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CONTACT: Wie sind Sie zum ersten Mal mit Science Fiction in Berührung gekommen? Franke: In jugendlichem Alter hat mir mein Vater geraten, einen Fortsetzungsroman zu lesen, der in einer populären astronomischen Zeitschrift erschienen ist. Das war ein Marsroman, der mich unglaublich fasziniert hat. Später habe ich nach ähnlicher Lektüre gesucht und bin auf mehrere Autoren gestoßen, wie zum Beispiel Hans Dominik, aber auch einige Heftchen, wie zum Beispiel die Sun-Koh-Hefte von Lok Myler. Später, als Österreich zum tausendjährigen Reich gehörte, musste der Name durch P. A. Müller ersetzt werden. Wie Sie sehen, geht das schon sehr weit zurück, und das Wort »Science Fiction« gab es natürlich noch nicht, zumindest nicht in Europa. Mit amerikanischer Science Fiction bin ich am Anfang meiner Berufstätigkeit in Deutschland um 1955 herum in Berührung gekommen. AC: Waren das amerikanische Magazine? Franke: Ja, auf Deutsch gab es ja kaum etwas. Ich habe auch einige wenige Taschenbücher in die Hand bekommen. Ein Arbeitskollege von mir hatte mich darauf aufmerksam gemacht, und wir haben einige Zeit versucht, deutsche Verlage für so etwas zu interessieren, was uns aber nicht geglückt ist. AC: Haben Sie zu der Zeit selbst mit dem Schreiben begonnen? Franke: Ja, unabhängig von meinem Interesse für Science Fiction. Im meiner Studentenzeit habe ich einiges niedergeschrieben, allerdings nicht mit der Absicht, es zu publizieren. Ich dachte, dass mir das ohnehin nicht gelingen würde. Eigentlich ging es mir mehr darum, einzelne Themen festzuhalten, darum waren die Texte auch sehr kurz. AC: Waren das bereits Texte, die später in Ihrem ersten Sammelband Der grüne Komet (1960) erschienen sind? Franke: Ja, aber das waren damals nicht mehr als zehn Geschichten. AC: Sie waren später als »wissenschaftlicher Berater« für den Goldmann Verlag tätig. Was bedeutet das? Franke: Die heutigen Verlagsbezeichnungen wie »Herausgeber« hat man damals noch nicht so streng genommen. Ich hatte bei Goldmann ein Sachbuch mit einem zukunftsorientierten Thema publiziert. Herr Goldmann, der damals schon nicht mehr ganz jung war, erzählte mir, dass er in Amerika gewesen sei und dort Science Fiction kennen gelernt habe. Er hatte die Idee, so etwas auch in Deutschland herauszubringen, und fragte mich, was ich davon hielte. Ich stimmte seiner Idee zu, und daraufhin fragte er mich, ob ich mitwirken könnte. Allerdings sagte er nicht, was ich eigentlich tun sollte. Ich war dann bei den üblichen Verlagssitzungen und Programmplanungen anwesend. Wir hatten die glückliche Situation, dass in Deutschland vorher so gut wie keine SF erschienen war. Und natürlich war uns bekannt, dass es in den USA einige sehr angesehene Science-Fiction-Autoren gab, wie zum Beispiel Arthur C. Clarke, Isaac Asimov, Frederik Pohl, Ray Bradbury oder Robert A. Heinlein. Wir haben uns diese Bücher besorgt. Wir konnten also bei der Auswahl aus dem Vollen schöpfen und hatten mehrere Jahre lang überhaupt keine Mühe, die besten Arbeiten herauszusuchen und zu publizieren. AC: Haben sie den amerikanischen Markt beobachtet und sich eine eigene Bibliothek angelegt, oder wie hat das praktisch funktioniert? Franke: Eine eigene Bibliothek konnte ich mir erst später anlegen. Wir hatten uns die Bücher über Agenturen besorgt, und da kamen dann zum Beispiel sechs Bände von Heinlein. Und es stellte sich eher die Frage, in welcher Reihenfolge wir die Bücher bringen wollten. Es war immerhin gutes Material aus mindestens zwanzig Jahren verfügbar. AC: Haben Sie den weiteren Werdegang der Bücher im Verlag auch betreut? Oder