epilog.de > Alien Contact > Alien Contact 55 > Uwe Hermann: Unser Biomat [Story]
Plan Deutschland
epilog.de
Filme
Bücher
Personen
Texte

Magnet-Manufaktur

Epilog fürs
stille Örtchen:

 

Uwe Hermann

Unser Biomat

Seite 1 »

Meine Frau schichtete die eckigen Tomaten auf der Küchenablage zu einer kleinen Mauer auf, ohne mich eines Blickes zu würdigen. Nur ihre kalte Schulter schaute mich wütend an.

Ich seufzte innerlich. Wieso musste meine Frau ständig so dickköpfig sein?

»Bitte, Lisa, sei vernünftig. Du weißt doch, wie lange sich unsere Tochter schon einen Kaliger wünscht.«

Meine Frau drehte sich ruckartig zu mir herum. »Und wie lange wünsche ich mir schon einen Haushaltsroboter? Die ganze Zeit über stehe ich am Herd und koche für euch. Glaubst du nicht, dass ich auch mal etwas Zeit für mich nötig hätte?«

Die ganze Zeit ist vielleicht etwas übertrieben, dachte ich. Das meiste Essen kam vorgekocht aus den selbsterhitzenden Alupackungen, und um das zuzubereiten, brauchte sie nun wirklich keinen Haushaltsroboter. Außerdem war so ein Roboter unverschämt teuer.


»Wenn wir das Geld für einen Haushaltsroboter übrig hätten, hätte ich ihn dir schon längst gekauft«, versuchte ich noch einmal die Wogen zu glätten. Leider erreichte ich genau das Gegenteil.

»Und du meinst, so ein genetisch erzeugtes Kuscheltier ist günstiger?«

»Bob könnte ihn mir zum Herstellungspreis besorgen«, antwortete ich vorsichtig.

»Bob? Doch nicht etwa der Bob, mit dem du dich regelmäßig im Internet triffst, um diese albernen Machospiele zu spielen?«

»Es sind keine albernen Machospiele«, widersprach ich ärgerlich.

Meine Frau sah mich spöttisch an.

»Wie soll ich es denn nennen, wenn sich erwachsene Männer schwachsinnige Phantasienamen geben und sich in einem virtuellen Labyrinth mit immer größeren Waffen gegenseitig umbringen? Für mich ist das albern!« Meine Frau drückte mir eine rechteckige Schlangengurke und drei Schälchen in die Hand. »Hier, mach dich mal nützlich.«

Ich verteilte die Schälchen auf dem Tisch und nahm aus dem Regal ein Holzbrettchen, auf das ich die Gurke legte.

»Bob arbeitet in der Forschungsabteilung von GenEtics«, erklärte ich, während ich an dem Faden zog, der aus der Schale der Gurke ragte. Die Schale löste sich, und die Gurke zerfiel in fertig vorportionierte Stückchen, die ich auf die Schälchen verteilte. »Er meint, so teuer würde uns ein Kaliger gar nicht kommen. Ich werde nach dem Essen zu ihm in die Forschungsabteilung fahren und mir seine Tiere mal selbst anschauen. Vielleicht bringe ich dann schon einen Kaliger mit.« Ich hob eines der Schälchen und schnupperte an der Gurke. »Was für ein Dressingaroma hast du bestellt? French?«

»Kräuter.«

Ich rümpfte die Nase. »Es riecht aber nach French. Du weißt, dass ich kein French mag.«

Lisa ging zum Kühlschrank hinüber und ließ sich auf dem Bildschirm in der Tür die bestellte Ware auflisten.

»Der Kühlschrank hat Kräuterdressinggurken bestellt, wie ich es ihm eingegeben habe«, sagte sie.

»Dann hat der Internetbringdienst schon wieder die Ware vertauscht«, brummte ich und schob das Schälchen mit den Gurkenstücken weit von mir.

Lisa nahm drei verschweißte Aluschälchen aus dem Schrank und riss die Deckel auf. Als die Mikroben im Essen mit dem Sauerstoff in Berührung kamen, erhitzten sie sich, und in der Küche verbreitete sich der Duft von Gulasch und Reibeplätzchen.

»Ich verstehe nicht, dass du so versessen darauf bist, unserer Tochter einen Kaliger zu kaufen. Das ist doch wieder nur so eine Modeerscheinung, wie damals diese flauschigen Igel. Nächstes Jahr bringen diese Gen-Jongleure wieder ein neues Haustier auf den Markt, und dann kann ich mich um den Kaliger kümmern.« Lisa verteilte die Aluschälchen mit unserem Mittagessen auf dem Tisch.

»Nadine hat mir erzählt, dass alle ihre Freundinnen bereits ihren eigenen Kaliger haben«, antwortete ich.

»Na und? In meiner Jugend spielten wir mit Puppen und nicht mit irgendwelchen genmanipulierten Haustieren, und wir waren auch glücklich.«

»Das ist lange her. Die Zeiten ändern sich eben.«

»So lange nun auch wieder nicht«, antwortete Lisa ärgerlich. Sie verschränkte die Arme vor der Brust und sah mich mit einem Blick an, der mich Schlimmes ahnen ließ.

»Aber wenn du so versessen darauf bist, einen Kaliger zu kaufen, komme ich mit!«

»Mit? Wohin?«, fragte ich.

»Na, zu deinem Freund Bob, diesem Genzauberer. Wenn ich einverstanden sein soll, dass wir so viel Geld für ein Haustier ausgeben, will ich es wenigstens vorher sehen.«

Auch das noch!, dachte ich entsetzt. Obwohl ich versuchte, Lisa von ihrem Vorhaben abzubringen, wusste ich schon vorher, dass es sinnlos sein würde. Meine Frau hatte einen Dickkopf, von dem ich schon oft angenommen hatte, dass er in irgendeinem Genlabor als Kreuzung zwischen einem Granitblock und einer deutschen Eiche entstanden sein musste.

Mein Tochter kam aus dem Nebenzimmer und schleuderte ihren Datenhelm, mit dem sie sich in die virtuelle Schulklasse eingeklinkt hatte, achtlos in die Ecke.

»Blöde Schule«, murmelte sie.

»Wie war der Unterricht?«, wagte ich zu fragen. Nadine sah mich mit einem Blick an, der von meiner Frau hätte stammen können.

© 2003 by Uwe Hermann • Erstveröffentlichung
Erschienen in
Hardy Kettlitz u.a. (Hrsg.): [[buch.kettlitz-hardy-1966.alien-contact-jahrbuch-2003|Alien Contact – Jahrbuch f
Links
Website von Uwe Hermann
Lieferbare Titel mit dem Stichwort Uwe Hermann
© copyright 1997-2011 by EPILOGmedia • Alle Rechte vorbehalten
eMail: dialog@epilog.de | Impressum | AGB + Widerrufsrecht