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Science Fiction und Satire

Eine Betrachtung von Christian Hoffmann

Science Fiction
Alien Contact
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»Die Satire ist eine Art Spiegel, worin der Betrachter im allgemeinen das Gesicht eines jeden erkennt, nur das eigene nicht.«
Jonathan Swift

»SF hat uns allen viel zu sagen, denn sie ist, wenn von Qualität, ein Spiegel, in dem wir unsere Welt sehen, unsere Zukunft und uns selbst.«
Frederik Pohl

Ein Blick in den Spiegel

Jede Art von Literatur, vom Heimatroman bis hin zu anspruchsvoller experimenteller Lyrik, spiegelt auf die eine oder andere Weise die Realität des Schriftstellers wider. In der Science Fiction wirft diese Reflexion im Vergleich zu anderer Literatur ein besonders merkwürdig verzerrtes Bild der Wirklichkeit zurück: nämlich die Mischung aus einer der tatsächlichen Realität ähnelnden Abbildung und der Spiegelung einer möglichen zukünftigen Welt. Im Falle guter SF wirkt dieses seltsame Zerrbild auf den Leser glaubwürdig, im Falle schlechter SF lächerlich oder langweilig.

Wie in jeder literarischen Gattung ist auch in der SF ein häufig eingesetztes Mittel zur Erzeugung bzw. Verstärkung dieses Spiegeleffektes die Satire.

Das Wort Satire leitet sich vom lateinischen »satura« ab, das ursprünglich »eine mit Früchten gefüllte Schale«, im übertragenen Sinne also so viel wie eine bunte Mischung bedeutet. Als literarische Darstellungsform prangert die Satire mittels Ironie, Parodie, Spott und Übertreibung – bis hin zur Groteske – gesellschaftliche Fehlentwicklungen an und gibt dadurch bestimmte Situationen, aber auch Personen bzw. deren Werke und Taten der Lächerlichkeit Preis. Die der Satire eigene Taktik der Verfremdung hat einerseits den Sinn, den Leser – sozusagen auf Umwegen – zum Nachdenken anzuregen, andererseits soll dadurch etwaige Zensur oder gar Bestrafung vom Verfasser abgewendet werden. Satirische Elemente sind bereits in der Literatur des alten Ägyptens zu finden, einen ersten Höhepunkt erlebte die Satire im antiken Griechenland in den häufig nachgeahmten und stilprägenden Schriften des Kynikers Menippos. Ohne die gesamte Historie der Satire aufrollen zu wollen, sei hier gesagt, dass seitdem in allen Menschheitsepochen Satire in verschiedenen Formen und Ausprägungen Einzug in die Literatur fand.

Satirische Vorläufer der Science Fiction

Als sehr frühe Beispiele satirischer SF können die Erzählungen Ikaronemipos è hypernephelos (dt. als Ikaronemippos oder Die Luftreise) und Alethes Historia (dt. als Eine wahre Geschichte) des Lukianos von Samosata gelten, die im zweiten Jahrhundert nach Christus entstanden. In beiden werden Flüge zum Mond geschildert sowie nicht nur Zeitgenossen Lukianos’, sondern auch die Werke anderer Autoren parodiert. Besonderer Gegenstand des Spotts dieser auch heute noch lesbaren und vergnüglichen Geschichten sind die oft übertriebenen und unglaubwürdigen Reiseerzählungen der Zeitgenossen Lukianos’. Ebenfalls um Reisen ins Sonnensystem geht es in den beiden Romanen Histoire comique contenant les estats et empires de la lune (1657, dt. u. a. als Die andere Welt oder die Staaten und Reiche des Mondes) und L’histoire comique contenant les estats et empires de soleil (1662, dt. u. a. als Die Staaten und Reiche der Sonne) aus der Feder Cyrano de Bergeracs. Erstaunlicherweise begnügte sich de Bergerac nicht damit, der Gesellschaft aus der sicheren Entfernung des Weltraums heraus einen satirischen Zerrspiegel vorzuhalten, sondern hatte tatsächliches Interesse an den praktischen Seiten der Raumfahrt. Auch wenn seine Reisen in den Weltraum natürlich auf heutige Leser, gelinde gesagt, befremdlich wirken, hat sich Cyrano de Bergerac tatsächlich um plausible wissenschaftliche Grundlagen bemüht.

