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Ende Mai 2003 erschien im Shayol Verlag Berlin mit Mondmysterien der 2. Band der Werkausgabe von Erik Simon. Aus diesem Anlaß führten die Herausgeber der Werkausgabe mit »ihrem« Autor das folgende Interview für ALIEN CONTACT. |
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| ALIEN
CONTACT: Erik, über deinen Werdegang als Autor, Übersetzer,
Lektor, Herausgeber und Kritiker ist schon einiges geschrieben worden, unter anderem im
Lexikon der DDR-SF und in unserem Vorwort zu Sternbilder, dem ersten
Band deiner Werkausgabe. Der Teil deiner Biographie davor kommt dabei immer ein wenig
kurz ... Erik Simon: Er war ja auch kurz. AC: Aber doch eher untypisch. Wie bist du eigentlich als gelernter Elektromonteur, Fachübersetzer und Diplomphysiker zur professionellen Beschäftigung mit Literatur, insbesondere der Science-Fiction gelangt? ES: Na, zunächst mal war ich ein ganz enthusiastischer
Science-Fiction-Fan, spätestens, seit ich in der sechsten Klasse beschloß, Physiker zu
werden. Ich war damals gut in Mathe, interessierte mich auch lebhaft für die meisten
Naturwissenschaften. Geschichte mochte ich übrigens auch, soweit es nicht gerade die
Biographie von Walter Ulbricht war, die in der fünften Klasse zwischen der Urgesellschaft
und den Sumerern eingeschoben wurde. Damals habe ich diese Einordnung gar nicht
verstanden. An den Sozialismus glaubte ich habituell wie andere in dem Alter an den lieben
Gott, ohne Zweifel und ohne Inbrunst/1/ aber die Ulbricht-Daten habe ich trotzdem komplett wieder vergessen,
nachdem wir die einschlägige Klassenarbeit geschrieben hatten. Die sumerischen
Städtenamen, die wir in der folgenden Unterrichtsstunde lernten, waren: Ur, Uruk und
Lagasch. AC: Und wie kam es zu deinen beeindruckenden Fremdsprachenkenntnissen? Du übersetzt ja aus sieben Sprachen. ES: Na ja, das ist wahr und trotzdem etwas hochgestapelt. Meine drei
hauptsächlichen Fremdsprachen sind Russisch, Englisch und Polnisch, die spreche ich auch,
obwohl mein Polnisch etwas eingerostet ist - in den achtziger Jahren durfte man ja als
DDR-Bürger kaum noch hin, und seit dem Anschluß ist da für mich nichts mehr zu tun.
(Als Tourist reise ich grundsätzlich nicht.) Bulgarisch und Niederländisch lese ich
mühelos, aber ob ich diese beiden Sprachen leidlich sprechen könnte, habe ich nie
herausgefunden - in der Niederlanden war ich zu selten, und Bulgarien war das einzige Land
außerhalb der Sowjetunion, wo man blendend mit Russisch durchkam. Tschechisch spreche ich
nur auf Touristenniveau und Slowakisch eigentlich gar nicht (höchstens durch dreiste
Interpolation zwischen den Nachbarsprachen); aus diesen beiden Sprachen habe ich nur ein
paar ganz kleine Geschichten übersetzt, eher aus Sammelleidenschaft - außerdem
waren in der DDR die knappen SF-Bücher auch für Verlagsmitarbeiter kontingentiert, als
beteiligter Übersetzer bekam man aber Freiexemplare und durfte zusätzliche kaufen. AC: Zurück zu Deinem beruflichen Werdegang. Du hast ja in Dresden Physik studiert und gleichzeitig eine Fachübersetzer-Ausbildung abgeschlossen. ES: Die Fachübersetzer-Ausbildung an der Uni habe ich mühelos
nebenbei absolviert, das war ja fachbezogenes Schmalspur-Russisch. Um die Zeit herum war
aber auch schon abzusehen, daß mein Physik-Studium für die Katz sein würde: Während
ich studierte, wurde Ulbricht gestürzt, dessen Hobby in seinen späten Jahren die
