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| ALIEN CONTACT 55 |
| Science Fiction Alien Contact |
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| Die eigentliche
Aufgabe guter Literatur ist es, die Leserinnen und Leser mit Hoffnung zu erfüllen und ein
geistiges Feuer von Möglichkeiten in ihren Köpfen zu entfachen. Menschen suchen
die Hoffnung auf die Verbesserung der Welt im Allgemeinen und die Gewinnung von
Lebensqualität und Sinngebung im Speziellen. Gute Literatur spielt mit Nuancen
menschlicher Widersprüche und verhindert eine platte Schwarz-Weiß-Malerei, die ein
Charakteristikum von Trivialem ist. Der besondere Reiz von Zukunftsliteratur, auch Science Fiction genannt, liegt in der Entfaltung von Szenarien des Unmöglichen, die faszinierend unerreichbar und dennoch wissenschaftlich betrachtet vorstellbar erscheinen. Dieser Aufgabe ist die Science-Fiction-Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts gerecht geworden. Besonders im Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert gibt es visionäre Entwürfe, die die technischen Umsetzungen und Schrecken späterer Zeiten vorwegnehmen (Reise zum Mond, Unterseeboote, Panzer, technisierte Kriege usw.), teilweise aber immer noch pure Vorstellung geblieben sind (Zeitmaschine, außerirdische Wesen etc.). In den Zwischen- und Nachkriegszeiten entstehen die großen Mythen der Science Fiction von der Ausbreitung der Menschheit im All, von der Überwindung von Raum und Zeit, vom Leben unter Außerirdischen, kurz: von der neuen Sinnsuche im Universum. Heute, zu Beginn des einundzwanzigsten Jahrhunderts, werden die modernen Mythen von der kosmologischen Forschung entworfen. Die Science Fiction perpetuiert lediglich die Abenteuer im All von gestern. Es ist Zeit für einen radikalen Neubeginn. Schriftsteller, nehmt die Füße vom Schreibtisch, schaut euch in den Forschungslabors um, sprecht mit den kreativen Geistern der internationalen Gemeinschaft der Kosmosforscher und gebt uns Lesern das zurück, was wir von euch erwarten: Phantasie! Im zwanzigsten Jahrhundert war die Gattung der Science-Fiction-Literatur für das Utopische, Visionäre und Phantastische zuständig. Die Hefte und Bücher waren beliebt und weit verbreitet, aber nicht für den humanistischen Bildungskanon als wertvoll anerkannt. Es handelte sich in der Mehrzahl um Schund, nicht um das Gute, Wahre und Schöne so die Literaturkritiker. Deshalb hat auch bis heute kein SF-Schriftsteller einen Nobelpreis für Literatur bekommen und dies wird wohl auch in Zukunft so bleiben, obwohl es durchaus ernst zu nehmende Kandidaten wie beispielsweise Arthur C. Clarke und andere gäbe. Immerhin: die Science Fiction hat bemerkenswerte Beiträge für das utopische Denken der Menschheit geliefert, oft lange vor der naturwissenschaftlichen Beschreibung eines Phänomens oder der technischen Realisierung. Und meist auf unterhaltsame und spannende Art und Weise, so dass die Bücher dieser Literaturgattung viele Jahrzehnte lang auch als eine effiziente Form der Öffentlichkeitsarbeit für die Wissenschaft angesehen werden konnten. Einige der früheren Vertreter haben grandiose Epen verfasst, die Zukunftsentwürfe für die Menschheit über Äonen ausdehnen. Olaf Stapledon beispielsweise beschreibt in Last and First Men (1931) die Evolution der Menschheit in verschiedene Erscheinungsformen, die Entwicklung neuer Sinne, die Ausdehnung im Raum über einen Zeitraum von fünf Milliarden Jahren. Im Nachfolgewerk Star Maker (1937) verfolgt Stapledon die Evolution des gesamten Universums und beschreibt intelligente Wesen in allen möglichen Formen, sogar solche, die Sterne manipulieren können. Diese beiden Standardwerke aus der Mottenkiste der Science-Fiction-Literatur sind heute etwas schwer zu lesen, enthalten aber dennoch vielfältige philosophische Denkmuster, die ihrer Zeit weit voraus waren. Ein Musterbeispiel für die imaginäre Kraft von Science Fiction ist die von vielen Kritikern als beste SF-Story aller Zeiten bezeichnete Kurzgeschichte »Nightfall« von Isaac Asimov aus dem Jahre 1941. Asimov selbst schreibt in seiner Autobiographie I. Asimov. A Memoir (1994), wie er auf die Geschichte gebracht wurde und wovon sie handelt. Im Grunde geht es um ein Gedicht von Ralph Waldo Emerson: »Wenn die Sterne nur in einer Nacht in tausend Jahren erscheinen sollten, wie würden die Menschen an das Andenken an die Stadt Gottes glauben, es verehren und für viele Generationen bewahren?