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| Das Magazin für Science Fiction & Fantasy • Ausgabe 58 • Interview |
| Anlässlich eines Abends des Science-Fiction-Clubs Andymon
am 8. Mai 2003 sprach der norwegische Fantasy-Autor
Andreas Bull-Hansen über seine Nordland-Saga, von der mit Der Zug der Sklaven
aktuell der vierte Band auf Deutsch erschienen ist, und gab Auskunft über sein Leben und
sein Werk. ALIEN CONTACT dokumentiert diese interessante
Gelegenheit, einen Blick in die Werkstadt eines ungewöhnlichen Schriftstellers zu werfen. Andreas Bull-Hansen, geboren 1972 und wohnhaft in Oslo, hat eine sehr interessante Karriere hinter sich. Er ist von Haus aus Gewichtheber, der seinen Hang zum Schreiben zum Beruf gemacht hat. Seine Bücher sind in Norwegen sehr erfolgreich. Von der Nordland-Saga die allerdings nur auf Deutsch so heißt sind in Norwegen inzwischen sechs Bände erschienen; auf Norwegisch heißt die Serie »Die Saga des gehörnten Gottes«, nicht weil jemand mit der Frau eines Gottes geschlafen hätte, sondern weil der Gott über ein Geweih verfügt. Zum mythologischen Hintergrund der Serie nachher mehr. Viele Leser im Deutschland sind auf diese Serie aufmerksam geworden, weil sie einfach einmal etwas anderes lesen wollten, als die ewigen, immer gleichen angloamerikanischen Tolkien-Epigonen. Der erste Band ist ausgesprochen spannend und über weite Strecken richtig anrührend, mit einem tragischen Schluss. Der zweite Band ist völlig anders, ein typischer Wikinger-Seefahrer-Roman mit einem eher kleinen Phantastik-Anteil, sehr kriegerisch. Der dritte Band hat einen fast schon biblischen Hintergrund: Das Volk, das in der Serie die Hauptrolle spielt, sucht nach einem neuen Land. Es wurde aus seinem Stammland vertrieben und ist nun auf der Suche nach neuen Weidegründen, im wahrsten Sinne des Wortes. |
![]() Foto: Siegfried Breuer |
| Andreas
Bull-Hansen: Einleitend möchte ich etwas darüber erzählen, wie ich schreibe. Mir
wurde gesagt, dass meine Vorgehensweise ungewöhnlich ist. Einige Autoren setzen sich hin
und nehmen sich vor, einen Roman zu schreiben. Das mache ich nie. Wenn ich schreibe,
verlasse ich diese Welt. Ich glaube nicht, dass ich mir diese Dinge ausdenke. Ich lasse
nur alles hinter mir und tauche in eine andere Welt, in eine andere Zeit ein. Ich
beschreibe nur, was ich sehe. Ich sehe die Ereignisse durch die Augen meiner Figuren. Ich
denke ihre Gedanken, ich fühle ihre Gefühle. Noch einmal: Ich denke mir nichts aus. Die
Menschen in meinen Büchern sind real, sie sind keine Phantasiegestalten. Für mich sind
sie real. Zur Zeit schreibe ich gerade an einer neuen Serie, die in einer anderen Welt spielt, und es war ein Kampf, die Figuren der Nordlandsaga hinter mir zu lassen. In den letzten elf Jahren habe ich bei diesen Figuren und in dieser Welt gelebt, ich habe geweint, wenn sie geweint haben, und sie so einfach zu verlassen, war wirklich hart für mich. Frage: Wie kommt es, dass diese Serie ins Deutsche übersetzt wurde? Bull-Hansen: Diese Frage sollten sie meinem Lektor stellen. Mir wurde gesagt: Diese Geschichte hat eine nordische Stimmung, einen Wikinger-Geist etwas, das man bei englischen oder amerikanischen Fantasy-Serien nirgends finden kann. Das war einer der Gründe, warum die Geschichte ins Deutsche übersetzt worden ist. Frage: Gab es Interesse von englischen oder amerikanischen Verlagen an Ihren Büchern? Bull-Hansen: Ich glaube nicht. Bisher hat noch niemand meine Romane einem englischen oder amerikanischen Verlag angeboten. Vielleicht ist es jetzt an der Zeit, darüber nachzudenken. Frage: Wie erfolgreich sind Ihre Bücher in Norwegen? Bull-Hansen: Als ich mit dem Schreiben anfing, habe ich nicht damit gerechnet,
dass ich davon würde leben können. Norwegen ist ein kleines Land. Mein erster Roman, Friedhöfe
im Westwald [freie Übersetzung des norwegischen Titels], verkaufte sich
mittelprächtig, so ungefähr 2.000 Stück. Dann fing ich mit der Nordland-Saga an und die
Dinge änderten sich. Ich glaube, von Die Tränen des Drachen wurden in Norwegen im
ersten Monat nach Erscheinen 5.000 bis 6.000 Exemplare verkauft. Das ist ziemlich gut. Vor
allem, wenn man bedenkt, dass es 4,5 Millionen Norweger gibt, also in etwa so viel wie in
Berlin und Umland.
