epilog.de > Alien Contact > Alien Contact 63 > Arkadi und Boris Strugazki: Sandfieber [Story]
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Arkadi und Boris Strugazki

Sandfieber

Seite 1 »

»Weißt du«, sagte Bob, »jetzt würd ich gern etwas Tomatensaft trinken. Kalten Tomatensaft ...« Er drehte sich auf die andere Seite um und spuckte angewidert die Kippe aus. »Wenn einem vom Rauchen die Zunge wehtut, ist Tomatensaft am besten.«

»Wenn einem irgendwas wehtut, muss man Cognac trinken.« Der das sagte, war hochgewachsen und dünn. Er hieß Vikont. »Oder Wodka. Liköre gehen auch. Nicht in Frage kommt Wein, in dem bekanntlich Wahrheit ist. Aber am allerbesten ist Spiritus ...«

»Du hast Bier vergessen. Bist ’n Schwachkopf«, sagte Bob. »Ich würde jetzt gern etwas Bier trinken ...«

Im Zelt war es heiß und dunkel. Am Boden lagen die Schlafsäcke herum, eine Menge Kippen, ein Gewehr, leere Patronenhülsen und ein Paar Stiefel. Durch den niedrigen dreieckigen Zelteingang sah man rötliche dämmrige Sanddünen und einen von schweren Wolken bedeckten Himmel. Unter den heißen Windstößen flatterten die Zeltwände.

»Hör mal, Bob, knirscht dir der Sand zwischen den Zähnen?«

»Ich komm gar nicht nach mit Ausspucken. Und?«

»Ich hab ihn satt. Ich kaue seit zwei Wochen drauf herum. Das nervt. Ich warte noch ein paar Tage, sammle möglichst viel Spucke an, dann geh ich zu unserem ...«

»Unterwegs wirst du dich von Spucke und Patronenhülsen ernähren. Du wirst schrecklich sein in deinem Zorn, du wirst die Dornen zerreißen, doch der Purpurhimmel wird dich verbrennen, und deinen ausgetrockneten Leichnam wird der Sand unter sich begraben. Denn so ist das Leben. Wenn du gehst, vergiss nicht, dir eine Kugel in den Kopf zu schießen – das verkürzt dir den dornigen Weg und erspart dir eine Menge wertvolle Zeit. So wahr mir der Erfolg helfe.«

Bob spuckte aus und langte nach einer Zigarette. Er setzte sich auf, riss ein Streichholz an, entzündete die Zigarette und musterte seine bloßen Füße. Vorsichtig berührte er eine angeschwollene blaue Narbe.

»Die hiesigen Ameisen beißen wie Leoparden«, sagte er, »du musst Erbarmen mit mir haben, Vikont.«

Vikont antwortete nicht. Ein Windstoß schlug die losen Seiten des Zelteingangs auf, atmete heißen Sand herein. Bob stand ächzend auf, fluchte, als er gegen den Pfosten stieß, und ging gemächlich aus dem Zelt.

»Heiß ist es, zum Teufel«, drang seine Stimme herein. »Vikont, Kumpel, du wirst bei lebendigem Leibe verfaulen ... Komm ’raus an die frische Luft. Oh, diese Luft! Sie ist kühl wie der Atem eines Kühlschranks. Riviera, Riviera! Ihr glaubt’s nicht? Schnuppert selber ...«

Vikont bewegte mit finsterer Miene die Lippen, spuckte alle Naselang aus und hörte zu, wie Bob rings ums Zelt trottete – er überprüfte die Verankerungen. Durch die Leinwand und das Rauschen des Windes drang herein:

»Im heißen Land, an einem Meeresstrand,
Da lebte Langbein Joe ...
... verdammt, ist das heiß an den Fußsohlen! Ai-jai! ...
Trank reichlich Rum, ihn haute gar nichts um ...
Vikont, was für Wind haben wir für gewöhnlich? ... Aha, klar ...
Ihn haute gar nichts um ...

Vikont, sei so gut, komm ’raus, hier ist was ...«

Dann geschah etwas. Die Zeltwände schwankten, die Zeltstange knackte und neigte sich. Vikont setzte sich auf und lauschte.

