbände heißen und wovon sie handeln sollten. (Dabei hatte ich allerdings jene kleinen Bändchen vor Augen, im Manuskript waren das jeweils 160 Normseiten.) Und, wenn die Fee sehr großzügig wäre, mit den Steinmüllers noch mindestens zwei weitere Simon-Zwystein-Geschichten verfassen, will sagen: in alten Dokumenten finden.
   Übersetzen würde ich gern wieder mehr aus dem Russischen, aber das fällt zugleich auch in die Herausgeber-Abteilung. Endlich eine angemessene Übersetzung von »Ein Gott zu sein ist schwer« der Strugazkis herstellen, vielleicht durch Überarbeitung der DDR-Übersetzung - die ist auch ganz schwach, aber nicht gar so hoffnungslos wie die bundesdeutsche. Ach ja, und jemand müßte die fehlenden fünf Bände von Sapkowskis Geralt-Zyklus übersetzen. Die beiden ersten hat Heyne ja gebracht, aber das war sozusagen nur der Prolog; der Haken ist, daß die restlichen fünf Bände eine einzige fortlaufende Handlung haben, da heißt es alles oder nichts. Und der Heyne Verlag hat sich für »nichts« entschieden; so, wie der deutsche Markt aussieht, kann ich's ihnen nicht einmal verdenken. Vor dem Umfang der Arbeit würde mir schon gruseln, aber es ist nicht nur richtig gelungene Fantasy, sondern einfach auch gute Literatur - vielleicht nicht ganz so gut wie Le Guin, aber viel besser als das weitaus meiste, was an Fantasy so in den Läden steht. Beispielsweise gefällt mir der Sapkowski besser als Tolkien.
   Herausgeben und zusammenstellen: Eine Werkausgabe der Strugazkis. (Sehr schwierig - sprich: teuer -, weil die Rechte an den brauchbaren deutschen Übersetzungen weit verstreut liegen.) Noch ein paar Lichtjahre. (Na, gute Feen? Freiwillige vorfliegen!) Ein paar Bände mit neuerer russischer Phantastik - da gibt's eine Reihe gute Autoren, von denen praktisch gar nichts ins Deutsche übersetzt ist, oder nur ein paar Erzählungen in den achtziger Jahren. Diverse internationale thematische SF-Anthologien. Vielleicht eine polnische Anthologie, da ist nicht so viel zu holen wie bei den Russen und GUSsen, aber doch eine Menge. Bändchen von älteren anglo-amerikanischen oder vielleicht auch deutschen Autoren, deren Erzählungen heute nur noch die Sammler haben. Und so weiter, und so weiter. Außerdem habe ich vor, den Steinmüllers ein wenig in die Konzeption ihrer allfälligen Werkausgabe hineinzureden.
   Die konkretesten Pläne habe ich als Herausgeber und Autor von SF-Theorie, aber das ist selbst in der Welt der guten Feen reines Hobby und kommt daher sehr langsam voran, also will ich dazu nichts ankündigen. Was soll ich die paar Leute quälen, die sehnsüchtig auf diese Bücher warten, lieber quäle ich erst mal die säumigen Mitarbeiter (mich selber eingeschlossen).
   Hab ich was vergessen? Ach ja: die nächsten Bände von Simon's Fiction.

AC: Nun müßten wir in guter Interviewer-Tradition nach etwas fragen, was wir schon wissen, nämlich nach den weiteren Plänen für deine Werkausgabe. Aber immerhin, wir wissen auch, das die noch im Fluß sind. Könnte man trotzdem schon was ankündigen?

