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Christian Hoffmann

Pilger durch Zeit und Raum

Die Rolle der Literaturkritik in der Science Fiction

Science Fiction
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Für viele Leser sind Rezensionen in Zeitschriften, die sich mit Science Fiction und anderer Phantastischer Literatur beschäftigen, bildlich gesprochen das Salz in der Suppe. Wie jeder weiß, der sich mit Rezensionen befasst, kann diese Suppe schnell einen faden oder auch zu würzigen Beigeschmack bekommen, da Besprechungen oftmals im Ton recht unterschiedlich sind und bei ein und demselben Werk je nach Kritiker zu gänzlich verschiedenen Ergebnissen kommen können. Deshalb ist ein genauerer Blick darauf sicherlich interessant, was Rezensionen eigentlich sind und welche Funktion sie haben.

Dabei möchte ich mich in dieser kurzen Betrachtung der Einfachheit halber auf Buchrezensionen beschränken, obwohl vieles ebenso gut auf Besprechungen von Filmen, Hörspielen und anderen Werken zutrifft.

Eine kurze Geschichte der Literaturkritik

Der Begriff »Rezension« leitet sich vom lateinischen Wort recensere her, was sich mit kritisch begutachten übersetzen lässt. Synonym zu verwendende Begriffe sind Besprechung oder allgemein Kritik. Schon im antiken Rom gab es den »criticus« (Richter der Literatur) und den »grammaticus« (Kenner der Literatur), die nach festen Regeln der Rhetorik und Poetik Theaterstücke, Dichtungen, aber auch wissenschaftliche Abhandlungen besprachen. Nach der Antike existierten bis zur Zeit der Aufklärung lediglich vereinzelte Ansätze zur Literaturkritik, beispielsweise bei Dante, der im 13. Brief seines berühmten epischen Gedichts La divina commedia eine Selbstinterpretation seines Werkes lieferte. Im deutschsprachigen Raum kann man den ersten Versuch zu einer kritischen Beleuchtung von Literatur wohl im mittelhochdeutschen Versepos Tristan und Isolt von Gottfried von Straßburg (nach 1200) finden. Ein zweiter wichtiger Name ist erst im 17. Jahrhundert mit dem Barockdichter Martin Opitz zu nennen, der überkommene literarische Traditionen thematisierte, aber eine Ausnahme blieb. Danach traten erst wieder im 18. Jahrhundert in Deutschland unter anderen J. Ch. Gottsched (»Versuch einer Critischen Dichtkunst vor die Deutschen«) und G. E. Lessing (»Briefe, die neueste Literatur betreffend«) mit umfassenden Abhandlungen und Besprechungen zeitgenössischer Literatur auf die Bildfläche. Seitdem fußte die Literaturkritik auf einer immer breiter werdenden Basis; es gab verschiedene Strömungen, die sich gegenseitig durchaus widersprachen. So arbeiteten Klassik und Sturm und Drang mit recht unterschiedlichen ästhetischen Mitteln. Im 19. Jahrhundert kamen immer mehr äußere Einflüsse hinzu, die zu einer stärkeren Politisierung der Literaturkritik führten. Bis dahin waren Dichter zumeist gleichzeitig Kritiker, was sich im 20. Jahrhundert zunehmend änderte. Rezensionen wurden immer häufiger von Journalisten und hauptberuflichen Kritikern verfasst, die selber keine Primärliteratur schrieben. Man denke beispielsweise an das bekannte »Literarische Quartett« um Marcel Reich-Ranicki. Diese Entwicklung sorgte gerade in der jüngsten Vergangenheit für Diskussionen und Streitereien. Manche Autoren werfen nur allzu gerne den Kritikern vor (naturgemäß meist dann, wenn sie negativ besprochen werden), dass diese selbst nicht fähig seien, »richtige« Literatur zu verfassen, und daher auch nicht das Recht hätten, diejenigen zu kritisieren, die es können. Ob dieser Vorwurf Hand und Fuß hat, sei dahingestellt - viel Nutzen hat er jedenfalls nicht. Ein wenig boshaft könnte man mit demselben Recht diesen Autoren verbieten, alltägliche Dinge wie beispielsweise ein Auto zu bemängeln, schließlich können sie selber ja keines entwerfen oder gar bauen …