Als spätere Beispiele satirischer Literatur mit phantastischen Zügen seien Francois Rabelais’ Gargantua et Pantagruel (1532-1564, dt. als Gargantua und Pantagruel), Miguel de Cervantes Saavedras El ingenioso hidalgo Don Qixote de La Mancha (1605-1615, dt. u. a. als Der sinnreiche Junker Don Quijote von La Mancha) und Jonathan Swifts Travels into Several Remote Nations of the World by Lemuel Gulliver (1726, dt. u. a. als Gullivers sämtliche Reisen) genannt. Besonders letzterer Roman ist ein gutes Beispiel für einen echten SF-Vorläufer. Elemente des Staatsromans, der Abenteuererzählung und der Humoreske machen Gullivers Reisen auch heutzutage nicht nur zu einem der beliebtesten Jugendbücher, sondern zu einer für SF-Fans äußerst lohnenswerten Lektüre. Ebenfalls von hohem Interesse ist Voltaires Erzählung Micromégas (1750, dt. als Mikromegas), in der ein außerirdischer Riese die Erde besucht.

Staatsromane, besonders diejenigen der dystopischen Art, dürfen natürlich nicht vergessen werden, wenn es um Satire und SF-Vorläufer geht. Hier nimmt der satirische Spiegel in Form von politischer Extrapolation eine zentrale Stelle ein; selbst Utopien, die ja für gewöhnlich ein mehr oder weniger perfektes Gemeinwesen schildern, spiegeln darin letztlich die Missstände der realen gesellschaftlichen Umwelt des Autors wider.

Satirische Elemente in der anglo-amerikanischen SF des 20. Jahrhunderts

Als sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts die Entwicklung der modernen SF abzuzeichnen begann, spielte die Satire dabei ebenfalls eine wichtige Rolle. So beinhaltet The Time Machine (1895, dt. als Die Zeitmaschine) von H. G. Wells einige ätzende Seitenhiebe auf das Verhältnis von Arbeiterklasse und Oberschicht, während The War of the Worlds (1898, dt. als Der Krieg der Welten), ebenfalls von Wells, das Problem der übermächtigen Kolonialmacht, die praktisch wehrlose fremde Völker unterdrückt bzw. sogar vernichtet, ironisiert. Wells kehrt hier die herkömmliche Erzählweise um und macht Großbritannien zum Opfer einer Invasion technisch überlegener, gnadenloser Marsianer. Man sollte allerdings sehr vorsichtig sein, die satirischen Elemente in H. G. Wells’ Romanen zu sehr zu betonen; sie regen zwar zum Nachdenken über manch reale Missstände an, sind jedoch in keiner Weise zum Lachen.

