![]() | |
| Das Magazin für Science Fiction & Fantasy • Ausgabe 57 • Story |

Fast schmerzten mir die Augen, so grell war der Farbkontrast. Strahlendes Weiß im gleißenden Licht der unsichtbaren Leuchter erweckte den Eindruck einer unberührten Schneefläche, wie sie in der Realität wohl kaum existierte. Mittendrin, da lag es. Dunkelblau! Fast schwarz. Wie ein arktischer Nachthimmel, an dem, wie zufällig verteilter Goldflitter, Sterne blinkten. Auffunkelten, sich für einen Moment dem Auge entzogen, um dann umso stärker hervorzutreten.
Es würde jeden Frauenkörper umschmeicheln. Helle Haut würde den Ton griechischen Alabasters annehmen und gebräunte Haut wie polierte Bronze erstrahlen. Es würde Begehrlichkeiten wecken, die sonst im abendlichen Ablauf verborgen blieben oder in der Routine von zehn Ehejahren zu einer netten, aber ohne große Gefühlsaufwallung ablaufenden Zärtlichkeit führten.
Ein Nachtgewand, das schon ohne Inhalt so hoch gespannte Erwartungen erzeugte, das war das Richtige.
In einer Woche war Heiligabend. Noch immer hatte ich nicht das richtige Geschenk für Bella gefunden. Es durfte nicht den vorgegebenen finanziellen Rahmen sprengen und sollte doch das Unerwartete unter den geplanten Weihnachtsgeschenken darstellen. Ich hatte alle Bücher gekauft, die sie sich wünschte, und die übliche handbemalte Porzellankugel für ihre Sammlung. Den neuen, längst überfälligen Küchenherd hatte sie selbst ausgesucht. Ihr geheimer Traum aber würde auch dieses Jahr nicht in Erfüllung gehen. Der Brillantring, den sie immer wieder verstohlen in der Auslage des Juweliers in der Johannitergasse betrachtete, würde auch dieses Jahr das Weihnachtsfest im Schaufenster verbringen.
Zum hundertsten Mal verfluchte ich die Tatsache, dass mein Einkommen nicht ausreichte, meiner Frau diesen Wunsch zu erfüllen. Sie hatte sich nie darüber beklagt. Vor zwei Jahren hätten meine Weihnachtsprämie und das, was wir in dem Jahr gespart hatten, ausgereicht, um den Ring zu bezahlen. Damals war sie ganz einfach auf die Bank gegangen und hatte eine Sonderzahlung für unser Reihenhaus geleistet, dessen Schuldenlast uns noch zwanzig Jahre lang begleiten würde. Das Geld für die Weihnachtsgeschenke der Kinder hatte sie zurückbehalten.
Wie immer in solchen Momenten überfielen mich tiefe Selbstzweifel. Was fand Bella eigentlich an mir? Ich verdiente nur mittelmäßig, sah nicht aus wie ein Adonis, meine Haare lichteten sich bereits, und außerdem war ich deutlich älter als sie. Gut, sie stammte wie ich aus einer Arbeiterfamilie, hatte aber ein blendendes Äußeres als gelungene Mischung beider Elternteile mitbekommen. Das rabenschwarze Haar ihres italienischen Vaters und die leuchtend blauen Augen ihrer groß gewachsenen, immer noch schlanken Mutter. Schlank war Bella auch, trotz unserer beiden Kinder. Sie war nicht der Versuchung erlegen, die Geburt von zwei Kindern als Vorwand zur Verwandlung in ein unförmiges Muttertier zu nutzen. Ihre Figur lenkte immer noch die Blicke anderer Männer auf sich, was meine kritische Selbstbeurteilung zusätzlich mit schmerzhafter Eifersucht vermischte. Dabei hatte mir Bella nie Grund zur Eifersucht gegeben. Im Gegenteil! Während andere Ehefrauen in Gesellschaft jede Gelegenheit zum Flirten mit anderen Männern suchten, umschwärmte sie mich, als sei ich ihr gerade gewonnener Liebhaber, der in selbstgefälliger Schüchternheit die Annäherung seiner jüngeren Geliebten annimmt.
Ich hatte also keinerlei Grund, mich zu beklagen.
Vor zehn Jahren hatten wir am Neujahrstag des Jahres 2000 geheiratet. Bella war mein Zukunftsscheck in das neue Jahrtausend gewesen.
Und dieses geheimnisvoll schimmernde Nachthemd in der Auslage war genau das richtige Symbol, um ihr zu zeigen, wie sehr ich sie immer noch liebte.