waren Sie hauptsächlich an der Auswahl der Titel beteiligt? Franke: Ich habe natürlich auch jedes Buch, das wir ausgewählt hatten, in der Übersetzung gelesen und konnte irgendwelche Fehler, die womöglich aufgetreten sind, ausbessern und habe das Manuskript schließlich für den Druck freigegeben. AC: Im Grunde genommen waren Sie also Herausgeber der Reihe? Franke: Heute würde man das Herausgeber nennen. Die Bezeichnung ist aber damals im Zusammenhang mit Science Fiction nicht verwendet worden. AC: Ihr erster Erzählungsband, Der grüne Komet, ist auch in der Anfangszeit der Goldmann Weltraumtaschenbücher erschienen. Wie kam es dazu? Franke: Herr Goldmann hatte beschlossen, mit acht Büchern zur gleichen Zeit zu starten. Das sollten typische Beispiele für die beste Science Fiction sein. Aber für eines dieser Bücher bekamen wir die Rechte nicht und die Verhandlungen zogen sich immer mehr in die Länge. Der Publikationstermin rückte immer näher, und wir hatten auch keine Zeit mehr, ein anderes Buch zu übersetzen. Da sprach mich Herr Goldmann darauf an, dass ich doch selbst schon ein paar Geschichten geschrieben hätte und ob wir diese nicht herausbringen könnten. Nun waren es aber nur zehn sehr kurze Erzählungen, mit denen man kein Buch füllen konnte. Da meinte der Verleger, dass ich schließlich ein Schriftsteller sei und mich hinsetzen solle, um weitere Geschichten zu schreiben; ich hätte vierzehn Tage Zeit. Ich sah das als große Chance und habe in diesen zwei Wochen wirklich nichts anderes gemacht, als Geschichten geschrieben, und so kam der Erzählungsband Der grüne Komet zu Stande. AC: Haben Sie damals Reaktionen auf das Buch bekommen? Franke: Ja, zu diesen ersten Büchern der Reihe hatten wir ein erstaunlich großes, wohlwollendes Echo, in den späteren Jahren dann weniger, als ein Buch nach dem anderen erschien und auch andere Verlage Science Fiction veröffentlichten. Mein Buch ist recht gut besprochen worden. Das hat Herr Goldmann zur Anregung bewogen, dass ich einen Roman schreiben solle; so ist Das Gedankennetz zustande gekommen, das auch sehr gut aufgenommen wurde. Und so folgte einige Jahre weiterhin Buch auf Buch. AC: Zwei Bücher von Ihnen sind auch in der DDR erschienen, und zwar der Roman Ypsilon minus und der Erzählungsband Ein Kyborg namens Joe, eine Zusammenstellung aus den Goldmann-Bänden Der grüne Komet und Einsteins Erben. Haben Sie aus der DDR Reaktionen auf diese Bücher bekommen? Franke: Rezensionen habe ich keine erhalten, aber ungewöhnlich viele
Zuschriften von Lesern. Und ich habe auch Reaktionen und Anfragen von DDR-Schriftstellern
erhalten, die wissen wollten, ob ich etwas dafür tun könnte, dass ihre Texte auch im
Westen erscheinen. Es waren vor allem die Kurzgeschichten, die mir gut gefielen, und in
meine Anthologien habe ich dann auch einige Texte aufgenommen. AC: Ein zentrales Thema Ihrer frühen Romane ist die Manipulation des Menschen und der Realität. Warum? Franke: Das mag damit zusammenhängen, dass ich jahrelang in Nazi-Deutschland gelebt habe. Und mir ist damals die Bevormundung der Menschen unerträglich erschienen. Das begann schon in der Schule, als wir im Sportunterricht marschieren mussten, und es gab zahllose mir unsinnig scheinende Vorschriften und Verbote. Sie müssen dabei bedenken, dass ich das alles aus der Perspektive eines Fünfzehnjährigen gesehen habe. Weltpolitische, moralische oder ethische Problematiken lagen mir in diesem Alter naturgemäß noch fern. Aber es störte mich sehr, dass man immer wieder roboterhaft reagieren und Befehle befolgen musste, ohne selbst denken zu dürfen. Dieser Zwang war mir ein Graus. Auch dass