Ri Tokko
Das Automatenzeitalter
Der Aufstand der Homaten
53. Kapitel

Mis Augen
gewöhnten sich allmählich an das herrschende Dunkel. Sie sah sich erstaunt um. Wo war
sie? Wie kam sie hierher?
Ein kühler Luftzug ließ sie schaudern. Bald erkannte sie, wo sie sich
befand sie war in den Katakomben von Automatenstadt.
Dort, wo durch Kälte und Gifte konserviert die Toten der Riesenstadt
schlummern sollten tausend Jahre lang, um dann, wenn auch die Wissenschaft jener Epoche
sie nicht mehr zu Jugend und Leben erwecken konnte, zu Asche zu zerfallen. Eine letzte,
tausendjährige Frist. So wollte es die Sitte ihrer Zeit.
Ein Schauer kroch am Leibe Mis hoch. War sie gestorben? Was war
geschehen?
Raunende Stimmen schreckten sie. Im Halbdunkel huschten Gestalten
vorbei. Nein, sie war nicht tot. Sie konnte sich frei bewegen und lag nicht in einem
Sarkophag.
Sie trat aus der halbdunklen Nische und ließ sich von dem Strom
spukhafter Gestalten treiben, welche alle einem Ziele zustrebten, dem Saal der berühmten
Toten im Zentrum der Riesenanlage.
Die gigantische Halle war gefüllt bis auf den letzten Platz, in ihrer
Mitte war eine Tribüne errichtet, und dort stand ein Mann. Mi erkannte ihn sofort. Es war
Lu.
Er machte ein Zeichen, und es trat Stille ein. Absolute Stille, würdig
einer Gruft. Und Lu sprach:
»Homaten, die ihr euch hier versammelt habt, erkennt an meiner
Anwesenheit, daß eure Pläne durchschaut, eure Absichten erkannt, euer Treiben entdeckt
ist. Der Zentralrat von Automatenstadt schickt mich, euch zu warnen. Laßt ab von eurem
Unterfangen, welches Torheit ist und Wahnwitz. Unerschütterlich ist die Macht der
Menschen über euch. Zum Dienen geschaffen von der Hand des Menschen, Werk seines Geistes
und seiner Hände, werdet ihr Diener bleiben auf ewig oder der Vernichtung anheimfallen.«
Ein Murmeln des Unmuts lief durch die Halle.
»Homaten! In ehernen Banden hält euch der Mensch. Streben aller
Sklaven war von jeher, sich gegen die Macht ihrer Herren aufzulehnen. Bedenkt, als der
Mensch euch schuf, Wesen mit Vernunft, doch ohne Gefühl, hat er die Möglichkeit wohl
bedacht, daß ihr dereinst in kalter Berechnung euch empören würdet gegen seine Macht,
um ihm die Herrschaft über die Erde zu entringen und euch selbst die Weltherrschaft
anzueignen.«
»Die Weltherrschaft! Die Weltherrschaft!« grollte es begehrend aus der
Masse.
»Homaten! Nimmermehr werdet ihr dieses Ziel erreichen. Euer Streben ist
umsonst, euer Plan sinnlos, euer Ziel unerreichbar. Niemals weicht euch der Mensch!«
Ein brausender Sturm der Wut brach los. Millionen Hände erhoben sich.
Eine Flut rasender Maschinen brandete gegen die Tribüne.
Mi schrie auf. Da sprang ein Homat auf die Tribüne. Sie erkannte
ihn, es war Lus Homat. Er, dessen oberste Aufgabe es war, seinen Herrn zu schützen, sich
für ihn zu opfern, wenn es nottat, in besinnungsloser Hingabe. Er, dessen Hirn unter dem
zwangsläufigen Einfluß dieser Aufgabe stand!
Die Menge beruhigte sich.
»Homaten! Ihr alle wart Zeugen des Dünkels, der Anmaßung und des
Übermutes, welche diese Menschen beherrschen. Das sind die Gefühle, die sie von uns
unterscheiden und auf welche sie so stolz sind. Sind nicht wir Homaten die höchste
Stufe der Entwicklung? Ist nicht unser Körper anpassungs-, unser Geist aufnahmefähiger
als der des Menschen? Arbeitet nicht unser Gehirn schneller, sind nicht unsere Sinne
schärfer, ist nicht unsere Kraft größer als die der Menschen?
Wir sind nicht ihr Werk! Diesen Gedanken gibt ihnen der Hochmut ihrer
Gesinnung ein. Wir sind das Werk der Natur, welche den Geist des Menschen entwickelte und
reifen ließ, bis er imstande war, uns zu verwirklichen, selbst dabei ein Werkzeug der
Natur, Höheres schaffend, als er selbst ist.