ES: Klar doch, einiges steht ja schon ziemlich fest, wir haben immerhin sowas wie ein Gesamtkonzept. Die Bände werden jedenfalls alle nach überwiegend thematischen Gesichtspunkten geordnet; eine rein chronologische Ordnung nach der Entstehungszeit oder der Erstveröffentlichung würde genau das Sammelsurium ergeben, das ich nicht mag. Zeitliche Schwerpunkte haben die Bände natürlich trotzdem: Die Sternbilder brachten einen Großteil vom Simon der siebziger Jahre, als Kern die Femden Sterne und als Besonderheiten die Gedichte und die Märchen, also stilistisch ein sehr breites Spektrum.
   Mondmysterien präsentiert sich etwas konzentrierter, der Kern ist eine veränderte, auf 18 Geschichten erweiterte Neuausgabe meines früheren Bandes Mondphantome, Erdbesucher; hinzu kommen zwei kleine Zyklen zu je drei Texten, und die zeitlichen Schwerpunkte liegen einerseits bei meinen 1983 bis 1987 erschienenen Erzählungen, anderseits bei neueren Texten, die ich so ab 1993 veröffentlicht habe. Weil sie sich in das thematische Konzept gut einpassen, enthält Mondmysterien auch drei Erzählungen, die ich gemeinsam mit Rolf Krohn, Frank Petermann beziehungsweise Gundula Sell geschrieben habe.
   Der dritte Band ist praktisch schon fertig konzipiert, nur für einen Titel habe ich mich noch nicht entschieden. Er wird alle meine Gemeinschaftsarbeiten mit Reinhard Heinrich enthalten, als Kern also Die ersten Zeitreisen, dazu ein paar weitere Erzählungen von Reinhard und mir und drittens voraussichtlich etwas, was in seiner Art ein absolutes Novum in der deutschen SF sein dürfte. Nein, wir sagen jetzt noch nicht, was das ist. Oder soviel: Es ist eine ältere Arbeit, die aber noch für die Buchveröffentlichung aufbereitet werden muß, und das will ich erst mal erledigt haben.
   Band 4 zeichnet sich auch schon ab, aber weniger deutlich; hier werden jedenfalls meine neueren Arbeiten überwiegen. Als Kern wird es wohl auch da wieder eine alte Erzählungssammlung von mir geben ...

AC: Du hattest doch in der DDR nur drei Bände. Oder etwa noch einen unter Pseudonym? Wieso weiß dein Bibliograph davon nichts?

ES: Nicht doch, diese vierte Sammlung ist ja nicht mehr erschienen, ich hatte sie seinerzeit noch nicht einmal geschrieben: es ist eins von den beiden Bändchen, die ich vorausschauend konzipiert hatte. Ende der achtziger Jahre waren dazu gerade mal drei kurze veröffentlichte Erzählungen und eine unveröffentlichte fertig, aber seither habe ich etliche Geschichten verfaßt und zum Teil auch in Anthologien publiziert, die sich in mein Konzept von damals einfügen; thematisch geht es da unter anderem um Alternativgeschichte und um merkwürdige Dinge, die mit der Zeit passieren, eigentlich kaum Zeitreisen sensu stricto. - Um die Frage gleich vorwegzunehmen: Zu dem anderen damals konzipierten Bändchen habe ich seit längerem eine Versballade und drei unfertige Geschichten, und dazu ist vorerst weiter nichts zu sagen als das, was in Tucholskys »Deutsch für Amerikaner« steht: »Bezüglich dessen scheint es mir ein wenig wenig.« Der letzte Band von Simon's Fiction - welcher immer das ist - wird wohl eine Abteilung bekommen müssen, in der sich die bis dahin heimatlos gebliebenen Texte versammeln.

 

Darauf sprachen die Interviewer zu dem Autor noch mancherlei geistreiche und ermutigende Worte, und dann schieden sie alle in Freundschaft und begaben sich von hinnen, ein jeglicher an seinen Ort.


