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Boris Koch

Der Mythos lebt

H. P. Lovecrafts Hüter der Pforten und Der Cthulhu-Mythos

Science Fiction
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H. P. Lovecrafts Cthulhu-Mythos ist ein Phänomen. Der seltsame Kauz aus Providence, Rhode Island, gehört zweifellos zu den ganz Großen der unheimlichen Phantastik, seine Schöpfungen sind faszinierend und eigenständig, und bereits zu Lebzeiten hat er Freunde und Kollegen aufgefordert, Erzählungen zu seinem Cthulhu-Mythos zu verfassen. Doch die Flut der Geschichten, die bis heute in seiner Nachfolge geschrieben wurden, konnte er nicht vorhersehen: Erzählungen, Romane, Filme, Comics, ein Rollenspiel, diverse Computerspiele und dergleichen mehr – der Cthulhu-Mythos ist multimedial geworden.

Der Mensch ist nicht allein im Kosmos, lässt sich der Mythos kurz gesagt auf einen Nenner bringen, und die Bewohner fremder Welten sind dem Menschen meist feindlich gesinnt und unvorstellbar mächtig. Götter und gottgleiche Wesen lauern mit ihren Dienerrassen im kalten All oder befinden sich schon auf der Erde. So liegt etwa der Große Alte »Cthulhu« träumend auf dem Grund des Pazifiks und wartet auf seine Wiederkehr, um die Herrschaft über die Erde anzutreten, während sich froschähnliche Wesen aus den Meeren mit Menschen paaren und unheimliche Geschöpfe wie die missgestalteten Schogotten in den unerreichbaren Regionen des Planeten lauern. Vor langer Zeit herrschten andere Wesen über die Erde, in der Zukunft werden es wieder andere sein – dem Menschen gehört nur ein kleiner Ausschnitt von Zeit und Raum im unendlichen Kosmos, er ist unbedeutend.

Ganz grob lassen sich die nicht von Lovecraft verfassten Werke des Cthulhu-Mythos in drei Gruppen unterteilen. Zum einen sind da diejenigen, die sich äußerlich an seinen Geschichten orientieren, vom Inhalt her wie auch oft in stilistischer Hinsicht. Dazu gehören die meisten Fan-Veröffentlichungen, Werke von Autoren wie August Derleth und die Umsetzungen in den Spielen. Hier tummeln sich diverse Wesen, Bücher und Kulte aus dem Mythos, doch selten sind solche Geschichten von der Misanthropie Lovecrafts geprägt. Die Großen Alten und ihre Diener reihen sich mehr oder weniger nahtlos ein in die Phalanx bekannter unheimlicher Wesen wie Vampire, Werwölfe, Gespenster usw. Wirklich originelle Geschichten finden sich hier selten.

Andere Autoren orientieren sich an Lovecrafts Vorstellung eines kosmischen Grauens, wie dies Fred Chappell in seinem Roman Dagon getan hat. Nicht der einzelne Mensch wird vom Bösen bedroht, sondern die gesamte Menschheit ist für das Universum bedeutungslos, ihre Existenz auf der Erde nur ein Wimpernschlag im Lauf der Ewigkeit. Gut und Böse sind nicht der Maßstab, mit dem Cthulhu und Konsorten gemessen werden können, sie stehen jenseits der menschlichen Moralvorstellungen. In solchen Geschichten können tatsächlich auch blasphemische Tentakel vorkommen, müssen es aber nicht.

Zuletzt gibt es natürlich noch den spielerischen Umgang mit dem Mythos, der unheimliche, komische oder einfach nur seltsame Geschichten zur Folge haben kann, die sich teilweise sehr weit von Lovecraft entfernen. Entsprechend sind hier keine genauen Zuschreibungen möglich, hier finden sich Erzählungen wie Shoggoth´s Old Peculiar von Neil Gaiman, in der ein texanischer Tourist in einem britischen Küstenort namens Innsmouth im Pub »The Book of Dead Names« bei Kirschlimonade mit zwei Dienern Cthulhus unter anderem über den Stil von H. P. Lovecraft plaudert.

Auf jeden Fall finden sich Erzählungen aus allen drei Kategorien (und darüber hinaus) in den beiden Cthulhu-Anthologien, die in der ersten Jahreshälfte 2003 erschienen sind: zum einen das Taschenbuch Hüter der Pforten bei Bastei Lübbe, zum anderen die beiden Hardcover-Bände Der Cthulhu-Mythos 1917-1975 und Der Cthulhu-Mythos 1976-2002 im Festa-Verlag. Alle drei Bücher sollen hier näher unter die Lupe genommen werden.