»Entwicklung der Wissenschaft zur Hauptproduktivkraft« gewesen war; Honeckers Hobby war
die Konsumgüterproduktion, also wurde die Wirtschaft auf Verschleiß gefahren, und in der
Wissenschaft wurden in großem Stil Stellen gestrichen. Natürlich setzten sie keinen auf
die Straße (doch, in der DDR war das natürlich), aber sie stellten auch keinen
mehr ein. Von den Kommilitonen im Fachbereich Tieftemperaturphysik der TU Dresden, die wie
ich 1973 ihr Diplom gemacht haben, hat meines Wissens kein einziger eine Anstellung als
Physiker bekommen. Man konnte ja sowieso nicht selber suchen, sondern wurde von der Uni
vermittelt; bei der Immatrikulation hatten wir uns alle verpflichtet, nach dem Studium
mindestens drei Jahre an der uns zugewiesenen Stelle zu arbeiten. Einer baute dann in
Karl-Marx-Stadt Haushaltgeräte, einer wurde Strahlenschutzverantwortlicher in einem KKW
(eine Art besserer Schichtleiter für die Jungs mit den Geigerzählern), einen wollten sie
im Arzneimittelwerk in Radebeul zum Patentingenieur umschulen ... (Der Job in
Radebeul war zunächst mir zugedacht, aber ich habe da vorsätzlich einen so schlechten
Eindruck gemacht, daß sie mich nicht nahmen: Das Werk stank bestialisch, und das zwei
Straßenbahnhaltestellen weit. Ich habe einen schwachen Magen, und die Arbeit - nein:
die bloße Anwesenheit dort war in einem viel zu buchstäblichen Sinne zum Kotzen.) Ob ich
durch die Lem-Klub-Affäre/4/, die mich zum Glück nur gestreift hat, auf der Vermittlungsliste ein
paar Plätze nach unten gerutscht bin, läßt sich kaum noch feststellen, und im Grunde
war es egal - auf mittlere Sicht war der ziemlich schlechte Job, den ich zunächst
bekam, für mich genau richtig. AC: Wie hast du denn als Physiker und Ingenieur in einem Betonwerk die Stelle als Lektor bei DNB bekommen, gab es in der DDR nicht genug Germanisten? ES: Dem Verlag - genauer gesagt, dem Lektor Ekkehard Redlin - war ich durch kritisch-theoretische Publikationen in Fanzines und durch Aktivitäten im Lem-Klub aufgefallen, auch mit allerlei aufdringlichen Vorschlägen, was DNB an ausländischer SF drucken sollte; daß der Verlag mich als Lektor für SF des sozialistischen Auslands einstellte (anfangs auch für Krimis und Abenteuerliteratur, die ich aber bald wieder loswurde), verdanke ich aber vor allem meinen Sprachkenntnissen, die ich wiederum der SF verdanke. Ich kam also über zufällige, aber durchaus nützliche Umwege von der SF zur SF. Interessanterweise sind fast alle Lektoren, die ich jemals erlebt habe, auf Umwegen in den Beruf gekommen, erst recht die bedeutenderen in der DDR-SF: Redlin ist Historiker, Fickelscherer Sinologe, Töppe war Ökonom, Spittel ist Philosoph, Szameit hat technische Jobs bei Film und Fernsehen gemacht. So ziemlich die einzige absolute Gegenindikation für einen SF-Lektor in der DDR (und höchstens als Zweitqualifikation wie bei Fickelscherer denkbar) war ein abgeschlossenes Germanistik-Studium. (Ach ja, eine frühe Ausnahme: Orthmann.) Ein anständiger Germanist - oder Slawist - in der DDR interessierte sich nicht für SF und war stolz, keine Ahnung davon zu haben. Im Westen, zu dem wir jetzt gehören, schien und scheint es ein paar mehr Ausnahmen von dieser Regel zu geben, aber das sind einfach statistische Fluktuationen: Es gibt jetzt so unglaublich viel Germanisten, daß darunter einfach alles vorkommen muß, auch Leute, die was von Literatur und sogar von SF verstehen. Wahrscheinlich auch Menschenfresser. AC: Wenn man deine vorliegenden Werke als SF-Autor betrachtet, fällt auf, daß du dich bisher ausschließlich den kürzeren Erzählformen gewidmet hast. Gibt es dafür einen besonderen Grund? ES: Ich schreibe Erzählungen und Kurzgeschichten, weil ich die
