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In der Fähre wurde Mercer völlig anders behandelt als im Linienschiff. Im
Linienschiff verspotteten ihn die Leute, wenn sie ihm das Essen brachten.
»Dass du mir ja laut genug schreist«, sagte ein rattengesichtiger
Steward, »dann wissen wir wenigstens, dass du es bist, wenn sie am Geburtstag des Kaisers
das Geheul der Bestraften übertragen.«
Der andere Steward, ein fetter Kerl, leckte sich die dicken purpurroten
Lippen mit der feuchten roten Zunge und sagte: »Eins ist ja wohl klar. Wenn ihr immer nur
Schmerzen hättet, würdet ihr allesamt sterben. Also muss außer dem ... Dingsda noch
irgendwas Nettes mit euch passieren. Vielleicht verwandelst du dich ja in eine Frau.
Vielleicht verwandelst du dich in zwei Leute. Hör zu, Kollege, wenns richtig irre
Spaß macht, sag Bescheid ...« Mercer schwieg. Mercer hatte zu viele eigene Sorgen, um
auch noch über die Tagträume solcher Widerlinge nachzudenken.
In der Fähre war es anders. Das biopharmazeutische Personal nahm ihm
schnell, geschickt und nüchtern die Fesseln ab. Man zog ihm die Gefängniskleidung aus
und ließ die Sachen im Linienschiff. Als er nackt an Bord der Fähre kam, betrachteten
ihn die Mitarbeiter von oben bis unten, als wäre er eine seltene Pflanze oder ein Körper
auf einem Operationstisch. Ihre Berührungen wirkten dank ihrer professionellen
Geschicklichkeit fast freundlich. Sie behandelten ihn nicht wie einen Verbrecher, sondern
wie einen Forschungsgegenstand.
Diese Männer und Frauen in den Ärztekitteln sahen ihn an, als wäre er
bereits tot.
Er wollte sprechen. Ein Mann, der älter als die anderen war und
Autorität ausstrahlte, sagte klar und bestimmt: »Lassen Sie das Reden. Ich werde mich
schon bald persönlich mit Ihnen unterhalten. Das hier sind vorbereitende Untersuchungen,
um festzustellen, in welcher körperlichen Verfassung Sie sind. Bitte drehen Sie sich
um.«
Mercer drehte sich um. Ein Pfleger rieb ihm den Rücken mit einem sehr
starken Desinfektionsmittel ein.
»Das wird ein wenig brennen«, sagte einer der Assistenten, »aber es
ist weder schädlich noch schmerzhaft. Wir messen die Festigkeit der verschiedenen
Schichten Ihrer Haut.«
Diese unpersönliche Haltung ärgerte Mercer. Gerade als er ein kurzes,
scharfes Brennen über dem sechsten Lendenwirbel spürte, meldete er sich zu Wort.
»Wissen Sie denn nicht, wer ich bin?«
»Natürlich wissen wir, wer Sie sind«, antwortete eine Frau. »Das
steht alles in der Akte da drüben in der Ecke. Der leitende Arzt wird später mit Ihnen
über Ihr Verbrechen reden, falls Sie das wollen. Seien Sie jetzt still. Wir machen eine
Hautuntersuchung, und es ist viel angenehmer für Sie, wenn das nicht zu lange dauert.«
Ehrlicherweise fügte sie noch hinzu: »Außerdem bekommen wir so
bessere Ergebnisse.«
Sie hatten ohne jedes Zögern mit der Arbeit begonnen.
Er betrachtete sie aus dem Augenwinkel. Nichts an diesen Leuten ließ
erkennen, dass sie menschliche Teufel im Vorzimmer der Hölle waren. Nichts wies darauf
hin, dass dies ein Satellit des Planeten Shayol war, des Ortes endgültiger und
äußerster Bestrafung und Schande. Diese Leute sahen genauso aus wie das medizinische
Personal aus jener Zeit, bevor er das namenlose Verbrechen begangen hatte.
Auf eine Untersuchung folgte die nächste. Eine Frau mit OP-Maske
deutete auf einen weißen Tisch.