Technikbegeisterung ohne gesellschaftliche oder gar psychologische Extrapolation dominierte lange Zeit die amerikanische Genre-SF. Daher findet man auch in den Storys und Romanen, die in den einschlägigen Pulp-Magazinen abgedruckt wurden, bis etwa 1950 nur wenig Satirisches. Ausnahmen wie Henry Kuttner bestätigten nur die Regel. Eine der bekanntesten Geschichten Kuttners, die er zusammen mit seiner Ehefrau C. L. Moore unter dem Pseudonym Lewis Padgett verfasste, war »Mimsy were the Borogoves« (Februar 1943 in ASTOUNDIG, dt. als »Gar elump war der Pluckerwank«). Darin geht es um außerirdisches Spielzeug, das in die Hände irdischer Kinder gerät; während die Kinder über genügend Phantasie verfügen, um die bizarren Spielsachen zu nutzen, welche in Wirklichkeit hochkomplizierte Apparate sind, stehen die vermeintlich überlegenen Erwachsenen vor einem unlösbaren Rätsel. Wie so oft in der SF-Satire ist auch hier der menschliche Irrtum, auch nur das Geringste von dem zu durchschauen, was im Universum vor sich geht, Zielscheibe des Spotts. Nachdem die Ära der technikbegeisterten und klischeebeladenen Pulp-SF beendet war, fand man in Magazinen wie THE MAGAZINE OF FANTASY AND SCIENCE FICTION und besonders GALAXY eine große Anzahl von Geschichten eines neuen, flotten und pointierten Typs. Einer der ideenreichsten Autoren dieser Art ist sicherlich Robert Sheckley, dessen Romane im Vergleich qualitativ eher abfallen (aber meist immer noch besser sind als die vieler seiner Kollegen). Neben Sheckley entwickelten sich besonders Frederik Pohl und C. M. Kornbluth zu wahren Meistern der satirisch-dystopischen Short Story, die in diversen Sammlungen auch ins Deutsche übersetzt wurden (besonders geeignet, um sich einen Überblick über Pohls Kurzgeschichtenwerk zu verschaffen, ist The Best of Frederik Pohl, 1975, dt. als Die besten Stories von Frederik Pohl). Aus der gemeinsamen Feder Frederik Pohls und C. M. Kornbluths stammt auch einer der berühmtesten satirischen SF-Romane überhaupt: in The Space Merchants (1953, dt. als Eine Handvoll Venus und ehrbare Kaufleute) wird die hoffnungslos übervölkerte Welt von fast schon allmächtigen Werbeagenturen beherrscht. Korruption, Geld- und Machtgier kennzeichnen in The Space Merchants einen gnadenlosen Kapitalismus, der damals sicherlich nur in einem SF-Roman möglich schien. Leider ist in diesem Fall das Zerrbild im Spiegel heute nur allzu real geworden (auch wenn ich nicht behaupten will, dass ausgerechnet Werbeagenturen die alleinige Schuld an der Misere tragen!).

Ein weiterer wichtiger Satiriker dieser Zeit war Eric Frank Russel, der sich in vielen seiner Erzählungen und Romane in besonderer Weise über das Militär und über Bürokratismus lustig machte. Bei ihm haben sture Kommissköpfe gegen gesunden Menschenverstand keine Chance – sie schneiden in der Regel als jämmerliche Verlierer ab. Von Lyon Sprague de Camp stammen zahlreiche mehr oder weniger gelungene Storys, die sich auf ironische Weise mit typischen menschlichen Schwächen beschäftigen. Empfehlenswert sind die in Zusammenarbeit mit Fletcher Pratt entstandenen Erzählungen aus Gavagans Bar (1953 und erweitert 1978 gesammelt als Tales from Gavagan’s Bar, dt. als Geschichten aus Gavagans Bar), in denen allerlei seltsame Schnurren entweder in besagter Bar von den Gästen erzählt werden oder sich dort abspielen.

Eine der bösesten SF-Satiren überhaupt ist Frederic Browns Martians Go Home (1955, dt. als Die grünen Teufel vom Mars). Hier spielt sich die Invasion Außerirdischer ganz anders ab, als man sie sonst gewohnt ist. Die »grünen Teufel vom Mars« hängen ganz einfach überall herum und geben ihre entlarvenden Kommentare ab. Durch ihre Gabe der Telepathie bleibt ihnen nichts verborgen – und sie sind entsetzlich indiskret! Besonders angeblich moralisch hoch stehende Personen wie Priester und Politiker bekommen bei Brown in besonderer Weise ihr Fett weg.