erstens auch lieber lese und weil ich zweitens Romane gar nicht schreiben könnte. Ich
meine, schlechte oder vielleicht mittelmäßige könnte ich sicherlich schreiben, aber
davon werden weiß Gott schon genug verfertigt. Ich habe bestimmte erzählerische
Begabungen, und bestimmte habe ich nicht; anschauliche und einprägsame Schilderungen mit
vielen Einzelheiten gehören nicht zu meinen Stärken. Es gibt Romanautoren, die können
das auf bewunderswerte Weise, beispielsweise die Strugazkis oder Ursula
Le Guin, aber das sind auch nicht die, die jedes Jahr ein, zwei neue dicke Bände
irgendeiner endlosen Geschichte absondern. AC: Du hast immer wieder mit anderen Autoren zusammengearbeitet, beispielsweise mit Rolf Krohn oder Reinhard Heinrich. Wie kam es zu diesen Kollaborationen und was hat dich daran besonders gereizt? ES: Am Anfang stand auch hier der Lem-Klub. Da saßen ja so ungefähr
zehn Amateur-Autoren auf einem Haufen, die sich häufig trafen, alle mehr oder weniger
nach der Methode von Versuch und Irrtum schrieben und zunächst wechselseitig ihre
einzigen Fachkritiker waren - die also anders als in den sonstigen »Zirkeln
schreibender Arbeiter« oder in den Literaturzirkeln der Jugendklubs nicht von einem
dafür abkommandierten Profi-Schriftsteller angeleitet wurden, das heißt, je nach
Charakter und Qualität dieses An-Leiters motiviert, beraten oder gegängelt. Wir hatten
alle unsere Schwächen und waren uns dessen auch durchaus bewußt, also versuchten wir
gelegentlich, die jeweiligen Stärken durch Zusammenarbeit besser zum Tragen zu bringen. AC: Von den Autoren, die aus dem Lem-Klub hervorgegangen sind, sind heute die beiden bekanntesten und produktivsten Rolf Krohn und du. Aber gerade von euch beiden sind nie Gemeinschaftsarbeiten erschienen, »Die Notlandung« in Band 2 deiner Werkausgabe ist in dieser Hinsicht ein Novum, obwohl es sich ja um eine alte Geschichte handelt. Gab es andere gemeinsame Projekte? Was ist mit der »Arche«, die gelegentlich im Zusammenhang mit der Lem-Klub-Affäre erwähnt wurde? ES: »Die Notlandung« ist zwar eine ganz alte Geschichte,
ursprünglich von 1972, aber auch eine ganz neue - die jetzt erschienene,
stellenweise stark abgewandelte Fassung stammt aus dem Jahre 2003. Irgendwann einmal -
vielleicht so um 1980 herum? - haben Rolf und ich das Projekt eines
historisch-phantastischen Romans erwogen, aber da ist nicht mehr herausgekommen als ein
ganz grober Handlungsabriß, der bequem auf eine Seite passen würde; ich bin eh kein
Romanautor. »Die Arche« ist unsere einzige andere realisierte Kollaboration, und anders
als bei der »Notlandung« wird es wohl keinen Sinn haben, sie heute noch zu überarbeiten
und zu drucken. Wir haben sie Mitte 1972 geschrieben, und sie hat - neben vielen anderen
Vorwürfen - 1973 zu Rolfs dauerndem Ausschluß vom Hochschulstudium in der DDR
beigetragen und mir, gegen den weiter nichts vorlag, immerhin eine milde Disziplinarstrafe
der TU Dresden eingebracht, übrigens erst auf Betreiben von Kulturbund-Funktionären,
nachdem für die TU die ganze Sache eigentlich schon erledigt war. Mit verquerer
Zwecklogik wurde uns diese Erzählung seinerzeit, weil darin ein Kapitalist etwas
