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Cordwainer Smith

Ein Planet namens Shayol

A Planet Named Shayol • Deutsch von Barbara Slawig

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3

Nach einer Woche kannte er die Gruppe recht gut. Es war ein zerstreuter Haufen. Keiner von ihnen wusste im Voraus, wann wieder ein Dromozoon auf ihn zuschießen und ihm einen weiteren Körperteil beibringen würde. Mercer wurde nicht noch einmal gestochen, aber der Schnitt, der ihm gleich außerhalb der Hütte zugefügt worden war, verhärtete sich. Einmal öffnete Mercer schamhaft den Gürtel und ließ den Hosenbund ein Stück herunter, damit die anderen sich die Wunde ansehen konnten. Der Spießköpfige betrachtete sie.
   »Du hast einen Kopf abgekriegt«, sagte er. »Einen ganzen Säuglingskopf. Da werden sich die Leute oben aber freuen, wenn B’dikkat ihn dir abschneidet.«
   Die Gruppe versuchte sogar, Bekanntschaften für ihn zu arrangieren. Sie stellten ihm die einzige junge Frau in der Herde vor. Ihr war ein Körper nach dem anderen gewachsen: Das oberste Becken ging in Schultern über, und das Becken darunter wieder in Schultern, sodass sie nun fünf Menschen lang war. Ihr Gesicht war nicht verunstaltet. Sie versuchte, nett zu Mercer zu sein.
   Er war über sie so schockiert, dass er sich in der weichen, trockenen, krümeligen Erde vergrub und so lange dort blieb, bis seinem Gefühl nach hundert Jahre vergangen waren. Später stellte er fest, dass es nicht einmal ein ganzer Tag gewesen war. Als er wieder zum Vorschein kam, wartete die lange vielkörperige Frau immer noch auf ihn.
   »Nur meinetwegen hättest du nicht wieder rauskommen müssen«, sagte sie.
   Mercer schüttelte den Dreck ab.
   Er blickte sich um. Die violette Sonne ging gerade unter, und der Himmel war blau und tiefblau, von einem orangenfarbenen Sonnenuntergang durchwirkt.
   Er sah wieder die Frau an. »Ich bin nicht deinetwegen herausgekommen. Es hat keinen Zweck, nur dazuliegen und auf das nächste Mal zu warten.«
   »Ich möchte dir etwas zeigen.« Sie deutete auf einen niedrigen Erdhaufen. »Grab das mal aus.«
   Mercer schaute sie an. Sie schien es gut zu meinen. Also zuckte er die Achseln und wühlte mit seinen kräftigen Krallen im Boden. Dank seiner zähen Haut und der schweren Wühlnägel an den Fingern fiel ihm das Graben so leicht wie einem Hund. Die Erde schoss unter seinen flinken Händen hervor. Im Loch, das er grub, tauchte etwas Rosiges auf. Er machte vorsichtiger weiter.
   Er wusste, was er finden würde.
   Es stimmte. Es war ein schlafender Mann. Auf der einen Seite war ihm eine gleichmäßige Reihe zusätzlicher Arme gewachsen. Auf der anderen Seite sah er normal aus.
   Mercer drehte sich zur vielkörperigen Frau um; sie war nahe an ihn herangekrochen.
   »Es ist so, wie ich vermute, nicht wahr?«
   »Ja«, sagte sie. »Doktor Vomact hat ihm das Gehirn weggebrannt. Und ihm auch die Augen entfernt.«
   Mercer setzte sich auf die Erde und schaute die Frau an. »Du hast gesagt, ich soll ihn ausgraben. Jetzt verrat mir auch, warum.«
   »Damit du ihn siehst. Damit du Bescheid weißt. Damit du darüber nachdenkst.«
   »Sonst nichts?«, fragte Mercer.
   Ganz plötzlich wand sich die Frau. An sämtlichen Körpern hoben und senkten sich heftig die Brustkörbe. Mercer fragte sich, wie in alle Luft hineingelangte. Die Frau tat ihm nicht Leid; ihm tat niemand Leid außer er selbst. Als der Krampf vorbei war, lächelte sie ihn entschuldigend an.
   »Ich habe gerade etwas eingepflanzt bekommen.«
   Mercer nickte ernst.
   »Was denn diesmal? Eine Hand? Du siehst aus, als hättest du schon genug.«