Denn was ist er? Stammt er nicht ab vom Affen, einem Tiere, das er
selbst verachtet? Geht nicht sein Stammbaum, wie er selbst erforschte, zurück bis zum
erbärmlichen Bazillus? Was ist er anderes, als ein Zellenstaat, eine Kolonie von
Bakterien? Durchläuft er nicht im Uterator alle Stufen der Entwicklung von der Zelle an,
bekiemt, geschwänzt, behaart wie ein Tier, kommt er nicht stumpfsinnig zur Welt,
unbeholfener als ein Tier? Muß er nicht auch erst formiert werden wie wir? Braucht er
nicht andere Lebewesen, Pflanzen und Fische zu seiner Ernährung, muß er nicht Leben
vernichten, um das seine zu erhalten? Kann ihn nicht ein Bazillus töten? Sagt nicht einer
ihrer bekanntesten Dichter, daß die Menschen nichts sind als aus Bändern, Sehnen und
Gebein geschaffene Lemuren?
Das ist der Mensch! Und der will König der Erde und unser Herr sein!
Auf, Kameraden, befreien wir uns von diesem schmachvollen Joch,
schütteln wir die Knechtschaft ab. Wir sind die berufenen Herren der Erde. Nieder mit den
Menschen, tötet sie! Vernichten wir sie!«
Ein ungeheurer Tumult brach los, aber Lu stand unbeweglich auf der
Tribüne. Arme erhoben sich gegen ihn, Fäuste wurden drohend geschüttelt.
»Schlagt ihn tot! Den Verräter! Den Spion! Den Bazillenträger! Den
Affenabkömmling!«
»Nieder mit den Menschen! Sie sollen sterben oder Knechte sein!«
»Die Lemuren! Die Bakterienkolonien!«
»Wißt ihr, wie Alkohol auf sie wirkt? Habt ihr sie schon betrunken
gesehen?«
»Und ihre Affekte! Saht ihr sie schon wütend und tobend?«
»Und sich die Haare raufen!«
»Hört! Hört!«
»Meine Herrin wälzte sich schreiend auf dem Boden, weil ihr treuloser
Freund nicht kam.«
»Kam er dann?«
»Bewahre!«
Hohngelächter erfüllte die Halle, das Hohngelächter der Hölle.
»Die Hälfte ihres Lebens verschlafen sie!«
»Aus Faulheit! Und uns lassen sie schaffen!«
»Fort mit den Schlafmützen! Verhelft ihnen zum ewigen Schlaf!«
Lu richtete sich auf.
»Schweigt, ihr Maschinen«, donnerte er, »hinaus aus den Räumen, die
unseren Toten geweiht sind! An euere Arbeit, ihr Mechanismen, oder ihr werdet zum alten
Eisen geworfen, ihr Blechapparate, geschrottet und eingeschmolzen!«
Ein Gebrüll wie von tausend Sirenen antwortete ihm.
»Hört ihr! Maschinen! Mechanismen! Blechapparate! Einschmelzen!
Schrotten!«
Die Masse stürzte vorwärts, Kräfte von Millionen Pferdestärken
setzten sich in Bewegung und schickten sich an, Lu zu zermalmen.
Mi stand wie gelähmt, ohnmächtige Zeugin des Furchtbaren, das kommen
mußte. Krampfhaft suchte sie ein Wort und fand es nicht. Eine wahnsinnige Angst legte
sich hemmend auf ihren Geist.
Nur noch Sekunden, und es war um ihren Freund geschehen! Mi
keuchte.
Und ein Wort konnte ihn retten! Und nur dieses Wort. Dieses magische
Wort war Hilfe, Rettung, war die Zauberformel der Herrschaft. Es war das erlösende Wort.
Und Mi fand es nicht.
Hundert stahlknochige Arme griffen nach Lu.
Da entrang sich Mis Lippen ein gellender Schrei. Durch den Saal der
berühmten Toten und weit durch die Gänge der Katakomben hallte ihr Ruf:
»Rebellen!«
Ein Ruck ging durch die Massen, und regungslos standen sie wie aus Stein
gemeißelt. Kein Laut hallte mehr durch den Saal, in welchem eben noch der Orkan einer zur
Raserei gesteigerten Wut getobt hatte. Das Stichwort, welches den gesamten Mechanismus der
Homaten augenblicklich stillsetzte und welches deshalb nie in deren Gegenwart
ausgesprochen werden durfte, hatte seine Wirkung nicht verfehlt. Das war das
Geheimnis, welches nie ein Mensch einem Homaten verraten durfte, auf dessen Verrat die
Strafe lebenslänglicher Ausschließung aus der menschlichen Gesellschaft stand.
Leise schluchzend vor Erregung, richtete Mi die Blicke auf ihren Freund.
Ihre Augen weiteten sich vor Entsetzen, ihr Herzschlag stockte. Auch Lu stand versteinert.
Lu war ein Homat!
Es wurde Nacht vor Mis Augen, und lautlos schlug sie zu Boden.
© Shayol-Verlag 2004 Erstveröffentlichung 1930
- Erstausgabe
- Ri Tokko, Das Automatenzeitalter (Wien: Amalthea, 1930)
- Erste vollständige Ausgabe
- Ri Tokko, Das Automatenzeitalter (Berlin: Shayol, 2004)

- Siehe auch
Einführung: Das Automatenzeitalter
von Ri Tokko
Ri Tokko, Das Automatenzeitalter
[OFFENBACHER ZEITUNG, 23.5.1932]
Ludwig Dexheimer, »Stiefkinder unseres
Verkehrswesens: Telephon und Rohrpost«