Hüter der Pforten ist im Original bereits 1990 bei Arkham House in den USA erschienen, im 100. Geburtsjahr Lovecrafts, und zwar unter dem Titel Tales of the Cthulhu Mythos. Der Cthulhu-Mythos dagegen, von Frank Festa zusammengestellt, wartet mit aktuelleren Erzählungen auf und enthält auch drei deutschsprachige Beiträge. Inhaltliche Überschneidungen halten sich in Grenzen, sechs Erzählungen sind in beiden Sammlungen enthalten: »The Call of Cthulhu« von H. P. Lovecraft, »Ubbo-Sathla« von C. A. Smith, »The Black Stone« von Robert E. Howard, »The Hounds of Tindalos« von Frank Belknap Long, »The Shambler from the Stars« von Robert Bloch und »The Salem Horror« von Henry Kuttner. Der Umfang ist vergleichbar, Hüter der Pforten enthält 22 Erzählungen von 16 Autoren, Der Cthulhu-Mythos 24 Stories von 22 Verfassern. Doch nun zu den Büchern im Einzelnen.

Hüter der Pforten beginnt mit einem unterhaltsamen neunseitigen Vorwort von James Turner, bevor H. P. Lovecraft den Erzählungs-Reigen mit »Cthulhus Ruf« eröffnet – in einer solchen Anthologie gewissermaßen die Pflicht vor der Kür, wird darin doch der Mythos vom träumenden, tentakelbewehrten Cthulhu begründet. Es folgen »Des Magiers Wiederkehr« und »Ubbo-Sathla« von Lovecrafts Freund und Weird Tales-Kollegen Clark Ashton Smith und »Der schwarze Stein« von Conan-Schöpfer Robert E. Howard, drei schöne Erzählungen aus den 30er Jahren von zwei Autoren, die über eigenständige und kraftvolle literarische Stimmen verfügen. Das gilt leider nicht für Frank Belknap Long, dessen Erzählungen »Die Hetzhunde von Tindalos« und »Die Raumfresser« ungefähr aus derselben Zeit stammen, allerdings bestenfalls dank ihres klassisch-staubigen Charmes unterhalten, sich aber nicht im Kopf des Lesers festsetzen können. Ähnliches trifft auch auf »Die Bewohner der Dunkelheit« und »Jenseits der Schwelle« von August Derleth zu, die Anfang der 40er entstanden sind, also nach dem Tod Lovecrafts. Sie orientieren sich jedoch ganz an seinem Werk und sind ausgesprochen oberflächlich, ohne Eigenständigkeit und ohne Lovecrafts visionäre Kraft. Alle vier Geschichten sind im Endeffekt recht belanglos.

»Der Schlächter von den Sternen« von Robert Bloch aus dem Jahr 1935 nimmt sich der typisch lovecraftschen Figuren und Motive weit packender an und wartet mit der Ermordung von Lovecrafts Alter Ego auf, einem augenzwinkernden spielerischen Element, für das sich der junge Bloch von seinem Lehrer Lovecraft die schriftliche Genehmigung eingeholt hatte – ein literarischer Scherz, zu dem der Meister vergnüglich seine Einwilligung gab und sich im nächsten Jahr auch prompt mit der ebenfalls hier abgedruckten Story »Der leuchtende Trapezoeder« revanchierte, in der sich ein gewisser Robert Blake von den Lebenden verabschiedet. Mit »Der Schemen am Kirchturm« und »Das Notizbuch« folgen zwei weitere hochkarätige Erzählungen von Robert Bloch, während »Das Grauen von Salem« von Henry Kuttner trotz stimmungsvoller Momente in einem verfluchten Keller allzu vorhersehbar bleibt.

Mit Fritz Leibers »Der Schrecken aus der Tiefe« beginnt eine neue Zeitepoche für die an Lovecraft orientierten Geschichten. Der Umgang mit seinen Motiven und Themen wird freier, teils auch spielerischer. Lovecraft ist seit über 30 Jahren tot, die Welt hat sich verändert, und die Literatur auch. In Leibers Geschichte über einen Autor des Unheimlichen spielt Lovecraft nun selbst eine wichtige Rolle, wenn auch nur im Hintergrund und nicht als alles bestimmender Abenteurer wie beispielsweise in Hohlbeins Hexer-Romanen. »Aufstieg mit Surtsey« von Brian Lumley über einen Mann, der seinen Bruder erschießt, erinnert anfangs an Lovecrafts »Das Ding auf der Schwelle«, bleibt später auch in lovecraftschen Bahnen, nur mit einem Schwung mehr Action, aber auch Schwächen in der Charakterisierung der Figuren.