Ebenfalls in die fünfziger Jahre fällt der Beginn der Karriere Kurt Vonneguts, einem der besten und bekanntesten amerikanischen SF-Satiriker überhaupt. Nach einigen Kurzgeschichten erschien 1952 sein erster dystopischer Roman Player Piano (dt. als Das höllische System), in dem es um die totalitäre Herrschaft der Maschinen geht. Sind hier schon ironische Elemente deutlich zu erkennen, zeigen spätere Werke wie The Sirens of Titan (1959, dt. als Die Sirenen des Titan) und Vonneguts vielleicht berühmtester Roman Slaughterhouse-Five or The Children’s Crusade (1969, dt. als Schlachthof 5) eine ausgeprägt satirische Ader. Dabei verbinden sich bissige Gesellschaftskritik, Selbstironie und gut eingesetzter, augenzwinkernder Humor in einmaliger Art und Weise. Oft stehen Vonneguts Bücher an der Grenze zwischen SF und Mainstream, wie etwa Breakfast of Champions or Goodbye Blue Monday (1973, dt. als Frühstück für Helden bzw. Frühstück für starke Männer), in dem Vonnegut (wie auch in einigen anderen Werken) einen SF-Schund-Schriftsteller namens Kilgore Trout auftreten lässt und anhand dieser Person den Literaturbetrieb persifliert. Kilgore Trout ist eine Art Prototyp des unterbezahlten und von der »ernsthaften« Literaturwelt ignorierten Groschenroman-Vielschreibers, der im Grunde aber durch seine eigene, schräge Weltsicht wesentlich mehr zu sagen hat als viele der »künstlerisch wertvollen« Mainstream-Autoren. Philip José Farmer, der schon öfter Themen anderer Schriftsteller aufgegriffen und persifliert hatte, war so von der Person des Kilgore Trout fasziniert, dass er 1974 unter diesem Pseudonym den wahrlich wüsten Roman Venus on the Half-Shell (dt. als Geburt der Venus) verfasste. Darin werden die Abenteuer des Weltraumwanderers Simon Wagstaff geschildert, der auf der Suche nach endgültigen Antworten auf seine Fragen durchs Universum zieht. Farmer schafft es mit Venus on the Half-Shell sowohl Kurt Vonnegut als auch das gesamte SF-Genre in gelungener Weise zu parodieren.

Ebenfalls herausragende Genre-Parodien lieferte immer wieder Harry Harrison ab, ein sehr vielfältiger Autor, der bisweilen jedoch genau die Sorte Roman schrieb, die er sonst so gern aufs Korn nahm. Besonders gelungen ist der erste Band um seinen galaktischen Helden Bill (Bill, the Galactic Hero, 1965; dt. als Der Chinger-Krieg bzw. Der unglaubliche Beginn!), in dem dieser gegen die bösen, bösen Chinger antreten muss. Die Chinger sind die einzige nichtmenschliche Rasse im bekannten Universum, die ein gewisses zivilisatorisches Niveau erreicht hat und allein aus diesem Grund ausgelöscht werden muss! Der daraus resultierende Krieg hat nur wenig mit den in vielen Space Operas üblichen heldenhaften Kämpfen zu tun und wird von Harrison als schwachsinniges und verlogenes Gemetzel entlarvt. Selten gab es in der SF ein Buch, das einerseits eine eindeutig pazifistische Aussage vermittelt und andererseits ziemlich lustig ist, ohne in Peinlichkeit abzudriften. Die späteren Romane um Bill, die Harrison erst Anfang der neunziger Jahre in Zusammenarbeit mit diversen anderen Autoren schrieb, fallen dagegen trotz einiger guter Ideen stark ab, lassen sie doch jeglichen tieferen Sinn vermissen. Ebenfalls satirischen Charakter hat Harry Harrisons Serie um den kosmischen Agenten Jim di Griz, deren erster Band The Stainless Steel Rat bereits 1961 erschien (dt. als Agenten im Kosmos, bzw. Stahlratte zeigt die Zähne). Harrison verbindet in diesen Romanen auf gekonnte Weise recht spannende Unterhaltung und ironisches Augenzwinkern.

