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Von Piraten und Literaten

Ein Gespräch mit Kai Meyer


Der deutsche Autor Kai Meyer stellte am 18. Januar 2005 seinen Roman Das Buch von Eden in der UFO Buchhandlung in Berlin vor. Im Anschluss an die Lesung stellte er sich den Fragen des Publikums und gab einen Einblick in seine Arbeit.

Frage: Sie schreiben in Ihren Büchern oft über historische Persönlichkeiten, wie zum Beispiel im neuen Roman über Albertus Magnus oder auch früher über die Brüder Grimm, Goethe oder Schiller. Mussten Sie eine Scheu überwinden, diese Personen agieren zu lassen?

Antwort: Gar nicht, ich bin von Anfang an sehr unbefangen an die ganze Sache rangegangen. Ich war vierundzwanzig, als ich den Roman Die Geisterseher geschrieben habe. Das war mein erster historischer Roman, mein erstes Hardcover und – wie sich später herausgestellt hat – auch so was wie mein Durchbruch als Autor. Die Geschichte, auf einen Satz verknappt: Goethe vergiftet Schiller, und die Gebrüder Grimm ermitteln. Wie gesagt, ich war vierundzwanzig und habe mir keine Gedanken darüber gemacht, ob man so etwas wohl schreiben darf oder nicht. Und wer sollte es einem auch verbieten? Mittlerweise bin ich etwas vorsichtiger geworden. Unter anderem auch deshalb, weil ich der Meinung bin, dass es oft wenig bringt, auf Teufel komm raus historische Figuren einzubauen. Es muss zu der jeweiligen Geschichte passen. Und das musste ich auch erst lernen. Ich habe einmal – in Der Traumvater, dem zweiten Band der Faustus-Trilogie – Hieronymus Bosch auftreten lassen. Das ist eine Figur mit ungeheurem Potential, aber ich habe ihn dort ein wenig als Statist verschenkt. Im Nachhinein tut mir das Leid, weil Bosch für ein anderes Buch eine dankbare Figur gewesen wäre.
   In Das Buch von Eden bot es sich an, Albertus Magnus einzubauen. Ich wollte eine klassische Queste schreiben, wie man sie vor allem aus der Fantasy kennt oder eben – ursprünglich – aus den alten Ritterepen. Dafür brauchte ich eine Mentorfigur, also jemanden, der die Geschichte in Gang bringt und ein wenig mehr über die Zusammenhänge weiß als die anderen. Am besten einen Gelehrten. Natürlich hätte ich einen erfinden können, aber es war einfach praktischer und auch schöner für den Roman, auf eine Figur zurückzugreifen, die tatsächlich gelebt hat. Und das war eben Albertus Magnus, einer der bedeutendsten Männer des Mittelalters.

Frage: Wie viel hat Ihr Albertus Magnus mit dem tatsächlichen zu tun?

Antwort: Es gibt um die Zeit herum, in der der Roman spielt – 1257 bis 1258 – eine Lücke in Albertus’ realer Biographie. Das war einer der Gründe, weshalb ich den Roman gerade in diesen Jahren angesiedelt habe. Letztlich blieb mir gar nichts anderes übrig, als manches zu erfinden, weil sein Lebenslauf nicht vollständig dokumentiert ist. Sehr praktisch war aber auch noch ein anderer Umstand. Ich brauchte jemanden, der ein gewisses geographisches Wissen besitzt. Der wahre Albertus musste eine Weile für die Dominikaner von Kloster zu Kloster ziehen und dort Kontrollen durchführen. Deshalb kannte er Reiserouten durch Deutschland, von denen andere Menschen nichts ahnten. Auch das ist ein realer Aspekt von Albertus Magnus.

Frage: Ist Das Buch von Eden eher ein Fantasyroman oder ein historischer Roman?