Foto: Peter Fleissner

Anmerkungen

1 Und eher abstrakt, mit einer gewissen Abkopplung im Privat-Praktischen, weil ich ein Arbeiterkind war, Stiefenkel eines Mannes, der kurz nach dem Krieg in Riesa aus der KPD ausgetreten war, als die ehemaligen SA-Leute seiner Gegend alle eintraten. Pawel-Kortschagin-Allüren hatte ich daher nie. Oder wie es in einem Gedicht von Rainer Kirsch heißt: »Wer liebt das Volk? Die nicht das Volk sind.«
   Wer Pawel Kortschagin war? Der Held eines sowjetischen Romans von Nikolai Ostrowski, der Wie der Stahl gehärtet worden wäre hieß – oder so ähnlich. Das war Schulstoff und das Vorbild für rückhaltlose Aufopferung für die Sache des Kommunismus; der Held kommt allerdings am Ende zu dem Schluß, er hätte vielleicht doch nicht so mit seiner Gesundheit und Lebenskraft aasen sollen. Ich habe daraus sehr frühzeitig gefolgert, mich lieber für spätere kommunistische Großtaten aufzusparen und beispielsweise nicht gleich Berufsoffizier in der NVA zu werden. Darin bestärkte mich übrigens auch meine Deutschlehrerin mit ihrer Kleine-Leute-Interpretation von Brechts Leben des Galilei, und mein Respekt vor ihr stieg erheblich, als ich viel später aus Brechts Tagebüchern erfuhr, daß der Autor im Gegensatz zu ihr eigentlich meinte, Galilei hätte sich lieber standhaft verbrennen lassen sollen. Ausgerechnet Brecht! – E. S.

2 Penne: Bezeichnung für Gymnasium, als Heinz Rühmann auf selbiges ging. In der DDR hieß das offiziell »Erweiterte Polytechnische Oberschule« und umfaßte, als Erik Simon auf selbige ging, die 9. bis 12. Klasse.

3 RGW: Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe.

4 Zur Zerschlagung des Stanislaw-Lem-Klubs an der TU Dresden 1973 siehe in: Wolfgang Both, Hans-Peter Neumann und Klaus Scheffler: Berichte aus der Parallelwelt. Die Geschichte des Science Fiction-Fandoms in der DDR. EDFC, Passau 1998

5 Aber selbst da hat wohl der Zufall hineingespielt, irgendwelche Querelen der Brauns mit Obrigkeiten in Magdeburg, glaube ich – es hätte sonst vielleicht auch gutgehen können. So ziemlich das politisch Kühnste, was Das Neue Berlin an SF je gemacht hat, war Huxleys Schöne neue Welt, ein Buch, das durchaus antikommunistische Zungenschläge enthält und in keinem anderen sozialistischen Land gedruckt wurde – und das wäre unseren Verlagsoberen nie in den Sinn gekommen, wenn sich nicht der für den Verlag zuständige »Verlagsbetreuer«, d. h. der Zensor dafür eingesetzt hätte. Da erlebte man den seltenen Fall, daß der Zensor fragte: »Warum macht ihr das eigentlich nicht?« und die Verlagsleitung es schließlich machen ließ, sich dabei aber fürchterlich gruselte; nachdem das Buch vom Ministerium im Plan bestätigt und fertig übersetzt war, die einschlägigen positiven Gutachten vorlagen und der Zensor unbeirrt grünes Licht signalisierte, wurde das ganze Projekt nochmals auf einer Lektoratssitzung zur Diskussion gestellt: »Was denn, wollen wir das ganz, ganz wirklich machen?« Wir wollten.
   Ein paar Jahre später wäre das wohl nicht mehr gegangen, beginnend mit der Ausweisung Biermanns hat sich ja damals das politische Klima in der DDR langsam, aber stetig verschlechtert – da kamen die Folgeaffären um die Biermann-Sympathisanten, die Skandale um Bücher von Leuten wie Loest und Heiduczek, der Konflikt mit der kirchlichen Friedensbewegung ... Irgendwann in diesem Prozeß fiel auch jener Zensor unangenehm auf (aber nicht wegen des Huxley, es ging um einen DDR-Autor in einem wichtigeren Verlag, für den er auch zuständig war) und wurde aus dem Ministerium hinauskomplimentiert, wobei er sich erheblich verbesserte: Er machte dann bei Volk und Welt die erstklassige Anthologienreihe ad libitum. – E. S.

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