epilog.de > Alien Contact > Alien Contact 54 > Sabine Wedemeyer-Schwiersch: Jeder zahlt selbst [Story]
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Sabine Wedemeyer-Schwiersch

Jeder zahlt selbst

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»O’Shaughnessy ist ein Arschloch. Und ich bin der größte Dummkopf der Galaxis!«

Munzinger ist sich klar darüber, dass diese Erkenntnis reichlich spät kommt. Genau genommen zu spät.

Dabei hatte der Abend doch so harmlos angefangen. O’Shaughnessys Einladung hatte er als Signal angesehen, die gegenseitige Abneigung endlich zu begraben. Nach fast sechs Jahren gemeinsamer Dienstzeit auf der Cassandra wurde das auch Zeit. Sogar Doktor Cavatini, die psychologische Mannschaftsberaterin, hatte ihm dringend geraten, mehr Freizeit mit seinen Kollegen zu verbringen. Warum nicht gleich mit dem schwierigsten Fall anfangen?

Er hatte sich also ein Lächeln abgerungen und zugesagt. Am Abend vor dem Spiegel, als er den einwandfreien Sitz seiner Ausgehuniform überprüft und ein paar Ausreißer unter seinen Schnurrbarthaaren in Reih und Glied zurückbefördert hatte, waren die Bedenken wieder lebendig geworden.

»Ein kleiner Ausflug unter Bordkameraden!« Schon das Wort »Kameraden« auf sich und O’Shaughnessy anzuwenden fiel ihm schwer. Der mit seiner kindischen Art! Schien nichts anderes im Kopf zu haben als Albereien, schlüpfrige Witze und Taschenspielertricks!

Munzinger konnte nichts dergleichen, und er war stolz darauf. Er hatte sich schon als Kind am liebsten mit Sachbüchern beschäftigt. Auch den lebensnotwendigen Sport konnte man auf effektivere Art erledigen, nicht ausgerechnet durch Handstände auf Tischen oder Stühlen vor Publikum.

Es war nicht zu übersehen, dass sein Kollege im Mittelpunkt aller Bordpartys stand, aber die besuchte Munzinger ohnehin nur, wenn es sich aus dienstlichen Gründen nicht vermeiden ließ, etwa zum Geburtstag des Captains.

Mehr als einmal hatte er O’Shaughnessy spüren lassen, was er von brotlosen Künsten hielt und von Leuten, die kostbare Zeit damit verschwendeten. Die Skala reichte von abschätzigen Blicken bis zu verletzend giftigen Bemerkungen. Aber nicht einmal damit hatte er diesen peinlichen Kerl auf Distanz halten können. Offenbar gehörte es zu O’Shaughnessys kindlichem Gemüt, überhaupt nicht nachtragend zu sein.

Eines machte ihn fast neidisch: Obwohl sie beide etwa gleich alt waren, staunte er immer wieder darüber, wie viel O’Shaughnessy über jede der Welten wusste, die sie anliefen. Auch Dinge, die in keiner Borddatei zu finden waren. Es war nicht zu leugnen: Trotz oder gerade wegen seiner ständigen Faxen hatte sein Kollege sofort einen guten Draht zu Außerirdischen aller Spezies.

Widerwillig gestand sich Munzinger ein, dass er O’Shaughnessy wahrscheinlich sogar für diese Einladung dankbar sein musste. Allein hätte er nicht den Mut dazu gefunden, die drei Tage in der Umlaufbahn um Cabilia zu einem Abstecher auf den fremden Planeten zu nutzen. Möglicherweise konnte er sich dort wertvolles Wissen aneignen.

Wohin würden sie gehen? Vermutlich nicht in ein Völkerkundliches Museum. Höchstwahrscheinlich würde es auf das Konsumieren von Alkohol hinauslaufen. Auch damit hatte Munzinger so gut wie keine Erfahrungen. Und schließlich, worüber sollten sie sich den ganzen Abend lang unterhalten? Über Witze und dergleichen?

Munzinger gab sich einen Ruck. Was tat man nicht alles für den Bordfrieden? Die vier Stunden mit diesem Witzbold würde er schon irgendwie hinter sich bringen. Es war wohl das Beste, den ganzen Abend als ethnologische Fortbildung zu verbuchen. Noch ein prüfender Blick in den Spiegel, dann machte er sich zum Shuttledeck auf, wo O’Shaughnessy schon auf ihn wartete.

© Sabine Wedemeyer-Schwiersch 2003 • Erstveröffentlichung
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