« Asimov erhielt von seinem damaligen Lektor John W. Campbell jr. den Auftrag, darüber eine Science-Fiction-Geschichte zu schreiben, denn er war der Meinung, dass Emerson Unrecht hatte. Campbell sagte, dass die Menschen verrückt werden würden, wenn die Sterne nur einmal in tausend Jahren erschienen. Das Grundthema ist scheinbar einfach, aber in seiner Konsequenz brillant: Was passiert mit einer Gesellschaft auf einem Planeten mit sechs Sonnen, die keine Nacht kennt, wenn durch eine abnorme astronomische Konstellation alle zweitausend Jahre völlige Dunkelheit niederfällt und die dann hervortretenden Sterne zu Wahrzeichen für Wahnsinn und Zusammenbruch der Zivilisation werden? Robert Silverberg hat die Geschichte später zu einem großen Roman verarbeitet, der ebenfalls unter dem Titel Nightfall im Jahre 1990 erschien. Heute produziert die Science Fiction überwiegend Langeweile. Die Verlage schielen auf Absatzzahlen, produzieren in der Menge Triviales und recyceln Altbewährtes. Kreative Schriftsteller können ihre Werke kaum verkaufen. Die selbst geschaffenen Mythen im Star-Wars-Universum oder bei Star Trek dagegen funktionieren wie ein belletristisches Perpetuum Mobile: einmal in Gang geworfen, laufen sie immer weiter, ohne Energie zu verbrauchen oder zu produzieren. Nichts Neues auf weiter Flur! Dabei gäbe es Stoff in Hülle und Fülle, wie der Meister der Fantasy-Literatur, Terry Pratchett, in einem Zeit-Interview vom 7. Februar 2002 gesagt hat: »Aus der Perspektive des täglichen Lebens sind Magie und Quantenmechanik mehr oder weniger äquivalent. Mit der Quantenmechanik und den Spekulationen über parallele Universen könnte man vermutlich genau so gut Religionen begründen wie mit Wundern«. Wer entwirft denn heutzutage neue Ideen, die Magie enthalten, mit der Wissenschaft spielen und spannend geschrieben sind? Etwas wirklich Neues für das Weltverständnis der Menschheit wird seit etwa 30 Jahren hauptsächlich von der kosmologischen Forschung entdeckt und beschrieben, also jenem Zweig der theoretischen Physik, der sich mit der Erforschung des Anfangs und des Endes des Universums beschäftigt. Viele Forscher haben über ihr Wissensgebiet ausgezeichnete populärwissenschaftliche Bücher geschrieben, die auf ein breites Publikumsinteresse gestoßen sind. Zu diesen brillanten Didaktikern des Unfassbaren zählen:
Worum geht es bei den neuesten Erkenntnissen der kosmologischen Forschung? Insgesamt, und das möchte ich besonders hervorheben, beziehen sich die Forschungsergebnisse auf Zeiträume, Raumkonstellationen und Zustände von Materie und Energie, die dermaßen weit von unseren Erfahrungsmöglichkeiten entfernt sind, dass sie ausschließlich im Bereich der menschlichen Vorstellungskraft angesiedelt sind. Damit sind sie für den Laien von Science Fiction kaum zu unterscheiden. Ja, mehr noch: sie könnten ebenso gut den Dogmen menschlicher Glaubenssysteme zugeordnet werden. Schließlich ist es reine Spekulation, wie das Universum vor etwa 15 Milliarden Jahren entstanden ist und wie es sehr viel später zugrunde gehen oder wiedergeboren werden wird. Die in Frage kommenden Zeiträume entziehen sich in allen möglichen Bewertungssystemen jeglicher Beobachtungsmöglichkeit, so dass die Wissenschaft, die Science Fiction und der religiöse Glaube gleich arm sind beim Antreten des letzten Wahrheitsbeweises. Sie werden dies wohl auch bleiben. Phantasie und Empirie gehen bei kosmologischen Fragen nicht unbedingt zusammen. Die drei Bezugssysteme unterscheiden sich allerdings