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| Das Magazin für Science Fiction & Fantasy • Ausgabe 55 • Story |

Ich strich mir die nassen Haare aus den Augen und fragte mich, ob mich jetzt irgendwer suchte. He, ist irgendwer hinter einer vierzig Jahre alten Rock'n'Roll-Sünderin her?
Ich verdrückte mich in den Eingang eines dieser malerischen alten Gebäude, wo die Tür zum Ladengeschäft im Kellergeschoss liegt. Eine kleine Markise hielt den Regen ab, aber das Wasser pisste in einem wahnsinnigem Rhythmus runter. Ich wrang das Wasser aus meinen Hosen und meinem Haar und saß einfach da, feucht wie ich war. Kalt war mir auch, glaube ich, aber das habe ich nicht so sehr gespürt.
Ich saß eine ganze Weile so da, mit dem Kinn auf den Knien; weißt du, fast habe ich mich wieder wie ein Kind gefühlt. Als mir der Kopf schwer wurde, blieben meine Gedanken an etwas hängen. Ganz instinktiv, aber das gelingt mir immer erstaunlich gut. Man-O-War, wenn du mich jetzt sehen könntest! Als die Blaukittel mich fanden, war ich ziemlich drauf.
Und das war die Pointe. Ich hab nie versucht, aufzustehen und abzuhauen, ansonsten wäre mir aufgefallen, dass ich wie eine Fliege im Leim festsaß. So ein Ding, mit dem sie die Jungs während eines Bruchs festhalten, bis die Blaukittel kommen und sie holen können. Ich saß in meiner eigenen Falle und kam mir noch toll dabei vor. Die Geschichte meines Lebens.
Sie waren nett zu mir. Nahmen mich mit, lasen mir meine Rechte vor, ließen mich ausnüchtern. Brummten mir einen Hunderter auf und ließen mich rechtzeitig zum Frühstück wieder laufen.
Eine abscheuliche Zeit, um zu sehen und gesehen zu werden, einfach abscheulich. Während der ersten drei Stunden, nachdem du aufgestanden bist, merken die Leute gleich, ob du ein gebrochenes Herz hast oder nicht. Da bleibt nur eins: entweder wirklich zeitig aufzustehen, so dass deine Tarnung steht, bis alle anderen raus sind, oder gar nicht erst ins Bett zu gehen. Gar nicht ins Bett gehen sollte eigentlich immer funktionieren tut es aber nicht. Manchmal, wenn man gar nicht ins Bett geht, können die Leute den ganzen Tag lang sehen, ob man ein gebrochenes Herz hat. Ich schleppte meins mit mir rum und suchte nach einer Frühstücksbar, die nicht überlaufen war, ohne jemanden anzuschauen, der mich anschaute. Aber ich hatte das Bedürfnis, irgendwelche Fußgänger anzuhalten und zu sagen: Ja, ja, es ist wahr, aber es war der Rock'n'Roll, der mein armes altes Herz gebrochen hat, kein Typ weint nicht um mich, oder ich mach euch alle.
Ich irrte in der Gegend herum, rechts, links, rauf, runter, bis ich die Tremont Street gefunden hatte. Es war der Schlagzeuger dieser Band aus dem Krater von Detroit gewesen den Namen hab ich vergessen, aber die Krankheit schwelte weiter , jedenfalls hatte er mir erzählt, auf der Tremont gäbe es die besten Frühstücksbars der Welt, vor allem dann, wenn man sich bis zur Besinnungslosigkeit betrunken hatte.
Nachdem sich die Pendler ein wenig verzogen hatten, fand ich einen Platz in einer griechischen Bruchbude. Wir machen pünktlich um 10 Uhr 30 Feierabend, mach, dass du rauskommst, wenn du fertig bist, Selbstbedienung, friss oder stirb. Mir gefallen Lokale mit einem gewissen Anspruch. Ich klappte mir einen Sitz runter und bestellte einen Kaffee und ein Feta-Omelett. Dazu gab es hausgemachte Fritten vom Berg hausgemachter Fritten in der Ecke des Grills (keine Mikrowellen-Scheiße, hurra). Noch bevor sie den Kaffee brachten, scannten sie meine Netzhaut, und während ich die Milch einrührte, überprüften sie, ob ich genug Geld hatte. War das beschissen? Das war beschissen. Machte es mir was aus? Nicht die Bohne. Kein Abfall, keine Maschinen, wenn ein Mensch die Arbeit erledigen konnte, und richtiges Essen, nicht dieses nahrhafte Polyester, das blankweg durch einen durchrutscht, so dass du ewig aussiehst wie ein Hungeropfer, Schätzchen.