»Bitte steigen Sie da hinauf.«
Seit Mercer an der Einfriedung des Palastes von den Wachen festgenommen
worden war, hatte niemand mehr »bitte« zu ihm gesagt. Er wollte schon gehorchen, da
entdeckte er am Kopfende des Tisches gepolsterte Handschellen. Er hielt inne.
»Hinauf, bitte«, forderte die Frau ihn auf. Zwei oder drei andere
Mitarbeiter drehten sich zu ihnen um.
Das zweite »bitte« erschütterte ihn. Er musste einfach etwas sagen.
Das hier waren Menschen, und auch er war wieder ein Mensch. Als er sprach, spürte er, wie
seine Stimme immer höher wurde und sich fast überschlug: »Bitte, meine Dame, fängt
jetzt die Bestrafung an?«
»Hier wird niemand bestraft«, erwiderte die Frau. »Wir sind hier auf
dem Satelliten. Steigen Sie auf den Tisch. Wir verabreichen Ihnen jetzt die erste
Behandlung zur Verfestigung der Haut, und danach reden Sie mit dem leitenden Arzt. Ihm
können Sie alles über Ihr Verbrechen erzählen ...«
»Ist Ihnen mein Verbrechen bekannt?«, fragte er, fast, als würde er
einen alten Bekannten begrüßen.
»Natürlich nicht«, antwortete sie, »aber alle Menschen, die hier
durchkommen, gelten als Verbrecher. Wenn man sie nicht dafür halten würde, wären sie
nicht hier. Die meisten wollen über ihr persönliches Verbrechen reden. Aber halten Sie
mich jetzt nicht auf. Ich bin Hautassistentin, und unten auf Shayol werden Sie darauf
angewiesen sein, dass wir hier allerbeste Arbeit leisten. Also steigen Sie jetzt auf den
Tisch. Dann haben Sie nachher, wenn Sie sich mit dem Chef unterhalten, noch Zeit für ein
anderes Gesprächsthema als Ihr Verbrechen.«
Er gehorchte.
Eine andere Person mit Maske, vermutlich eine junge Frau, ergriff mit
kühlen, sanften Fingern seine Hände und passte sie in die gepolsterten Handfesseln ein,
auf eine Art, die er noch nicht erlebt hatte. Er hatte geglaubt, dass er inzwischen jede
Verhörmaschine im Kaiserreich kannte, aber das hier war völlig anders.
Die Pflegerin trat zurück. »Alles bereit, mein Herr, Doktor.«
»Was ist Ihnen lieber?«, fragte die Hautassistentin. »Starke
Schmerzen oder ein paar Stunden Bewusstlosigkeit?«
»Warum sollte ich mir Schmerzen wünschen?«
»Manche Probanden wollen das, wenn sie erst einmal hier sind. Es hängt
wohl davon ab, was man vorher mit ihnen gemacht hat. Ich nehme an, Ihnen wurden keine
Strafträume verordnet.«
»Nein«, sagte Mercer. »Die sind mir erspart geblieben.« Bei sich
dachte er: Ich hätte nicht erwartet, dass mir irgendetwas erspart geblieben wäre.
Er dachte an seine letzte Verhandlung, an den Zeitpunkt, als er über
Kabel mit dem Zeugenstand verbunden gewesen war. Es war ein hoher, dunkler Raum gewesen.
Helles blaues Licht fiel auf die Versammlung der Richter, deren Mützen wie phantastische
Parodien der Bischofsmitren aus ganz, ganz alter Zeit aussahen. Die Richter unterhielten
sich, aber er konnte nichts hören. Dann versagte einen Augenblick lang die Abschirmung,
und er hörte einen von ihnen sagen: »Sehen Sie sich nur dieses weiße, teuflische
Gesicht an. Jemand wie er ist in jedem Punkt schuldig. Ich stimme für die
Schmerzstation.« »Nicht für Shayol?«, fragte eine zweite Stimme. »Das ist der
Dromozoenplanet«, ergänzte eine dritte Stimme. »Der dürfte das Richtige sein«, sagte
die erste Stimme. Dann bemerkte ein Gerichtstechniker offenbar, dass der Angeklagte
illegalerweise mithörte. Die Verbindung brach ab. Damals hatte Mercer geglaubt, er hätte
schon alles durchgemacht, was die Menschheit an Klugheit und Grausamkeit zu bieten hatte.