man ständig unter Beobachtung stand und in den Lagern die Spinde durchsucht wurden. Ich hatte beim Arbeitsdienst angefangen, ein kleines Manuskript zu schreiben, das dann ein Vorgesetzter in meinem Spind entdeckt hat. Ich wurde spöttisch darauf angesprochen und musste zur Strafe einen Aufsatz darüber schreiben »warum ich gern beim Arbeitsdienst bin«. Ich glaube, dass sich diese Erfahrungen in mehreren meiner Romane niederschlagen. AC: Wie kam es zum Wechsel von Goldmann zum Heyne Verlag? Es waren immerhin konkurrierende SF-Taschenbuchreihen. Franke: Herr Goldmann war schon recht alt und hat sich allmählich zurückgezogen, und mit den neuen Mitarbeitern kam ich nicht so gut aus, und ich nahm dann so zusagen einen Umweg über den Kindler Verlag zum Heyne-Verlag ein. Von Herrn Kindler bekam ich den Auftrag, einen größeren Science-Fiction-Roman zu schreiben, der als Hardcover erscheinen sollte. Das hat mich natürlich sehr gereizt, denn meine vorherigen Romane sind nur in Kleinformaten oder als Taschenbücher erschienen. Das brachte mich also mit dem Kindler-Verlag in Verbindung, wo übrigens auch Wolfgang Jeschke beschäftigt war. Kurz darauf erfuhr ich, dass der Kindler Verlag eine Paperback-Reihe mit Zukunftsliteratur starten wollte. Herr Kindler beabsichtigte, meinen Roman in dieser Reihe herausgeben, womit ich nicht einverstanden war, denn immerhin hatte ich einen Vertrag über eine Hardcover-Ausgabe. Gegen eine spätere Paperbackausgabe hatte ich nichts einzuwenden, aber ich bestand auf meinem Vertrag. Herr Kindler hat dann einen Trick angewendet, ohne den Vertrag ändern zu müssen, denn im Vertrag stand nichts über die Höhe der Auflage der Hardcover-Ausgabe. Er hat nämlich eine Auflage von zehn Stück im Hardcover machen lassen. Diese zehn Exemplare sind bei Sammlern sicherlich sehr begehrt. Jedenfalls wurde die Paperbackreihe bei Kindler kein besonderer Erfolg, und Wolfgang Jeschke wechselte zum Heyne-Verlag, von dem ich etwa zur gleichen Zeit ein Angebot erhielt, dort als Herausgeber zu arbeiten. Allerdings wollte ich auch weiterhin Science Fiction schreiben, aber nicht in die unangenehme Situation geraten, meine eigenen Bücher herausgeben zu müssen. Als dann schließlich Franz Rottensteiner von Suhrkamp auf mich zukam, haben wir uns geeinigt, dass meine Bücher bei Suhrkamp erscheinen sollten, ich aber weiter für Heyne als Herausgeber tätig bleiben könnte. Ursprünglich war ich allein als Herausgeber der Heyne-SF-Reihe vorgesehen, aber man hat mich dann von Verlagsseite her um das Einverständnis dafür gebeten, dass Wolfgang Jeschke Mitherausgeber sein könnte. Ich hatte natürlich nichts dagegen. Wolfgang Jeschke war aber auch Redakteur, dafür war er von vornherein vorgesehen, und demzufolge ständig direkt im Verlag beschäftigt, während ich als freier Mitarbeiter nur gelegentlich im Verlag war. Das hat es mit sich gebracht, dass er natürlich sämtliche Fäden in der Hand hatte. Ich habe mich dann schließlich darauf beschränkt, beim Science Fiction Story Reader jeden zweiten Band herauszugeben, aber das war auf die Dauer nicht befriedigend. Als dann der Verlagsleiter, Herr Stecher, den Heyne-Verlag verließ, folgte ich ihm und widmete mich wieder der Science Fiction bei Goldmann. AC: Was war Ihr spezielles Interesse bei der Herausgebertätigkeit? Franke: Ich war für Heyne, Goldmann und später auch für den Ullstein-Verlag tätig und habe mich immer wieder gerne mit der Zusammenstellung von Anthologien beschäftigt. Besonders hat mich dabei Science Fiction aus ungewöhnlichen Ländern interessiert. Das war eine schwierige Aufgabe, weil die Texte meist in Sprachen vorlagen, die ich