in der intellektuellen Lust, die sie ihren Zuhörern oder Lesern liefern. Welche Schönheit kann in der Verarbeitung unfassbarer Zustände liegen? Wie plausibel erscheinen dem Leser die Beschreibungen des Anfangs und des Endes von allem? Was fasziniert ihn, was jagt ihr einen Schauer den Rücken hinunter? Ich möchte die Problematik an einigen Beispielen aus der Kosmologie deutlich machen und diese in Bezug zur Science Fiction setzen. Wie lauten die neueren Ergebnisse der kosmologischen Forschung, mit denen versucht wird, das Unfassbare zu beschreiben? Welche davon wären es wert, literarisch verarbeitet zu werden? |
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1. Bezugsrahmen: Der Anfang und das Ende von allem1a: Unser Universum wird unvorstellbar groß und altOder: Unser Universum ist wahrscheinlich endlich und wird im Kältetod erstarren. Es kann aber auch sein, dass unser Universum unendlich ist und in einem neuen Big Bang ständig wiedergeboren wird: Die Vorstellung ewiger Inflation und ewiger Komplexität. Alle Vorschläge sind unfassbar, irritierend und quälend interessant. Ein wunderbarer Stoff für ein großes Epos im Stile von Tolkiens Herr der Ringe oder ein Gefühlsdrama »Die Liebenden am Ende aller Tage«. Wer schreibt es? Es gibt einige wenige gute literarische Versuche, diese großen Fragen von Unendlichkeit zu behandeln. Am überzeugendsten ist dies Frederic Pohl in seinem Gateway-Zyklus gelungen. Im ersten Band Gateway beginnt der Protagonist Robinette Broadhead eine verschlungene Reise zu den Sternen und zu sich selbst. Die Menschheit hat ein Tor zu den Sternen entdeckt, das von einer sehr alten und verschollenen Alien-Rasse, den Heechees, hinterlassen wurde. Robinette Broadhead ist von Beruf Prospektor, also eine Art diebischer Archäologe, der technische Artefakte von den gefährlichen Reisen mitbringt, auf die man von Gateway aus geschickt wird, wenn man wagemutig und verzweifelt genug ist, sich auf ein derartiges Abenteuer einzulassen. Viele kommen nicht zurück von ihrem Gateway-Trip, manche, wie Robinette Broadhead, werden steinreich. Durch die Untersuchung der über die Galaxis verstreuten Mosaikstücke der überlegenen Heechee-Technologie eröffnen sich der Menschheit neue Dimensionen der Erkenntnis. Was zunächst als Spielerei mit technischen Innovationen beginnt, wird schließlich zu einem großen kosmologischen Gemälde mit endzeitlicher Konsequenz. Die Heechee haben sich vor Millionen von Jahren aus der Galaxis zurückgezogen und verstecken sich in Schwarzen Löchern. Der Grund für ihre überstürzte Flucht wird später erläutert: das Wirken einer furchterregenden Superrasse, Assassins (Mörder) genannt. Diese Assassins haben alle Lebewesen der Galaxis gnadenlos vernichtet und deren Kulturen erbarmungslos zerstört. Gründe für ihre Motive werden erst im letzten Band enthüllt. Die Assassins haben sich zu reinen Energiewesen entwickelt, die ihre Heimstatt in Sonnen bzw. in fremden Dimensionen gefunden haben. Sie arbeiten daran, den unabwendbaren Kältetod des Universums zu verhindern und den Big Bang umzukehren. Dabei werden nebenbei und unbeabsichtigt viele an Materie gebundene Prozesse, also auch der Austausch von Materie und Energie von Lebewesen, gestört. Die Dimensionen passen einfach nicht zueinander, so dass die Superwesen die fatalen Folgen, die ihr Tun für Materiewesen hat, nicht bemerken. Der Protagonist Robinette Broadhead ist mittlerweile alt geworden und stirbt schließlich, wobei sein Bewusstsein aufgrund fortschrittlicher Heechee-Technologien in Computerdatenbanken weiterexistiert. Er wird eins mit dem Programm »Einstein«, das ihn jahrzehntelang psychologisch betreut hat. Robinette Broadhead mutiert zu einem Wesen, dessen Bewusstsein nur auf Energiezuständen beruht. Damit wird er kommunikationsfähig mit der Superrasse der Assassins und kann die Verbindung zwischen ihnen und der Menschheit sowie den schließlich aus den Schwarzen Löchern aufgeschreckten Heechees herstellen.