Und jetzt behauptete diese Frau, ihm wären die Strafträume erspart
geblieben. Gab es im Universum etwa Menschen, denen es noch schlechter ging als ihm? Unten
auf Shayol musste es viele Menschen geben. Und von dort kam nie jemand zurück.
Bald würde er dazugehören. Würden sie ihm gegenüber damit prahlen,
was sie vor ihrer Ankunft verbrochen hatten?
»Sie haben es so gewollt«, sagte die Assistentin. »Es ist ein ganz
gewöhnliches Betäubungsmittel. Geraten Sie nicht in Panik, wenn Sie wieder aufwachen.
Ihre Haut wird dann chemisch und biologisch verdickt und verstärkt sein.«
»Tut das weh?«
»Natürlich. Aber eins sollten Sie sich gleich aus dem Kopf schlagen.
Wir bestrafen Sie nicht. Die Schmerzen sind ganz gewöhnliche medizinische Schmerzen.
Jeder, der aufwändig operiert werden muss, könnte Ähnliches erleben. Die Bestrafung
wenn Sie es unbedingt so nennen wollen findet unten auf Shayol statt. Wir
haben nur dafür zu sorgen, dass Sie dort nach der Landung überleben. Man könnte sagen,
dass wir Ihnen im Voraus das Leben retten. Wenn Sie wollen, dürfen Sie uns deswegen gern
dankbar sein. Zunächst einmal werden Sie sich aber viel Kummer ersparen, wenn Sie sich
klar machen, dass Ihre Nervenfasern auf die Veränderungen in der Haut reagieren werden.
Sie machen sich besser darauf gefasst, dass Sie sich beim Aufwachen sehr unwohl fühlen
werden. Aber dagegen können wir dann auch etwas unternehmen.« Sie zog an einem riesigen
Hebel, und Mercer wurde ohnmächtig.
Als er zu sich kam, befand er sich in einem gewöhnlichen
Krankenhauszimmer, aber das bemerkte er gar nicht. Es war, als würde er in einem Bett aus
Feuer liegen. Er hob die Hand und schaute nach, ob Flammen darüber leckten. Die Hand sah
genauso aus wie vorher, nur ein wenig rot und ein wenig geschwollen. Er versuchte sich im
Bett umzudrehen. Das Feuer wurde zu einem Schwall brennender Hitze, sodass er sofort
wieder innehielt. Unwillkürlich stöhnte er auf.
Jemand sagte: »Sie brauchen etwas gegen die Schmerzen.«
Es war eine junge Krankenschwester. »Halten Sie den Kopf still«, sagte
sie. »Ich gebe Ihnen ein halbes Ampere Lust. Danach werden Sie Ihre Haut gar nicht mehr
spüren.«
Sie setzte ihm eine weiche Kappe auf den Kopf. Das Material sah aus wie
Metall, fühlte sich aber wie Seide an.
Er musste die Fingernägel in die Handflächen bohren, damit er nicht
wild um sich schlug.
»Schreien Sie nur, wenn Sie wollen«, sagte sie. »Das tun viele. Es
dauert nur noch ein oder zwei Minuten, dann hat die Kappe den richtigen Gehirnlappen
gefunden.«
Sie ging zur Zimmerecke und tat dort etwas, das er nicht sehen konnte.
Ein Schalter wurde umgelegt.
Das Feuer verschwand nicht vollständig aus seiner Haut. Er konnte es
weiter spüren; aber es war plötzlich unwichtig geworden. Eine köstliche Lust erfüllte
sein Bewusstsein, sie summte in seinem Kopf und breitete sich von dort pulsierend durch
alle Nerven aus. Früher war er manchmal in Lustpaläste gegangen, aber so etwas hatte er
dort nicht erlebt.
Um sich bei der Frau zu bedanken, drehte er sich im Bett zu ihr um.
