epilog.de > Alien Contact > Alien Contact 61 > Ian Watson: Invasion der Uranier [Story]
epilog.de
Filme
Bücher
Personen
Texte

Magnet-Manufaktur

Epilog für
den Urlaub:

 

Ian Watson

Invasion der Uranier

Seite 1 »

Riesige schmutzige Rauchwolken quellen aus den zahlreichen Schornsteinen des Schlachtschiffs Viktor, unseres Siegers, und treiben westwärts über die Wellen des Atlantiks. Nehmen die Menschen in der fernen Karibik einen schwachen Geruch wahr, wenn wir vorbeiziehen? Fragen sie sich, ob Afrika in Flammen steht? So phantasiere ich – doch schon bald wird England brennen!

Es versteht sich von selbst, dass die Schornsteine der Viktor so angeordnet sind, dass der Rauch die Feuerleitstände nicht verhüllt, doch im fernen Dunst, den wir erzeugen, könnte es schwierig werden, den genauen Punkt auszumachen, an dem unsere Granaten einschlagen, falls sich feindliche Schiffe am verschwommenen westlichen Horizont zeigen sollten. Genauigkeit bei hoher Reichweite ist immer ein großes Problem. Das gewaltige Mündungsfeuer, die Vibrationen, die Schwingungen der langen Geschützrohre. In diesen Dunst müssen wir, August Lenz und ich, mit Adleraugen durch unsere Zeiss-Feldstecher starren.

Welch ein Anblick, wenn unsere superschweren Kanonen einen Probeschuss mit einer Superkaliber-Granate abfeuern! Die gelbe Kordit-Stichflamme hängt wie ein heißer Orgasmus in der Luft.

Im Vergleich dazu ist der Rauch unbedeutend, den die Dampflok ausstößt, wenn sie Besatzungsmitglieder, Zwangsarbeiter und verschiedenste Güter über das Deck transportiert, zwischen Bug und Heck hin und her, die sieben Kilometer auseinander liegen. Die Bord-Bahnhöfe sind nach den Stadttoren von München benannt – Isartor, Sendlinger Tor, Karlstor –, aber auch nach dem Hofbräuhaus, obwohl das einzige Bier, das in der Marine unter dieser Bezeichnung serviert wird, alkoholfrei ist.

Es stammt aus der großen Brauerei von Swakopmund und ist durchaus schmackhaft. Der deutschen Entsaltzungstechnik gelingt es mühelos, das Brauereigewerbe im trockenen Südwestafrika zu beliefern und den Durst Hunderttausender Kehlen zu löschen.

So gewaltig ist unser Schiff, dass es gar nicht wie ein Schiff wirkt, sondern wie eine ununterbrochene stählerne Küste – keine Elfenbeinküste, sondern eine Eisenküste. Und es ist eine Küste voller Schwerindustrie – rauchende Schornsteine, so weit das Auge reicht. Welch eine Demonstration der Macht Deutschlands! Selbst im leichten Sturm lässt uns das Meer kaum erzittern. Heute wogt das graue Wasser sanft wie die Rücken unzähliger Wale.

»Man sagt«, murmelt August, mein geliebter Gustl, »dass der Führer in Wirklichkeit gar nicht so sehr daran interessiert ist, England einen vernichtenden Schlag zu versetzen. England ist bereits am Verhungern. Eigentlich will er Ludwig Wittgenstein in Cambridge gefangen nehmen und ihn an einer Klaviersaite aufhängen, um ihn zum Schweigen zu bringen. Deshalb will der Führer während der letzten Angriffsetappe persönlich an Bord der Viktor gehen, trotz aller Gefahren.«

»Welche Gefahren? Ungeachtet unserer halbmeterdicken Panzerplatten wird der Führer stets durch die Vorsehung geschützt.« Ich blicke mich um – genau das, was ein Ausguck tun sollte! »Vielleicht sogar durch Magie? Wer weiß, welche Rituale die leitenden Kameraden von der SS auf Burg Wewelsberg heraufbeschwören?« Die blonden, männlich schwarz gekleideten SS-Jungs – nein, denk jetzt nicht an sie! Mein Gustl hat kastanienfarbenes Haar, und seine Augen sind haselnussbraun.

»Aber die Kanonen von Dover ...« Manchmal ist er ein wenig furchtsam, mein Gustl. Er sieht einfach hinreißend aus in seiner Tropenuniform, im weißen Baumwollhemd mit den blauen Manschetten, den ausgestellten weißen Hosen. Jeden Tag könnte der Befehl eintreffen, dass wir unsere nördlicheren Uniformen anlegen müssen, die mit den schrecklich rauen Hosen.

Ich will meinen Gustl beruhigen.