1b: Es gibt viele Universen mit unterschiedlichen Naturgesetzen: Das MultiversumEs ist schon fast eine gängige Lehrmeinung, dass nicht nur ein Universum existiert, sondern zahlreiche oder besser gesagt: unzählige, in denen die Naturgesetze etwas voneinander abweichen oder völlig unterschiedlich sein können. Es gibt Verbindungen zwischen den Universen. Schwarze Löcher sind die Einfallstore zu sogenannten Wurmlochverbindungen. Diese können theoretisch für Kommunikationsprozesse oder Transportverbindungen benutzt werden. Verglichen mit solchen Möglichkeiten sind die Hauptthemen, mit denen sich die Science Fiction bis heute beschäftigt (von Ausnahmen abgesehen, vgl. Diaspora von Greg Egan), genremäßige Plattitüden. Die literarische Beschreibung der Entwicklung der Menschheit zu einer planetaren Kultur ist ebenso wie die Erhöhung der Computer-Intelligenz oder die Erfindung von Robotergeschichten längst abgehakt. Die technischen Tricks der biomolekularen Revolution oder der Nano-Technologie oder des Quantencomputers gehen bereits in die Phase von Konstruktionszeichnungen über. Interstellar operierende Raumschiffe, überlichtschnelle Antriebssysteme, Welten zerstörende Waffensysteme, kurzum: alle technischen Effizienzlösungen sind im Ansatz schon beschrieben worden und können nur noch modifiziert, aber nicht entwickelt werden. Ein Bereich für Verwalter, nicht für Erfinder. Zu den Ausnahmen gehört der Schriftsteller Stephen Baxter, der in den drei Bänden Manifold: Time (2000), Manifold: Space (2001) und Manifold: Origin (2002) mit den Möglichkeiten des Multiversums spielt und diese souverän und spannend in Geschichten um menschlichen Forscherdrang einspinnt. Er traut sich etwas zu, was vorher noch kein Schriftsteller beschrieben hat: die Explosion des Universums im ersten Band und die Fortführung der Geschichte in einem anderen Universum im Band 2. 1c: Unser Universum zeichnet sich dadurch aus, dass es uns hervorgebracht hat: Das anthropische kosmologische PrinzipWäre das Universum ewig, gäbe es nur zwei mögliche Erklärungen: ein außerhalb existierender und ewiger Gott, der das Schicksal lenkt oder ein mathematisches Prinzip, das ebenfalls außen gelagert und ewig ist. Das starke anthropische Prinzip repräsentiert eine religiöse Idee, nämlich die, dass Gott die Naturgesetze so geschaffen hat, dass intelligentes Leben im Universum existieren kann. Das schwache anthropische Prinzip postuliert eine Vielzahl von Universen, in denen die Naturgesetze jeweils ein wenig voneinander abweichen und von denen unseres als vorteilhaft für die Entstehung intelligenten Lebens angesehen wird. Lee Smolin bezeichnet das anthropische Prinzip als Überrest der alten Metaphysik, entstanden als eine für die Weiterentwicklung der Kosmologie immerhin hilfreiche Reaktion darauf, »dass die Parameter der Physik und der Kosmologie ganz präzise Werte annehmen«. Er stellt seine eigene Theorie der natürlichen kosmologischen Auslese dagegen: Universen können sich vermehren und leben ewig: Die Darwinsche Evolution von Universen. Unser Universum ist ein besonders erfolgreiches Gebilde, weil es intelligente Lebewesen hervorgebracht hat. Die Universen liegen in einem evolutionären Wettstreit, der jenes als Sieger prämiert, das die größte Vielzahl an intelligenten Spezies hervorgebracht und über größere Zeiträume in stabilen Erscheinungsformen beherbergt. Universen können Universen-Kinder abspalten, die nach dem Darwinschen Evolutionsprinzip neue bzw. veränderte Eigenschaften aufweisen. Damit wäre das Gesamtgebilde, das Multiversum, theoretisch unsterblich. Die Naturgesetze sind nach Smolin im Laufe der Zeit erzeugt worden. Zeit ist der Schlüssel zu ihrem Verständnis. |