La divina commedia

Eine ebenso kurze Geschichte der Literaturkritik in der SF

In der Science Fiction trat 1947 mit Pilgrims through Time and Space aus der Feder von J. O. Bailey eine erste umfassende kritische Betrachtung auf den Plan. Vorher wurden Texte, die in Genrezeitschriften erschienen, praktisch nie ernsthaft besprochen. Selbst Bailey, der Literaturprofessor an der University of North Carolina war, hatte Schwierigkeiten, einen Verleger für sein Werk zu finden, da SF zu dieser Zeit bekanntlich belächelt und als irrelevanter Kinderkram abgetan wurde. Interessanterweise gab es allerdings schon damals das bedauerliche und merkwürdige Phänomen, dass sogenannte Mainstreamautoren, die nebenbei SF verfassten, durchaus wohlwollend in der allgemeinen Literaturszene besprochen wurden, während ihre auf Phantastisches spezialisierten Kollegen auf vollkommene Ignoranz stießen. Lediglich in Fanzines (das erste war wohl 1930 THE COMET) gab es eine kritische Auseinandersetzung mit Genre-SF - allerdings meist auf dilettantischem Niveau. Nach Pilgrims through Time and Space erschien erst 1956 mit In Search of Wonder von Damon Knight ein weiteres relevantes Buch mit Besprechungen von SF-Texten, das auch heute noch bekannt ist.

Es folgten der englische Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Kingsley Amis, dessen Vorlesungen über SF an der Princeton University unter dem Titel New Maps of Hell 1960 als Buch erschienen, sowie der amerikanische SF-Autor James Blish mit The Issue at Hand (1964) und More Issues at Hand (1970), in denen seine Rezensionen zur SF in Buchform gesammelt vorlagen. Bereits 1959 gab es jedoch in den USA mit EXTRAPOLATION schon eine Fachzeitschrift, die sich in Essays und Rezensionen der SF verschrieben hatte. Andere wichtige englischsprachige Zeitschriften waren seit den siebziger Jahren FOUNDATION: THE REVIEW OF SCIENCE FICTION  in Großbritannien und SCIENCE FICTION STUDIES in den USA.

In Deutschland erschien zwischen 1919 und 1921 eine einzigartige Zeitschrift, die sich noch vor den bekannten US-Pulpmagazinen ausschließlich mit Phantastischer Literatur beschäftigte: DER ORCHIDEENGARTEN brachte es auf über 60 Ausgaben und druckte neben Klassikern der unheimlichen Literatur auch zeitgenössische Autoren ab. Im ORCHIDEENGARTEN gab es bereits eine eigene Rubrik unter dem Titel »Phantastische Bücher« mit Rezensionen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg folgten im deutschsprachigen Raum eine mittlerweile ansehnliche Anzahl von Magazinen, Fanzines und semiprofessionellen Publikationen, die sich mehr und mehr auch recht kritisch mit SF, Fantasy und Phantastik im weitesten Sinne befassten. Mit der Zeit der Studentenunruhen, der Außerparlamentarischen Opposition und des Protestes gegen den Vietnamkrieg wurde diese Szene in hohem Grade politisiert.

In der BRD sei hier die legendäre SCIENCE FICTION TIMES (seit 1959, zunächst als Ableger der gleichnamigen US-Zeitschrift) genannt, in der zeitweise politisch sehr links stehende Meinungen geäußert wurden, die ihrerseits zu entsprechenden Reaktionen konservativer SF-Fans und -Autoren führten. Hinzu kam, dass mehr und mehr Auseinandersetzung mit SF auf akademischen Niveau stattfand. Ein Beispiel hierfür ist die traditionsreiche Zeitschrift QUARBER MERKUR, die vom bekannten Kenner der Phantastischen Literatur Franz Rottensteiner erstmals 1963 herausgebracht wurde und auch heute noch existiert. Die darin enthaltene Rubrik »Der Seziertisch« heißt nicht von ungefähr so, sondern diente zeitweise tatsächlich dazu, Bücher regelrecht auseinander zu nehmen. Sezieren kann allerdings etwas sehr Lehrreiches sein und hat - im Sinne einer akademisch geprägten Herangehensweise - seine absolute Berechtigung.