»Wir werden diese Kanonen aus vierzig Kilometern Entfernung zerschießen. An Land agiert unsere fünfte Kolonne, die uns über Funk die Position mitteilt. Bestimmt! Die Briten werden überhaupt nicht wissen, wo wir sind.«

Hmm, selbst mit der Unterstützung durch Spione könnten wir ganz Dover und Umgebung bombardieren, ohne dass unsere Granaten eine einzige Kanone treffen.

Gustl wagt es, meinen Oberschenkel zu streicheln, überzeugt, dass niemand mehr als unsere Oberkörper sehen kann, hier auf unserem Ausguckmast hoch über der Achterbrücke. Fast gleicht er den schlanken Märchentürmen von Schloss Neuschwanstein, das der Führer so sehr liebt.

»Dietl, mein Geliebter ...«

Selbst wenn wir hier oben zusammen sind, von Panzerplatten umschlossen, müssen Gustl und ich sehr vorsichtig sein. Die Liebe eines Mannes zu einem Mann ist eine verbotene Liebe! Derartige Gefühle müssen zur Kameradschaft erhöht werden, zur Solidarität zwischen Soldaten oder Seeleuten, sagt die Partei. Wehe denen, die sich nicht mäßigen können! Viele Männer, die uranische Gefühle erlebt haben, sind kastriert worden oder verschwunden. Eifert unserem Führer nach! Gerüchten zufolge enthält er sich jeglichen Verkehrs mit Eva Braun, so lange, bis seine Mission endgültig erfüllt ist. Er muss seine gesamte Energie auf die Führung des Deutschen Reiches konzentrieren.

Wenn der Krieg gewonnen ist, wenn ganz Europa von England bis zum Ural zu einem geläuterten Großen Vaterland geworden ist – wird es Gustl und mir dann möglich sein, gemeinsam und in aller Offenheit in ein Badehaus zu gehen? Und wo würde sich ein solches Badehaus finden?

Nur im schwülen Angola oder vielleicht im Kongo, wo die Offiziellen ein Auge zudrücken oder selbst unsere Neigungen teilen. Ach, welche Freuden Gustl und ich während des Landurlaubs in den Tropen erleben durften, wo wir als Besatzung der gewaltigsten jemals gebauten Schlachtschiffe ausgebildet wurden!

Welch ein Unterschied zur Akademie im preußisch-strengen Potsdam. In einem bestimmten Badehaus in Luanda – ach, die schwarzen Hengste, die dort bedienten! – hörte ich von einem zuverlässigen Augenzeugen, dass in Weimar und Bayreuth Etablissements für Uranier überlebt haben, die hoch genug in der Parteihierarchie stehen, um nicht unter die strengen anti-uranischen Gesetze zu fallen. Wie kann etwas, das Gustl und ich gemeinsam in privater Abgeschiedenheit zu unserem Vergnügen tun, wenn sich uns die Gelegenheit bietet, bestraft werden, während jenen, die an der Macht sind, das Gleiche erlaubt ist? Wie kann der Führer in seiner Weisheit über eine derartige Ungerechtigkeit hinwegsehen? Vielleicht weiß dieser Magier und König der Menschen nichts davon. Große Herrscher müssen sich manchmal auf eigennützige Berater verlassen, die ausgezeichnete Arbeit leisten, doch gleichzeitig ihre eigenen Bedürfnisse und Ambitionen fördern.

Wenn doch nur jemand den Führer über diese Heuchelei aufklären würde! Was einigen erlaubt ist, sollte allen gestattet sein, wie es früher einmal war. Oder niemandem! Mir wäre allen lieber. Nein, was rede ich da! Viele Männer, wahrscheinlich die meisten, finden wahren Genuss an Frauen. Wie sonst sollte sich unsere Art fortpflanzen? Vielleicht besteht die wahre Absicht hinter den anti-uranischen Gesetzen darin, das Bevölkerungswachstum zu fördern. Bei der Erringung unserer Siege haben wir viele Männer verloren. Die weißen Flecken auf der Landkarte müssen mit Vertretern der germanischen und nordischen Rasse ausgefüllt werden. Der Führer ist weise.

Deutsche Erstveröffentlichung • Originaltitel: »An Appeal to Adolf«
© 2004 Ian Watson • Mit freundlicher Genehmigung des Autors (Thanks, Ian!)
Erstdruck in: Pamela Sargent (Hrsg.), Conqueror Fantastic (New York: DAW, 2004)
Deutsch von Bernhard Kempen © 2004
Erschienen in
Hardy Kettlitz u.a. (Hrsg.): [[buch.kettlitz-hardy-1966.alien-contact-jahrbuch-2004|Alien Contact – Jahrbuch f
Links
Website von Ian Watson
Lieferbare Titel mit dem Stichwort Ian Watson
© copyright 1997-2011 by EPILOGmedia • Alle Rechte vorbehalten
eMail: dialog@epilog.de | Impressum | AGB + Widerrufsrecht