nicht verstehe: polnisch, rumänisch, japanisch ... Trotzdem oder gerade deshalb hat es mich gereizt, und ich hoffe, dass ich damit einen Beitrag für die internationalen Beziehungen innerhalb der Science Fiction geleistet habe. Wichtig war mir, bei all diesen Aktivitäten die Science Fiction nicht auf Bücher und Zeitschriften zu reduzieren, sondern auch die visuelle Seite zu berücksichtigen, also die Grafik und Malerei, zuerst in der Reihe Science Fiction Story Reader bei Heyne, dann auch bei SF international bei Goldmann und bei Kontinuum bei Ullstein. Ich habe mich bemüht, Künstler zu gewinnen, die Bilder zur Verfügung stellten. Man konnte ihnen leider nicht mehr bezahlen als das übliche Seitenhonorar, aber ich habe dafür jeden Künstler mit einem biografischen Text vorgestellt. AC: Im Jahr 1984 haben Sie für den Ullstein-Verlag die Ozeanische Bibliothek, eine Sonderreihe mit dystopischen Romanen zusammengestellt. Darunter sind sehr ungewöhnliche Bücher. Franke: Viele Leser dachten, dass es sich um Erstausgaben handelte, aber das waren fast alles Bücher, die schon einmal irgendwo erschienen waren. Einige davon waren allerdings inzwischen völlig vergessen. Als Herausgeber war ich stolz, dass ich gewissermaßen einige Entdeckungen gemacht habe, zum Beispiel Krakatit von Karel Capek oder Das große Netz von Hermann Kasack. AC: Es sind nur elf Bände dieser Reihe erschienen, inklusive 1984 von George Orwell. Welche Bücher hätten Sie noch gern dabei gehabt? Franke: Natürlich hätte ich gern Schöne Neue Welt von Aldous Huxley und Wir von Jewgeni Samjatin dabei gehabt, aber dafür haben wir die Rechte nicht bekommen. Dafür sind auch Bücher in der Reihe enthalten, die mir nicht so ganz gepasst haben, die ich aber nehmen musste, weil der Verlag die Rechte bereits hatte und verwerten wollte. Das war zum Beispiel Die eiserne Ferse von Jack London. Das ist zwar ein interessantes, aber leider etwas langweiliges Buch. AC: Sie haben sich schon sehr früh mit Computern und künstlicher Intelligenz beschäftigt. Ist das Thema für Sie heute noch genauso spannend wie in den sechziger Jahren? Franke: Das Thema hat mich schon von Anfang an interessiert, und dieses Interesse ist bis heute nicht abgeklungen. Zunächst waren allein Rechenmaschinen schon faszinierend, später wurden Computer mit Denkprozessen in Verbindung gebracht. Das war ein Anreiz für mich. Das erste Buch von Asimov Ich, der Robot hat mich angeregt, weiter über das Thema der künstlichen Intelligenz nachzudenken. Das hat sich in Kurzgeschichten, aber auch in einigen Sachbüchern niedergeschlagen. Hinzu kam aber auch eine andere Verbindung, nämlich die mit der Kunst. Ich habe schon damals wissenschaftliche Apparaturen verwendet, um auf experimentelle Weise Bilder zu erzeugen. In jener Zeit habe ich mir oft ein Instrument gewünscht, das ein bisschen vielseitiger wäre als Mikroskope oder einfachere elektrische Geräte. Ich hatte immer von einer universellen Kunst-Maschine geträumt, und als ich die Computertechnik kennen lernte, habe ich erkannt: Das ist es! Zunächst sind Computer auf künstlerischem Gebiet für Musik verwendet worden. Als die Computergrafik noch in den Kinderschuhen steckte, habe ich bereits in einem Buch (Kunst und Konstruktion, Bruckmann 1957) vorhergesagt, dass wir im Computer ein universelles Mal- und Zeicheninstrument speziell für die Verwendung in der Kunst zu erwarten hätten. Als Mitbegründer der Ars Electronica habe ich mich dann auch weiterhin beruflich mit diesen Dingen beschäftigen können und Überlegungen angestellt, wie man mit elektronischer Unterstützung die Grenzen der klassischen Malerei und Grafik sprengen