Heute gibt es eine Unzahl von Publikationen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, sich kritisch mit Primärliteratur zu befassen. Eine der wichtigsten des Genres ist zweifellos die amerikanische Zeitschrift LOCUS, die einen guten Überblick über den englischsprachigen Markt bietet.

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Über Sinn und Zweck von Buchkritiken

Wie bereits angedeutet, gab es schon immer verschiedene Ansätze, Bücher zu besprechen (Sturm und Drang versus Klassik) und zahllose Einflüsse von außen, wie etwa politische Faktoren. Gerade letztere können zu einem Streitpunkt werden. Ist es beispielsweise legitim, dass ein SF-Kritiker seine pazifistische und demokratische Überzeugung vertritt, indem er Robert A. Heinleins umstrittenes Werk Starship Troopers vernichtend bespricht? Da ästhetische und formale Gesichtspunkte sicherlich nicht alles sein können, fällt es nicht schwer, dies im Einzelfall zu bejahen. Schwierig wird es, wenn eine politische Linie von Seiten des Staates diktiert wird, wie es in den ehemaligen Ostblockländern üblich war. Doch darf man sich nicht täuschen - auch in unserer angeblich so freien Gesellschaft ist ein Kritiker alles andere als unabhängig. Bestimmt der Kritiker das Lese- und Kaufverhalten der Konsumenten, oder wird er umgekehrt von Zwängen des Marktes und der Gesellschaft derartig manipuliert, dass von übergeordneter oder gar freier Instanz keine Rede mehr sein kann? Wahrscheinlich liegt die Wahrheit irgendwo in der Mitte …

Des weiteren stellt sich die Frage, welche Kriterien aufgestellt werden sollten, um Phantastische Bücher sinnvoll zu rezensieren. Man muss sich bewusst sein, dass in bestimmten Genres eigene Gesetze gelten. Ein SF-Roman, der durch tiefe Charakterstudien und gelungene Sprache glänzt, kann dennoch in seinem Genre versagen, wenn schon tausendmal da gewesene Ideen ausgebreitet werden und der berühmte sense of wonder fehlt. Der Rezensent von Science Fiction, Fantasy, Horror und anderer Phantastik sollte sich immer genau bewusst sein, was er eigentlich bespricht. Es würde zu weit führen, allgemein gültige Regeln aufzustellen, die nie umfassend genug sein könnten, um nicht eher einengend zu wirken. Der Leser von Rezensionen in einem bestimmten Genre wird sicherlich schnell merken, wenn der Kritiker nicht sattelfest ist. Um einen einzigen SF-Roman sinnvoll besprechen zu können, sollte man viele andere gelesen haben.

Über Intention und Stellung des Kritikers

Die andere Frage ist die nach der Intention des Kritikers. Wie gesagt war es früher nicht unüblich, Bücher hauptsächlich nach politischen Gesichtspunkten unter die Lupe zu nehmen.

Im Falle eindeutig menschenverachtender, faschistoider und gewaltverherrlichender Werke ist diese Vorgehensweise gerechtfertigt - wenn der Autor beispielsweise außerirdische Zivilisationen in nie gekannter Exotik und Detailgenauigkeit beschreiben kann, dafür aber eine Ideologie vertritt, die Leser und Kritiker abstößt. Eine gewisse ethische Basis muss also vorhanden sein, um ein Buch überhaupt lesens- oder besprechenswert zu machen.