Kapitalistisches sagt, als antikommunistisch ausgelegt, sie war jedoch in Wahrheit ganz
naiv-klassenkämpferisch: In einer unterirdischen Bunkerstadt sitzen die Nachkommen von
amerikanischen Militärs und Kapitalisten und warten darauf, daß in der Außenwelt die
von einem Atomkrieg verursachte Radioaktivität abklingt. Ein schon im Bunker geborener
junger Mann findet heraus, daß die Erde gar nicht verwüstet ist, kehrt mit dieser
Nachricht zurück und wird umgebracht. Was er nicht weiß, wohl aber seine älteren
Vorgesetzten, die wenigstens da unten noch ein bißchen weiterherrschen wollen: In
Wahrheit hat es eine Revolution gegeben, und die USA sind kommunistisch (oder was
ähnliches) geworden. AC: 1977 erschien der Erzählungsband Die ersten Zeitreisen, den du gemeinsam mit Reinhard Heinrich verfaßt hast. Von den im Lem-Klub entstandenen Gespannen wart ihr beide das einzige, das es zu einem Buch gebracht hat. Was war das besondere an dieser Zusammenarbeit? ES: Wenn ich es recht bedenke, sind in den meisten anderen Fällen die
gelungenen Kollaborationen so zustandegekommen, daß ich eine Idee eines anderen
Autors - oder eine fertige Geschichte mit verschenkten Chancen - aufgegriffen, sie
neu konzipiert und das dann um- oder mit dem betreffenden Autor gemeinsam neu geschrieben
habe. Geschichten, wo ich wußte, wie man es besser machen müßte, sind mir natürlich
häufig untergekommen - ich war Lektor; ich wurde fürs Besserwissen bezahlt -, ein
viel seltenerer Glücksfall war es aber, daß ich es tatsächlich besser machen konnte
und wollte. Die Geschichte oder die Idee mußte also einerseits unvollkommen
sein, andererseits aber verlockend genug für einen Neuansatz, sonst hätten wir ja jeder
allein irgendwas anderes schreiben können; denn Ideen an sich sind meistens das letzte,
woran es einem halbwegs respektablen Autor mangelt. Mit Rolf Krohn beispielsweise hat das
bei der »Notlandung« funktioniert; bei der »Arche«, wo die Idee von mir stammte, hat
es nicht geklappt. AC: Du hast immer wieder auch Beiträge zum theoretischen Diskurs um die Science-Fiction als Literaturform geleistet. Kannst du kurz dein Verständnis von Science-Fiction und deren Möglichkeiten umreißen? ES: Also zunächst mal ganz trocken theoretisch: Science-Fiction ist
für mich eine Sparte der phantastischen Literatur, die im Unterschied zu den anderen
Spielarten und in Übereinkunft mit dem Leser so tut, als gäbe es für die in ihr
vorkommenden Wunder eine Erklärung im Rahmen des wissenschaftlichen Weltbildes. Sie ist
nicht wissenschaftlich, sondern wissenschaftsähnlich und hat sich im Laufe des
19. Jahrhunderts allmählich aus Vorläufern und einzelnen, verstreuten SF-Werken als
eigenständiges Genre konstituiert, weil damals das wissenschaftliche Weltbild - in
vereinfachter Form - ins Bewußtsein eines Großteils der Leser gedrungen ist, die
Leute sich also derart an die realen Wunder der Wissenschaft gewöhnten, daß sie ihr noch
größere ohne weiteres zutrauten. Die Abgrenzung gegenüber den anderen phantastischen
Genres ist zu einem Gutteil tradierte Konvention und Ermessensfrage; es geht nicht darum,
ob die phantastischen Elemente rational erklärt sind, sondern ob sie diesen Eindruck
machen und vom Autor glaubhaft so behandelt werden. AC: Immerhin hast du in der DDR selber eine Lovecraft-Auswahl herausgegeben. ES: Ja doch, das war fast das einzige Buch aus dem Bereich SF und
Phantastik, welches Das Neue Berlin auch Anfang der neunziger Jahre noch verkaufen konnte.