Bobs Stimme: »He-he! Was willst du? ... Verschwinde! ... Aaaah! ... Vikont, zu mir!«

Jenseits der Zeitwand wurde gekämpft. Bob schrie auf und verstummte. Das Zelt zitterte, es war heiseres, schweres Atmen zu hören.

Vikont schob im Laufen ein Magazin in den Karabiner, verhedderte sich in den Schlafsäcken und stürzte dann aus dem Zelt. Das Gewehrschloss blieb in einer Schlaufe der Zeltklappe hängen, er riss ein paar Sekunden lang wütend an der Leinwand, bis das Gewehr frei war ...

»Waaah!«, ertönte es hinter dem Zelt.

»He-he! Halte durch, Bobby!«, brüllte Vikont und stürmte um die Ecke. Hinterm Zelt war nichts und niemand. Nur zerwühlter heißer Sand ...

»Bobby ...«, sagte Vikont leise, während er sich umschaute, »Bobby, Kumpel ...«

Rote Sanddünen, über denen die Luft flimmerte, Saksaul, ein glühender schwerer Himmel ... die schlaff hängende Zeltleinwand ... weiter nichts. Und der zerwühlte heiße Sand. Vikont leckte sich die Lippen.

»Bobby, wo bist du?«

Er spuckte Sand aus und umrundete langsam das Zelt. Rote Dünen, Saksaul, der zerwühlte heiße Sand ... weiter nichts.

»Ich bin krank«, sagte Vikont unschlüssig.

Mit einem dumpfen Rascheln schlugen Myriaden von Sandkörnern gegen die Zeltwand. In den Schläfen hämmerte dumpf das Blut. Der Himmel wurde dunkler, kam immer tiefer herab. Vikont lud durch, schoss ein paarmal in die Luft. Dann schaute er sich erschrocken um. Er war allein.

»Wenn das ein Witz sein soll, Bob, dann ist es ein verdammt schlechter. Und ich werd’s dir heimzahlen ...« Ihm sank die Stimme.

Natürlich war das kein Witz, und Vikont wusste das von vornherein nur zu gut. Doch aus irgendeinem Grund war ihm plötzlich albern zumute, und er lachte auf. »Na schön, Bob, wenn du was zu beißen willst, wirst du schon kommen.«

Vikont ging entschlossen ums Zelt und kroch hinein. Das Erste, was er da sah, war natürlich Bob, genauer gesagt, seine Beine, wie sie lang, dünn, in Leinwandstiefeln unter den Schlafsäcken hervorragten. Da wurde Vikont wütend. Er nahm Jal-Alla-ed-Muddins berühmte vielsträngige Peitsche aus den Adern des Urtiers Uf vom Zeltpfosten und schwenkte sie drohend.

»Komm vor, altes Miststück!«, brüllte er. »Komm vor, sonst wirst du losheulen wie die Juden an den Sinaiwänden!«

Bob rührte sich nicht. Vikont versetzte dem Schlafsack vorsichtig einen Hieb. Die Stiefel zuckten nicht.

»Quel diable!«, murmelte Vikont voller Angst, der Gedanke, der ihm durch den Kopf geschossen war, könnte zurückkehren. »Genug den Katt gespielt. Steh auf.«

Und plötzlich zuckte er mit unerträglichem Entsetzen zusammen und sprang zurück – die Beine regten sich nicht. Der Sand raschelte an der Zeltleinwand. Dumpf hämmerte das Blut.

»Es ist weiter nichts«, sagte Vikont laut.

Deutsche Erstveröffentlichung • Originaltitel: Pestschanaja gorjatschka. Entstanden ca. 1956.
Erstveröffentlichung im Sewastopoler Fanzine »Fansor«, Nr. 2, 1990.
Aus dem Russischen übersetzt von Erik Simon nach dem Text in der elfbändigen Ausgabe der Gesammelten Werke von Arkadi und Boris Strugazki, Band 11
Donezk: »Stalker« / St. Petersburg: »Terra Fantastica« im Verlag »Corvus«, 2001.
© A. Strugazki, B. Strugazki 2001 • Deutsche Übersetzung © Erik Simon 2004 • Mit freundlicher Genehmigung von Boris Strugazki.
Erschienen in
Hardy Kettlitz u.a. (Hrsg.): [[buch.kettlitz-hardy-1966.alien-contact-jahrbuch-2004|Alien Contact – Jahrbuch f
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