»Schwarz auf weiß« von Ramsey Campbell führt den Protagonisten in eine Buchhandlung für Erwachsene, wo er andere Bücher findet als erwartet. Im Stil moderner, inhaltlich irgendwie schmuddeliger als Lovecraft, werden hier Kulte und unheilige Bücher auf frische Art geschildert, mit einer Intensität, die ganz im Sinn von Lovecrafts Forderung eines kosmischen Grauens ist. Hier hat sich die Mythos-Geschichte vom übermächtigen Vorbild emanzipiert. Colin Wilsons »Die Rückkehr der Lloigor« ist der längste Beitrag des Bandes und auch einer der besten. Das Necronomicon ist wohl schon in hunderten von Erzählungen aufgetaucht, doch mir ist keine Geschichte bekannt, in der die Entzifferung des Buches des wahnsinnigen Abdul Alhazred so gekonnt in Szene gesetzt wurde. Und auch wenn die ganze Erzählweise vielleicht warmherziger ist als die Lovecrafts, finden sich doch Momente menschlicher Nichtigkeit, die dem Misanthropen aus Providence in nichts nachstehen.

Die wunderbar wehmütige Erzählung »Mein Boot« von Joanna Russ wiederum ist so eigenständig, dass sie gar nicht unbedingt als Cthulhu-Erzählung gewertet werden müsste, und wenn doch, dann gehört sie in die Nähe der Traumlande#-Erzählungen, während »Stecken« von Karl Edward Wagner den Protagonisten mit einem Maler à la Pickmans konfrontiert. »Das Erstsemester« von Philip José Farmer erzählt von einem schon betagteren Studenten an Lovecrafts berüchtigter Miskatonic University, der zu einer ungewöhnlichen Studentenverbindung eingeladen wird – eher spielerisch als unheimlich, aber originell und sehr unterhaltsam. Stephen Kings »Briefe aus Jerusalem« aus seiner Sammlung Nachtschicht berichtet von einer unheiligen Kirche aus dem 19. Jahrhundert. Sie enthält genau die Mischung, die man von einer Lovecraft-Story aus der Feder Kings erwarten würde.

Für mich das absolute Highlight des Bandes ist »Entdeckung der Ghoorischen Zone« von Richard A. Lupoff, denn diese Erzählung entfernt sich am weitesten vom »typischen Lovecraft«, bezieht sich allerdings gleichzeitig intensiv auf sein Werk. Am 15. März 2337, 400 Jahre nach Lovecrafts Tod, erreicht ein Raumschiff von der Erde mit drei Cyborgs an Bord den neu entdeckten zehnten Planeten unseres Sonnensystems, Yuggoth. In Rückblenden wird die Zukunft der Erde erzählt und immer wieder mit cthulhoiden Details gespickt, während die Cyborgs über den Planeten debattieren und eine Landung vorbereiten – Lovecraft goes Space, und das auf wunderbar spielerische Weise.

Der Cthulhu-Mythos 1917-1975 beginnt mit Lovecrafts »Dagon«, einer frühen Erzählung über einen antiken Meeresgott, die als Vorbild für die anschließend abgedruckte Story »Der Ruf des Cthulhu« gedient hat und somit als eigentlicher Auftakt zum Cthulhu-Mythos gesehen werden kann. Es folgen fünf weitere, in beiden Sammlungen enthaltene und bereits oben besprochene Geschichten. »Der Windläufer« von August Derleth schließlich ist ein weiterer Beleg für die Mittelmäßigkeit dieses Autors, auch wenn er sich hier in erster Linie bei Algernon Blackwoods »Der Wendigo« bedient und nur in zweiter Linie bei Lovecraft. D. R. Smiths anschließende »Warum Abdul Al Hazred dem Wahnsinn verfiel« zeugt von derbem Humor und weiß damit zu gefallen.