Dabei fühlte er, wie überall in seinem Körper Schmerz aufflammte, aber dieser Schmerz
war weit weg. Die pulsierende Lust, die von seinem Kopf aus und die Wirbelsäule hinab bis
in alle Nerven strömte, war so intensiv, dass der Schmerz nur als ein fernes, unwichtiges
Signal zu ihm durchdrang.
Die Frau stand ganz still in der Ecke.
»Danke, Schwester«, sagte er.
Sie antwortete nicht.
Er schaute genauer hin, auch wenn es ihm schwer fiel Jetzt, da
diese ungeheure Lust wie eine Symphonie aus Nervensignalen durch seinen Körper wallte.
Als er die Frau endlich scharf sah, erkannte er, dass sie ebenfalls eine weiche
metallische Kappe trug.
Er zeigte darauf.
Sie errötete bis hinunter zum Halsansatz.
Ihre Stimme klang verträumt. »Sie sehen so nett aus. Da dachte ich,
Sie verraten mich bestimmt nicht ...«
Er schenkte ihr etwas, von dem er annahm, dass es ein freundliches
Lächeln war, obwohl er bei all dem Schmerz in seiner Haut und der Lust in seinem Kopf
letztlich keine Ahnung hatte, wie sein Gesichtsausdruck tatsächlich aussah. »Es ist
verboten«, sagte er. »Es ist ganz streng verboten. Aber es ist schön.«
»Was meinen Sie denn, wie wir es sonst hier aushalten? Sie und die
anderen Probanden kommen hier an und reden wie normale Menschen, und dann bringt man Sie
hinunter nach Shayol. Auf Shayol passieren schlimme Dinge mit Ihnen. Später schickt die
Bodenstation dann Teile von Ihnen zu uns herauf, immer und immer wieder. Es kann sein,
dass ich Ihren Kopf noch zehnmal zu sehen bekomme, bevor meine zwei Jahre um sind, immer
schockgefroren und schnittfertig. Ihr Gefangenen solltet euch einmal klar machen, wie sehr
wir darunter leiden«, fuhr sie gefühlvoll fort, dank der Lustentladungen entspannt und
glücklich; »ihr solltet sterben, sobald ihr unten ankommt, und uns nicht mit euren
Qualen belästigen. Wir hören euch nämlich schreien. Eure Stimmen klingen immer noch wie
die von Menschen, auch wenn Shayol euch schon in Arbeit hat. Warum tut ihr das, Herr
Proband?« Sie kicherte albern. »Für uns ist das sehr verletzend. Kein Wunder, dass
jemand wie ich ab und zu einen kleinen Kick braucht. So ist alles wie ein schöner,
schöner Traum, und mir macht es gar nichts mehr aus, Sie für Shayol vorzubereiten.« Sie
torkelte zum Bett herüber. »Nehmen Sie mir bitte die Kappe ab, ja? Ich bringe nicht mehr
den Willen auf, die Hände zu heben.«
Mercer griff nach der Kappe; dabei sah er, dass seine Hand zitterte.
Zugleich mit der Kappe berührte er das weiche Haar der jungen Frau.
Während er sich bemühte, den Daumen unter die Kappe zu schieben und sie
herunterzuziehen, wurde ihm bewusst, dass dies die schönste Frau war, die er je berührt
hatte. Er hatte sie immer schon geliebt und würde sie auch immer lieben. Die Kappe löste
sich. Die Frau richtete sich auf, wankte ein wenig und fand dann einen Stuhl, an dem sie
sich festhalten konnte. Sie schloss die Augen und atmete tief ein.
»Nur eine Minute«, sagte sie in normalem Tonfall. »In einer Minute
kümmere ich mich um Sie. So einen Kick bekomme ich nur, wenn ein Besucher ein Mittel
gegen die Schmerzen in der Haut braucht.«
Sie drehte sich zum Wandspiegel um und richtete sich das Haar. »Ich
habe doch hoffentlich nicht über den Keller geredet«, sagte sie mit dem Rücken zu ihm.