Ein Preisschild gab es nicht. Was es wohl kosten mochte? So wie es als Einzelstück drapiert war, konnte der Preis nur horrend sein. Ich tastete nach meiner Brieftasche, wie um mich zu vergewissern, ob ich genügend Geld bei mir hatte. Ich wusste genau, dass sie nur noch ein paar Münzen und die Kreditkarten enthielt. Was war ich für dieses Symbol meiner Liebe und Begehrlichkeit auszugeben bereit? Mehr als einhundertfünfzig Euro ließ unser Familienbudget nicht mehr zu. Na ja, vielleicht zweihundert. Aber das wäre das Äußerste. Ich schüttelte mein Handgelenk und folgsam piepste die zarte Frauenstimme meiner Armbanduhr:
»Es ist jetzt 18:30. In einer Stunde ist Geschäftsschluss. Du hattest deiner Frau versprochen, um spätestens 19:00 zu Hause zu sein.«
Diese Uhr hatte mir Bella letztes Jahr zum Geburtstag geschenkt. Das Sprach- und Kalendermodul war mit ihrer Stimme programmiert worden und reagierte, wenn ich den Arm bewegte.
Ich zögerte, doch dann ging ich entschlossen auf die Tür der Wäscheboutique zu.
»Willkommen bei Nightdream!«
Säuselte die sich selbsttätig öffnende Tür, übertönte die weihnachtliche Geräuschkulisse aus Schlittengeläut und trappelnden Rentierhufen die den Verkaufsraum erfüllte. Beinahe wäre ich gestolpert, so tief versanken meine Füße im wiesengrünen Teppichboden. Vitrinen wuchsen wie bizarre Chrompflanzen aus der künstlichen Wiese, boten mir auf gläsernen Blättern surreale Blüten aus leuchtenden Stoffen an. Kein einziges Rentier weit und breit!
»Darf ich ihnen etwas Bestimmtes zeigen?«
Diesmal kam die säuselnde Stimme von der Seite und gehörte zu einer jungen Frau, die sicher bei den meisten Männern die Assoziation von »Nightdream« erfüllt hätte. Zu ihr passte die Stimme besser als zur chromgerahmten Tür, die sich mit beinahe erotischem Seufzen hinter mir geschlossen hatte.
Verlegen, außerdem eingeschüchtert durch die luxuriöse Ausstattung der Boutique und deren eher sommerlich-freizügig gekleidete Besitzerin, wedelte ich unbestimmt mit der Hand in Richtung der Auslage.
»Äh, das Nachthemd im Schaufenster würde ich mir gerne mal ansehen.«
Ihr professionell freundliches Lächeln strafte den leicht tadelnden Ton ihrer Stimme Lügen.
»Das ist das aufregendste Negligé unserer diesjährigen Kollektion. Sie werden begeistert sein, soviel kann ich ihnen schon versprechen. Aber das wahre Geheimnis werden sie erst erkennen, wenn Sie es in der Hand gehalten haben«, fügte sie über die Schulter hinzu und verschwand mit wiegenden Hüften hinter einem Vorhang. Diese Ankündigung schüchterte mich noch mehr ein.
Das Paket, mit dem sie nach wenigen Minuten erschien, war riesig. Die typische Mogelpackung, dachte ich. Viel Verpackung, um dem Inhalt den geeigneten, werbewirksamen Auftritt zu verleihen. Unauffällig versuchte ich das Logo eines bekannten Mode-Designers zu entdecken, der dem Nachgewand mit seinem Namen die Berechtigung zu einen möglichst unerschwinglichen Kaufpreis verlieh. Aber außer Goldsternen war nur ein kleines nüchternes Schildchen auf dem weißen Paket zu erkennen.
Vorsichtig stellte die Ladenbesitzerin das Paket auf die Verkaufsvitrine. Das Öffnen der Schachtel glich dem Zermoniell, mit dem die Schatztruhe eines mittelalterlichen Königshofes dargeboten wurde.
Es war schön, verriet mir mein begehrlicher Blick. Aber es hatte die falsche Farbe. Himmelblau! Doch ein Tageshimmel konnte nach meiner Vorstellung einfach nicht mit dem verführerischen Kontrasten einer golddurchwirkten Nacht konkurrieren. Die Sternchen auf dem Stoff wirkten seltsam tot.