Ramsey Campbell beweist mit »Die Kirche in der High Street« einmal mehr, dass er zu den besten lebenden Horror-Autoren gehört. Das titelgebende Gebäude ist ähnlich unheimlich wie die Kirche in Lovecrafts »Der leuchtende Trapezoeder«, doch sein Stil ist anders, seine Beobachtungen genauer, und so wirkt die Geschichte nicht wie ein mauer Lovecraft-Aufguss, sondern wie eine frische moderne Variante. Nicht ganz von dieser Qualität, jedoch durchaus unterhaltsam ist »Der Titan in der Gruft« von J. G. Warner, der von seltsamen Riten in geheimnisvollen Tunneln unter New Orleans erzählt. David C. Smiths »Das Siegel des Cthulhu« dagegen ist einer jener überflüssigen Lovecraft-Abklatsche, die zu hunderten existieren, glücklicherweise zumeist außerhalb der vorliegenden Anthologien. Mit fünf Seiten ist dieser Text auch erfreulich kurz und der einzige wirklich überflüssige in diesem Buch. Ganz anders dann »Herr des Windes« von Brian Lumley, der sich wie Derleths Beitrag an die Wendigo-Sage anlehnt, allerdings weit packender ist. Ein junger Mann begleitet die Witwe eines Wissenschaftlers in den schneebedeckten Norden Kanadas, wo sie ihren vermissten Sohn vermutet. Dabei stoßen sie jedoch auf einen weit weniger umgänglichen Burschen. Lumley ist mehr der Mann fürs Grobe als für leise, stimmungsvolle Geschichten, doch hier gelingt ihm beides und damit eine ordentliche moderne Erzählung in der Tradition von Lovecraft und Blackwood.

Bei aller Qualität des ersten Bandes – die originelleren Beiträge finden sich in Der Cthulhu-Mythos 1976-2002, und dort in den letzten beiden Dritteln. »Die Türme« von Edward P. Berglund, »Die Glocke im Turm« von H. P. Lovecraft und Lin Carter (ein gutes halbes Jahrhundert nach Lovecrafts Tod erstmals erschienen; das wirft die Frage auf, wie viel davon tatsächlich von ihm ist ...), »Der runde Turm« von Robert M. Price und »Der Schrecken von Toad Lake« von James Ambuehl beschreiten noch keine neuen Wege, sondern erzählen routiniert und solide - im Falle von Ambuehl allerdings wenig inspiriert – Altvertrautes. Dass jedoch neue Ideen allein auch nicht der Weisheit letzter Schluss sind, zeigt »Die Stimme des Strandes« von Ramsey Campbell. Der sonst so brillante Erzähler findet hier zwar einen eigenen Ansatz, unheimliche Geschehnisse am Strand zu beschreiben, doch bleibt die Geschichte langatmig und überraschend wenig stimmungsvoll, was unter Umständen auch an der Übersetzung liegen mag.

Ganz ausgezeichnet dagegen ist »Das Innsmouth-Syndrom« von Brian Stableford aus dem Jahr 1992. Hier besucht ein Genforscher eine Freundin aus Studientagen, die in Innsmouth ein Haus geerbt hat und nun dort lebt. Der Forscher beginnt mit einer Studie über das von ihm so genannte Innsmouth-Gen, das die Bewohner des kleinen Ortes ein wenig wie Fische aussehen lässt. Er möchte mit dieser Arbeit zu Ruhm und Ehren gelangen, während einer der Fischer auf Hilfe durch die Wissenschaft hofft. In dieser Story wird mit Lovecrafts Werk kreativ umgegangen, ein ganz anderer Ansatz gesucht und gefunden. Viel näher an Lovecraft, speziell an der Erzählung »Pickmans Model«, ist Michael Siefeners packende Geschichte »Bildwelten«. Siefener gehört zu den wenigen Autoren, die immer wieder den Spagat zwischen lovecraftscher Tradition und einer eigenen, moderneren Stimme hinbekommen – etwas, das Michael Marshal Smith in »Blick aufs Meer« nicht ganz so gut gelingt. Er liefert ein solides Stück Prosa, nicht mehr und nicht weniger.

Die letzten drei Beiträge schließlich haben es in sich. Brian Hodges »Die Feuerbrand-Symphonie« beginnt damit, dass der Erzähler, ein experimenteller Musiker, der unter anderem Filmmusik komponiert, von seinem Onkel einen menschlichen Schädel erhält. Dieser ist ungewöhnlich groß, mit Reißzähnen ausgestattet und 350.000 Jahre alt. Im Laufe der Geschichte stellt der Erzähler fest, dass der Schädel – singt! Lebendige Figuren, ein schöner Plot, wunderbar erzählt und eigenständig, wobei hier und da Lovecrafts »Die Musik des Erich Zann« durchschimmert – besser kann man eine Mythos-Geschichte kaum schreiben.