Antwort: In gewisser Weise ist es durchaus ein Fantasyroman. Im Kern geht es immerhin um die letzte Pflanze des Gartens Eden. Es wird Magie angewandt, eine Art heidnische Erdmagie, die eine wichtige Rolle spielt. Zudem gibt es an einer Stelle einen Ausflug in das Paradies des Islam; ich wollte unbedingt dem christlichen das moslemische Paradies gegenüberstellen. Ganz allgemein folgt der Roman durch die Form der Queste außerdem einer dramaturgischen Struktur, die man in vielen Fantasyromanen findet.
   Der Lübbe-Verlag wollte gerne »historischer Roman« aufs Cover schreiben. Mir persönlich wäre ein schlichtes »Roman« lieber gewesen. Die Gegenargumentation des Verlages war, dass der Begriff »historisch« nach wie vor viele Menschen dazu bringt, das Buch überhaupt erst in die Hand zu nehmen. Und was kann ich dagegen schon sagen? Aus der Sicht des Marketings war das sicher die richtige Entscheidung.
   Meine Bücher für Erwachsene sind eigentlich immer als historische Romane und immer auch als Mainstream-Romane verkauft worden, obwohl viele tatsächlich eher in den Bereich der Phantastik fallen, etwa Die Alchimistin oder Das zweite Gesicht und Göttin der Wüste. Die Vermarktung als Mainstream-Autor ist mir sicher zugute gekommen, weil man als Fantasyautor sehr schnell in einer Nische steckt, in die viele potenzielle Leser gar nicht erst hineinschauen. Dadurch haben sich meine Bücher von Anfang an immer besser verkauft als die vieler Fantasyautoren. Obwohl es natürlich auch in der so deklarierten Fantasyliteratur Schriftsteller gibt – wie zum Beispiel Tim Powers –, die eigentlich historische Romane schreiben.

Frage: Das Nachwort von Das Buch von Eden weist ein umfangreiches Quellenstudium nach.

Antwort: Bei einem solchen Roman ist das kaum zu vermeiden. Allerdings ist es meistens nicht so viel, wie die Leute denken. Ich benötige ein bis zwei Monate, bis ich den Hintergrund kenne und die Punkte gefunden habe, an denen ich erzählerisch ansetzen kann. Ich übernehme auch gern Details aus der Fachliteratur. Das Quellenstudium ist also nicht nur Erforschung des Hintergrunds, sondern in gewisser Weise auch ein Ideenlieferant.

Frage: Beim Lesen habe ich immer ein ganz bestimmtes individuelles Gefühl bei jedem Buch. Geht es Ihnen beim Schreiben auch so, haben Sie dabei auch etwas, das man ein »Buchgefühl« nennen könnte?

Antwort: »Buchgefühl« ist ein tolles Wort. Bei mir kommt solch ein Gefühl meist erst im Nachhinein. Beim Schreiben sehe ich die Bücher relativ ähnlich, wahrscheinlich, weil sich der Arbeitsprozess so sehr ähnelt. Erst wenn das Buch fertig ist, manchmal auch Jahre später, bekomme ich so etwas wie »Buchgefühle«, die sich von Roman zu Roman stark unterscheiden können. Man kann das vergleichen mit den Eindrücken, die Urlaubsreisen bei einem hinterlassen: Einzelne Gefühle verstärken sich, in der Regel die positiven, und die negativen verblassen allmählich.

Frage: Bei historischen Büchern können auch Fehler passieren. Wie geht man als Autor damit um, wenn man von jemandem darauf hingewiesen wird?

Antwort: Man flucht ein bisschen und bittet den Verlag, den Fehler bei der nächsten Auflage rauszunehmen. Im Buch von Eden gibt es eine Passage, in der erwähnt wird, dass die Helden an Karlsruhe vorbeikommen. Nun wurde Karlsruhe aber erst Jahrhunderte später gegründet. In einer anderen Szene riecht es nach Pfeifenrauch. Die meisten Leser merken nicht, dass das falsch ist, aber es gab im Mittelalter noch keinen Tabak. Solche Ausrutscher passieren, die meisten Autoren geben sie bloß nicht gern zu.

Frage: Ist Ihnen schon einmal mangelnder Respekt gegenüber historischen Personen vorgeworfen worden?