Mercer trug nach wie vor die Kappe. Er liebte diese wunderschöne junge
Frau, die ihm die Kappe aufgesetzt hatte. Wenn er daran dachte, dass sie bis eben die
gleiche Lust verspürt hatte wie er, hätte er weinen mögen. Er würde auf keinen Fall
etwas sagen, das sie kränken könnte. Sicher wollte sie hören, dass sie nicht über den
»Keller« geredet hatte was vermutlich Fachjargon für Shayol war , also
beruhigte er sie nachdrücklich: »Sie haben gar nichts gesagt. Überhaupt nichts.«
Sie trat ans Bett, beugte sich herab und küsste ihn auf den Mund. Der
Kuss war so weit weg wie die Schmerzen; Mercer empfand nichts dabei; neben den donnernden
Niagarafällen aus Lust, die durch seinen Kopf sprudelten, war für andere Wahrnehmungen
kein Platz. Aber es war lieb gemeint, und das gefiel ihm. In einem nüchternen Winkel
seines Bewusstseins flüsterte jemand grimmig, dass er soeben vermutlich zum letzten Mal
eine Frau geküsst hatte, aber es schien ihm nicht wichtig zu sein.
Mit geübten Griffen rückte sie die Kappe auf seinem Kopf zurecht.
»So. Sie sind wirklich lieb. Ich tue so, als hätte ich Sie vergessen, und lasse Ihnen
die Kappe, bis der Arzt kommt.«
Sie lächelte strahlend und drückte ihm die Schulter.
Dann eilte sie aus dem Zimmer.
Beim Hinausgehen blitzte ihr weißer Rock sehr hübsch auf. Sie hatte
wirklich schöne Beine.
Sie war nett, aber die Kappe ... oh, wichtig war nur die Kappe! Er
schloss die Augen und ließ sich weiter die Lustzentren im Gehirn stimulieren. Die
Schmerzen in seiner Haut waren noch vorhanden, aber sie waren so unbedeutend wie der Stuhl
in der Ecke. Sie waren einfach etwas, das sich zufällig im gleichen Zimmer befand.
Er öffnete erst die Augen, als ihn jemand fest am Arm packte.
Neben dem Bett stand der ältere Mann mit dem befehlsgewohnten Auftreten
und blickte mit ironischem Lächeln auf ihn herab.
»Sie hat es schon wieder getan«, sagte er.
Mercer schüttelte den Kopf, womit er ausdrücken wollte, dass die junge
Krankenschwester nichts Schlimmes getan hatte.
»Ich bin Doktor Vomact«, fuhr der ältere Mann fort, »und ich werde
Ihnen jetzt die Kappe abnehmen. Danach werden Sie die Schmerzen wieder spüren, aber ich
denke, sie werden nicht mehr so schlimm sein. Bis zu Ihrer Abreise können Sie die Kappe
noch ein paar Mal aufsetzen.«
Mit schnellem und sicherem Griff zog er Mercer die Kappe vom Kopf.
Sofort stürmte das Brennen in seiner Haut auf ihn ein, sodass er sich
krümmte. Er wollte schon schreien; da bemerkte er, dass Doktor Vomact ihn gelassen
beobachtete.
»Es ist ... nicht mehr so schlimm«, keuchte Mercer.
»Das dachte ich mir. Ich musste Ihnen die Kappe abnehmen, damit ich mit
Ihnen reden kann. Sie müssen einige Entscheidungen treffen.«
»Ja, Herr Doktor«, keuchte Mercer.
»Sie haben ein schweres Verbrechen begangen und werden deswegen auf den
Planeten Shayol geschickt.«
»Ja.«
»Möchten Sie mir erzählen, welches Verbrechen Sie begangen haben?«
Mercer dachte an die weißen Mauern des Palastes im ewig währenden
Sonnenschein und daran, wie die kleinen Wesen leise miaut hatten, als er ihnen näher
gekommen war. Er spannte Arme, Beine, Rücken und Kiefer an. »Nein«, sagte er. »Ich
möchte nicht darüber reden. Es war das namenlose Verbrechen. Gegen die Kaiserliche
Familie ...«
»Schön. Das ist eine gesunde Einstellung. Das Verbrechen liegt hinter
Ihnen. Vor Ihnen liegt die Zukunft. Also. Ich kann Ihr Bewusstsein auslöschen, bevor man
Sie nach unten schickt falls Sie das möchten.«
»Das ist verboten«, erwiderte Mercer.