Sie kamen rein, als ich mit dem Omelett zur Hälfte fertig war. Hatten sich die ganze Nacht rumgetrieben, so wie sie aussahen und sich anhörten, aber ich suchte in ihren Gesichtern nicht nach gebrochenen Herzen. Sie machten mich nervös, aber ich dachte mir, nun, die sind müde, wer bemerkt schon eine alte Dame? Keiner.
Wieder falsch. Sie bemerkten mich, gleich, nachdem ihre Netzhäute gescannt worden waren. Ein siebzehnjähriger Knabe mit tätowierten Wangen und einer gespaltenen Zunge lehnte sich vor und zischte wie eine Schlange.
»Sssssssünder.«
Die anderen vier spitzen die Ohren. »Wo?« »Wer?« »Hier drin?«
»Rock'n'Roll-Ssssssünder.«
Das Mädchen erkannte mich. Sie hatte ein Allerweltsgesicht, und wenn sie ein Herz hatte, dann hatte es nicht mal einen Knacks. Bei einer Sünderin war sie vermutlich Madame Magnifica. »Gina,« sagte sie voller Überzeugung.
Meine linkes Auge zuckte. Oh, bitte! Ich hab Feta-Käse auf dem Knie. Was solls?, dachte ich – ich nicke, sie nicken, ich esse, ich verschwinde. Und dann flüsterte jemand das Wort Belohnung.
Ich ließ die Gabel fallen und rannte los.
Das sollte reichen, dachte ich. Würden die alle hinter mir herrennen, bevor sie ihr griechisches Frühstück bekommen? Nein, natürlich nicht. Sie jagten mir das Mädel auf den Hals.
Sie war viel jünger als ich, und sie erwischte mich mitten auf einer Kreuzung, gerade, als die Ampel umschaltete. Ein Auto holperte über uns drüber, der Unterboden zerzauste gerade so die Spitzen ihrer harten Kupferhaare.
»Komm zurück und iss dein Omelett auf. Wir können dir auch ein neues kaufen.«
»Nein.«
Sie zerrte mich hoch und zog mich von der Straße. »Komm schon.« Die Leute glotzten, aber auf der Tremont ist an jeder Ecke ein Theater. Das gibts da wirklich noch, Live-Theater, alles umsonst. Sie nahm mich in den Polizeigriff und schleppte mich zurück zur Frühstücksbar, wo sie den Rest von meinen Omelett zu einem Schleuderpreis an einen Penner verkauft hatten. Das Mädchen und ihre Gruppe machten Platz für mich und brachten mir einen neuen Kaffee.
»Wie kannst du mit einer gespalten Zunge essen und trinken?«, fragte ich die tätowierten Wangen. Er zeigte es mir. Auf der Unterseite befand sich eine kleine Vorrichtung, eine Art Reißverschluss. Das Fliegengewicht links von dem dicken Kerl, auf der anderen Seite des Mädchens, beugte sich zu mir vor und legte die Stirn in Falten.
»Gib uns einen guten Grund, weshalb wir dich nicht an Man-O-War verpfeifen und die Belohnung kassieren sollten.«
Ich schüttelte den Kopf. »Mir langts. Diesem Sünder ist vergeben worden.«
»Du bist gesetzlich an einen Vertrag gebunden,« sagte das Mädchen. »Aber wir könnten da was drehen. Zahl Man-O-War aus, verklag ihn im Gegenzug auf Nicht-Erfüllung. Wir sind die Bastarde. Oley.« Sie zeigte auf sich. »Pidge.« Das war der schweigsame Typ neben ihr. »Percey.« Der Dicke. »Krait.« Mr. Zunge. »Gus.« Das Fliegengewicht. »Wir passen auf dich auf.«
Ich schüttelte nochmal den Kopf. »Wenn ihr mich verpfeifen wollt, verpfeift mich, kassiert und legt zusammen. Das sollte genug geben, um den besten Sünder zu kaufen, den es je gab.«
»Wir können eine Menge für dich tun.«
»Ich brings nicht mehr. Es ist weg. Alle meine Rock'n'Roll-Sünden sind vergeben.«
»Du lügst,« sagte der Dicke. Automatisch ließ ich einen Film ablaufen und musste ihn mit Gewalt anhalten. »Man-O-War hätte dich rausgeschmissen, wenn es weg wäre. Du müsstest nicht abhauen.«
»Ich wollte es ihm nicht sagen. Lasst mich in Ruhe. Ich will einfach hier weg und nicht weiter sündigen, kapiert? Spielt alleine, ich helfe euch nicht weiter.« Mit beiden Händen klammerte ich mich am Tresen fest. Was sollten sie denn machen? Mir eins überbraten und mich wegtragen?
Genau das taten sie.