epilog.de > Alien Contact > Alien Contact 56 > Interview mit Robert Rankin
epilog.de
Filme
Bücher
Personen
Texte

Magnet-Manufaktur

Epilog für
den Urlaub:

Ein Interview mit dem legendären Autor Robert Rankin

Wombat-Salat oder Krischna sagt, du sollst deinen Affen verprügeln

von Michael Lohr


Robert Rankin ist sicherlich ein Autor, der keiner weiteren Vorstellung bedarf, zumindest nicht in seiner Heimat Großbritannien, ebensowenig in Europa (Fantasyleser in den USA müssen wohl erst einmal Terry Pratchett verdauen). Wenn Sie sein Werk nicht kennen, habe ich nur eine Frage an Sie: »Guter Mann, war Ihr ausgedehntes Exil in Sibirien freiwillig?« Angefangen bei seinen klassischen Geschichten wie beispielsweise Der Antipapst, Jäger des verlorenen Parkplatzes und Das Sub-urbane Buch der Toten bis zu seinen aktuellen Epen Web Site Story und The Fandom of the Operator hat Rankin, zusammen mit solchen Genies wie Terry Pratchett und Robert Asprin, die satirische Schriftstellerei als eigenes Genre etabliert. Tatsächlich sind sie wohl die Dreifaltigkeit der auf Humor basierenden Genrewerke. Und schließlich ist Robert Rankin der Magus des Hermetischen Ordens des goldenen Rosenkohls.

Die Britische Zeitung THE MIDWEEK schrieb einmal, Robert Rankin sei »Eine Art H. G. Wells für den trinkenden Mann«. Ich persönlich sehe ihn mehr als Monty Python für den denkenden Mann. Mit dieser Vorstellung im Hinterkopf hatte ich eine Chance, mit dem Meisterschreiber über seltsame unerklärliche Ausschläge, Autoschlüssel klauende Zwerge und die allgemeine Merkwürdigkeit des Seins zu diskutieren.

Michael Lohr: Ich habe gelesen, dass Sie Todesdrohungen von Elvis-Fans erhielten, nachdem Sie Ihren Roman Armageddon: Das Musical veröffentlichten. Wissen Sie, dass in Memphis, Tennessee, tatsächlich eine Sekte namens »The First Holy Church of Elvis« existiert, die Elvis Presley verehrt? (Das ist die Wahrheit. Sie glauben, dass Elvis die zweite Verkörperung von Christus auf Erden war.)

Robert Rankin: Ich habe einmal eine Dokumentation darüber gesehen. Ich habe mich nicht sehr um Elvis geschert, solange er lebte, aber sobald er tot war und anfing, in Supermärkten zu erscheinen, angetan mit seinen glitzernden Overalls, wurde ich ein Fan. Der tote Elvis war viel interessanter als der lebende. Traurigerweise kann man das Gleiche nicht über die Jungfrau Maria sagen, die, wenn sie eine ihrer regelmäßigen Erscheinungen vor armen Dorfkindern hier oder da in der Welt hat, niemals auch nur entfernt etwas Interessantes von sich gibt. Man wundert sich, warum sie sich überhaupt die Mühe solcher Manifestationen macht. Vielleicht hat sie einfach nur vertragliche Verpflichtungen mit Dem Da Oben.

Lohr: Haben Sie irgendwelche Lieblings-Reizthemen wie zum Beispiel ärgerliche Fernseh-Marktschreier, Country-Musik oder grüne Haare?

Rankin: Eigentlich alles, ehrlich. Es ist ein bisschen so wie im Film The Wild One (Der Wilde). Marlon Brando wird gefragt: »Wogegen rebellierst du?« Er antwortet: »Was hätten Sie denn im Angebot?« Ich sollte eigentlich ein abgeklärter Kerl mittleren Alters sein. Aber ich sehe es so: Ich bin zu alt, um erwachsen zu werden. Also rege ich mich immer wieder auf; aber am allermeisten ärgere ich mich, wenn ich ausgenommen werde. Ich kann Unfähigkeit ertragen, ich weiß, wie es ist, wenn man einen blöden Job hat und sich einen Scheiß um die Firmenphilosophie kümmert. Aber wenn zwielichtige Baufirmen oder ähnliches Gesindel versuchen, mich abzuzocken, bin ich ernsthaft beleidigt. Ich nehme das als persönlichen Affront, als Beleidigung meiner Intelligenz. Aber ich weiß, dass die das ganz anders sehen. Sie sind eben demokratisch und behandeln alle gleich – wie ein Stück Dreck. Religiöse Kulte und Quacksalber werden von mir vermutlich am meisten gehasst. Und natürlich alles, was New Age betrifft. Oh, und diese Deutschland-sucht-den-Superstar-Fernsehformate. Und ... eigentlich ziemlich alles.