Doktor Vomact lächelte warm und zuversichtlich. »Selbstverständlich.
Nach menschlichem Recht ist so manches verboten. Aber es gibt ja auch noch die Gebote der
Wissenschaft. Ihr Körper wird unten auf Shayol der Wissenschaft dienen. Ob dieser Körper
Mercers Bewusstsein in sich trägt oder das eines primitiven Krebses, ist meines Erachtens
unwichtig. Ich muss zwar so viel Bewusstsein übrig lassen, dass der Körper weiter
funktioniert, aber wenn ich Ihr historisch gewachsenes Ich auslösche, wird es Ihrem
Körper vermutlich eher besser gehen. Sie können es sich aussuchen, Mercer. Möchten Sie
Sie selbst sein oder nicht?«
Mercer warf den Kopf hin und her. »Ich weiß nicht.«
»Ich gehe ein Riskio ein, indem ich Ihnen so viel Spielraum gebe«,
sagte Doktor Vomact. »Ich an Ihrer Stelle würde es machen lassen. Da unten ist es
ziemlich schlimm.«
Mercer blickte in das breite, runde Gesicht. Er traute diesem
behaglichen Lächeln nicht. Vielleicht war das Ganze ein Trick, um seine Strafe noch zu
verschärfen. Der Kaiser war für seine Grausamkeit bekannt. Man musste sich nur ansehen,
was er mit der Witwe seines Vorgängers gemacht hatte, mit der Edlen Witwe Petete. Sie war
jünger als der Kaiser selbst, und er hatte sie an einen Ort bringen lassen, der schlimmer
war als der Tod. Wenn man ihn zur Verbannung nach Shayol verurteilt hatte, warum versuchte
dieser Arzt dann, die Regeln zu ändern? Vielleicht war der Arzt ja ebenfalls
konditioniert worden und wusste gar nicht, was er ihm vorschlug.
Doktor Vomact deutete seine Miene richtig. »Also gut. Sie lehnen ab.
Sie wollen Ihr Bewusstsein nach unten mitnehmen. Mir soll es recht sein. So habe ich Sie
nicht auf dem Gewissen. Das nächste Angebot werden Sie dann wohl auch ablehnen. Soll ich
Ihnen die Augen entfernen, bevor wir Sie nach unten schicken? Ihnen wird viel wohler sein,
wenn Sie nichts sehen. Das weiß ich, weil wir die Schreie aufnehmen, damit sie zur
Warnung ausgestrahlt werden können. Ich kann den Sehnerv durchtrennen, dann kehrt Ihr
Sehvermögen mit Sicherheit nie zurück.«
Mercer wiegte sich vor und zurück. Der brennende Schmerz war zu einem
allgegenwärtigen Jucken geworden, aber sein Geist fühlte sich noch wunder an als sein
Körper.
»Das lehnen Sie also auch ab?«, fragte der Arzt.
»Ich denke schon.«
»Dann muss ich also nichts weiter tun, als Sie vorzubereiten. Wenn Sie
wollen, können Sie für eine Weile wieder die Kappe haben.«
»Können Sie mir vorher noch erklären, was da unten passiert?«
»Ansatzweise«, erwiderte der Arzt. »Es gibt dort einen Wächter. Das
ist ein Mann, aber kein menschliches Wesen. Er ist ein Homunkulus, der aus dem Gewebe von
Rindern hergestellt wurde. Er ist intelligent und sehr gewissenhaft. Die Probanden werden
auf der Planetenoberfläche freigelassen. Dort gibt es eine besondere Lebensform, die
Dromozoen. Wenn sie sich in Ihrem Körper einnisten, schneidet Bdikkat das
ist der Wächter sie unter Betäubung heraus und schickt sie zu uns herauf. Wir
frieren die Gewebekulturen ein. Sie sind mit fast jeder Form von Leben auf Sauerstoffbasis
kompatibel. Jedes zweite Ersatzorgan im ganzen Universum stammt aus Knospen, die wir
geliefert haben. Was das reine Überleben angeht, ist Shayol ein sehr gesunder Planet. Sie
werden also nicht sterben.«
»Das heißt, ich werde für alle Ewigkeit bestraft«, antwortete
Mercer.