Dieser Erzählungsband hieß Die Farbe aus dem Raum, ich wollte dem noch einen
Band Der Schatten aus der Zeit mit zwei Romanen folgen lassen, und das wäre dann
die Lovecraft-Edition für die DDR gewesen. Wenn man weiß, daß man eh nicht
alles bringen kann, ist es nicht schwer, eine gute Auswahl zu machen. Der Lovecraft war ja
wirklich interessant und durchaus nicht auf diesen Huch-jetzt-faßt-er-mich-an-Horror
beschränkt, mit dem er freilich besonders bekannt geworden ist; sein Spektrum ging bis
zur SF und zu einer Phantastik in den Traditionen von Poe und auch von Lord Dunsany. Meine
Auswahl lebte davon, daß sie sich eben nicht auf die bekanntesten Cthulhu-Grusel
konzentrierte, sondern das ganze Spektrum zeigte und das weniger Geläufige eher noch
hervorhob. AC: Wie würdest du rückblickend den Stellenwert der Science-Fiction im Literaturbetrieb der DDR beschreiben? ES: Science-Fiction in der DDR war erstens in der offiziellen
Literaturgesellschaft wenig angesehen, zweitens aus diesem Grunde etwas weniger gründlich
überwacht als die »Hochliteratur« und drittens bei den Lesern ungeheuer beliebt. Der
Grund für das geringe Ansehen war derselbe wie im Westen, also eine nicht DDR-spezifische
Hochnäsigkeit der literaturerklärenden Hohenpriester (und erst recht ihrer Chazzonim,
Kantoren und Muezzine). DDR-Unterhaltungsliteratur, zu der man ja die SF zählte, wurde in
den Literaturzeitschriften, Tageszeitungen und Rundfunksendungen meistens ignoriert,
dankenswerterweise auch in denen des Westens; sie wurde - wie übrigens auch der
Krimi - kaum als Politikum wahrgenommen und daher auch von der Zensur eher
vernachlässigt, das heißt, meist bloß mechanisch abgearbeitet. Die Freiräume, die sich
damit auftaten, wurden aber von den Autoren nur sehr zurückhaltend genutzt, und als die
Brauns es mit ihrem Spott übertrieben, war es für sie mit den Freiräumen erst mal
vorbei./5/ AC: Für viele ehemals erfolgreiche ostdeutsche Autoren bedeutete das Ende der DDR auch ein Stagnieren ihrer Karriere als Schriftsteller. Wie hast du diesen Übergang in ein anderes Gesellschaftssystem erfahren und welchen Einfluß hatte er auf deine literarische Tätigkeit? ES: Einen verheerenden natürlich. Besonders und ganz unmittelbar auf meine Arbeit als Lektor und als Anthologist, die alsbald aufhörte, aber unter meinen SF-Aktivitäten durchaus den ersten Platz eingenommen hatte, sowohl der Wirkung als auch meiner Neigung nach. Geschrieben habe ich ja auch in der DDR eher nebenbei, vor allem, um mir die Freiheit zu bewahren, wirklich nur das zu schreiben, wozu ich Lust habe und wovon ich glaube, daß ich es kann. (Auch von der zusätzlichen Freizeit, die ich gewann, indem ich ab 1982 nur noch halbtags im Verlag arbeitete, ging der größere Teil in Übersetzungen und Anthologieprojekte.) Und wenn man nicht schreiben muß, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, findet der innere Schweinehund natürlich noch ein paar Gründe mehr als sonst, es auch nicht zu tun. Obwohl mir als Leser mittlerweile manche Arten von SF gründlich zum Halse heraushängen, bin ich anscheinend immer noch ein Fan - einen anderen Grund, daß ich weiterhin ab und zu SF verfasse, kann ich mir beim besten Willen nicht denken, denn die Gründe, es sein zu lassen, sind natürlich jetzt noch viel stärker: Ich verdiene so gut wie gar nichts damit, erreiche in Deutschland einen