ALIEN CONTACT
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Bernhard Kempen

Die verzogenen Kinder der Revolution

Ein Bericht von den »4. Tagen der Phantastischen Kunst« in Ost-Berlin

Science Fiction
Alien Contact
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Im Jahre 1990 berichtete Bernhard Kempen für die SCIENCE FICTION TIMES vom »ersten und letzten DDR-Con« in Ost-Berlin und nahm als »ahnungsloser Wessi« staunend die Eigenarten der SF-Szene im Osten Deutschlands zur Kenntnis. Über 13 Jahre später zieht er ein aktuelles Resümee seiner damaligen Beobachtungen. Verstehen sich die Ost- und West-Fans heute besser, oder ist ihr Umgang nach wie vor von Vorurteilen geprägt? Rückblende
Vom 19.-21. Oktober 1990 fanden in Ost-Berlin die »4. Tage der Phantastischen Kunst« statt. Vielleicht wundert sich jemand, warum ich nicht einheitsdeutsch von »Berlin« statt von »Ost-Berlin« spreche. Nun, ich bin West-Berliner und für mich war der Besuch des »1. (und letzten) DDR-Cons«, wie er auch genannt wurde, mit einer Reise in eine fremde Stadt verbunden. Obwohl ich ein routinierter Benutzer der West-Berliner Nahverkehrsmittel bin, irrte ich mindestens eine Viertelstunde auf dem U- und S-Bahnhof Alexanderplatz herum, ehe ich den Bahnsteig für meinen Anschlußzug gefunden hatte. Ein Besuch in der DDR, ob ehemalige oder nicht, ist nicht nur eine Reise in ein fremdes Land. Ich fühlte mich ständig an Marty McFly erinnert, wie er in Zurück in die Zukunft I staunend durch eine gleichermaßen vertraute und fremdartige Stadt der 50er Jahre stolpert. Daß die Sprache ihrer Bewohner - wenn ich wohlwollend rechne - zu 90 % mit meiner Muttersprache übereinstimmt, ist die einzige Gemeinsamkeit, die ich entdecken konnte. 40 Jahre lassen sich durch ein bißchen Jubel am 3. Oktober nicht einfach wegzaubern.

Auch das SF-Fandom in der DDR hat durch seine Isolation vom Rest der Welt eine ganz eigene Entwicklung genommen. Ich habe die Erfahrung gemacht, daß man in einem Gespräch mit einem amerikanischen SF-Leser auf mehr Buchtitel stößt, die man gemeinsam gelesen hat, als mit einem DDR-Fan. Andererseits ließ sich auf den »4. Tagen« etwas für uns Westler völlig Ungewohntes beobachten. Wenn ein Vortragender einem bestimmten DDR-Titel erwähnte, wußte das gesamte Publikum, worum es geht. Man konnte wirklich davon ausgehen, daß sämtliche Anwesenden dieses Buch gelesen hatten. Eine solche Situation, die natürlich darauf zurückzuführen ist, daß insgesamt nur einige hundert SF-Titel in der DDR erschienen sind, wäre hierzulande angesichts der Flut an SF-Neuerscheinungen undenkbar.

Jeder SF-Interessierte in der DDR, das wurde ganz deutlich, weiß natürlich, daß diese Zeiten jetzt vorbei sind. Trotzdem hörte man bei vielen Fans - und auch Autoren - ein bißchen Wehmut heraus. Das Bild vom »befreiten« Leser, der nun die Buchabteilungen der West-Kaufhäuser stürmt, um sich mit dem unbegrenzten Angebot einzudecken, traf hier nicht so ganz zu. Irgendwie müssen es wohl auch schöne Zeiten gewesen sein, als man sich nächtelang im vertrauten Kreis die Köpfe über einen neuen Titel heißdiskutieren konnte, weil es kein anderes Gesprächsthema gab.