könnte. Bei diesen Überlegungen ging es auch um Animationen und Interaktivität bis hin zur Simulation von Realität was man später Cyberspace nannte , wobei ich diese Ideen auch wiederum in meinen Geschichten und Romanen verwendet habe, wie zum Beispiel 1979 in Sirius Transit. AC: Sie haben auch zahlreiche Ausstellungen mit eigenen Computergrafiken gemacht. Sind diese Ausstellungen von der Kunstwelt gewürdigt worden? Oder hat man Sie belächelt, weil Sie mit »Maschinen« Kunst erzeugen? Franke: Es gab viele Jahre, in denen wir nicht nur ausgelacht, sondern auch angefeindet und beleidigt wurden. Ich erinnere mich an eine Sitzung an der Freien Universität in Berlin über Computerkunst, bei der den Vortragenden am Podium von Studenten Wasser über den Kopf gegossen wurde. So weit ging das. Auch an der Ars Electronica hat in den ersten Jahren kein professioneller Künstler mitmachen wollen und die Kunstprofessoren von diversen Lehrstühlen wollten sich nicht beteiligen. Vor ungefähr zehn Jahren kam es aber zu einem Umschwung, und plötzlich meldeten viele bekannte Persönlichkeiten aus der Kunstszene ihren Anspruch zur Teilnahme an. AC: Das war vermutlich zu der Zeit, als sich grafische Programme auf Personalcomputern durchsetzten. Franke: Nun, es hat noch ein paar Jahre länger gedauert. Bei jungen Leuten, die sich mit Computern beschäftigten, hatten wir einigen Zuspruch und Interesse, aber deshalb wurden die Arbeiten noch lange nicht als Kunst anerkannt. Das geschah erst, als in Spielfilmen nicht zuletzt im Science-Fiction-Bereich realistisch dargestellte computergenerierte Landschaften oder andere zuvor nie gesehene grafische Elemente in höchster Qualität eingesetzt wurden. Amerikanische Filmfirmen haben diese Techniken zuerst eingesetzt, was mit sich brachte, dass amerikanische Filmstudenten auch lernen wollten, wie man mit Computergrafik umgeht. Also gab es in den USA auch bald Lehrgänge für Computergrafik an den Kunstschulen. Ich denke, dass von dieser Seite her der Durchbruch erzielt wurde, und in Deutschland hat man dann nachgezogen. AC: Um auf Ihre Romane zurückzukommen: Nicht zuletzt, weil Ihre Science-Fiction-Bücher später im Suhrkamp-Verlag erschienen sind, wurden Sie in der Fanpresse als intellektueller Schriftsteller bezeichnet, oder auch als schreibender Wissenschaftler, der für eine kleinere Elite schreibt. Stört Sie diese Kritik? Franke: In dieser Weise habe ich das nie verstanden. Für mich gehört die Science Fiction zur Unterhaltung, und Unterhaltungsliteratur ist für mich Literatur wie jede andere. Die kann gut oder schlecht geschrieben sein, und ich habe mich immer bemüht, literarische Aspekte mit zu berücksichtigen. Ich finde, dass eine gute Literatur auf mehreren Ebenen funktionieren muss, und eine davon ist die Ebene der Unterhaltung. Ich wollte Spannung erzeugen, und zwar auch bei Leuten, die keine Intellektuellen sind. Und ich glaube, dass mir das durchaus gelungen ist. Und natürlich gibt es auch eine andere Ebene, in der es eher um philosophische Probleme geht, die hinter der Handlung stecken. Und dazu kommt noch eine Ebene, und zwar die der wissenschaftlichen und technischen Stimmigkeit. Vielleicht wissen Sie, dass Walter Ernsting oft sagte: »Franke ist genauso trivial wie ich.« Aber einige Leser werden vielleicht doch einen Unterschied bemerken. Und der liegt wohl weniger in der oberflächlichen Spannung, denn auch Walter Ernsting schreibt höchst routiniert und versteht es, Spannung zu erzeugen. Aber für mich ist es wichtig, dass auch auf der zweiten und der dritten Ebene alles Hand und Fuß hat und auch einer ernsthaften Kritik von philosophischer, wissenschaftlicher und literaturkritischer Seite standhalten kann. Es wäre mir zu wenig, wenn die Leser mich nur als Autor von Spannungsliteratur ansehen würden; andererseits wäre es mir auch nicht angenehm, wenn ich nur als populären Fachschriftsteller bekannt würde. AC: Nun sind Sie nicht nur Schriftsteller, sondern sind auch mit vielen anderen Dingen beschäftigt. Franke: Zunächst wollte ich an einer Universität als Physiker tätig