kleinen Bruchteil meines vormaligen DDR-Publikums und im Ausland gar niemanden mehr, letzteres, weil dort auch nur noch Amerikaner übersetzt werden (unter stillschweigender Einbeziehung von Airstrip One) und weil ich zudem kaum noch Neigung und Gelegenheit habe, in den diversen Szenen wie etwa auf ausländischen Cons herumzuwuseln. Und ich habe viel weniger Zeit, weil ich als Übersetzer - im Verhältnis zu den Lebenshaltungskosten - pro Seite viel, viel weniger verdiene als in der DDR. Der einzige Trost dabei ist, daß die Leser, die meine Sachen jetzt noch lesen, auch wirklich ganz genau das wollen - in der DDR ist ja doch ein Teil der hohen Auflagen von Leuten weggekauft worden, die das nicht getan hätten, wenn sie, sagen wir, das ganze Spektrum von H. G. Wells bis Perry Rhodan gekriegt hätten oder auch nur, wenn Fred Hubert fleißiger Westautoren plagiiert hätte. Diese Leser hat das kommunistische Terrorregime gezwungen, unter anderem meine Bücher zu kaufen. Es hat sie aber nicht gezwungen, auch noch Schulaufsätze drüber zu schreiben, also war das für uns DDR-SF-Autoren so ziemlich genau das günstigste Quantum Zwang. AC: Nach der »Wende« hast du weiterhin als Übersetzer für Science-Fiction und Fantasy gearbeitet, zum Beispiel für den Heyne-Verlag. Wie würdest du das Niveau der anglo-amerikanischen SF, die ja in der DDR eine eher untergeordnete Rolle gespielt hat, und deren Übersetzungen beschreiben? ES: Die Frage nach dem Niveau der anglo-amerikanischen SF ist etwas
müßig, das erklärt sich im Grunde alles aus der riesigen Quantität: Der überwiegende
Teil der erstklassigen SF seit Wells ist in englischer Sprache verfaßt, und der
überwiegende Teil des finstersten Schundes auch. Den ersten Platz auf dem Buchmarkt, auch
auf dem deutschen Buchmarkt, hat die anglo-amerikanische SF durchaus verdient; nicht
verdient - auch nicht, schon gar nicht, in den USA selber - hat sie diese
Monopolstellung, wo neben den Anglo-Amerikanern praktisch gar kein Platz mehr für alle
anderen bleibt. AC: Welche Erfahrungen hast du bei deiner Arbeit als Lektor, Herausgeber und Übersetzer mit dem westdeutschen Verlagssystem gemacht? ES: Zunächst mal: siehe oben. Lektor bin ich im westdeutschen
Verlagssystem nie gewesen, weshalb sich meine Erfahrungen da in engen Grenzen halten. Den
Lektor, den ich im Westen am besten kannte, Wolfgang Jeschke, habe ich
immer bewundert, aber beneidet habe ich ihn nie, jedenfalls nicht in seiner Eigenschaft
als Lektor. Ich hätte das nicht gekonnt und vermutlich auch gar nicht gewollt; ich habe
immer noch diese altmodische Vorstellung von einem Lektor, der Autoren und Übersetzer
ausführlich berät. Das geht natürlich nicht, wenn man jede Woche ein neues Buch
herausbringt. In der DDR gab es ja SF-Bücher, da hätte von Rechts wegen der Name des
Lektors als Ko-Autor draufstehen müssen, am häufigsten wohl der von Ekkehard Redlin;
mein Name eher bei der einen oder anderen Übersetzung, die ich redigiert habe. AC: Du hast immerhin erst vor kurzem eine Terry-Pratchett-Anthologie zusammengestellt. Was fasziniert dich an dieser Arbeit und welche Kriterien sind dir bei der Auswahl von Geschichten wichtig? Wie würdest du die Qualität von Science-Fiction-Anthologien in Deutschland einschätzen? ES: Ja, ich habe nach längerer Pause 1999 wieder begonnen,
Anthologien herauszugeben, als erstes zwei Projekte, die ihre Wurzeln viel früher