Lohr: Mit einer Schriftstellerkarriere, die den Schwerpunkt auf satirische Science Fiction und Fantasy legt (und ich zögere, Ihren Romanen dieses Etikett aufzudrücken) –, hatten Sie jemals auch nur die vage Vorstellung, in einem anderen Genre oder in einem anderen Stil zu schreiben?

Rankin: Ich schreibe Bücher von Robert Rankin. Das ist das, was ich immer geschrieben habe und wahrscheinlich immer schreiben werde. Denn das ist, was ich schreiben kann. Ich schreibe Weit Hergeholte Erzählungen. Da gibt es keine Grenzen. Ich werde oft gefragt, warum ich kein Buch über das Okkulte schreibe, schließlich habe ich es fünfunddreißig Jahre lang studiert. Weil ich es nicht WEISS, darum. Zu viele Leute schreiben Bücher, die behaupten, dass sie etwas WISSEN. Ich WEISS, dass ich nichts WEISS. Also bleibe ich bei meinen Leisten und bin glücklich, dass ich davon leben kann. Wie glücklich möchte man sein, in einem einzigen Leben?

Lohr: Haben Sie jemals mit Terry Pratchett über einen gemeinsamen Roman diskutiert?

Rankin: Nein! Ich weiß, er ist ein großer Fan von meinem Zeug, er hat es mir oft genug gesagt. Aber da ich in zwanzig Jahren keinen einzigen Roman gelesen habe und daher auch keinen einzigen von ihm, und ich auf keinen Fall jemals mit irgendjemandem zusammenarbeiten möchte, egal aus welchen Gründen, ist es nicht sehr wahrscheinlich, dass das passiert.

Lohr: Was würden Sie sagen, war der merkwürdigste Moment in Ihrem Leben?

Rankin: Na ja, davon gab es schon einige. Der aktuellste war letztes Jahr in Neuseeland. Wir wurden in einen Wald gebracht, um den größten Baum der südlichen Welthalbkugel zu besichtigen. Er ist so ungefähr tausend Jahre alt. Also standen wir unten und guckten an ihm hoch, sagten »Oooh, ist der groß«, stellten uns vor ihm auf und fotografierten, standen eben so herum und ganz plötzlich ... ganz plötzlich durchströmte uns (mich auf jeden Fall) das Gefühl, dass wir an einem heiligen Ort waren, denn dieser Baum ist für die Maoris heilig. Das war ein erstaunliches Erlebnis. Dieser Baum hatte eine Präsenz, ganz erstaunlich. Dieses Gefühl hat mich den ganzen Tag nicht verlassen. Ich kann es unmöglich erklären, aber jeder, der etwas Ähnliches erlebt hat, wird ganz genau wissen, was ich meine. Ich hoffe, dass ich eines Tages dorthin zurückkehren und viel Zeit mit diesem Baum verbringen kann.

Lohr: Hatten Sie jemals eine Begegnung mit einem UFO? Haben Sie jemals dabei geholfen, einen Kornkreis zu schaffen?

Rankin: Nein zu beiden Fragen, aber nicht, weil ich nicht wollte. Auf jeden Fall habe ich dabei geholfen, den Brentforder Greif zu erfinden. Ein Schwindel in den achtziger Jahren, der sogar ins Fernsehen und in die Zeitungen kam. Das hat mich gelehrt, was man glauben kann. Ich war sehr desillusioniert, als ich herausbekam, dass solche Leute wie Lobsang Rampa und Carlos Castaneda auch nur Schwindler waren. Das hat wehgetan. Aber als ich selbst diesen Streich gespielt habe, um die Leute zum Lachen zu bringen und sah, dass tatsächlich Menschen daran glaubten (einer schrieb sogar ein Buch darüber), fühlte ich mich sehr, sehr schuldig.

Lohr: Welche Art von Musik hören Sie gerne, und wer hat Ihrer Meinung nach die beste Bühnenshow?

Rankin: Ich stamme aus einer Zeit, die die sechziger Jahre genannt werden. Ich persönlich mag die verrückten Sachen. Ich bewundere Captain Beefheart. Seit ich ihn gehört habe, suche ich nach allem, was genauso wunderbar ist wie er, aber ohne Erfolg. Mein Sohn ist DJ und komponiert seine eigene elektronische Drum’n’Bass-Musik, davon bin ich ein ziemlicher Fan. Abgesehen davon habe ich eine umfangreiche Plattensammlung, voll von merkwürdigem Zeug. Ich habe sogar das Album von Charles Manson.