New Wave und Satire

Mit dem Aufkommen der New Wave Ende der sechziger Jahre begann eine neue Blütezeit der (zumeist politischen) Satire in der SF. Autoren wie Michael Moorcock, John Sladek und Norman Spinrad, um nur eine Handvoll zu nennen, beschritten inhaltlich und stilistisch neue Wege und sparten dabei nicht an Biss und Witz. Dies, in Kombination mit großem, politischem Engagement, bescherte der Leserschaft eine Unzahl an hervorragenden satirischen Texten, die oftmals auch heute nichts von ihrer Kraft eingebüßt haben. Dabei wurde häufig die SF selbst zur Zielscheibe des Spotts. Klischees und reaktionäres Gedankengut, die noch immer oft genug vertreten waren (was leider auch auf Vieles an heutiger SF zutrifft) forderten geradezu dazu auf, sie durch den Kakao zu ziehen. So erlangte Norman Spinrad traurige Berühmtheit mit The Iron Dream (1972, dt. als Der stählerne Traum), in dem er Adolf Hitler als Fantasy-Autoren auftreten lässt und einen Sword-and-Sorcery-Roman aus dessen Feder präsentiert, der alle chauvinistischen und rassistischen Merkmale vieler anderer Romane tatsächlich existierender »Schriftstellerkollegen« aufweist. Traurige Berühmtheit deswegen, weil diese offensichtliche Parodie in Deutschland indiziert wurde, während die realen und ernst gemeinten Vorbilder weiter frei verkauft werden durften. Ebenfalls aus der Feder Spinrads stammt der bis heute unterschätzte Roman The Men in the Jungle (1967, dt. als Die Bruderschaft des Schmerzes). Hier wird die Grausamkeit des Vietnam-Krieges anhand irdischer Raumfahrer persifliert, die skrupellos einen fremden Planeten unterwerfen. Wie weit diese beiden Romane als »echte« Satiren zu bezeichnen sind, ist allerdings fraglich, denn lachen kann bei dieser Lektüre wahrlich kein Leser mehr! Anders verhält es sich da mit Spinrads vielleicht besten SF-Roman Bug Jack Barron (1969, dt. als Champion Jack Barron), einer der gelungensten Satiren über die Macht der Massenmedien überhaupt. Es ist kaum der Erwähnung wert, dass das Lachen auch hier oft genug einen mehr als bitteren Beigeschmack hat. Von Michael Moorcock, einer der zentralen Persönlichkeiten der New Wave, sind in erster Linie die recht chaotischen und oft schwerverdaulichen Bücher um Jerry Cornelius bekannt. Geradliniger und wohl auch treffsicherer sind da seine Romane um die »Tänzer am Ende der Zeit«. Besonders der erste Band An Alien Heat (1972, dt. als Die Zeitmenagerie, bzw. Ein unbekanntes Feuer) sowie die Fortsetzung The Hollow Lands (1974, dt. als Das Tiefenland) zeigen einen sehr humorvollen Moorcock, der ironisch und spannend zugleich zu erzählen vermag.

Ein weiterer Autor, welcher der New Wave nahe stand, ist John T. Sladek, der mit Sicherheit zu den besten Satirikern der gesamten SF gerechnet werden muss. In seinen Storys und Romanen verballhornt er nicht nur die typischen Klischees der SF, sondern übt ätzende Kritik an Wissenschaft, Militär und dem westlichen Lebensstil. Sein genialer Roboterroman Roderick or The Education of a Young Machine (1980, dt. als Roderick oder die Erziehung einer Maschine) wurde nicht umsonst in Reclams Science Fiction Führer als »...eine der besten Satiren in der Science Fiction« bezeichnet.

Spaß oder Satire?

Als sehr beliebt bei vielen Lesern haben sich die Vertreter der »Funny«-SF und -Fantasy erwiesen. Seit Douglas AdamsThe Hitch Hiker’s Guide to the Galaxy (1979, dt. als Per Anhalter durch die Galaxis) und dessen Nachfolgebänden treten immer wieder Autoren mit teilweise unendlichen Zyklen lustiger Phantastik auf. Während Adams durchaus satirische Kraft, Einfallsreichtum und Subtilität beweist, steht bei den anderen oftmals eher seichte Blödelei im Vordergrund. Nicht selten machen sich die Autoren zwar (meist in liebevoller Weise) über ihr Genre lustig, häufig fehlt es aber an Originalität und Biss, so dass man eigentlich nicht von echter, gelungener Satire sprechen kann. Eine gewisse Rolle spielt sicherlich die Tatsache, dass es einen kulturspezifischen Humor gibt, man in verschiedenen Ländern über unterschiedliche Dinge lacht. So hat beispielsweise Robert Rankin in seiner britischen Heimat größeren Erfolg als bei den deutschen Lesern, was an seinem manchmal recht speziellen Humor liegen mag. Terry Pratchett, einer der prominentesten Verfasser lustiger Fantasy, erreicht dagegen auch bei uns mit seinen Scheibenwelt-Romanen riesige Auflagen.