»Das habe ich nicht gesagt. Oder wenn, dann habe ich mich falsch
ausgedrückt. Sie werden auf keinen Fall sofort sterben. Wie lange Sie dort unten
überleben werden, weiß ich nicht. Aber gleichgültig, wie unwohl Sie sich fühlen
denken Sie daran, dass durch die Proben, die Bdikkat zu uns heraufschickt, Tausenden
von Menschen auf allen bewohnten Welten geholfen wird. Und jetzt nehmen Sie die Kappe.«
»Ich würde mich lieber unterhalten. Es ist vielleicht die letzte
Gelegenheit.«
Der Arzt warf ihm einen merkwürdigen Blick zu. »Wenn Sie die Schmerzen
aushalten, dann reden Sie, nur zu.«
»Kann ich dort unten Selbstmord begehen?«
»Das weiß ich nicht«, antwortete der Arzt. »Es ist zumindest noch
nie vorgekommen. Und nach den Stimmen zu urteilen sollte man meinen, dass sie es gern
täten.«
»Ist schon einmal jemand von Shayol zurückgekommen?«
»Nicht seit der Planet vor vierhundert Jahren zum Sperrgebiet erklärt
wurde.«
»Kann ich mich da unten mit anderen Leuten unterhalten?«
»Ja.«
»Wer bestraft mich da unten?«
»Niemand, Sie Narr«, rief Doktor Vomact aus. »Es ist keine
Bestrafung. Niemand ist gern auf Shayol, deshalb schickt man lieber verurteilte Verbrecher
hin statt Freiwillige. Aber dort unten ist niemand gegen Sie.«
»Es gibt keine Wärter?«, fragte Mercer mit einem klagenden Unterton.
»Keine Wärter, keine Vorschriften, keine Verbote. Nur Shayol, und
Bdikkat, der sich um Sie kümmert. Wollen Sie immer noch Ihren Verstand und Ihr
Augenlicht behalten?«
»Ich behalte sie«, sagte Mercer. »Ich bin schon so weit gekommen, da
kann ich den Rest auch noch mitmachen.«
»Dann setze ich Ihnen jetzt die Kappe auf und gebe Ihnen die zweite
Dosis.«
Der Arzt rückte die Kappe ebenso sanft und geschickt zurecht wie die
Krankenschwester; bei ihm ging es schneller. Er machte keine Anstalten, sich selbst auch
eine Kappe aufzusetzen.
Die Lust, die auf Mercer einstürmte, war wild und berauschend. Das
Brennen in seiner Haut zog sich in weite Ferne zurück. Der Arzt blieb in seiner Nähe,
aber selbst er war nicht mehr wichtig. Mercer fürchtete sich nicht vor Shayol. Neben dem
pulsierenden Glück, das seinem Gehirn entströmte, war für Angst und Schmerz kein Platz
mehr.
Doktor Vomact streckte ihm die Hand entgegen.
Mercer fragte sich nach dem Grund, und dann wurde ihm klar, dass dieser
wunderbare, freundliche, Kappen spendende Mann ihm die Hand drücken wollte. Er hob
ebenfalls die Hand. Sie war sehr schwer, aber sein Arm war ebenfalls glücklich.
Sie gaben sich die Hand. Ein merkwürdiges Gefühl, fand Mercer, dieser
Händedruck über die zweifache Schicht aus zerebraler Lust und schmerzender Haut hinweg.
»Leben Sie wohl, Herr Mercer«, sagte der Arzt. »Leben Sie wohl, und
gute Nacht ...«
Teil 2 von
»Ein Planet namens Shayol«  |
Teil 1


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