![]() | |
| Das Magazin für Science Fiction & Fantasy • Ausgabe 61 • Story |

»Miserabel!« Mit hinter dem Rücken verschränkten Armen hatte sich Professor Gustus van Schwelm vor der nikotingelben Rigipswand aufgebaut, an der die Bilder mit Heftzwecken befestigt waren. »Für eine Tomographie sind die Ergebnisse einfach miserabel. Und die Röntgenaufnahmen sind ebenfalls für den Mülleimer.«
»Wir haben alles versucht«, sagte Soeren und spürte das vertraute nervöse Ziehen in der Magengrube. Van Schwelm brachte es in jeder Diskussion fertig, binnen Sekunden die verschiedensten Nebenkriegsschauplätze zu eröffnen. In seiner weißen, viel zu weiten Laborkluft, den ausgelatschten Birkenstocks und den grellgrünen Socken, die er dazu trug, wirkte er wie ein harmloser alter Kauz, dem man das immense Fachwissen genauso wenig ansah wie seine spitze Zunge.
Der Professor nahm seine Brille ab, rieb sich zwischen Daumen und Zeigefinger den Nasenrücken, setzte die Brille wieder auf und trat an seinen Schreibtisch. »Wie auch immer, Hendrikk. Mit den Aufnahmen kann ich nicht viel anfangen.«
Nanette Bucoise rückte ihren Stuhl ein Stückchen vor. »Immerhin ist das Gehirn deutlich zu erkennen. Und die Rückenmarksverdickungen sind auszumachen.« Sie deutete mit ihrem Laserpointer auf die entsprechenden Stellen. »Intumescentia cervicalis und lumbalis. Hier und hier. Der Rest hingegen ... nun, das Ding ist uralt. Ein Wunder, dass sich überhaupt so viel erhalten hat.« Sie lächelte dem Professor zu und ignorierte geflissentlich Soerens dankbaren Blick, schlug jedoch die Beine so übereinander, dass ihr roter Rock ein Stückchen hochrutschte.
»Unsinn!« Van Schwelm öffnete die Zigarrenbox, die seit Jahren neben seinem Telefon stand und von der manche Mitarbeiter der Stiftung behaupteten, sie müsse sich permanent von selbst auffüllen, warf einen nachdenklichen Blick hinein und klappte sie wieder zu. »Pompeji wurde 79 nach Christus ausgelöscht. Das ist fast zweitausend Jahre her. Eigentlich dürfte bis auf Knochen gar nichts erhalten sein. Wie in den übrigen Hohlräumen. Hier hingegen fehlt das Skelett völlig. Nur diese Fasern sind noch da. Dass sich dort, wo das Gehirn ist, ein besonders dichter Klumpen befindet, kann auch Zufall sein.«
»Genau das meinte ich doch«, behauptete Nanette unverfroren.
Van Schwelm ließ sich in seinen Ledersessel fallen, außer der Zigarrenkiste das einzige Stück Mobiliar, das dem karg eingerichteten Raum so etwas wie eine persönliche Note verlieh. Er griff nach den Unterlagen, die Soeren mitgebracht hatte, blätterte in den Papieren, runzelte einige Male die Stirn und legte sie schließlich wieder beiseite. »Darin steht, dass dieses Ding, was immer es sein mag, unsichtbar ist. Sind Sie sicher, dass da nicht jemand der Stiftung einen Streich spielen will?«
»Habe ich auch erst gedacht«, sagte Soeren. »Aber wir haben den Hinweis von Korbler erhalten. Der neue Praktikant, der im Herbst bei uns anfängt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er seinen Einstand mit einem schlechten Scherz beginnen will. Für uns ist es ein Glücksfall, dass ausgerechnet er vor Ort war. So haben wir rechtzeitig genug davon erfahren, um den Spießrutenlauf durch die italienischen Behörden auf ein Minimum zu reduzieren.«
»Außerdem ist unsichtbar sicherlich der falsche Begriff«, ergänzte Nanette. »Die Fasern sind lediglich niemandem aufgefallen. Korbler wurde stutzig, weil er höchstens zwei Drittel der sonst benötigten Gipsmasse einfüllen konnte, aber da war es natürlich schon zu spät, den Hohlraum noch einmal genauer zu untersuchen.«
Bereits 1863 war der Archäologe Guiseppe Fiorelli während der Ausgrabungsarbeiten bei Pompeji auf die Idee gekommen, Gipsabdrücke der Hohlräume anzufertigen, die die unter meterhohen Ascheschichten begrabenen und im Laufe der Jahrhunderte zerfallenen Körper der Menschen hinterlassen hatten, die dem Vesuv-Ausbruch zum Opfer gefallen waren.
Als Soeren vor Ort war, um Korblers Entdeckung für die Stiftung loszueisen, ehe bekannt wurde, was da überhaupt entdeckt worden war, hatte er sich die Ausgrabungen angesehen. Besonders der Garten der Flüchtlinge, in dem dreizehn dieser Gipsabdrücke ausgestellt waren, hatte einen tiefen Eindruck bei ihm hinterlassen. Ein Mann war in halb sitzender Position gestorben, auf den rechten Arm gestützt, den Oberkörper vorgebeugt, und Soeren hatte die Lider geschlossen und versucht, diesen in der Zeit erstarrten Augenblick des Todes vor seinem geistigen Auge wieder auferstehen zu lassen, den schwefligen Gestank der mörderischen Gaswolken, den Geschmack von Asche und heißem Staub und Untergang, das Schreien und Weinen der Menschen nachzuempfinden, und dann hatte sein Handy geklingelt und ihn aus der morbiden Faszination gerissen und in einen extrem trockenen und völlig unprosaischen süditalienischen Sommernachmittag zurückgeholt. Gerade einmal zwei Tage war das her.
»Wir finden es schon noch heraus«, behauptete van Schwelm und nahm sich jetzt doch eine Zigarre und den Cutter aus seiner Kiste, schnitt den Zigarrenkopf ab und legte den Cutter zurück. »Aber dazu werden wir die Gipsfigur öffnen müssen.« Er kramte sein Zippo aus der Seitentasche seines Kittels, zündete die Zigarre an, inhalierte genießerisch und ließ das Feuerzeug wieder zuschnappen. »Und zwar noch heute.«