Lohr: Zu den Dingen, die mich immer wieder verdammt stören, gehört die Angewohnheit der Akademiker, Unterhaltungsliteratur niederzumachen, weil es nichts weiter sei als Einwegprosa für den Müll. Gewöhnlich erzähle ich ihnen, dass Shakespeare für die Massen schrieb, für niemanden sonst. Haben Sie jemals mit akademischen Autoren die Klingen über Ihren Schreibstil gekreuzt, oder mussten Sie Ihre Romane verteidigen?

Rankin: Literatur, wie alles andere auch, zieht seine eigenen elitären Elemente an. Wer sagte einmal: »99 Prozent aller Science Fiction ist Blödsinn«? Um dann hinzuzufügen: »Natürlich sind 99 Prozent von allem anderen ebenfalls Blödsinn«. Ich glaube eindeutig an die Idee, dass es so etwas wie »guten Geschmack« gibt. Einige Dinge SIND besser als andere, und manche Menschen sind in der Lage, diese Unterscheidung zu treffen. Ich denke, wenn man Leute trifft, die so niederträchtige Dinge behaupten, sollte man sie einfach umbringen. Das ist wirklich das Beste für alle. Du musst gnadenlos sein, um nett zu sein.

Lohr: Ich weiß, dass Ihre Romane in Bühnenstücke umgearbeitet wurden und dass von mehreren Romanen, auch von Der Antipapst, die Option auf die Filmrechte verkauft wurden, aber bisher wurde noch kein Film auf die Leinwand gebracht. Haben Sie jemals darüber nachgedacht, einen Film, der auf einem Ihrer Romane basiert, mittels Zeichentrick zu verwirklichen? Ist jemals jemand mit der Idee an Sie herangetreten, eine Comicserie zu entwickeln, die auf einem Ihrer Bücher oder Ihren Figuren basiert?

Rankin: Joe Dante wollte Armageddon: Das Musical kaufen, aber die Elvis-Presley-Gesellschaft – oder wer auch immer das eingetragene Warenzeichen »Elvis« besitzt –, gestattete nicht, den King so zu benutzen, wie ich ihn benutzt habe. Ich nehme an, sie hätten am liebsten auch meine Bücher verbieten lassen, aber dafür war es zu spät. Natürlich haben die meisten Romanschreiber den Ehrgeiz, ihre Arbeiten auf der Leinwand zu sehen. Wäre das nicht erstaunlich? Aber es gibt einfach zu viele Bücher und zu wenig Filme, die auf Büchern basieren. Ich bezweifle, dass das zu meinen Lebzeiten passieren wird. Aber ich würde fast jedes Angebot annehmen, das mir gemacht wird. Also, wenn Sie dort draußen sind, machen Sie mir ein Angebot, ich werde es akzeptieren!

Lohr: Sie haben einmal gesagt: »Ich glaube nicht, dass mit dem Alter auch Weisheit einhergeht. Ich glaube, das ist Unsinn. Mit dem Alter kommt das Altern.« Haben sich, seit Sie 50 Jahre alt geworden sind, irgendwelche unerklärliche Ausschläge auf ihrer Haut gebildet? Wenn wir älter werden, scheint es so, dass wir Dinge verlegen. Haben die Zwerge, die Autoschlüssel oder Kurzwaren klauen, in letzter Zeit in Ihrem Haus zugeschlagen?

Rankin: Merwürdigerweise bisher _icht. Aber plötzlich habe ich den Ei_druck, als hätte ich ei_e_ Buchstabe_ des Alphabets verlegt. Ich bi_ mir sicher, vor ei_er Mi_ute hatte ich ih_ _och.

Lohr: Ich denke, Humor gehört zu einem glücklichen und ausgefüllten Leben. Wussten Sie, dass Buddhisten ein Wort für humorlose, verdrießliche Menschen haben? Sie nennen Sie »Shitsticks«. Können Sie diesem Vergleich zustimmen, und wie sieht Ihre Lebensphilosophie aus?

Rankin: Die beste Philosophie für das Leben, die ich jemals gelesen habe, stand auf der Rückseite einer Streichholzschachtel und lautete: »Trocken halten. Darf nicht in Reichweite von Kindern gelangen.« Natürlich meine ich das im Spaß. Oder vielleicht doch nicht?