sein, was durch den Zweiten Weltkrieg und die erste Nachkriegszeit verhindert wurde. Als
es dann später möglich gewesen wäre, wollte ich es nicht mehr. Denn ich habe von
einigen Bekannten, die auf Lehrstühlen gelandet waren, Klagen über Bürokratie und
Vorschriften gehört, die die eigentliche Forschung behinderten und teilweise fast
unmöglich machten. Als Schriftsteller hingegen konnte ich mir genügend Freizeit gönnen,
auch im Bereich der Forschung arbeiten zu können. Und tatsächlich habe ich eine Menge
Freizeit mit wissenschaftlicher Arbeit verbracht, vor allem in Außenseitergebieten wie
zum Beispiel der Höhlenforschung. Hier habe ich zum Beispiel eine Methode zur Datierung
von Tropfsteinen gefunden oder auch festgestellt, dass diese ein Indikator für das
Vorzeitklima sind. Ich denke, dass ich auch nicht mehr hätte leisten können, wenn ich
einen Lehrstuhl gehabt hätte. Mein Vorteil liegt darin, dass ich relativ schnell arbeiten
kann. Die frühen Romane habe ich jeweils in rund sechs Wochen geschrieben. Auch an
Material fehlt es mir nicht, und an Ideen ebenso wenig. Ich verstehe jene Autoren nicht,
die darüber klagen, dass ihnen nichts einfällt, denn es gibt ein unglaubliches Angebot
an Innovationen im Bereich der Wechselwirkungen zwischen Technik, Wissenschaft und
politischen Ereignissen. Wenn jemand das nicht sehen und aufgreifen kann, dann frage ich
mich, warum er Science-Fiction-Schriftsteller sein will. AC: Sie sind seit vielen Jahren Mitglied des PEN Club Deutschland. Wie kam es dazu? Franke: Um dort Mitglied zu werden, muss man von anderen Mitgliedern vorgeschlagen werden, man kann nicht selbst eintreten. Und dann wird bei der Versammlung darüber abgestimmt, ob man aufgenommen wird. Ich sehe meine Mitgliedschaft auch als Anerkennung der Science Fiction, denn man wusste natürlich, dass ich ein Science-Fiction-Autor bin. AC: Bis ca. 1990 haben sie relativ regelmäßig Romane geschrieben, doch dann gab es eine lange Pause, bis 2004 Ihr Roman Sphinx_2 erschien. Warum vergingen vierzehn Jahr, bis Sie jetzt einen neuen Roman veröffentlicht haben? Franke: Die lange Pause resultierte aus dem Desinteresse des Suhrkamp
Verlags. Als man mich zu Suhrkamp geholt hat, gab es dort mehrere Personen, die an Science
Fiction sehr interessiert waren, wobei ich insbesondere Dr. Franz Rottensteiner
hervorheben möchte, den Herausgeber der Phantastischen Bibliothek bei Suhrkamp, der mich
immer wieder gebeten hat, etwas Neues zu schreiben. In den neunziger Jahre gab es einige
Veränderungen. Der zuständige Verlagsleiter ging zu einem anderen Verlag, Dr.
Rottensteiner wurde als Herausgeber entlassen und die Redakteurin der Phantastischen
Bbliothek ist leider verstorben. Der Verlag hatte kein weiteres Interesse an der Science
Fiction und so ist eine unangenehme Situation entstanden, mit der ich nicht einverstanden
sein konnte. Einige Jahre später habe ich Kontakt zu einer Agentur aufgenommen und
bin damit gewissermaßen wieder zu Herrn Stecher, dem früheren Verlagsleiter von Heyne
und Goldmann, zurückgekehrt, denn er hat die Agentur AWA gegründet. Es gelang, zum einen
die Verbindung mit Suhrkamp zu lösen und zum anderen einen geeigneten Verlag zu finden.