Auch die besonderen Eigenarten einer Science Fiction, die von einem totalitären Regime geduldet wurde, scheinen den DDR-Lesern ans Herz gewachsen zu sein. Selbst der Kritiker Hartmut Mechtel äußerte in einer Diskussionsrunde, er habe neulich einen ganzen Berg westlicher Actionliteratur wie Stephen King oder John Le Carré gelesen, fand sie aber eigentlich nur langweilig. Das spricht keineswegs gegen seinen guten Geschmack, aber es zeigt doch, daß sich in der DDR ganz andere Lesegewohnheiten entwickelt haben. Es war ja in der Tat so, daß die SF, auch das wurde immer wieder betont, ziemlich die einzige Literaturform war, in der auch einmal - wenn auch versteckte - Kritik am System auftauchen konnte. So haben die DDR-Autoren ein ganz besonderes Geschick entwickelt, diese Anspielungen so unterzubringen, daß sie die Zensur passieren konnten. Folgerichtig zielte der ganze Ehrgeiz der Leser darauf, diese »Stellen« wiederzufinden.

Aus dieser Situation ergibt sich das gegenwärtige Dilemma der SF-Szene in der DDR. Man weiß nicht so recht, ob man sich jetzt über das tolle Angebot aus dem Westen freuen oder lieber der guten alten DDR-SF nachtrauern soll. In dieser Hinsicht erinnern die ehemaligen DDR-Bürger an quengelnde Kinder, die man zu früh der spärlich, aber mit einiger Regelmäßigkeit spendenden sozialistischen Mutterbrust entwöhnt hat. Fast 60 Jahre Totalitarismuserfahrung, die nach dieser langen Zeit in Fleisch und Blut übergangen sein müssen, lassen sich nicht so schnell vergessen.

Es wurde natürlich oft die Frage gestellt, wie es mit der DDR-SF weitergehen wird. Das vorherrschende Gefühl, sowohl bei Lesern als auch bei Autoren, war Angst. Falls sich jemand darüber wundern sollte, daß ich Leser und Autoren immer wieder in einen Topf werfe: In der DDR hatten Produzenten und Rezipienten immer einen sehr engen Kontakt, da beide Gruppen, bedingt durch den kleinen Markt, sehr stark aufeinander angewiesen waren. Somit sind auch die Ängste bei Lesern und Autoren aufs Engste verknüpft. Die Leser fürchten, anhand der Flut westlicher Angebote den Überblick und wohl auch den kameradschaftlichen Zusammenhalt zu verlieren. Die Autoren schließlich sehen sich der westlichen Konkurrenz ausgesetzt. Die Sorgen, jetzt nicht mehr mithalten zu können, sind berechtigt, wenn man bedenkt, daß ein DDR-Autor im Schnitt zwei Jahre lang an einem Buch arbeiten und anschließend auch so lange davon leben konnte, bis das nächste herauskam. Der isolierte Markt und der große Lesehunger der Fans garantierte stets hohe und restlos ausverkaufte Auflagen. Damit ist es schon jetzt vorbei, seit einige DDR-Verlage ganze Nach-Wende-Auflagen einstampfen ließen, weil DDR-Buchhandlungen mittlerweile nicht einmal auf Bestellung DDR-Bücher verkaufen wollen. Als das absolute Schreckgespenst wurden immer wieder die Perry-Rhodan-Autoren zitiert, die alle paar Wochen einen neuen Roman schreiben müssen. Da im bösen Kapitalismus höchstens die Vielschreiber von der SF leben können, müssen sie nun entweder lernen, schneller zu schreiben, oder sich eine lukrative Neben- oder Hauptbeschäftigung suchen. Hartmut Mechtel will sich demnächst nach einem Job als Tankwart umsehen.

Neben diesem ökonomischen Abstieg hat man offenbar auch panische Angst vor der inhaltlichen Leere, da - laut Karlheinz Steinmüller - »in einem Roman, den man in einer Woche schreibt, auch nur der Gedankeninhalt einer Woche stecken kann«. Diese Äußerung ist typisch für die derzeitige Stimmung in der DDR, die von der Unvereinbarkeit widerstrebender Ansprüche geprägt ist. Sollte Karlheinz Steinmüller damit gemeint haben, daß unter den Bedingungen der DDR qualitativ bessere SF geschrieben wurde als im Pabel-Verlag, muß er sich elitäre, wenn nicht sogar ideologisch bedingte Kurzsichtigkeit vorwerfen lassen. Wer eine Literatur verteidigt, die unter Hammer und Sichel existieren konnte, begibt sich damit in die Gesellschaft von unverbesserlichen PDS-Politikern.