Lohr: Ich habe gehört, dass Sie inzwischen die Titelbilder für Ihre Romane gestalten. Haben Sie jemals darüber nachgedacht, in einer Galerie auszustellen oder die signierten Vorlagen zu verkaufen?

Rankin: Meine Partnerin Sally hilft mir, die Skulpturen zu gestalten, die für die Titelbilder verwendet werden. Wir haben zweimal in Filialen der Buchhandelskette Waterstone’s ausgestellt. Ich würde liebend gerne in einer Galerie ausstellen, aber das ist nicht so einfach. Weil es KOMMERZIELLE KUNST ist, und das ist nicht das gleiche wie ECHTE KUNST. Wieder diese elitären Schwachköpfe. Aber macht nichts, die werden alle sterben.

Lohr: Sie haben auch noch gesagt: »Ich schreibe unter anderem deshalb, weil ich etwas zurücklassen möchte, wenn ich tot bin.« Das ist tatsächlich eine noble Geste. Haben Sie jemals darüber nachgedacht, eine Rankin-Stiftung ins Leben zu rufen und/oder eine Bibliothek zu stiften?

Rankin: Ich bezweifle, ob es wirklich eine noble Geste ist; wahrscheinlich nehme ich mich einfach selbst zu wichtig und möchte daraus einen Kult machen. Ich würde liebend gerne eine Stiftung oder Bibliothek ins Leben rufen, aber wer zahlt dafür? Ich nicht, Kumpel! Ich gebe mein ganzes Geld aus, um Waffen zu kaufen und damit den Kampf gegen die literarische Elite zu betreiben. Wissen Sie eigentlich, wie viel es heutzutage kostet, jemanden umbringen zu lassen? Eine Menge, kann ich Ihnen sagen. Also muss ich es selbst erledigen. Naja, WIR erledigen das. Ich und Borris, der in meinem Schuh lebt. Borris sagt mir, was ich zu tun habe, er berät mich. Und er meint, dass ich jetzt genug gesagt habe, WIR müssen uns jetzt unter die Treppe in Sicherheit bringen und unsere Schraubenzieher zählen. Kann sein, dass es heute Abend eine ungerade Anzahl ist, dann muss ich morgen blau tragen. Sie wissen, wie das ist.

 

Robert Rankin über das Schreiben

Wenn man Autoren fragt, was sie motiviert oder wodurch sie inspiriert werden, hört man meistens eine kurze Bla-Bla-Fassung aus der Anleitung »Wie schreibe ich ein Buch« oder dergleichen, und all das ist keinen Pfennig wert. Nun folgt ein Absatz mit Zitaten von Mr. Rankin, die ich im gefürchteten Internet gefunden habe, während ich für dieses Interview recherchierte. Ich persönlich denke, dass sie mit die besten Ratschläge für das Handwerk des Schreibens darstellen, die ich jemals gelesen habe. Ich glaube, seine Worte fassen all das zusammen, was ein aufstrebender Autor wissen und verstehen sollte.

»Wenn ich mich hinsetze und schreibe, ist das alles, was ich mache, ich sitze und schreibe. Ich habe Verträge und muss alle sechs Monate ein Buch schreiben. Ein Buch ist nur 80.000 Wörter lang ... Wenn du 2.000 Wörter am Stück schreibst, benötigst du 40 Sitzungen. Ich weiß wirklich nicht genau, wie lange es dauert, um ein Buch zu schreiben. A Dog Called Demolition habe ich in 23 Tagen geschrieben. Nicht an 23 aufeinander folgenden Tagen, aber ich notiere mir, wie viel ich geschrieben habe, und als ich es mir anschließend ansah, dachte ich: »Es ist unmöglich, ein Buch in 23 Tagen zu schreiben«, aber ich hatte es getan. Wenn man sein ganzes geistiges Potential einsetzt, mag das gehen – aber normalerweise benötigt man drei oder vier Monate.«

»Mit dem Schreiben habe ich angefangen, weil ich Herr über mein eigenes Leben sein wollte. Ich wollte aus dem üblichen Arbeitsalltag flüchten. Und die meiste Zeit scheint das zu funktionieren, obwohl ich die Abgabetermine meistens um ungefähr einen Monat überschreite.«

• Übersetzung © 2003 by Anita Winkler
Mit bestem Dank an Michael Lohr und Axel Merz

Links
Sproutlore - The Now Official Robert Rankin Fan Club
Lieferbare Titel mit dem Stichwort Robert Rankin
© copyright 1997-2011 by EPILOGmedia • Alle Rechte vorbehalten
eMail: dialog@epilog.de | Impressum | AGB + Widerrufsrecht