hatten - als Hobbypublikation das Lichtjahr 7
und bei Heyne die Alexander-Anthologie, an der ich auch jahrelang gearbeitet habe
und die ja an die gleichzeitig bei Heyne erschienene klassische
Alternativgeschichts-Anthologie von Squire anknüpft. Seither habe ich dann - meistens
zusammen mit Friedel Wahren - so Anthologien gemacht, die sich an einen großen Namen
anhängen, also an Pratchett oder Tolkien. Für Anthologien verkaufen die sich ganz gut,
und man kriegt gute Geschichten an Leute, die sowas vielleicht nie in die Hand nehmen
würden, wenn eben nicht der große Name drauf stünde. Zu der jüngsten
Pratchett-Plus-Anthologie habe ich in den Mondmysterien - im Kommentar zu
»Retter der Ewigkeit« - Näheres geschrieben, das vermittelt vielleicht auch eine
Vorstellung, wie diese Anthologien entstanden sind. Solche Anthologien unterliegen allen
möglichen Sachzwängen, nicht zuletzt ökonomischen, und es ist durchaus eine
Herausforderung, trotzdem ein halbwegs originelles Konzept zu finden und durchzuhalten,
also nicht einfach hineinzustopfen, was einem gerade mal unter die Finger kommt. AC: Die übliche Frage in Interviews: Woran arbeitest du? Was für Pläne und Projekte hast du? ES: Arbeit, habe ich gelernt, wird hierzulande & heutzutage als »auf Erwerb gerichtete Tätigkeit« definiert, also etwas, was man ums Verrecken nicht täte, wenn man nicht dafür bezahlt würde; wenn man etwas in erster Linie tut, weil man es gern tut und es vielleicht anderen Leuten nützt, so akzeptiert das Finanzamt das nicht als Arbeit. Wer mich demnächst wofür bezahlen wird, weiß ich noch nicht. Fragt mich also lieber nach meinen Wunschvorstellungen und meinen Hobbys. AC: Bitteschön: Was würdest du gern tun - als Autor, Übersetzer, Herausgeber, Kritiker und so weiter? ES: Viel mehr, als ich tatsächlich tun kann, selbst wenn eine gute
Fee daherkäme und dafür sorgte, daß ich für alles bezahlt werde. Endlich das Dutzend
Erzählungen schreiben, zu dem ich die Ideen schon seit längerem mit mir herumtrage - die
meisten eigentlich seit den achtziger Jahren, als ich mir überlegt habe, wie meine
nächsten beiden Erzählungsbände heißen und wovon sie handeln sollten. (Dabei hatte ich
allerdings jene kleinen Bändchen vor Augen, im Manuskript waren das jeweils 160
Normseiten.) Und, wenn die Fee sehr großzügig wäre, mit den Steinmüllers noch
mindestens zwei weitere Simon-Zwystein-Geschichten verfassen, will sagen: in alten
Dokumenten finden. AC: Nun müßten wir in guter Interviewer-Tradition nach etwas fragen, was wir schon wissen, nämlich nach den weiteren Plänen für deine Werkausgabe. Aber immerhin, wir wissen auch, das die noch im Fluß sind. Könnte man trotzdem schon was ankündigen? ES: Klar doch, einiges steht ja schon ziemlich fest, wir haben
immerhin sowas wie ein Gesamtkonzept. Die Bände werden jedenfalls alle nach überwiegend
thematischen Gesichtspunkten geordnet; eine rein chronologische Ordnung nach der
Entstehungszeit oder der Erstveröffentlichung würde genau das Sammelsurium ergeben, das
ich nicht mag. Zeitliche Schwerpunkte haben die Bände natürlich trotzdem: Die Sternbilder
brachten einen Großteil vom Simon der siebziger Jahre, als Kern die Femden Sterne
und als Besonderheiten die Gedichte und die Märchen, also stilistisch ein sehr breites