Dass dies aber auch ins Auge gehen kann, zeigt der Fall des Romans Der stählerne Traum von Norman Spinrad. Dieses lange Zeit in Deutschland indizierte Buch wurde von einigen Kritikern völlig falsch verstanden. Das große Missverständnis lag darin, dass Spinrad Adolf Hitler in einer Parallelwelt als SF-Autor auftreten und seine barbarische Ideologie ausbreiten ließ und dies offensichtlich nicht für jedermann genügend verständlich machte. Im Grunde wurde also nicht Spinrad indiziert und von manchen Kritikern in der Luft zerrissen, sondern der angebliche SF-Autor Adolf Hitler. Zum Glück begriffen die meisten Rezensenten jedoch, worum es ging. Ob Der stählerne Traum, dessen Indizierung vor einigen Jahren wieder aufgehoben wurde, ein gutes Buch ist, bleibt allerdings eine andere Frage.

Auf jeden Fall zeigt dieses Beispiel, dass ein Buch auf viele verschiedene Arten gelesen werden kann. Bei weniger missverständlichen Werken heißt das, dass der Rezensent entweder gutwillig an das Objekt seiner Kritik herangehen kann oder aber sich (und auch vielen Lesern) einen Spaß daraus macht, es in der Luft zu zerreißen. Es kommt immer auf das Medium an, in dem dies geschieht.

»Zuweilen werden wir von unseren Lesern darauf hingewiesen, dass unsere Rezensionen … zu unkritisch seien bzw. dass es sehr wenig Verrisse in AC gibt …« heißt es im Editorial von ALIEN CONTACT 40. Die folgende Begründung, dass man den begrenzten Platz für Besprechungen dazu nutzen will, die Leser lieber auf Lesenswertes hinzuweisen, ist berechtigt. Immerhin gibt es heute, auch wenn die Anzahl von Neuerscheinungen im SF-Bereich zurückgeht, weitaus mehr Bücher, als der Durchschnittsleser zeitlich bewältigen kann.

Andere Zeitschriften dagegen versuchen, sämtliche neue Bücher zu erfassen und zu bewerten. Das hat zur Folge, dass es des öfteren negative Rezensionen oder gar giftspeiende Buchzerfledderungen gibt, die durchaus amüsant sein können. Auf jeden Fall sollte eine für den Leser erkennbare klare Linie vorhanden sein. Und es muss als verbindlich gelten, dass Kritiker, die sich in gewissem Sinne als übergeordnete Instanz geben, stets Sorgfalt walten lassen. So sollte man stets differenzieren, ob ein Roman oder eine Erzählung von einem längst etablierten Autor oder von einem Newcomer stammt. In letzterem Fall ist ein wenig Milde nicht unangebracht, während der Profi, der es eigentlich besser können müsste, nicht unbedingt mit Samthandschuhen anzufassen ist, wenn er ein schwächeres Werk abliefert.

Hinzu können interessante Hintergrundinformationen kommen, wie etwa über die Person des Autors. Ebenso wichtig ist es, den besonderen Service zu bieten, Bücher aufzustöbern und vorzustellen, von denen der Leser ansonsten niemals etwas erfahren würde. Es ist weder sinnvoll noch unterhaltsam, lediglich Werke anzupreisen, die ohnehin von jedem gekauft und gelesen werden. Ebenso spielt die Qualität der Übersetzungen eine große Rolle, da bekanntermaßen die meisten Bücher erst ins Deutsche übertragen werden. Dadurch wird es allerdings relativ schwierig, eine Aussage über den Stil des Autors zu treffen.

Ein weiterer Punkt ist die Stellung des Kritikers. Immerhin sind Kritiker (oder sollten es zumindest sein) eine übergeordnete, vermittelnde Instanz, die Literatur nicht nur bewertet, sondern gerade heute, wo der Buchmarkt explodiert, an den Leser vermittelt. Allerdings sollte man diese Rolle auch nicht überschätzen und - wie es leider gerade in Zeitungsfeuilletons geschieht - die Worte des Rezensenten für die Worte eines allwissenden Literaturpapstes halten. Schließlich sind für die Leser lediglich eine Orientierungshilfe und Anlass zur Diskussion. Gerade Letzteres ist besonders wichtig - immerhin gibt es neben dem sinnlichen Vorgang des Lesens in der Literatur kaum etwas Schöneres und Spannenderes, als über ein Buch zu diskutieren.

Christian Hoffmann

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