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2. Bezugsrahmen: Intelligentes Leben im Universum?2a: Galaktischer TourismusNach den vorliegenden Berechnungen für galaktischen Tourismus ist davon auszugehen,
dass hoch entwickelte Lebewesen eine Zeitskala von 100 Millionen Jahren benötigen, um das
gesamte Universum zu erforschen. Danach müssten sie in den letzten 100 Millionen Jahren
mindestens einmal in unserem Sonnensystem gewesen sein. Wir haben weder Hinweise noch
Artefakte gefunden. Was bedeutet das? Waren sie nie hier, verbergen sie sich vor uns, oder
gibt es sie gar nicht? Die Wahrscheinlichkeitsrechnungen drängen die Existenz bewohnbarer
Welten geradezu auf. Sollten diese alle ohne Leben sein? Kaum vorstellbar! Alle heutigen
Hinweise der Forschung sprechen für die Existenz außerirdischer Lebewesen. Was uns
bewegen sollte, sind Fragen, warum wir ihnen noch nicht begegnet sind und wie wir (mit
unseren bescheidenen technischen Mitteln vgl. das Programm Die Science-Fiction-Literatur ist voll von Geschichten über Kontakte mit Aliens. Seit der Schreckensvision einer Invasion vom Mars von H. G. Wells aus dem Jahre 1898 (Krieg der Welten) ist der Erstkontakt differenzierter beschrieben und der Austausch der Kulturen zwischen Menschen und Aliens fast schon selbstverständlich geworden. Erwähnenswert ist auch, dass der Mensch die nie gesehenen Außerirdischen früher und besser beschreiben konnte als die Fossilien des eigenen Heimatplaneten, z. B. die Dinosaurier, die in computeranimierter Form - also »fast lebensecht« - erst seit einigen Jahre in der Unterhaltungsbranche Furore machen. 2b: Eine Botschaft aus der fernen VergangenheitWenn außerirdische Lebewesen vor zig Millionen Jahren die Erde besucht hätten und der Menschheit eine Botschaft hätten hinterlassen wollen, wie wären sie wohl vorgegangen? Vielleicht durch eine Botschaft im genetischen Kodes eines Lebewesens? Greg Bear hat in seinen Romanen Darwin`s Radio (1999) und Darwins Children (2003) eine ähnliche Grundüberlegung dargelegt, nämlich die evolutionäre Weiterentwicklung des Homo sapiens. Wirklich erstaunlich ist, dass dieses Thema bislang kaum bearbeitet wurde. Ist es so, dass der Mensch sich bereits als »fertig« und »abgeschlossen« ansieht, als »Krone der Schöpfung«? Ist die natürliche Evolution des Menschen intellektuell gesehen uninteressant, weil die künstliche Vermehrung, das Klonen, im Mittelpunkt der (industriellen) Aufmerksamkeit liegt? 