Frage: Wie sieht es denn ansonsten mit der Veröffentlichung von Science Fiction und Fantasy in Norwegen aus? Bull-Hansen: Zuerst muss ich erwähnen, dass ich meiner Meinung nach momentan
der einzige Fantasy-Autor Norwegens bin. Es gab einige norwegische Autoren, die Fantasy
geschrieben haben, aber ihre letzten Veröffentlichungen liegen schon einige Jahre
zurück. Ich glaube nicht, dass norwegische Autoren verstehen, welche Hingabe nötig ist,
um eine Fantasy-Serie zu schreiben. Der Autor muss für viele Jahre in einer anderen Welt
leben. Dazu braucht man eine Menge Geduld. An dieser Serie habe ich elf Jahre lang
geschrieben. Einwurf: Das klingt etwas esoterisch. Bull-Hansen: Für mich ist Schreiben wie in einem Traum. Frage: Wissen Sie bereits, wie viele Bände noch folgen werden? Bull-Hansen: Bisher sind es sechs! Im Augenblick schreibe ich andere Romane, aber es fühlt sich so an, als würden die Figuren mich rufen, um irgendwie wieder zurückzukommen. Also werde ich in Zukunft wohl wieder über sie schreiben. Frage: Wie sieht die norwegische Verlagslandschaft allgemein aus? Erscheinen viele Übersetzungen? Bull-Hansen: Damit kenne ich mich nicht besonders gut aus, aber wir haben eine Menge Bücher aus dem Englischen übersetzt vorliegen. Frage: Gibt es auch norwegische Autoren? Eine Szene? Bull-Hansen: Ich habe den Eindruck, als tauchten immer die gleichen Gesichter in den Zeitungen auf, wenn man etwas über neue Bücher liest. Ich denke, dass es eine Menge norwegischer Autoren gibt, aber es gibt nur drei große Verlagshäuser, das begrenzt die Menge der neuen Bücher. Frage: Wird in Norwegen auch so ein Kult um Tolkien getrieben wie hier in Deutschland? Und was halten Sie von Tolkien? Bull-Hansen: Oh ja, diese Bücher beherrschen den Markt. Frage: Können wir über skandinavischen Einflüsse in Ihren Romanen reden? Für uns ist Skandinavien gleichbedeutend mit Wikingern! Wie sieht es damit aus? Bull-Hansen: Nun, so weit ich zurückdenken kann, fühle ich mich den Wikingern
tatsächlich immer sehr verbunden. Das ist kein Witz, sondern eher ein Teil meiner
Identität. Nicht alle Norweger fühlen so, die meisten schämen sich etwas wegen der
Wikinger, aber das sollten sie nicht. Frage: Zu welcher Zeit lebten die so genannten Wikinger eigentlich? Vor 500 Jahren gab es schließlich durchaus Schweden und andere, die aus dem Norden kamen und Mitteleuropa überfallen haben. Es gab nicht nur welche, die geflüchtet sind, sondern auch welche, die gekämpft haben. Bull-Hansen: Ich habe mit einer Welt angefangen, die Skandinavien um 900 n. Chr. ziemlich ähnlich ist. Aber als sich die Geschichten weiterentwickelten und ich andere Länder und andere Kulturen entdeckte, sah ich, dass ich diesen Hintergrund nicht mit unserer Geschichte vergleichen kann, weil hier die Dinge anders liegen. Auf dem Kontinent im Süden zum Beispiel hat sich die Zivilisation viel weiter entwickelt. Man könnte sagen, dass meine Kultur dort eher dem Mittelalter gleichzusetzen ist. Droben im Norden ist die Kultur 500 Jahre später dran. Frage: Trifft es zu, daß die Schiffe in Ihren Romanen keltischen Ursprungs sind? Mir scheinen das keine richtigen Kelten zu sein. Spielt die Geschichte in einer Art Parallelwelt? Bull-Hansen: Immerhin werden sie anders geschrieben! Aber das ist ein wichtiger Aspekt. Wir tendieren dazu, die Kelten als eine Kultur zu betrachten, die Nordmänner oder die nordische Kultur als eine andere. Aber beide Kulturen haben miteinander interagiert. Vor 1000 Jahren zum Beispiel wurde die norwegische oder nordische Kunst sehr stark von der keltischen Kunst beeinflusst. Das gilt auch umgekehrt für die keltische Kunst, Musik und Dichtung. Die Schädel der Geschichtenerzähler ... auf den britischen Inseln exisitiert eine ähnliche Tradition. Einwurf: Die der Barden. Bull-Hansen: Nicht ganz, aber sie erfüllten die gleiche Aufgabe, und so gibt es gewisse Ähnlichkeiten. Darum habe ich beschlossen, beide die keltische wie die nordische Wesensart einzubeziehen. Ich bin auch nicht nur von der nordischen, sondern auch von der keltischen Mythologie beeinflusst worden. Ich kann beide nicht klar voneinander trennen.
Frage: Ich habe eben mal kurz nachgerechnet. Sie müssen ja spätestens mit 20 Jahren angefangen haben, an dieser Serie zu arbeiten. Das ist eigentlich sehr jung, um so etwas Großes zu planen. Wie kommt man auf so eine Idee? Bull-Hansen: Ich habe sogar noch früher damit angefangen. Mit 18 Jahren begann
ich darüber nachzudenken, mit 19 entstanden die ersten Entwürfe. Anfangs war das für
mich ein Hobby. Und jetzt, nachdem ich damit angefangen habe, muss ich wohl weitermachen.
Und dabei habe ich niemals gedacht, dass ich Fantasy schreiben würde, ich schreibe
einfach nur Geschichten auf. Ich schreibe darüber, was ich sehe, wenn ich meine Augen
schließe. Frage: Haben Sie eine Ahnung, woher das kommt? Gibt es da Einflüsse aus früher Kindheit? Bull-Hansen: Eigentlich wollte ich in der freien Wirtschaft arbeiten. Aber dann wurde ich ein halbes Jahr vor der Abschlussprüfung bei einem Autounfall schwer verletzt und musste das Studium aufgeben und die Nationalmannschaft verlassen. Mir blieb nur noch das Schreiben. Da beschloss ich vielleicht war das Schicksal , mit dem Schreiben weiterzumachen und schreibe jetzt berufsmäßig. Ich habe es nie bereut! Frage: Haben Sie auch eine Beziehung zur Science Fiction und können Sie sich vorstellen, so etwas zu schreiben? Bull-Hansen: Ich liebe Science Fiction. Als ich zu Hause losgefahren bin, war es eigentlich noch ein Geheimnis, aber ich arbeite gerade an einem Science-Fiction-Roman. Frage: Gibt es ein Science-Fiction-Fandom in Norwegen und haben Sie etwas damit zu tun? Bull-Hansen: Ja, ich wurde zu einigen Lesungen eingeladen. Ich versuche, nicht
schwierig zu sein, aber ich bin kein Teil des Fandoms. Nicht, weil ich schwierig bin. Aber
ich glaube, ich bin einer dieser Autoren, die alleine sein müssen, um schreiben zu
können. Ich wurde eingeladen, und ich erhalte immer wieder E-Mails von Lesern. Sie
schreiben mir, dass sie meine Figuren in Rollenspielen verwenden, dass sie Rollenspiele
erfinden, die auf meinen Romanen basieren. Für mich ist dies das größte Kompliment, das
ein Schriftsteller überhaupt erhalten kann. Wenn ich so etwas höre, motiviert mich das
ungemein. Gesprächsführung und Einleitung: Hannes Riffel |
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Die Nordland-Saga von Andreas Bull-Hansen |