Antwort: Natürlich, nach dem Roman Die Geisterseher. Das Buch ist damals im Feuilleton rauf und runter besprochen worden. Die meisten Besprechungen waren zum Glück positiv, aber es gab auch ein paar negative. Die schlimmste stand in einer Weimarer Lokalzeitung, mit dem Tenor, dass man so etwas mit unserem Goethe nicht machen darf. Zu dieser Zeit habe ich auch meine allerersten Lesungen absolviert, unter anderem eben auch eine in Weimar. Im Publikum saß jemand, der recht finster dreinschaute; wie sich herausstellte, war er der Verfasser des Zeitungsartikels. Wir haben uns nach der Lesung lange unterhalten. Da ich kein Schiller- oder Goethe-Experte bin, war er mir an Fachwissen weit überlegen, aber irgendwann wurde das Gespräch immer freundlicher, und am Ende haben wir uns eigentlich recht gut verstanden.
   Einige Zeit später hat mich die Schiller-Gesellschaft eingeladen, um vor irgendwelchen Professoren einen Vortrag über meinen Umgang mit Schiller zu halten. Das habe ich mir dann allerdings erspart und hab gekniffen.

Frage: Wie kommen Sie auf Ihre Ideen?

Antwort: Die Frage nach den Ideen wird ja immer gern gestellt. Ein bisschen schwingt darin mit: »Warum haben Sie als Autor Ideen, ich als Leser aber nicht?« Tatsache ist – und das meine ich keineswegs als Provokation –, dass jeder Leser Ideen für hundert Bücher hat. Es ist eine Frage des Trainings. Man kann zum Beispiel morgens regelmäßig seine Träume aufschreiben. Wenn man das eine Weile gemacht hat, dann wird man sich an immer mehr Details dieser Träume erinnern. Ich habe das vor vielen Jahren ein paar Wochen lang ausprobiert, und es funktioniert tatsächlich. So ähnlich ist das auch mit den Ideen. Je öfter man Ideen niederschreibt – und sei es in Form von kurzen Notizen –, desto mehr Ideen bleiben einem präsent, und man kann damit arbeiten. Wenn ein Banker morgens zur Arbeit fährt, an einer roten Ampel steht und plötzlich die Idee zu einer, sagen wir, Piratengeschichte hätte, dann hat er sie in der Regel spätestens dann wieder vergessen, wenn die Ampel auf Grün schaltet. Autoren dagegen kritzeln Ihre Einfälle auf einen Zettel oder in ein Notizbuch und hoffen, dass sie irgendwann etwas damit anfangen können.

Frage: Und wie wählt man dann die besten Ideen aus?

Antwort: Oft hängt es davon ab, an welcher Art von Buch ich gerade arbeite oder ob ich schon weiß, wovon mein nächster oder übernächster Roman handeln wird. Normalerweise plane ich zwei bis drei Bücher im Voraus. Ich lege dann spezielle Notizbücher für die einzelnen Projekte an. Dadurch kommt eine Vorauswahl zustande. Bevor ich mit einem neuen Buch beginne, tippe ich meine Notizen in den Computer und werfe dabei eine ganze Menge wieder fort bzw. verschiebe sie in Ordner für spätere Romane. Wenn ich genug brauchbare Elemente für meine Geschichte beisammen habe, beginne ich, sie zu sortieren, und konstruiere daraus den groben Plot. Das ist dann ein Gerüst aus Stichworten, aus dem vermutlich niemand sonst schlau werden würde.

Frage: An welchem Punkt entscheiden Sie, ob Sie ein Buch für Jugendliche oder für Erwachsene schreiben?

Antwort: Bislang war es immer so, dass ich sehr früh wusste, was für eine Art von Buch es wird. Oft bereits, bevor ich die eigentliche Grundidee hatte. Meist versuche ich, Jugend- und Erwachsenenbücher abwechselnd zu schreiben. Ich mag den Rhythmus, der sich daraus ergibt, zwischen den viel phantastischeren Jugendbüchern und den eher historischen Romanen für Erwachsene.

Frage: Warum schreiben Sie überhaupt Jugendbücher?