Spektrum. AC: Du hattest doch in der DDR nur drei Bände. Oder etwa noch einen unter Pseudonym? Wieso weiß dein Bibliograph davon nichts? ES: Nicht doch, diese vierte Sammlung ist ja nicht mehr erschienen, ich hatte sie seinerzeit noch nicht einmal geschrieben: es ist eins von den beiden Bändchen, die ich vorausschauend konzipiert hatte. Ende der achtziger Jahre waren dazu gerade mal drei kurze veröffentlichte Erzählungen und eine unveröffentlichte fertig, aber seither habe ich etliche Geschichten verfaßt und zum Teil auch in Anthologien publiziert, die sich in mein Konzept von damals einfügen; thematisch geht es da unter anderem um Alternativgeschichte und um merkwürdige Dinge, die mit der Zeit passieren, eigentlich kaum Zeitreisen sensu stricto. - Um die Frage gleich vorwegzunehmen: Zu dem anderen damals konzipierten Bändchen habe ich seit längerem eine Versballade und drei unfertige Geschichten, und dazu ist vorerst weiter nichts zu sagen als das, was in Tucholskys »Deutsch für Amerikaner« steht: »Bezüglich dessen scheint es mir ein wenig wenig.« Der letzte Band von Simon's Fiction - welcher immer das ist - wird wohl eine Abteilung bekommen müssen, in der sich die bis dahin heimatlos gebliebenen Texte versammeln.
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![]() Foto: Peter Fleissner |
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Anmerkungen1 Und eher abstrakt, mit einer gewissen
Abkopplung im Privat-Praktischen, weil ich ein Arbeiterkind war, Stiefenkel eines Mannes,
der kurz nach dem Krieg in Riesa aus der KPD ausgetreten war, als die ehemaligen SA-Leute
seiner Gegend alle eintraten. Pawel-Kortschagin-Allüren hatte ich daher nie. Oder wie es
in einem Gedicht von Rainer Kirsch heißt: »Wer liebt das Volk? Die nicht das Volk
sind.« 2 Penne: Bezeichnung für Gymnasium, als Heinz Rühmann auf selbiges ging. In der DDR hieß das offiziell »Erweiterte Polytechnische Oberschule« und umfaßte, als Erik Simon auf selbige ging, die 9. bis 12. Klasse. 3 RGW: Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe. 4 Zur Zerschlagung des Stanislaw-Lem-Klubs an der TU Dresden 1973 siehe in: Wolfgang Both, Hans-Peter Neumann und Klaus Scheffler: Berichte aus der Parallelwelt. Die Geschichte des Science Fiction-Fandoms in der DDR. EDFC, Passau 1998 5 Aber selbst da hat wohl der Zufall
hineingespielt, irgendwelche Querelen der Brauns mit Obrigkeiten in Magdeburg, glaube ich
es hätte sonst vielleicht auch gutgehen können. So ziemlich das politisch
Kühnste, was Das Neue Berlin an SF je gemacht hat, war Huxleys Schöne neue Welt,
ein Buch, das durchaus antikommunistische Zungenschläge enthält und in keinem anderen
sozialistischen Land gedruckt wurde und das wäre unseren Verlagsoberen nie in den
Sinn gekommen, wenn sich nicht der für den Verlag zuständige »Verlagsbetreuer«,
d. h. der Zensor dafür eingesetzt hätte. Da erlebte man den seltenen Fall,
daß der Zensor fragte: »Warum macht ihr das eigentlich nicht?« und die Verlagsleitung
es schließlich machen ließ, sich dabei aber fürchterlich gruselte; nachdem das Buch vom
Ministerium im Plan bestätigt und fertig übersetzt war, die einschlägigen positiven
Gutachten vorlagen und der Zensor unbeirrt grünes Licht signalisierte, wurde das ganze
Projekt nochmals auf einer Lektoratssitzung zur Diskussion gestellt: »Was denn, wollen
wir das ganz, ganz wirklich machen?« Wir wollten. |
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