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| Das Magazin für Science Fiction & Fantasy • Ausgabe 63 • Story |

Da die Ausbreitung des Menschen ins Weltall nunmehr offensichtlich kurz bevorsteht, werden etliche Überlegungen über seine Zukunft angestellt, nicht wenige davon vom Menschen selbst.
Viele Wissenschaftler zum Beispiel sagen, dass es die relative Enge des menschlichen Beckens sei, die die Gehirngröße und damit auch die Intelligenz des Menschen begrenze, da seine Nachkommen bei der Geburt das Becken der Mutter passieren müssten. Eine weitere Verbreiterung des Beckens würde es aber zu stark bei der Funktion des Laufens beeinträchtigen. Aus diesem Grund prophezeit Professor Populaber, ein bedeutender Experte für Humananatomie, der Homo sapiens werde mit der Zeit einen raketen- oder, in diesem Zusammenhang wohl angemessener, zäpfchenförmigen Hirnschädel entwickeln, damit Neugeborene mit noch größerem Gehirn besser durch den menschlichen Geburtskanal gleiten könnten. Als Indiz für diese These wies Populaber darauf hin, dass der horizontale Querschnitt des Hirnschädels moderner Menschen im Vergleich zu dem des Neandertalers bereits verkleinert sei, obwohl beide ein annähernd gleiches Hirnvolumen besäßen.
Dagegen überlegt eine Gruppe um Professor Doolittle, dass das Überleben des Menschen durch die Technik zunehmend vereinfacht werde. Daher würde sich das menschliche Gehirn ständig verkleinern, weil es für den Körper einen viel zu aufwendigen Luxus darstelle. Derzeit beansprucht der menschliche Zerebralapparat allein über 20% aller Leistungen des Kreislaufs.
G. Litten, einem Biologen, fiel in seinem Spezialgebiet Domestikation auf, dass für Tiere, die praktisch ohne Möglichkeit zur selbstständigen Gegenwehr dem übermächtigen menschlichen Willen ausgeliefert sind, der einzige Schutz dessen Sympathie sei, sodass bevorzugt die niedlicheren, drolligeren oder ganz allgemein die freundlicher aussehenden Exemplare überlebten. Zum Beleg führt er die für den Menschen ausnehmend doof wirkenden »Gesichtszüge« der mit dem Menschen am längsten vergesellschafteten Tiere an, wie Ziege, Esel oder Schwein. (Dies gelte jedoch nicht für Haustiere mit einer Funktion, für die eine derartige Eigenschaft unvorteilhaft wäre, etwa bei Wachhunden.) Litten übertrug diese Beobachtung auf den Menschen und schloss, dass in Gegenden, wo die Bewohner eines Landes ihrem Staat viele Generationen lang weitestgehend ohnmächtig gegenübergestanden hätten, annähernd das gleiche passiert sein müsste, was auf heftigsten Widerspruch seiner Kollegen stieß, vor allem der Chinesen.
Und schließlich prognostizierte Noita Lumis vom Institut zur Analyse aktueller Tendenzen durch Langzeitsimulationen, die Menschheit würde sich in so etwas wie riesige, reptilienähnliche Kreaturen verwandeln, die die Erde dann viele Millionen Jahre lang beherrschen sollten, was bei zahlreichen wissenschaftlichen Beobachtern den Verdacht schürte, seine Simulationen seien möglicherweise rückwärts gelaufen.
Auch meinen alten Freund und Weggefährten Professor Vitifanof beunruhigten derartige Ungewissheiten in höchstem Maße. Vitifanof selbst glaubte, dass der Mensch seine Zukunft selbst bestimmen würde, und zwar durch Selbstzucht (bei der Partnerwahl) und Selbstplanung. Deshalb beschloss er, dieser Frage ein für alle Mal auf den Grund zu gehen. Da traf es sich gut, dass das terranische Institut für angewandte Futurologie auf dem Canopus jüngst eine Zeitmaschine entdeckt hatte. Also brach ich, um endlich Klarheit zu erlangen, zu einer Zeitreise auf und ließ mich und mein Raumschiff in die Zukunft versetzen, und das genau um 50.000 Jahre.
Der Sitz des terranischen futurologischen Instituts war wegen der Zeitmaschine eigens auf den Canopus verlegt worden, sodass ich nach meiner Ankunft in der Zukunft unverzüglich in mein Raumschiff stieg und wieder zur Erde zurückflog. Canopus selbst schien in jenen Tagen schon lange verlassen zu sein.