Vermutlich ist dieser Vorwurf ungerechtfertigt, da hinter solchen Äußerungen keine böse Absicht, sondern eher eine mangelnde gedankliche Verarbeitung der neuen Situation zu stehen scheint. Dies wurde auch in einer Podiumsdiskussion mit Karlheinz Steinmüller und Olaf Spittel deutlich. Obwohl das Thema »Revolutionen und Science Fiction« lautete, war immer wieder von einem ganz konkreten Ereignis die Rede. Der Hinweis aus dem Publikum, daß man literarische Darstellungen der Revolution nicht mit der Revolution selbst verwechseln dürfe, schien für das Podium ein so ungewohnter Gedanke, daß darauf gar nicht weiter eingegangen wurde. Auch die Möglichkeit, daß die Unterscheidung zwischen »guten« und »schlechten« Revolutionen vielleicht doch nicht so selbstverständlich ist, dämmerte den beiden erst, als sie bereits eine ganze Reihe von Beispielen aufgezählt und mit allzu vertrauter Selbstverständlichkeit eingeordnet hatten.

Karlheinz Steinmüller sieht die große Chance für die Zukunft der DDR-Autoren darin, aufgrund ihrer Totalitarismuserfahrung viel kritischer und realistischer über politische oder gesellschaftliche Mißstände schreiben zu können. Wenn es eine solche Literatur tatsächlich einmal geben sollte, wäre sie eine große Bereicherung nicht nur der SF. Doch vorher müssen Steinmüller und seine Kollegen noch ihre Hausaufgaben machen, den SED-Wortschatz ablegen und ihre sozialistische Kinderstube vergessen. Erst wenn sie gründlich über ihre politische Position in einer veränderten Gesellschaft nachgedacht haben, werden die ehemaligen DDR-Autoren in der Lage sein, fundierte Kritik an derselben zu üben.

• erschienen in der SCIENCE FICTION TIMES 12/1990

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Bernhard Kempen

Sind die Kinder der Revolution erwachsen geworden?

Als ich im Jahr 1990 kurz nach dem Mauerfall und unmittelbar vor der deutschen Wiedervereinigung einen Bericht über die »4. Tage der Phantastischen Kunst« in der SCIENCE FICTION TIMES veröffentlichte, sorgte das für einigen Unmut in der Phantastik-Szene der damals noch existierenden DDR. Was mich natürlich nicht überraschte, da ich meine Ansichten bewusst zugespitzt formuliert hatte. Das war mir immerhin so gut gelungen, dass ich mich heute, über 13 Jahre später, beim Wiederlesen noch einmal prächtig amüsiert habe. Was mich durchaus etwas überrascht, weil das keineswegs die Regel ist, wenn ich mir ältere Texte aus meiner Produktion zu Gemüte führe.

Ich könnte mir vorstellen, dass die Wiederveröffentlichung des Artikels »Die verzogenen Kinder der Revolution« in ALIEN CONTACT erneut zu Unmutsäußerungen führt. Da ich inzwischen etwas älter und harmoniebedürftiger geworden bin, habe ich überlegt, ob ich meine damaligen Ausführungen zurücknehmen, relativieren oder sonstwie abschwächen sollte. Als ich den Text daraufhin abgeklopft habe, musste ich jedoch feststellen, dass ich auch heute noch hinter allen Grundaussagen stehe. Bin ich damit ein unverbesserlicher »Ossi-Hasser«? Diese Unterstellung weise ich mit Entschiedenheit von mir. Wer sich heute noch von meinen Vorwürfen angegriffen fühlt, ist selber schuld, weil er nichts dazugelernt hat. Nur in einem Fall muss ich mich für meine grob vereinfachte Darstellung entschuldigen, aber darauf komme ich weiter unten zurück.

Beginnen möchte ich mit einer Erläuterung meiner Lebensumstände, die möglicherweise dazu beiträgt, den Hintergrund meiner Äußerungen etwas besser zu verstehen. Das mache ich nicht, weil ich so gerne über mein Leben plaudere, sondern weil ich des öfteren feststellen musste, wie wenig die Bewohner der fünf neuen Bundesländer über das Leben in der alten BRD wissen. Um zu verdeutlichen, dass die deutsch-deutsche »Wiederbegegnung« nicht nur für die Ossis, sondern auch für uns Wessis ein nicht geringer Kulturschock war.

