Susanne Thomann wurde 1955 in Zürich geboren. Nach der Ausbildung zur Grundschullehrerin studierte sie an der Universität Zürich Musikwissenschaft und Linguistik und schloss das Studium mit Lic. phil. I ab.
Dem Studium folgte ein zweijähriges Redaktionsvolontariat. Danach arbeitete Susanne Thomann als freie Journalistin in Berlin. 1989 zog sie mit ihrem deutschen Mann in die Schweiz zurück und war als Redakteurin für Tageszeitungen und später als Fachredakteurin und stellvertretende Chefredakteurin für ein Schweizer Segelmagazin tätig. 1999 erfolgte der Wechsel zu elektronischen Medien. Heute arbeitet sie als Content Managerin in der mobilen Kommunikation in Bern.
1983 entstand die Komödie Siggo als Auftragswerk der damaligen Wohngemeinde Untersiggenthal (uraufgeführt zur 1150-Jahr-Feier). 1996 erschien dann der erste Roman Limmatschäumchen im Steinbrech-Verlag Bern. Außerdem wurden seit 1982 diverse Kurzgeschichten, Kurzprosa, Lyrik und Reiseberichte in Anthologien und Zeitungen publiziert, darunter 2003 die SF-Weihnachtsgeschichte »Saga« in der Anthologie Berner Autorinnen Alle Mädchen wollen Maria sein.
2002 erschien der Science-Fiction-Roman Das Rauschen des Raumes bei der edition8 in Zürich.
Alien Contact: Sie haben zuvor keine
Science Fiction geschrieben. Wie kamen Sie zu diesem Genre?
Susanne Thomann: Seit meiner Jugend bin ich SF-Fan. Als Studentin habe ich auch diverse SF-Kurzgeschichten und SF-Gedichte geschrieben. Sie wurden ausschließlich im damaligen SF-Club publiziert. Die Ur-Idee zu Das Rauschen des Raumes stammt noch aus dieser Zeit. Es sollten ursprünglich die (witzigen und haarsträubenden) Memoiren eines Raumschiff-Captains werden.
AC: Wie viel ist denn von der ursprünglichen Geschichte übrig geblieben?
Thomann: Die ganze Anlage des Romans als retrospektive Ich-Erzählung ist geblieben, die (etwas naive) männliche Erzählfigur, also die ganze Perspektive der Wahrnehmung. Auch sprachlich habe ich mich am ursprünglichen »Memoirenstil« orientiert. Übernommen habe ich zudem das Frauenbild, diese Kraft und Unabhängigkeit der Frauen, damit verbunden auch eine gewisse Unerreichbarkeit des Weiblichen für den Ich-Erzähler.
AC: In Ihrem Roman stehen hochinteressante und einfühlsam geschilderte Figuren im Mittelpunkt, weniger die Science-Fiction-Handlung. Warum haben Sie die Geschichte im Weltraum angesiedelt?
Thomann: Das hat mehrere Gründe:
Mich interessieren die Grenzen der heutigen Physik, die Grenzen menschlicher und technischer Möglichkeiten. Auch beschäftigt mich seit jeher die Tatsache, dass unser Sonnensystem am sternenarmen Rand unserer Galaxie liegt und dass die Planeten so weit auseinander liegen. Dieser dünne leere Raum um uns herum reizte mich als Bühne für meine Figuren.
Es ging mir auch ganz wesentlich um eine Sozialutopie. Das gab mir für die Figuren andere Entwicklungsmöglichkeiten, als sie in unserer Gesellschaft vorgegeben sind. Dazu gehört auch, dass ich ihnen den angeblich sicheren Boden unter den Füssen wegnehmen konnte, und zwar ziemlich konsequent. Dieses Grundgefühl der Verlorenheit war mir wichtig.
Segeln im Weltraum ist ebenfalls ein Thema für mich, sowohl technisch als auch menschlich. Beim Segeln treffen die Sehnsucht nach Weite und die Sehnsucht nach Geborgenheit aufeinander. Der Mensch ist den Elementen ausgeliefert. Das verstärkt die Verletzbarkeit der Agierenden. Ich wollte die Figuren diesen Emotionen aussetzen. Da die NASA mit Segeln im Weltraum experimentiert, reizte mich das Thema auch technisch, zumal ich selber begeisterte Seglerin (natürlich nur auf terranischen Meeren) bin.