2c: Der Dyson-Organismus: Leben bei jeder TemperaturDer Dyson-Organismus ist eine Überlegung des Physikers Freeman Dyson für hypothetische Lebensformen, die bei allen möglichen Temperaturen existieren können. Jedem Temperaturbereich kann eine mögliche Lebensform zugeordnet werden, da Bewusstsein nicht an Materie, sondern an Energiezustände gebunden ist. Die Geschwindigkeit, mit der solche abstrakten Geschöpfe Energie verbrauchen, ist der Temperatur direkt proportional. Das bedeutet in der Konsequenz, dass das Bewusstsein solcher Lebewesen, die bei hoher Temperatur existieren, schneller arbeitet als das von Wesen, die bei niedrigerer Temperatur leben. Dyson-Organismen könnten also auch im Inneren eines Sonnenkerns bei einigen Millionen Grad Kelvin existieren und über außerordentliche Intelligenz verfügen. Der Altmeister Isaac Asimov war einer der wenigen Science-Fiction-Schriftsteller, die sich dieser Thematik angenommen haben. Er entwarf schon in den sechziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts in einer Kurzgeschichte Lebewesen, die in der Gashülle von Planeten ihre ökologische Nische gefunden haben. |
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3. Bezugsrahmen: Die Suche nach dem SinnEthische Grundfragen werden in der Science Fiction meist nur gestreift oder schlichtweg übergangen. Eine Ausnahme ist der grandiose Rama-Zyklus von Arthur C. Clarke und Gentry Lee. Ähnlich wie der Gateway-Zyklus von Frederic Pohl beginnt auch dieses Epos, zu dem Arthur C. Clarke im Jahre 1973 den ersten Roman allein schrieb und das in den neunziger Jahren durch drei Folgebände gemeinsam mit Gentry Lee vervollständigt wurde, zunächst mit der Schilderung eines simplen Falls: Ein riesiges Raumschiff taucht im Sonnensystem auf, und die Menschheit schickt eine Expedition dorthin. Deren Mitglieder versuchen, das Innere des Raumschiffs zu erforschen und scheitern letztlich an ihrem eigenen Unvermögen, diese fremde Welt, deren Erbauer sich nicht zu erkennen geben, zu begreifen. Das Rätselhafte und Fremde wird meisterhaft geschildert ebenso die menschliche Beschränktheit. Das Raumschiff verschwindet aus dem Sonnensystem, und das Buch endet mit lauter offenen Fragen. In den Folgebänden wechseln die Autoren das Szenario. Zunächst scheint sich eine Wiederholung anzubahnen, denn nach Jahren erscheint ein zweites Alienschiff im Sonnensystem, und eine zweite Expedition wird losgeschickt. Ein Teil der menschlichen Mannschaft bleibt an Bord des in die unermesslichen Weiten weiterfliegenden Alienschiffs und erhält nun die Gelegenheit, zahlreiche Lebewesen an Bord zu studieren. Nach und nach wird der Auftrag des Schiffes aufgedeckt, und die Schiffslenker geben ihre Absichten zu erkennen: Sie sammeln Abgesandte aller intelligenten Spezies aus dem gesamten Universum ein, nicht, um sie in einem galaktischen Zoo auszustellen, sondern, weil sie Erkenntnisse suchen über die Bedingungen, unter denen Intelligenz im Universum entsteht. Die Menschengruppe, die sich vermehrt und über Jahrzehnte ihr eigenes Reich in der fremden Umgebung schafft, schneidet im Vergleich der Kulturen nicht gut ab. Die meisten von ihnen handeln kurzsichtig und kriegerisch. Ihnen wird das Recht auf Evolution verweigert. Die Bestrafung ist ein Leben ohne Veränderungsmöglichkeiten bis zum Tode. In einem furiosen Finale wird der Protagonistin Nicole Wakeman ein winziger Blick auf das große Ganze gewährt. Der Schöpfer von allem hat kurz nach dem Urknall ein Raumschiff durch die Zeit geschickt, um das zu studieren, was er selbst nicht beeinflussen kann: die Bedingungen für die Entstehung der Vielfalt intelligenten Lebens im Universum.