Ich bin zwar in Hamburg geboren, aber meine Kindheit und Jugend verbrachte ich im Ammerland, im ländlichen Nordwesten der alten Bundesrepublik. Dort spricht man neben Hoch- auch Plattdeutsch, eine Sprache, die große Ähnlichkeit zum Niederländischen aufweist. Die Niederlande habe ich ein paarmal besucht; an der Grenze musste man keine Visumsanträge oder Ähnliches ausfüllen, sondern nur den Personalausweis vorzeigen, und manchmal wurde man sogar ohne Kontrolle durchgewunken. Im Vergleich dazu war die DDR für mich ein fremdes Land, das irgendwo weit im Osten lag und zu dem ich keine verwandtschaftlichen oder sonstigen Beziehungen hatte.

Als »Ossis« wurden damals übrigens die Ostfriesen bezeichnet, von denen sich die Bewohner des Ammerlandes, das zum Verwaltungsbezirk und ehemaligen Großherzogtum Oldenburg gehört, natürlich strikt distanziert haben. Ich bin nur drei Kilometer von der ostfriesichen Grenze entfernt aufgewachsen, und selbstverständlich reagieren die Bewohner meines Heimatdorfes zutiefst beleidigt, wenn man sie als Ostfriesen bezeichnet!

Meine ersten Erfahrungen mit der DDR machte ich 1984, als ich im zarten Alter von 23 Jahren nach West-Berlin »auswanderte«. Der Anlass war mein Wunsch, Literaturwissenschaft zu studieren und keine Grundausbildung an der Waffe absolvieren zu müssen. Nachdem mein Antrag auf Kriegsdienstverweigerung bereits in der fünften Instanz abgelehnt worden war, bot mir der Ortswechsel eine gute Gelegenheit, mein damaliges Existenzproblem mit einem Streich zu lösen. Aber ich will nicht zu sehr abschweifen ...

Die Stadt, die ich in den 80er Jahren kennen lernte, war West-Berlin. Dort hörte ich übrigens zum ersten Mal den Begriff »Wessis«, mit dem die West-Berliner damals die Bewohner »West-Deutschlands«, also der übrigen Bundesrepublik bezeichneten, vor allem, wenn sie in Scharen die nähere Umgebung des Ku’damms heimsuchten. Den Osten der Stadt hatte ich bis zum Mauerfall vielleicht dreimal besucht, als Tourist mit Zwangsumtausch und den üblichen Schikanen, und von der DDR kannte ich nur das, was man als Transitreisender von den Betonautobahnen aus mitbekommen hat. Somit war mein Besuch der »4. Tage« mein erster persönlicher Kontakt mit Menschen aus jenem Land, das für mich bis dahin Ausland gewesen war.

Von den Eindrücken, die mir dieser Kontakt vermittelte und die ich im besagten Artikel geschildert habe, will und kann ich nichts zurücknehmen. Weil ich es damals so empfunden habe, Punkt. Auch an der Quintessenz meiner Aussagen gibt es nichts zu rütteln. Es ist nun mal so, dass die Bewohner der alten BRD und die der »ehemaligen« DDR nicht vor dem gleichen kulturellen Hintergrund gelebt haben. Daraus ergeben sich Unterschiede, die selbst heute noch zu Verwunderung oder gar Missverständnissen führen können.

Ist das ein Grund, sich feindselig gegenüberzustehen? Wenn ja, müsste ich auch die Bayern hassen, weil sie mir als »Nordlicht« ebenfalls etwas fremdartig erscheinen. Nein, solche kulturellen Differenzen sind ein wunderbarer Anlass, sich über unterschiedliche Erfahrungen auszutauschen und den eigenen beschränkten Horizont zu erweitern. Und genau das ist die Quintessenz des Artikels, die ich auch heute noch nachdrücklich vertrete. Demzufolge gehen mir die »Meckerossis« genauso auf den Geist wie die »Besserwessis«. Genauso wie alle Leute, die sich mental keinen Zentimeter weit von der Stelle bewegen können oder wollen.