AC: Haben Sie für die Recherche andere SF-Bücher gelesen?
Thomann: Nicht speziell, da ich mit der SF-Literatur relativ gut vertraut bin. Auf der Suche nach dem Denkmodell für meine Romanwelt las ich Flatland von Edwin A. Abbott, Eine kurze Geschichte der Zeit von Stephen W. Hawking sowie Die Physik von Star Trek von Lawrence M. Krauss nochmals. Dann beschloss ich, das von der Relativitätstheorie festgelegte Raum-Zeit-Modell und damit die Lichtgeschwindigkeit als Grenze zu akzeptieren, also nahe bei der »Wirklichkeit« zu bleiben. Als diese Entscheidung gefallen war, recherchierte ich hauptsächlich im Internet zu den Details unseres Planetensystems.
Am längsten habe ich übrigens recherchiert, um herauszufinden, wie auf einem Himmelskörper mit verminderter Schwerkraft (im Roman der Jupiter-Mond Ganymed) ein Wasserfall aussieht.
AC: Warum spielt die Erde als Heimatplanet in Ihrem Buch nur eine sehr untergeordnete Rolle?
Thomann: Die Erde steht als Symbol alter Werte, die im rastlosen Unterwegssein nur noch marginalen Nutzen haben und als entsprechend wertlos eingestuft werden. Trotzdem, die Erde hat Gravitation 1 und ist damit physisch die Heimat des Menschen. Nur hier kann der Mensch ohne ständige Anstrengung (Gravitationstraining) überleben. Die Erde versinnbildlicht deshalb auch Heimat in einer Welt der Heimatlosigkeit. So befinden sich die Magierschule Frona Benal und die altertümlichen Pflanzungen von Solabera auf Terra. Beide ziehen Tobias Duchent unwiderstehlich an. Im Gegensatz zu David sucht er auch unentwegt nach etwas, das ihm Heimat sein könnte: Liebe, Familie, Drogen, Magie, Lehrberuf, Pflanzen
AC: Im Roman geht es mehrfach um den illegalen Anbau und die Einnahme von Drogen, wobei der Ich-Erzähler David VanLinden dies duldet und auch selbst welche nimmt. Das hat mich überrascht. Sind Sie für die Legalisierung von Drogen?
Thomann: Ich glaube, dass die Menschen den Umgang mit Drogen lernen könnten, wenn die nötigen Rahmenbedingungen dazu gegeben wären. Das würde allerdings eine völlig andere Drogen- und Sozialpolitik voraussetzen. In meinem Roman sind Drogen Bestandteil der normalen Freizeitgestaltung. Nur der unkontrollierte Eigenanbau ist (zum Schutz der Konsumierenden und aus wirtschaftlichen Gründen) strafbar. Die Menschen holen sich ihre Freizeitdrogen legal in den Drogenbars, wo sie von Spezialisten beraten werden. Ich halte dieses Szenario für durchaus realistisch.
AC: Tobias Duchent, eine der beiden Hauptfiguren, hält sich eine Zeit lang in einer Magierschule auf. Warum haben Sie das Magie-Element in Ihre sonst sehr rationale Zukunftswelt eingeführt?
Thomann: Ich wollte diese rationale Welt nicht verhärten lassen. Sie sollte keine Sicherheit bieten. Da ist immer dieses Andere, das man nicht erklären kann und schon gar nicht beherrschen, etwas, das verunsichert, das Angst macht und gleichzeitig lockt. Aus diesem Spannungsfeld lebt auch die Beziehung zwischen den beiden Protagonisten David und Tobias. Das Wesen und die Herkunft von Tobias sind tief verknüpft mit Magie. Er ist ein Kind der Magie, musste sie aber verlassen, um zu überleben. Das gehört zu seiner Geschichte und zu seinem inneren Werdegang.
