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Angela & Karlheinz Steinmüller

Das Internetz in den Händen der Arbeiterklasse

Ein Begebnis aus dem Jahr 1997

Seite 1 »

Österreich war verschwunden, einfach weg, ein schwarzes Loch. Die E-Mail an das Institut für Technikfolgenabschätzung in Wien kam als unzustellbar zurück, auch das Ars Electronica Center in Linz war nicht mehr erreichbar, nicht einmal die drögen Web-Seiten des Österreichischen Bundesrates ließen sich mehr abrufen, und wo der Fremdenverkehrsverein Austria mit Heurigem, Gamsbart und dem Kloster Melk geworben hatte, meldete der Computer in seiner so nutzerfreundlichen Weise »DNS domain lookup failure« – was wohl zu bedeuten hatte, daß er seine österreichischen Partner nicht hatte aufspüren können. Alles, was im Internet das Kürzel ».at« für Austria trug, war ins elektronische Nirvana abgetaucht. Da mußte jemand ganz gewaltig auf der Leitung stehen.

Leicht irritiert wandte sich Walter Adamczik wieder der Arbeit zu: einem Projektantrag zu elektronischen Krankenakten und den damit verbundenen Datenschutzproblemen, den er als Zweitverwertung gemeinsam mit einem Kollegen von besagtem Wiener Institut für Technikfolgenabschätzung bei der EU einreichen wollte. Er war gerade dabei, einen Passus über Datensicherheit bei plötzlichen Netzausfällen einzufügen, da signalisierte das E-Mail-Programm einen Posteingang. Es war nicht die erhoffte Antwort des Österreichers, sondern ein offensichtlicher Irrläufer.

»Liebe Luisa«, las Adamczik, »aus unserer heutigen Verabredung wird leider nichts. Der Chef trommelt uns zur Gewerkschaftsversammlung wegen der Ereignisse in Uruguay zusammen, und du weißt ja, wie lange das dauern kann ...«

Es kam ja vor, daß ein Schussel seine E-Mails falsch adressierte – aber doch nicht bei Liebesbriefen! Adamczik wollte nicht indiskret sein, weiterleiten konnte er die Botschaft nicht, die Adresse jener Luisa ging aus dem Brief nicht hervor, also fingerte er nach der Löschtaste. Halt, er stutzte, begriff es nicht: Der Absender trug seinen Namen: Walter Adamczik! Und die E-Mail schien vom ZKI der AdW der DDR zu stammen!?

Mein Computer hat sich einen Virus eingefangen, war sein erster Gedanke, einen von diesen neuartigen, intelligenten Dingern aus Südostasien, die mehr Schabernack treiben als Schaden stiften. Aber was wußten Computerviren von der untergegangenen DDR, der aufgelösten Akademie der Wissenschaften, dem Zentralinstitut für Kybernetik und Informationsprozesse ...?

Er stemmte sich hoch. Durch die Jalousie brachen schmale Streifen Sonnenschein. Er schob zwei Lamellen auseinander, schaute hinaus ins Grelle, auf den Teich vor dem Technologiezentrum, in dem die Enten gemächlich herumpaddelten und ihren lieben Gott einen guten Erpel sein ließen.

Wenn er an den Computer zurückkehrte, würde im Posteingang nur der übliche Datenmüll liegen, das Frage- und Antwortspiel aus den Newsgroups zu Telemedizin und Verwaltungsdigitalisierung, Hinweise auf neue Ausschreibungen der EU und vielleicht eine Warnung vor einem nicht existierenden Computervirus. Er hatte nach Stunden am Schreibtisch ein wenig geträumt, die Welt war in Ordnung, Österreich vorhanden und die DDR Vergangenheit.

Doch die Adresse hatte sich nicht in virtuelle Luft aufgelöst. Da stand sie noch:

walter.adamczik@zki.adw.ddr

Das alles gab es nicht mehr. Nicht das ZKI, nicht die Akademie, nicht die DDR. Nur ihn, Walter Adamczik, gab es noch. Gerade rechtzeitig vor der Abwicklung, im Jahr 1990, hatte er den Absprung in den Westen geschafft und ein halbwegs sicheres Plätzchen beim Fraunhofer-Institut für Technikbewertung gefunden. Neulich war er sogar von FocusTV als Telemedizin-Experte interviewt worden. Verrückte Welt ...

Ein Scherz also. Was sonst? Vielleicht von einem seiner neuen Kollegen? Aber von wem? – Ein Scherz verlangte nach einer Antwort.

Adamczik klickte das Feld »Reply« an. »Hallo Walter, mein Alter«, tippte er ein, »kannst du mir verraten, wer hier wessen Clon ist? Bist du das Original oder bin ich es? Und wie kommst du zu so einer verrueckten Adresse? Was weisst du vom ZKI? Und wer ist Luisa?«

Als hätte er mit dem Absenden der Mail eine Datei in seinem Gehirn aufgerufen, war ihm mit einem Mal die Vergangenheit präsent. Er lief wieder durch die Akademie-Baracke in Berlin-Adlershof, roch das Bohnerwachs. Und sein Chef, Schrauke mit Namen, ließ sich von ihm die Forschungsergebnisse, von denen der nur die Hälfte verstand, auf Folien malen, um sie als Reisekader auf Konferenzen im kapitalistischen Ausland vorzutragen. Und wie Schrauke mit der Digitaluhr prahlte, die er aus Österreich mitgebracht hatte ... Jener frühere W. A. im zki.adw.ddr hätte bei privater Post aus dem NSW, dem »nichtsozialistischen Währungsgebiet«, Schwierigkeiten bekommen. Damals hätte er sich vor Schrauke verantworten müssen, das mindeste war ein Eintrag in der Kaderakte: private Post an die Institutsadresse, Westkontakt ... Vielleicht ein Fall für die Stasi ...

Adamczik griff zum Teeglas, schlürfte einen Schluck. Was für einen Unsinn malte er sich aus? Wahrscheinlich freute sich Morgenthal vom VDI schon über seine Antwort ... Oder wer auch immer von seinen neuen Kollegen. Trotzdem, es war ein Wunder, daß der Absender das ZKI kannte – und die elendlichen Gewerkschaftsversammlungen.
© Angela & Karlheinz Steinmüller 2003 • Erstveröffentlichung
Erschienen in
Hardy Kettlitz u.a. (Hrsg.): [[buch.kettlitz-hardy-1966.alien-contact-jahrbuch-2003|Alien Contact – Jahrbuch f
[[person.steinmueller-angela-1941|Angela & Karlheinz Steinm
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