Auf der Grenzlinie zwischen ernst zu nehmender Satire und reiner Blödelei stehen häufig die mitunter sehr populären Parodien auf Kultbücher und Kultfilme. Von den Werken aus der Feder J. R. R. Tolkiens, Michael Endes, Frank Herberts und Robert E. Howards bis hin zu Kinoepen wie Star Wars wurde schon alles Mögliche mit mehr oder minder großer schriftstellerischer Brillanz verballhornt. Das große Problem dieser speziellen Untergattung der Parodie ist mit Sicherheit, dass sie respektlos genug sein muss, um überhaupt zu wirken, andererseits jedoch auch für die Fans der verspotteten Werke akzeptabel sein muss, um nicht einen Großteil der Käufer zu verschrecken. Damit bleibt oft genug ein eher fader Beigeschmack nach der Lektüre zurück, wird doch treffsichere Kritik an den Mechanismen der populären Kultur durch derbe Komik ersetzt.

Satirische SF außerhalb der englischsprachigen Welt

Selbstverständlich war die Satire stets auch immer außerhalb der angloamerikanischen SF eine feste Größe. Besonders in den Warschauer-Pakt-Staaten blieb den Autoren oft nichts anderes übrig, als ihre Kritik zu tarnen, um nicht mit Repressalien rechnen zu müssen. Leider ging die Tarnung oftmals so weit, dass es außerhalb dieser Staaten kaum mehr möglich war, zu erkennen, was eigentlich genau gemeint war. Man denke hierbei nur an manche der – im Übrigen hervorragenden – Romane der Gebrüder Strugazki.

Jedem SF-Freund sollten die satirischen Geschichten Stanislaw Lems um den Raumfahrer Ijon Tichy u. a. in Dzienniki gwiazdowe (1957, dt. als Sterntagebücher) und der Roman Kongres futurologiczny (1972, dt. als Der futurologische Kongreß) geläufig sein, in denen dem Helden allerlei absurde Situationen widerfahren. Ebenfalls berühmt sind die Robotermärchen aus der Cyberiada (1965, dt. als Robotermärchen bzw. Die Kyberiade), welche die menschliche Suche nach Wissen und Wahrheit in treffsicherer Weise als zum Scheitern verurteilt entlarven. Lem karikiert in seinen Werken nicht nur allgemein menschliche Schwächen und Irrtümer, sondern macht sich in besonderer Weise über allerlei Klischees in der SF-Literatur lustig. Frühere Beispiele satirischer SF aus Osteuropa sind der tschechische Autor Karel Capek mit dem Roman Válka s mloky (1936, dt. als Der Krieg mit den Molchen) und der Russe Michail Bulgakow mit dem Kurzroman Sovac’e serdce (1925, dt als Hundeherz). Während der Wahnsinn jeglicher Großmachtpolitik in Válka s mloky gegeißelt wird, zeigt Bulgakows Werk, wie schnell Menschen durch Ideologien verdorben werden.