Humorvoller allerdings schon, wie Malte S. Sembten mit »Die Krakelkult-Kampagne« beweist. Die Story reizt nicht zum lauten Lachen, sondern zum Schmunzeln, auch wenn es gelegentlich eher unangenehm als fröhlich wird. Die Großen Alten haben die Zeichen der Zeit erkannt und beauftragen anonym eine Werbeagentur, ein Tentakelsymbol mit den Worten »Cthulhu R‘Lyeh« weltweit bekannt zu machen. Geld spielt keine Rolle, und schon bald beginnt der Siegeszug des Symbols, dessen Bedeutung niemand kennt – originell und schwarzhumorig. Originell ist auch Christian von Asters »Ein Portrait Torquemadas«: Der Arzt eines katholischen Krankenhauses soll in höchstem Auftrag einen dreißigjährigen Kunsthistoriker ruhig stellen. Dergleichen macht er nicht zum ersten Mal, doch neuerdings interessiert er sich für die Gründe und stolpert in den Aufzeichnungen des Kunsthistorikers auf in Bildern verborgenes Wissen aus dem ausgehenden 15. Jahrhundert, das noch heute von Belang zu sein scheint ...

Vergleicht man nun die beiden Anthologien direkt miteinander, überzeugt Der Cthulhu-Mythos mehr. Beide sind sehr unterhaltsam, und Hüter der Pforten ist für ein Taschenbuch sehr geschmackvoll gestaltet und zudem von Johann Petarka passend illustriert. Allerdings machen die zwei gebundenen Bücher im Regal einfach mehr her. In beiden wären kurze Anmerkungen zu den Autoren und Geschichten sinnvoll gewesen (in Hüter der Pforten gibt es das nur zu Lupoff, und da recht belanglos, und zu den im Vorwort erwähnten Autoren). Dass es in Der Cthulhu-Mythos nicht einmal ein Vorwort gibt, ist das größte Manko der Anthologie. Dafür sind die Erzählungen immerhin chronologisch angeordnet, während Hüter der Pforten nur grob nach dem ersten Erscheinen vorgeht und leider auch auf Lovecrafts »Dagon« verzichtet, eine in einer solchen Sammlung eigentlich unverzichtbare Story.

Doch das Wesentliche sind die Erzählungen, und hier bietet Der Cthulhu-Mythos einfach interessantere und vor allem originellere Beiträge. Hüter der Pforten legt großes Gewicht auf die Pulp-Zeit der 20er und 30er Jahre oder auf Autoren, die dieser Zeit nacheifern. Dieser Eindruck wird noch dadurch verstärkt, dass fünf Autoren aus dieser Kategorie doppelt und Robert Bloch sogar dreifach vertreten sind, während im anderen Fall nur Lovecraft und Campbell doppelt zu Wort kommen. Müsste man sich für die fünf, sieben oder zehn Erzählungen entscheiden, die aus beiden Sammlungen am ehesten im Gedächtnis bleiben – oder auch nur für einzelne Szenen –, so läge die Festa-Anthologie klar vorne. Und das ist es doch, was letztlich zählt, alles andere verschwindet mit der Zeit in den Tiefen des Gehirns.

Boris Koch

Originalausgabe
James Turner (Hrsg.), Tales of the Cthulhu-Mythos
(Sauk City: Arkham House, 1990)
dt. Erstausgabe
H. P. Lovecraft u.a., Hüter der Pforten
(Bergisch Gladbach: Bastei Lübbe, 2003) [14877] Bestellen
deutsch von diversen Übersetzern, Umschlag von Tanja Østlyngen, 857 Seiten, TB
Originalausgabe
Frank Festa (Hrsg.), Der Cthulhu-Mythos 1917-1975
(Almersbach: Festa Verlag, 2003) Bestellen
deutsch von diversen Übersetzern, Titelbild von Philippe Jozelan, 270 Seiten, Hardcover
Originalausgabe
Frank Festa (Hrsg.), Der Cthulhu-Mythos 1976-2002
(Almersbach: Festa Verlag 2003) Bestellen
deutsch von diversen Übersetzern, Titelbild von Philippe Jozelan, 296 Seiten, Hardcover
Leser-Service
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