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4. Bezugsrahmen: Der Schöpfer und der SchöpfungsaktDie Verbindungen zwischen religiösen Grundfragen und den letzten Annahmen der Kosmologie liegen auf der Hand und werden dennoch selten hergestellt. Vielleicht, weil es zu schwierig, zu persönlich, zu abstrakt und schlechterdings unmöglich ist. Dennoch: Nur die Instanzen des Unmöglichen können überhaupt ein solches intellektuelles Wagnis eingehen die Religion und die Science Fiction. In diesem Bezugsrahmen kann der Science Fiction getrost eine gewisse Vorreiterrolle eingeräumt werden. Dies verwundert umso mehr, da viele Naturwissenschaftler ebenso wie viele Science-Fiction-Schriftsteller Atheisten sind. Dennoch haben sie schon zur Blütezeit ihrer Literaturgattung nach dem Zweiten Weltkrieg phantastische Werke geschrieben, die mit den Möglichkeiten bei der Geburt oder beim Vergehen des Universums spielen. Der Altmeister der SF, Isaac Asimov, hat in der Kurzgeschichte »The Last Question« (1956) die Menschheit, das Universum und Gott kongenial zusammengebunden. Was als eine trunkene Wette unter Computerprogrammierern im Jahre 2061 beginnt, endet in einem neuen Urknall am Ende aller Dinge, nur diesmal unter Beteiligung der Menschheit, die in Verschmelzung mit ihrem Supercomputer zu Gott geworden ist. Die letzte Frage lautet etwa: »Können wir eine neue Sonne anzünden, wenn die alte verbraucht ist?« oder »Ist die Zunahme der Entropie im Universum umkehrbar?« Selbst dem lernenden Supercomputer fehlt die Datenbasis zur Beantwortung dieser Frage, bis schließlich am Ende der Zeit, als die Menschen zu galaxisumspannenden Geisteswesen geworden sind und mit dem kosmischen Computer verschmelzen, endlich klar wird, was zu tun ist. Und der Computer sprach: »Es werde Licht. Und es ward Licht.« Es ist nicht nur so, dass Religionen eine Rolle in der SF spielen, wie dies Gentry Lee in Bright Messengers (1995, deutsch: Boten des Lichts) brillant vorgeführt hat, sondern es wird auch die Utopie von Religionen behandelt. Anders ausgedrückt: Die Frage nach Glaubensgemeinschaften der Zukunft und die Problematisierung des Glaubens an Gott für den Fall, dass die Menschheit tatsächlich irgendwann Außerirdischen begegnen wird, ist Thema geworden. Beispiele finden sich in Childhood`s End (1953) von Arthur C. Clarke, wo die Außerirdischen, die die Menschheit auf ihrem evolutionären Weg in die Zukunft begleiten, mit Hörnern auf dem Kopf und Pferdefuß ironischerweise haargenau wie der Leibhaftige aussehen. |
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Utopia und das Prinzip HoffnungWorum könnte es bei einem neuen Programm für die Science Fiction gehen? Nicht um Technik oder Wissenschaft, das dürfte klar geworden sein, sondern um Erkenntnis und Hoffnung. Nicht um Expansion und Ausbeutung, sondern um Verstehen und Zusammenführen. Nicht um Kampf und Krieg, sondern um Synthese und Harmonie. Gute Science Fiction wäre eine Vorbereitung auf die Veränderungen in der Sichtweise der Menschen, die im 21. Jahrhundert hoffentlich eine Verheißungsvolle sein wird. Science Fiction kann eine integrierende Funktion haben, indem sie ihre Leser auf die kulturellen Kontexte unseres Daseins hinweist und die Verschmelzung von Technik, Wissenschaft, Kunst, Musik, Glauben und Philosophie literarisch vorantreibt. Letztlich geht es darum, einen langfristigen Entwurf eines guten Lebens zu formulieren und diesen immer wieder an die wechselnden Zeiten anzupassen. Die Kosmologie schließt dazu die ganz großen Zusammenhänge auf und befreit uns aus düsteren Endzeit-Visionen: »Die ewige Wiederkehr und der ewige Wärmetod sind keine Bedrohung mehr. Sie werden niemals kommen, ebenso wenig wie der Himmel. Die Welt wird immer hier sein, und sie wird sich immer verändern, vielfältiger werden, interessanter, lebendiger; doch es wird immer die Welt mit all ihrer Komplexität und ihrer Unvollkommenheit bleiben« so schließt Lee Smolin sein Buch Warum gibt es die Welt?. Er formuliert damit ein neues Utopia als Antwort auf je nach persönlicher Glaubenspräferenz Dantes Inferno (»Ihr, die ihr hier eintretet, lasset alle Hoffung fahren«) oder die Hölle christlicher Prägung. Wir Menschen gestalten unser Dasein selbst, und das Universum schafft seine eigenen Naturgesetze. Die Visionen über die Entwicklung von Raum und Zeit liefert die Kosmologie. Die Science Fiction könnte Visionen in den kulturellen Kontext des Menschlichen einbetten. Beide zusammen würden helfen, Zukunft als gestaltbar zu erleben. Der letzte Satz aus Smolins Buch ist auch wenn ein Restzweifel oder eine Glaubensungewissheit bleiben eine Verheißung für uns alle: »Und alles, was von Utopia Wirklichkeit werden kann, ist das, was wir mit unseren Händen erschaffen. Beten wir, dass es ausreichen wird.« |
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