Unterwegs kam ich an einigen Sternsystemen vorbei, in denen Menschen offensichtlich Kolonien gegründet hatten. Bei der Analyse ihrer Rundfunk- und Radiosignale stellte ich jedoch fest, dass der Mensch der Zukunft augenscheinliche körperliche Veränderungen durchgemacht hatte, deren Bedeutung ich nicht so recht verstand. Da gab es vielfingrige und langzüngige Orioniden, prächtige Dreibeiner vom Sirius (nur im männlichen Geschlecht) und die Beteigeuzianer mit ihren berühmten zäpfchenförmigen Köpfen. Zäpfchenförmige Köpfe? Sollten einige der Futurologen mit ihren Prognosen am Ende doch Recht behalten haben? Zwar hatten die Beteigeuzianer Schädel, die der vorausgesagten Form entsprachen, doch waren sie kleiner, länger und vor allen Dingen erheblich dünner. Die Beteigeuzianer indes rühmten sich ihrer Köpfe hauptsächlich ob der ausgeklügelten Möglichkeiten im Liebesspiel. Sorgfältig vermied ich, mir die von ihrer Sexindustrie produzierten Szenen anzusehen, vor allem die homosexuellen. Waren das etwa die Folgen jener Selbstzucht und Selbstplanung, von denen Vitifanof gesprochen hatte? Unangenehm berührt setzte ich meine Reise zur Erde fort.
Doch schon beim Anflug auf meine Heimatwelt begann mich Erleichterung zu erfüllen, denn sie zeigte selbst aus der Ferne deutliche Zeichen einer prächtigen Zivilisation. Kaum gelandet, empfingen mich zahllose Roboter und begrüßten mich als stolzen Vorfahren.
»Ja, aber wo sind denn überhaupt die Menschen?«, fragte ich schließlich verwundert.
»Oh, das ist eine lange Geschichte, dafür muss ich länger ausholen«, erklärte mir ihr Wortführer. »Schon vor vielen tausend Jahren wurde es den Menschen immer klarer, dass sich ihre Gesellschaft zunehmend technisieren würde. Damit ist die biologische Ausbildung des Menschen nunmehr endgültig abgeschlossen, konstatierten daraufhin die einen, und: Von nun an beginnt eine neue Evolution, die ausschließlich kulturell sein wird. Dagegen frohlockten die anderen: Die zunehmenden Anforderungen durch die Technologie wie die Arbeit am Computer werden zu einer weiteren geistigen Fortentwicklung des Menschen führen! Dabei vergaßen sie jedoch, dass sich erlernte Fähigkeiten nicht auf die Nachkommen übertragen und dass es alles in allem ja auch gar nicht die von der Technologie besonders geforderten waren, die sich übermäßig vermehrten. Tatsächlich war der wesentliche Effekt der Technik, dass sie die Defizite ausglich, die durch zufällig auftretende genetische Mutationen in der Bevölkerung entstanden waren. Schließlich blieb vom Menschen, wie du ihn kennst, nicht mehr viel übrig. Dieses Wesen hier ist, was von euch Menschen abstammt, seinen Körper und seinen Verstand bilde ich«, sagte der Roboter, holte einen seltsamen, zitternden, rosafarbenen Wurm aus einer Klappe in seinem Kopf und steckte ihn wieder zurück.
»Und warum auch nicht?«, fuhr er mit makelloser Logik fort. »Wer hätte schon sagen dürfen, welche Mutationen wertvoll waren und welche nicht?«
Ich fühlte eine schreckliche, eisige Leere in mir aufsteigen. »Aber das ist doch entsetzlich!«
»Auch nicht schlimmer als in Form eines überdimensionalen Geschlechtsteils durch die Gegend zu laufen«, erwiderte ein Roboter.
Mir wurde schwindlig. Um nicht umzufallen, hielt ich mich am Rand der Ausstiegsluke meines Raumschiffes fest. Auf diese Weise zog ich mich vorsichtig in den Flugkörper zurück und befahl dem Bordcomputer, unverzüglich loszufliegen.
Auf dem Weg zum Canopus hatte ich genügend Zeit, mich wieder ein wenig zu beruhigen. Während ich über meine Erlebnisse nachdachte, sah ich ein, dass die Roboter von der Erde wahrscheinlich sogar Recht hatten. Denn was hätte man schon Besseres tun können als diese Maschinen, wenn man sich nicht als Herr über die Menschheit aufspielen wollte? Und so kehrte ich, ohne entscheidend schlauer geworden zu sein als zuvor, in meine eigene Zeit zurück.
