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| Das Magazin für Science Fiction & Fantasy • Ausgabe 63 • Story |
Edward Jones genannt der Schöne Eddie, trotz oder vielleicht gerade wegen seiner früh ergrauten Schläfen hatte ein Dilemma. Das heißt, eigentlich ein zweifaches. Zum einen fand er sich von seiner jugendlichen Geliebten vor die Wahl gestellt, sie oder die andere (seine Ehegesponsin), denn so ginge es nun mal nicht weiter mit ihnen, immer nur stundenweise und im Geheimen, wie eine billige Nutte käme sie sich inzwischen vor, und die andere, die ihn eigentlich gar nicht verdiente, auch wenn sie noch so viel Geld hatte und ihn genau genommen aushielt, müsste nur mit den Fingern schnippen und könnte jederzeit oder beinahe jederzeit (wenn er nicht gerade bei ihr, seiner Geliebten, weilte) über ihn verfügen, nach Lust und Laune. Das sei unfair. Ein Zustand, den sie nicht länger hinnehmen wolle!
Zum anderen und das zählte im Augenblick ungleich mehr fand er sich von bösen Zahnschmerzen getrieben, und zwar hierher in diese Praxis.
Ein kleiner Teufel saß irgendwo links unten im Kiefer und gebärdete sich wie ein großer. Da half auch kein Drücken auf den vermeintlichen Übeltäter, der Backenzahn gab sich nicht zu erkennen. Wahrscheinlich hatte er seine Nachbarn schon angesteckt und veranstaltete jetzt ein höllisches Tänzchen, mit Hörnern auf der Stirn, Bocksfuß und Schweif und einem Dreizack als Stichwaffe.
Also stöhnte Eddie vor Selbstmitleid, hielt sich die Wange und sandte der periodisch in den Warteraum hereinschauenden Zahnarztassistentin einen hilfesuchenden Blick. Jones erntete das professionelle Lächeln eines MBA Medical Business Android von jener Sorte, wie sie uns allen inzwischen vertraut ist: Gazellenbeine, Löwenmähne, Blauaugen und Korallenmund auf Pfirsichhaut, die weiblichen Rundungen prall unter weißer Schwesterntracht, das signalrote Kreuz prominent auf Brust und dekorativer Haube. Sie wissen schon: Modell Sweet Sister. Die Tote (zumal männliche) zum Leben erwecken kann. Von General Robotics.
Im Moment war ihm eher nach dem anderen Modell zumute: Barmherzige Schwester. Die kleine Dicke mit den lustigen Kulleraugen und dem gütigen Samariterlächeln, an deren Busen man sich ausweinen konnte. Von der gleichen Firma.
Lustlos angelte er nach den Zeitschriften, blätterte desinteressiert auf der Suche nach ein bisschen Ablenkung, denn er sah schon, die himmlische Erlösung würde noch ein Weilchen auf sich warten lassen. Anders hätte er das Inserat wohl nie bemerkt:
Immer dieselbe Millionenware?
Hier ist Ihre Chance auf Selbstverwirklichung!
Wir liefern PAs maßgeschneidert. Aussehen und Innenleben individualisiert.
Als er weiterlas, wusste er, warum es Klick gemacht hatte. Und noch während des Lesens formte sich eine Idee, so phantastisch wie bizarr, die ihn sein Zahnweh vergessen ließ, bis die zuckersüße Stimme von Sweet Sister ihn auf- und in die Wirklichkeit zurückrief.
Unschlüssig, ob er das Inserat vor ihren Augen herausreissen oder gleich die ganze Zeitschrift einstecken sollte, zögerte er lange genug, um sich immerhin Titel und Nummer der Ausgabe einzuprägen. Es war der Electronic American vom vorletzten Monat.
So kam es, dass die Lösung des einen Dilemmas zugleich die Lösung des anderen in Aussicht stellte.
