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| Das Magazin für Science Fiction & Fantasy • Ausgabe 61 • Story |

sicher bist du ziemlich erstaunt, von mir zu hören. Ich bin es übrigens wirklich, obwohl ich zugeben muss, dass mir nicht nur dein Name ständig entfällt – Laura? Susi? Ottilie? –, sondern dass ich auch meinen anscheinend vergessen habe. Ich habe vor, immer wieder verschiedene Kombinationen auszuprobieren: Joey liebt Lola, Willi liebt Suki, Heinrich liebt dich, Liebes, Gabriele? Zuckermäulchen, Liebling. Kommen dir davon irgendwelche bekannt vor?
Letzte Woche dachte ich andauernd, irgendetwas würde geschehen, das war so eine Art kribbeliges Gefühl. Etwas würde passieren. Ich habe meinen Unterricht durchgezogen, bin nach Hause und zu Bett gegangen, die ganze Woche harrte ich der Sache, die da kommen würde, und dann, am Freitag, bin ich gestorben.
Eines der Dinge, die mir entfallen sind, ist das Wie, oder vielleicht eher das Warum. Wie mit den Namen. Ich erinnere mich, dass wir in einem Haus auf einem Hügel in einer kleinen gemütlichen Stadt neun Jahre lang zusammenwohnten, dass wir keine Kinder hatten – außer dem einen Mal, na ja, fast – und dass deine Kochkünste sehr zu wünschen übrig ließen, o mein Liebling – Corinna? Cordula? –, die meinen ebenso, und dass wir außer Haus gegessen haben, so oft wir es uns leisten konnten. Ich unterrichtete an einer guten Universität- Princeton? Berlin? Notre Dame? Ich war ein guter Lehrer, und die Studenten mochten mich. Aber ich kann mich nicht an den Namen der Straße erinnern, wo wir wohnten, oder an den Autor des letzten Buches, das ich gelesen habe, oder an deinen Nachnamen, der ja auch meiner war, oder wie ich starb. Das ist schon verrückt – Sara? –, aber die einzigen beiden Namen, bei denen ich mir sicher bin, dass es sie gab, sind Luli Bellows, das Mädchen, das mich in der 4. Klasse verprügelte, und der Name deiner Katze. Den Namen deiner Katze werde ich aber jetzt noch nicht auf Papier verewigen.
Wir hatten vor, das Baby Beatrix zu nennen. Das ist mir gerade wieder eingefallen. Wir wollten ihm den Namen deiner Tante geben – die, die mich nicht leiden kann. Nicht leiden konnte. Ist sie denn zu meiner Beerdigung gekommen?
Ich bin seit drei Tagen hier, und ich tue so, als ob ich auf Urlaub wäre, wie jener Urlaub auf der Insel in diesem Land – Santorini? Großbritannien? Die mit all den Klippen. Die mit dem Hotel, das nur Etagenbetten anzubieten hatte und kleine rosafarbene Quadrate als Klopapier, wie Taschentücher. Im Fenster lagen Muscheln, nicht wahr?, so durchsichtig wie Flaschenglas. Roch es nach Bleichmittel? Es war eine sehr nette Insel. Keine Bäume. Du hast gesagt, wenn du sterben solltest, würde der Himmel hoffentlich so einer Insel gleichen. Und jetzt bin ich tot und finde mich hier wieder.
Dies hier ist auch eine Insel, glaube ich. Es gibt einen Strand, und unten am Strand steht ein Briefkasten, in den ich diesen Brief werfen werde. Vom Strand und dem Briefkasten abgesehen, gibt es dieses Gebäude, in dem ich sitze und Briefe schreibe. Es scheint ein wirklich wunderbares Ferienhotel zu sein, ohne Gäste, ohne Empfangspersonal, ohne Gastgeber, ohne Animateur, ohne Page. Es gibt nur mich. Und einen Fernseher, sehr altmodisch, im Foyer. Ich habe lange versucht, die Antenne auszurichten, jedoch nie ein Bild hereinbekommen. Nur Rauschen. Ich stellte mir Bilder und Leute in dem Rauschen vor. Ich hatte den Eindruck, sie winkten mir zu.
Mein Zimmer befindet sich im zweiten Stock. Mit Blick aufs Meer. Alle Zimmer hier haben Meerblick. In meinem Zimmer steht ein Schreibtisch, und in einer Schublade liegt ein großzügig bemessener Vorrat einfaches, wachsiges, weißes Papier und Umschläge. Leda? Maria? Gertrud?
Ich habe mich noch nicht außer Sichtweite des Hotels getraut – Lotte? –, weil ich Angst habe, dass es möglicherweise nicht mehr da ist, wenn ich zurückkehre.
Alles Gute,
du weißt wer.
Der Tote liegt im Hotelbett auf dem Rücken, mit den Händen streicht er ruhelos und neugierig über seinen Körper, als gehöre ihm dieser gar nicht. Eine Hand umfasst seine Hoden, die andere zieht einmal fest an seinem erigierten Penis. Seine Fersen bohren sich in die Matratze, und seine Augen sind offen, wie auch sein Mund. Er versucht, einen Namen auszusprechen.
Draußen scheint der Himmel viel zu nahe zu sein, mit der Konsistenz eines grauen Stoffs, der nur widerwillig Licht durchlässt. Der Tote hat festgestellt, dass es nie heller oder dunkler wird, aber manchmal fängt die Luft an, schwerer zu werden, und dann fällt etwas vom Himmel, faustgroße Klumpen weißlich-grauen, teigigen Materials. Es fällt so lange, bis der Strand völlig damit bedeckt ist, und dann löst es sich sofort wieder auf. Der Tote war draußen, als der Himmel das erste Mal herunterkam. Jetzt wartet er immer drinnen, bis der Strand wieder frei ist. Manchmal sieht er fern, obwohl der Empfang schlecht ist. Das Meer kommt den Strand herauf und fließt wieder zurück, bei Flut saugt es spielerisch am Briefkasten. Das Wasser ist dem Toten nicht ganz geheuer. Es riecht nicht nach Salz – so, wie Meer riechen sollte. Cara? Jasmin? Es riecht wie nasse Polster, verbranntes Fell.