Vor diesem Hintergrund betrachtet finde ich es unglaublich faszinierend, wie das organisierte Science-Fiction-Fandom im Ost- und Westteil unserer neuen deutschen Hauptstadt miteinander umgeht. Viele Nicht-Berliner wundern sich, dass es nach wie vor den SFCB im Westen und den Club Andymon im Osten gibt, die sich immer noch nicht »wiedervereinigt« haben. In der Praxis sieht es jedoch so aus, das schätzungsweise 80 Prozent der Westler und Ostler die Termine beider Gruppen wahrnehmen und sogar Mitglied in beiden Clubs sind. Trotzdem denkt niemand ernsthaft über eine Fusion nach, weil sich beide Clubabende, die thematisch etwas unterschiedlich geprägt sind, hervorragend ergänzen. Das Fazit: Es gibt unübersehbare Unterschiede zwischen Ost- und West-Fans, aber man kommt wunderbar miteinander klar. Ein Mikrokosmos, der geradezu beispielhaft das Ideal einer friedlichen Koexistenz illustriert!

In diesem Sinne muss ich mich, wie bereits angedeutet, in einem Fall persönlich entschuldigen. Und zwar für die ungerechtfertigten Ausfälle gegen Karlheinz Steinmüller. Nicht weil ich älter und harmoniebedürftiger geworden bin, sondern weil ich ihn inzwischen etwas besser kennen gelernt und verstanden habe, dass gerade er nicht zur Fraktion der Ewiggestrigen gehört. Ich bitte um Verzeihung, lieber Karlheinz, dass ich Dich als prominentesten Repräsentanten der DDR-SF kategorisch zum stellvertretenden Prügelknaben gemacht habe. Als ich 1990 im Publikum saß und die Podiumsdiskussionen verfolgte, war es mir als ahnungslosem Wessi kaum möglich, die feinen Unterschiede im politischen Spektrum der DDR wahrzunehmen. Was mir bis heute schwer fällt, wenn bei manchen Ostalgikern nicht so recht klar wird, ob sie sich auch Stasi und Stacheldraht zurückwünschen.

Insofern würde ich den Satz »Doch vorher müssen Steinmüller und seine Kollegen noch ihre Hausaufgaben machen, den SED-Wortschatz ablegen und ihre sozialistische Kinderstube vergessen« heute nur noch auf »Steinmüllers Kollegen« beziehen, konkret auf jene, die immer noch nicht den Zusammenhang zwischen Politik und Alltag in der DDR verstanden haben. Natürlich lassen sich Wortschatz und Kinderstube nicht ohne weiteres abschütteln, aber wer bis heute unreflektiert die Herrschaftssprache der DDR nachbetet oder nicht anerkennen will, dass Freiheit mit Eigenverantwortung einhergeht, muss sich den Vorwurf der Unverbesserlichkeit gefallen lassen. (Dass es auch anders geht, hat Karlheinz Steinmüller mit seiner genialen Story »Das Internetz in den Händen der Arbeiterklasse« bewiesen.) Wobei ich keineswegs den Eindruck erwecken möchte, ein glühender Verfechter des reinen Kapitalismus zu sein. Ich finde nur, dass die Verhältnisse in der BRD dem Ideal einer freien und gerechten Gesellschaft etwas näher kommen als die in der DDR. Was nicht heißen soll, dass im Westen alles bestens ist. Deshalb sollten wir gemeinsam an diesem Ideal weiterarbeiten.

Übrigens wurde beim Abdruck des Artikels in der SFT der Zusatz »und ihre sozialistische Kinderstube vergessen« gestrichen. Genauso wie der Satz »Wer eine Literatur verteidigt, die unter Hammer und Sichel existieren konnte, begibt sich damit in die Gesellschaft von unverbesserlichen PDS-Politikern«. Ja, auch im Westen konnte die Meinungsfreiheit auf dem Schreibtisch des Redakteurs enden ... immerhin stand die SFT eher auf der linken Seite des politischen Spektrums. Dass ich einmal »Harald« statt »Hartmut Mechtel« geschrieben habe, war mein Versehen. Eine größere Panne muss beim Layout passiert sein, als in der vorletzten und letzten Spalte des Artikels einige Passagen durcheinander geraten sind. Für den aktuellen Nachdruck wurde meine ursprüngliche Fassung, der »Writer’s Cut«, wiederhergestellt.

• Dezember 2003


Foto: Doris Kroll

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