Antwort: Als ich damit begonnen habe, hatte ich schon an die fünfzehn oder sechzehn Romane für Erwachsene veröffentlicht, aber eigentlich immer den Wunsch, auch mal was für Kinder oder Jugendliche zu schreiben. Ich habe selbst als Kind viele Jugendbücher gelesen, und das hat mich damals in meinem Lesegeschmack sehr geprägt. Meine Vorliebe für Phantastik kommt aus der Zeit, als ich neun oder zehn Jahre alt war – so geht es ja wahrscheinlich den meisten von uns. Also wollte ich selbst so etwas schreiben, nicht zuletzt, um zu sehen, ob es vielleicht auch Jugendliche gibt, die von meinen Büchern so geprägt werden, wie das damals bei mir selbst passiert ist. Auf die Sieben-Siegel-Reihe gab es dann auch sehr schnell viele Reaktionen von Kindern und Jugendlichen, die meinten, sie wollten nun selbst Schriftsteller werden. Auf der einen Seite ist das natürlich sehr schmeichelhaft, auf der anderen weiß ich aber auch, dass dieselbe Reaktion je nach Zeitpunkt ebenso gut von einem, sagen wir mal, beliebigen Star-Wars-Roman hätte ausgelöst werden können. Ich meine, mein Spaß an der Science-Fiction zum Beispiel kommt ganz ursprünglich aus Star-Wars-Comics, Schneider-Büchern und Captain Future im ZDF-Ferienprogramm ...

Frage: Fühlen Sie sich wie ein Jugendlicher, wenn Sie ein Jugendbuch schreiben?

Antwort: Ich kann nicht sagen, dass ich mich beim Schreiben jünger fühle. Aber wenn ich die Grundidee entwickle, versuche ich meine Jugenderinnerungen anzuzapfen. Ich überlege mir, welche Themen mir damals besonderen Spaß gemacht haben. So ist zum Beispiel Die Wellenläufer entstanden. Die Grundidee für diese Bücher war eines Tages einfach nur »Piraten!«. An sich ja kein neues Thema, aber zu dem Zeitpunkt, als ich mit der Trilogie begann, hatte viele Jahre lang niemand mehr etwas damit gemacht. Im Jugendbuch galt das Genre als tot. Aber ich selbst war in den Siebzigern ein Riesenfan von allem, was mit Piraten zu tun hatte – vermutlich ist das ganz allgemein so ein Jungending. Damals liefen fast jeden Sonntag irgendwelche Piratenfilme im Fernsehen – zumindest kommt mir das im Nachhinein so vor ...
   Vieles in meinen Jugendbüchern stammt aus diesem Fundus an Erinnerungen: Sonntagnachmittage vor dem Fernseher, Spiele mit irgendwelchen Actionfiguren, stapelweise Comics und meine ersten Begegnungen mit Abenteuergeschichten aller Art. Das hat viel mit Nostalgie zu tun, ganz ohne Frage. Aber um auf die ursprüngliche Frage zurückzukommen: Konkret schreiben muss ich die Bücher natürlich aus der Sicht und mit dem Wissen eines Erwachsene.

Frage: Beim Festa-Verlag erscheint die Reihe Kai Meyers Mythenwelt, die nicht von Ihnen verfasst wird, sondern vom Amerikaner James Owen. Wie kam es dazu? Und wie genau sind Sie daran beteiligt?

Antwort: Ich weiß gar nicht mehr genau, wie es angefangen hat. Irgendwann einmal habe ich mich mit dem Verleger Frank Festa darüber unterhalten, für andere Autoren ein Konzept zu entwickeln, so eine Art übergeordneten Rahmen für eine Buchreihe. Daraufhin habe ich in kurzer Form eine ziemlich vage Idee zusammengefasst, alles noch sehr fragmentarisch und unausgegoren. Als wir uns anschließend überlegten, wer die Romane denn nun schreiben sollte, stellten wir bald fest, dass uns nicht besonders viele Leute einfielen.
   Der zweite Roman sollte in Amerika spielen. Ich kannte James Owen, der eigentlich Comiczeichner und -texter ist, schon seit einiger Zeit per E-Mail, und habe ihn gefragt, ob er als Amerikaner nicht diesen zweiten Roman schreiben wolle, auch der Glaubwürdigkeit wegen. Er antwortete, ja, sehr gerne, aber am liebsten alle sieben. Das fand ich ganz großartig, und so kommt es, dass die Romane nun auf Englisch geschrieben werden und erst einmal übersetzt werden müssen. Die Bücher kommen bei uns als Originalausgaben in Übersetzungen von Sara Schade heraus, ohne dass sie zuvor je in Amerika erschienen wären.

Transkription: Hardy Kettlitz

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