AC: Dennoch ist Magie ein Element der Fantasy, weniger der rationalen Science Fiction. Beim Lesen einer Weltraumgeschichte hat mich dies verunsichert, somit hat ihr Gedanke funktioniert. Fürchteten Sie nicht, dass die Geschichte dadurch unrealistischer wirkt?
Thomann: Es gibt nichts Unrealistischeres als die in der SF-Literatur rational beschriebene Raumfahrt, die jede physikalische Wirklichkeit ausblendet. Ich wollte nichts ausblenden, weder die Relativitätstheorie noch die Tiefenpsychologie. Insofern zweifelte ich nie an der Realität meiner Geschichte. Natürlich gab es Momente der Unsicherheit, ob ich gewisse Dinge so unerklärt stehen lassen könne. Etwa die ganze Schatten-Thematik. Oder das seltsame Grün. Aber es war mehr die Frage nach Dichte und Tonalität der Erzählung als nach der Sache an sich.
AC: Warum schreibt eine weibliche Autorin so einfühlsam über eine Liebesgeschichte zwischen zwei Männern?
Thomann: Das war nicht von Anfang an so geplant, es ergab sich während des Schreibens. Ich hatte einen männlichen Ich-Erzähler gewählt. Bei der Ausgestaltung der Charaktere erwies sich Tobias als die Figur mit dem größten Entwicklungspotenzial. Die ursprünglich geplante Dreiecksbeziehung mit Elnia trat etwas zurück, und ich konzentrierte mich auf die beiden Männer. Grundsätzlich wollte ich die gängigen Beziehungsmuster hinterfragen. Mir war von Anfang an klar, dass ich die heutigen Geschlechterrollen und die Familie abschaffen würde.
Als Autorin oder Autor muss man in alle Figuren des Romans schlüpfen können, um sie ihrer Anlage entsprechend entwickeln zu können. Es ist mir vertraut, einen Mann zu lieben. Deshalb fiel es mir leicht, Davids Liebe zu Tobias zu beschreiben. Die Texte habe ich gleichgeschlechtlich orientierten Männern zum Gegenlesen gegeben, um sicherzustellen, dass sich auch ein Mann damit identifizieren kann. Zudem habe ich auch während des Schreibens Gespräche mit homosexuellen Männern geführt, um mich mit ihrer Gefühlswelt vertraut zu machen.
AC: Gab es durch die Testleser nachträgliche Änderungen am Roman? Gab es Aspekte der homosexuellen Gefühlswelt, die Sie überrascht haben?
Thomann: Es gab weder Änderungen noch Überraschungen. Bei den Gesprächen hat sich bestätigt, dass die Gefühlswelt weit mehr durch die Disposition der Persönlichkeiten als durch das Geschlecht geprägt ist. Wenn zwei Menschen ihre Liebe zulassen, spielt das Geschlecht keine Rolle.
AC: Welche Aspekte sind Ihnen an einer Geschichte besonders wichtig, egal ob Science Fiction oder nicht?
Thomann: Mit ist eine einfache Sprache wichtig, die sich nahe an gesprochener Sprache bewegt. Vor allem bei einer Ich-Erzählung soll sich die Geschichte so lesen, als erzähle sie jemand eben gerade, als höre man dem Erzählenden zu. Ich mag es auch, wenn eine Geschichte aus einem subjektiven Blickwinkel erzählt ist.
Thematisch steht bei mir der Mensch in seinem sozialen Umfeld im Mittelpunkt. Dabei ist mir wichtig, herkömmliche Denkmuster aufzubrechen.
AC: Das Rauschen des Raumes ist ihr zweiter Roman. Arbeiten Sie an einem dritten? Wird es wieder ein SF-Roman sein?
Thomann: Ich arbeite an einem dritten Roman, einer Beziehungsgeschichte, die in unserer heutigen Welt und Gesellschaft spielt. Allerdings habe ich den Stoff für den vierten Roman bereits im Blickfeld. Der vierte wird wieder SF sein.
AC: Verraten Sie uns das Thema?
Thomann: Es wird um Psychodesign und fremde Beziehungsmuster gehen. Mehr möchte ich nicht verraten. Lassen Sie sich überraschen!
AC: Vielen Dank für das Gespräch.