So kam die Verbindung zum Deutschen Taschenbuch Verlag zustande, wo ich zu meiner
Überraschung eine ganz andere Atmosphäre vorgefunden habe, als ich sie von Suhrkamp
kannte. Die Leute bei dtv sind nett, interessiert, freundlich zu den Autoren, und was für
mich völlig neu ist: Man bemüht sich, das Buch zu fördern, sowohl durch gute
Pressearbeit, Vermittlung von Lesereisen und so weiter. Das kannte ich von Suhrkamp
überhaupt nicht. AC: In Sphinx_2 geht es um Gentechnik und Künstliche Intelligenz ... Franke: Das ist ein Irrtum, es geht eigentlich nicht um Gentechnik und Künstliche Intelligenz, sondern um die Menschen in einer Zukunft, in der sich das technische Umfeld geändert hat. Technik und Wissenschaft haben lediglich die Umstände verändert und neue Möglichkeiten für Konflikte entstehen lassen. Aber es ist nicht die Technik, die daran Schuld ist, dass neue Konflikte entstehen, sondern es ist eher die Kurzsichtigkeit der Menschen, die eine verheißungsvolle Technik für zerstörerische Zwecke einsetzen. Und eigentlich unterscheiden sich die neuen Konflikte gar nicht so sehr von den alten, denn es geht nach wie vor um Arm und Reich oder um Unterdrückte und Unterdrücker. AC: Sie erwähnten einen zweiten Roman bei dtv. Wie wird er heißen und wann wird er erscheinen? Franke: Der Arbeitstitel ist Cyber City Süd, das Manuskript liegt fertig vor, das Buch wird 2005 erscheinen. Man legt im Verlag großen Wert darauf, die Herausgabe gut vorzubereiten. Auch Sphinx_2 hatte eineinhalb Jahre Vorlauf. Diese Vorbereitung ist natürlich gut und wichtig, aber ich war fast ein bisschen traurig, denn einige Themen, die ich bereits in dem fertig geschriebenen Buch angesprochen hatte, wurden plötzlich im letzten Jahr aktuell, und so muss der Leser annehmen, ich hätte lediglich darauf reagiert. AC: Worum geht es in Cyber City Süd? Franke: Der Roman spielt ähnlich wie Sphinx_2 in etwa hundert Jahren, ich lege mich da nicht genau fest. Es geht um Auseinandersetzungen im arabischen Raum und um die Konfrontation der westlichen mit der arabischen Kultur. Und ich erzähle von einzelnen Personen, die in diese Konflikte verwickelt werden. Zu dieser Zeit sind die Ölquellen völlig erschöpft, was in hundert Jahren wahrscheinlich der Fall sein wird, und auch das Wasser in den Wüstengebieten neigt sich dem Ende zu. AC: Wer sind die Protagonisten? Franke: Eine arabische Stadt ist unter westlichen Einfluss geraten, und da die natürlichen Ressourcen erschöpft sind, versucht man in riesigen Touristenstädten Geld mit Fremdenverkehr zu verdienen, wie es heute bereits zum Beispiel in Dubai der Fall ist. Die Stadt Cyber City Süd ist eine Art modernes Las Vegas und die Hauptattraktion ist die Möglichkeit des virtuellen Erlebens. Die Tochter eines Wasserbauingenieurs, der in dieser Gegend vor vielen Jahren verschollen ist, kommt in diese Stadt. Sie stellt Nachforschungen über ihren Vater an, der angeblich ein geheimes Wasserlager entdeckt hat, und dabei gerät sie in den Ausbruch eines neuen Krieges. Die wenigen Leute, die das Manuskript bisher gelesen haben, sind der Meinung, dass es noch spannender sei als Sphinx_2. AC: Ganz herzlichen Dank für das ausführliche Gespräch. Das Gespräch führte Hardy Kettlitz am 28. Juli
2004 per Telefon. |
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