Ablehnend schüttelte ich den Kopf und wollte gerade den Mund öffnen, um meine Enttäuschung zu bekunden, aber die luftig gewandete Verkäuferin nächtlicher Träume kam mir zuvor. Der Ton ihrer Stimme klang siegessicher.
»Nehmen Sie es in die Hand und warten sie einen Moment. Sie werden nicht enttäuscht sein!«
Schmeichelnd und federleicht lag der Stoff in meiner Hand. Noch während ich das Negligé zwischen beiden Händen ausgestreckt vor mich hinhielt, geschah es. Wie im Sand versickerndes Wasser änderte sich die Farbe, von meinen Händen ausgehend. Das Tageshimmelblau wurde dunkler und dunkler. Dann leuchtete es wie das Ausstellungsstück, die Sterne schienen aufzugehen, blitzten, während das Himmelblau sich in fast schwarze Bläue verwandelte.
Ich war sprachlos. Starrte das Nachtgewand an, das in zärtlich weichen Falten willenlos und hingebungsvoll in meinen Händen lag.
Ihr Lachen klang wie das triumphierende Gurren einer Brieftaube, die nach langem, unsicherem Flug endlich den heimischen Schlag erreicht hatte.
»Hinreißend, nicht wahr? In das Mikrofasergewebe sind Biochips eingewebt, die auf die Körpertemperatur und Stimmungslage der Trägerin reagieren!«
Ihre Stimme verlor das schwärmerische Timbre und wurde nüchtern, als sie die nahezu unbegrenzte Lebensdauer, die einfache Wäsche in der Waschmaschine, die Trocknereignung und absolute Farbechtheit aufzählte.
Ich legte das Nachthemd zurück auf die Theke und beobachtete fasziniert, wie es langsam an Farbtiefe verlor und zum hellen Ursprungston zurückfand.
Dann senkte sie erneut die Stimme, während sie wie eine Zauberkünstlerin in das Paket griff.
Anstelle einer Taube oder eines Kaninchens präsentierte sie jedoch eine DVD.
»Ich selbst habe es leider noch nicht ausprobiert. Das ist die dazugehörige Software!«
Ungläubig starrte ich ihr ins Gesicht. Was sollte ich mit einer Computersoftware zu einem Nachthemd?, lag mir auf der Zunge.
Erneut erschien der siegessichere Ausdruck in ihrem Gesicht. Vollkommen selbstbewusst und überzeugt, all meine Einwände und Bedenken beiseite wischen zu können.
Kaltfeuchter Nachwind schlug mir ins Gesicht. Die sich hinter mir schließende Tür säuselte »Auf Wiedersehen, wir danken Ihnen für Ihren Besuch!«
Vierhundertfünfzig Euro! Beinahe ein Drittel des Preises des Brillantringes, den sich Bella so sehnlichst wünschte.
Ich presste das Paket an mich, verzweifelt bemüht, meinen Entschluss, den mitternachtsblauen Traum gekauft zu haben, vor mir selbst zu verteidigen. Einzelne Schneeflocken mischten sich in den feinen Nieselregen. Als ich mein Auto erreicht hatte, waren die Straßen mit einem heimtückischen, rutschigen Film bedeckt. Die wenigen Fahrzeuge krochen vorsichtig wie vom Schnee überraschte Käfer von Ampel zu Ampel.
Vorsichtig ließ ich die DVD in das Laufwerk unseres Computers gleiten. Selten war mir eine solche Überraschung zum Heiligen Abend gelungen. Bella war noch faszinierter von der Farbveränderung gewesen als ich. Genauso wie ich hatte sie zuerst ein wenig enttäuscht das helle Himmelblau wahrgenommen. Als sie sich dann aber das dunkel gewordene glänzende Kleidungsstück kokett vor den Körper gehalten hatte, schimmerten ihre Augen feucht.
Wie ein Schal hatte sich in der Nacht das hochgeschobene Negligé um ihren Hals geschmiegt. Ihr glänzendes schwarzes Haar erschien noch dunkler, und ich wusste, die 450 Euro waren gut angelegt. Ich hatte mich in die erste Nacht zurückversetzt gefühlt, die ich gemeinsam mit Bella verbracht hatte.
Der Monitor vor mir wurde dunkelblau, und einzelne Sterne funkelten. Leise, sphärische Musik erklang aus den Lautsprechern. Eine Sternschnuppe rauschte über den Bildschirm. Aus dem sich in goldenen Staub auflösenden Schweif formten sich Buchstaben. Gleichzeitig forderte mich eine tiefe, leicht rauchige Frauenstimme fragend auf.