Selbstverständlich finden sich auch zahlreiche satirische SF-Bücher aus der ehemaligen DDR. Besonders Johanna und Günter Braun verfassten einige Romane und Erzählungen, in denen sie treffende Systemkritik hinter bizarren Inhalten und Szenarien verbargen. Als herausragendes Beispiel hierfür sei Unheimliche Erscheinungsformen auf Omega XI (1974) genannt. Allerdings darf man nicht (wie so oft nach der Wende geschehen), den Fehler machen, sämtliche satirischen Elemente auf die Zustände im damaligen Ostblock zu beziehen. Gerade die Brauns haben Missstände und Fehlentwicklungen in einen allgemeineren Rahmen gesetzt, so dass ihre Kritik auch heute noch ins Schwarze trifft. Andere Beispiele für erfolgreiche Autoren satirischer SF in der DDR sind Gert Prokop (u. a. in seinen Kriminalgeschichten in Wer stiehlt schon Unterschenkel?, 1974) und Erik Simon, dessen momentan bei Shayol erscheinende Werkausgabe einen guten Überblick über sein vielfältiges Schaffen bietet.

Gute Beispiele für satirische SF von der westlichen Seite der Mauer sind Autoren wie Ronald M. Hahn, Thomas Ziegler und Horst Pukallus, die in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts, als die westdeutsche SF eine kleine Blütezeit erlebte, einige bemerkenswert bissige satirische Texte ablieferten. Hier war die geäußerte Kritik wesentlich offensichtlicher als bei ihren osteuropäischen Kollegen. Eines der gelungensten Beispiele hierfür ist der Roman Alles ist gut (1983) von Thomas Ziegler, in dem allerlei politische Bewegungen anhand der bürgerkriegsähnlichen Situation in einem chaotischen zukünftigen Köln persifliert werden.

Von dem österreichischen Mainstream-Autor Otto Basil stammt ein hervorragender, heute leider fast vergessener, satirischer Alternativweltroman: In Wenn das der Führer wüßte (1966) haben die Nazis den Krieg gewonnen und ein bizarres, unmenschliches Großreich geschaffen, das jedoch durch Bürgerkrieg und einen gleichzeitig vom Zaun gebrochenen Atomkrieg mit Japan dem Untergang geweiht ist. Eine sehr wichtige, äußerst treffsichere und bissige Abrechnung mit dem Nationalsozialismus, die Vergleiche mit Philip K. Dicks weit berühmterem Roman The Man in the High Castle (1962, dt. als Das Orakel vom Berge) nicht zu scheuen braucht.

Als weiteres Beispiel einer gelungenen deutschsprachigen SF-Satire sei Die Enkel der Raketenbauer (1980) von Georg Zauner genannt. In diesen überaus grotesken, lustigen und zugleich hintergründigen »bajuvischen Dokumenten aus dem 3. Jahrtausend« geht es um Mönche, die sich mittels bei Ausgrabungen gefundenen Gegenständen und alten Dokumenten mit unserem Zeitalter beschäftigen – und dabei mit so manchen wunderlichen Sitten und Gebräuchen konfrontiert werden.

Thematisch vergleichbar sind Herbert Rosendorfers Briefe in die chinesische Vergangenheit (1983), sowie dessen Fortsetzung Die große Umwendung (1998), in denen es einen chinesischen Mandarin aus dem 10. Jahrhundert ins heutige München verschlägt. Rosendorfer verspottet darin unseren vorgeblich modernen und aufgeklärten Lebensstil als für Menschen anderer Kulturepochen nur schwer nachvollziehbar.

Leider wurde und wird bekanntlich nur sehr wenig SF aus anderen Sprachen als dem Englischen ins Deutsche übersetzt, aber selbstverständlich gibt es auch in anderen Ländern eine Unzahl an satirischer SF – man denke nur an Sam Lundwall aus Schweden, an Shinichi Hoshi aus Japan, oder an den Franzosen Daniel Walther, die alle äußerst gelungene SF-Satiren verfassten. Jedoch würde es zu weit führen, hier einen Überblick über die satirische SF aller Länder zu geben.

Science Fiction oder Satire?