»Wollen sie eine Standardinstallation durchführen oder nur ausgewählte Parameter installieren?« Ich tippte, ihrer Anweisung folgend, auf die GO-Taste nachdem ich mich für die Standardversion mit automatischer Mailfunktion entschieden hatte. Die Sprachsteuerung des Computers hatte ich deaktiviert, um Bella und die Kinder nicht zu stören.
Ich war früh aufgestanden. Bella hatte sich mit einem leisen Seufzer auf die andere Seite gedreht und ihr Gesicht tief im Kissen vergraben. Ihr Po formte eine verführerische Wölbung unter der dünnen Decke. Aber morgens konnte sie manchmal recht unwirsch auf Störungen reagieren. Dann drang ihr italienisches Temperament durch.
Die zweite Sternschnuppe forderte mich auf, die versiegelte Karte zu öffnen und die Pin-Nummer einzugeben. Gespannt starrte ich auf den Monitor, der einen ganzen Hagel von Sternschnuppen produzierte. Dann wurde das Bild verschwommen. Unscharf wie eine Unterwasseraufnahme, in der die Lebewesen des Meeres als bedrohlich majestätische Schatten aus der Tiefe des Ozeans auftauchten und wieder im dunklen Blau verschwanden.
Langsam wurden die Umrisse deutlicher, ließen einen menschlichen Körper erahnen. Ein Frauenkörper wurde sichtbar, bis plötzlich Bella nackt vor mir auf dem Bildschirm lag. Die feinen, in das Gewebe eingesponnen Sensoren lieferten ein scharfes, naturgetreues Bild des Körpers, den sie einhüllten.
Leise und gleichmäßig tönte mir Bellas Atem aus den Lautsprechern entgegen. Ganz automatisch bewegte sich meine Hand zum Monitor, um sie zu berühren.
Bella bewegte sich, gähnte herzhaft, streckte und dehnte sich und richtete sich mit einem Ruck auf.
Rechts auf dem Bildschirm war eine Reihe kleiner blinkender Buttons erschienen. Ich drückte auf den Drehpfeil, und Bella wurde von vorn sichtbar. Ich sah, wie sie die Arme reckte. Ihr Busen hob sich. Dann stand sie auf. Die unsichtbaren Kameras, die sie im hauchdünnen Stoff umschwebten, folgten jeder ihrer Bewegungen. Begleiteten sie auf den Gang zur nächsten Tür und ...
Schnell drückte ich auf den Exit-Button. Bella auf die Toilette zu begleiten erschien mir nun doch als unangemessenes Eindringen in ihre Intimsphäre. Sie im Schlaf und beim Aufwachen zu beobachten, das war etwas anderes. Oder?
Bella wusste nichts von dieser verborgenen Fähigkeit ihres Weihnachtsgeschenkes.
»Das ist die teuerste Unterhose, die ich je für dich gekauft habe!«
Strahlte mich Bella über das Sektglas hinweg an.
»Aber zu unserem zehnten Hochzeitstag fand ich es gerechtfertigt«, ergänzte sie mit einem leicht verschämten Lächeln.
Ich löste die Klebestreifen von der Verpackung. Ein großes weißes Paket kam zum Vorschein. Das kleine Logo auf der Schachtel zeigte nur einen Schriftzug:
www.totalviewnet.com.
Bella kicherte!
»Sogar eine DVD gab es gratis dazu. Vielleicht sind ein paar gut gebaute Männer darauf zu sehen«, grinste sie liebevoll provozierend, verdrehte genießerisch die Augen und verschwand in der Küche.
Ich sah aus dem Fenster. Bedrohlich grau war der Neujahrshimmel. Das leise Schlurfen von Autoreifen, die sich krampfhaft um Halt auf dem schlüpfrigen Asphalt bemühten, drang gedämpft herein. Löste ein Gefühl vager Unsicherheit in mir aus.
Die E-Mail-Benachrichtigung blinkte auf dem Flachmonitor unseres Hauscomputers.
Die GO-Taste öffnete die Mail, nachdem sie mich als berechtigten Empfänger identifiziert hatte.
| e@mail |
| Lieber Geschäftsfreund und Kunde, wir danken für die Übermittlung Ihres hervorragenden Bildmaterials. Ihrer Pin-Nummer wird dafür ein Betrag von fünf Euro gutgeschrieben, den wir mit Ihrem nächsten Einkauf eines unserer Produkte verrechnen werden. Mit freundlichen Grüßen www.totalviewnet.com. |