Bei den Recherchen für diese Arbeit stieß ich erstaunlicherweise regelmäßig in verschiedenen Literaturlexika auf Brave New World (1932, dt. als Schöne neue Welt) von Aldous Huxley und 1984 (1949, dt. als 1984) von George Orwell als Beispiele für moderne Satiren. Anscheinend genügt vielen Literaturwissenschaftlern das SF-Element, um Werke von Mainstream-Autoren als Satire zu kategorisieren. Als eine besondere Spielart der modernen Satire könnte demnach der anti-utopische Roman gelten, in dem reale politische und soziale Fehlentwicklungen anhand einer fiktiven Umgebung übersteigert dargestellt werden. Dies scheint mir mehr als problematisch zu sein, da hier Science Fiction als Gattung mit der als Stilmittel eingesetzten Satire verwechselt wird. Natürlich ist 1984 eindeutig der SF zuzurechnen. Und natürlich hat dieser Roman ein gewisses satirisches Potential, denn immerhin werden hier in bissiger und übertriebener Weise die Missstände, die Orwell attackierte, verzerrt und damit erst deutlich gemacht. Trotzdem kann man darüber streiten, ob 1984 tatsächlich eine Satire ist, schließlich fehlt, wie schon bei H. G. Wells, ein Aspekt völlig, der zur Satire gehört: nämlich das Lächerlichmachen des Gegenstandes der Kritik, das heißt ihn so weit übertrieben oder komisch darzustellen, dass der Leser selbst bei der ernstesten Thematik zum Lachen (je ernster das Thema, desto kälter das Lachen) angeregt wird. Zudem könnte man den Spieß umdrehen und manche Satire kurzerhand zu SF erklären: Jonathan Swifts berühmte Schrift A Modest Proposal for Preventing the Children of Poor People from Being a Burthen to Their Parents or the Country and for Making them Beneficial for the Publick, könnte als Vorläufer des Romans Make Room! Make Room! (1966, dt. als New York 1999) von Harry Harrison gesehen werden, in dem die Überbevölkerung durch das drastische Mittel des Kannibalismus bekämpft wird. Immerhin rief Swift in seiner wahrhaft schwarzen Satire aus dem Jahr 1729, als die Hungersnot und Armut in seiner irischen Heimat unerträglich wurden, vorgeblich dazu auf, die Kinder armer Leute zu schlachten und zum Verzehr anzubieten.

SF spiegelt also die Realität auf ihre eigene Weise wider, Satire auf eine andere. Überschneidungen können möglich sein, jedoch sollte man nicht der Verlockung erliegen, zwei unterschiedliche (wenn auch manchmal verwandt scheinende) Dinge in einen Topf zu werfen.

Nicht immer ist es klar, wann man es mit einem satirischen SF-Text oder einer Satire mit SF-Elementen zu tun hat. Schließlich zählt aber nur, ob ein Schriftsteller es schafft, sein Anliegen für den Leser deutlich zu machen – die Wahl der Mittel ist zweitrangig.

Natürlich konnten nicht alle Autoren, die für das Thema wichtig wären, besprochen werden; man denke nur an R. A. Lafferty, Nelson Bond, Josef Nesvadba, Kir Bulytschow oder Ron Goulart, die allesamt hervorragende Satiren verfasst haben. Und gerade außerhalb der Genregrenzen gäbe es sicherlich noch viel an SF mit satirischem Einschlag bzw. Satiren mit SF-Einschlag zu entdecken. Wie so oft ist der interessierte Leser gefordert, sich selbst ein Bild zu machen und sich auf eine kurzweilige Lesereise zu begeben, zu der dieser Artikel nur eine erste Anregung sein kann.

Der Zusammenhang zwischen Satire und SF wird auch in Zukunft eine nicht zu unterschätzende Rolle spielen, tragen doch viele SF-Werke nach der Jahrtausendwende mehr oder minder satirische Züge. Besonders die im deutschen Sprachraum an Boden verlierende Kurzgeschichte scheint immer noch ein probates Mittel zu sein, in satirischer Weise die Welt um uns herum zu spiegeln und dadurch ein wenig verständlicher zu machen. Manchmal scheint Satire auch die einzige mögliche Art und Weise zu sein, mit der Realität fertig zu werden.

© 2004 Christian Hoffmann

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Siehe auch
Topliste satirischer Science Fiction von Christian Hoffmann
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