   »Ach, die.« Sie blickte an ihren vielen Körpern entlang. »Ich habe B’dikkat versprochen, dass ich sie noch wachsen lasse. Er ist lieb. Aber dieser Mann da, Fremder. Den du ausgegraben hast. Sieh ihn dir an. Wer ist besser dran? Er oder wir?«
   Mercer starrte sie an. »Ist das der Grund, weshalb ich ihn ausgraben sollte?«
   »Ja.«
   »Erwartest du eine Antwort von mir?«
   »Nein. Jetzt noch nicht.«
   »Wer bist du?«
   »Danach fragen wir hier nie. Es spielt keine Rolle. Aber weil du neu bist, will ich es dir verraten. Ich war einmal die Edle Petete – die Stiefmutter des Kaisers.«
   »Du!«, rief er aus.
   Sie lächelte traurig. »Und du Neuling glaubst, das wäre wichtig! Ich habe dir etwas Wichtigeres zu sagen.« Sie unterbrach sich und biss sich auf die Lippe.
   »Was denn?«, drängte er. »Sag es mir lieber gleich, bevor ich wieder gebissen werde. Danach kann ich nicht mehr denken oder reden, für lange Zeit. Sag es mir jetzt.«
   Sie schob ihr Gesicht dicht an ihn heran. Es war immer noch hübsch, selbst im verblassenden orangenen Licht, das die untergehende violette Sonne warf. »Kein Mensch lebt ewig.«
   »Ja«, sagte Mercer. »Das wusste ich schon.«
   »Glaub daran«, befahl die Edle Petete.
   Lichter zuckten über die dunkle Ebene; noch waren sie weit entfernt. »Grab dich ein«, sagte sie, »grab dich über Nacht ein. Vielleicht übersehen sie dich.«
   Mercer grub. Dabei blickte er zum Mann hinüber, den er ausgegraben hatte. Der hirnlose Körper wühlte sich schon wieder in die Erde, mit den weichen Bewegungen eines Seesterns unter Wasser.
   Fünf oder sieben Tage später wurden überall in der Herde Rufe laut.
   Mercer hatte einen halben Mann kennen gelernt, dem der gesamte untere Teil des Körpers fehlte. Seine Eingeweide wurden von etwas gehalten, das wie ein durchsichtiger Plastikverband aussah. Der halbe Mann hatte ihm gezeigt, wie man sich still hinlegte, wenn die Dromozoen mit ihren erbarmungslos guten Absichten herbeikamen.
   »Man kann sich nicht gegen sie wehren«, sagte der halbe Mann. »Alvarez haben sie so stark verändert, dass er groß wie ein Berg ist und sich nicht mehr bewegt. Und nun wollen sie uns glücklich machen. Sie füttern uns und säubern uns und versüßen uns das Leben. Lieg still da. Mach dir nichts daraus, wenn du schreist. Das tun wir alle.«
   »Wann kriegen wir die Droge?«, fragte Mercer.
   »Wenn B’dikkat kommt.«
   An jenem Tag kam B’dikkat. Er schob eine Art Schlitten mit Rädern vor sich her. Die Kufen halfen ihm über die Erdhaufen; auf ebener Fläche griffen die Räder.
   Noch bevor B’dikkat sie erreichte, brach in der Herde wilde Geschäftigkeit aus. Überall gruben die Leute Schläfer aus. Als B’dikkat eintraf, hatten sie noch einmal doppelt so viele rosige schlafende Menschen hervorgeholt – Männer und Frauen, Junge und Alte. Die Schläfer sahen weder besser noch schlechter aus als die Wachen.
   »Beeilt euch!«, sagte die Edle Petete. »Er gibt keinem von uns eine Dosis, bevor wir nicht alle fertig sind.«
   B’dikkat trug seinen schweren Bleianzug.
   Freundlich grüßend hob er den Arm, wie ein Vater, der nach Hause kommt und den Kindern Leckereien mitbringt. Die Herde versammelte sich um ihn, bedrängte ihn aber nicht.
   Er griff in den Schlitten und hängte sich eine Flasche in einer Halterung über die Schultern. Er ließ die Schnallen an den Gurten einschnappen. An der Flasche hing ein Röhrchen. In der Mitte des Röhrchens befand sich eine kleine Druckpumpe, am Ende eine glänzende Injektionsnadel.
   Als B’dikkat fertig war, winkte er die Leute zu sich heran. Sie näherten sich mit glückseligem Lächeln. Er ging zwischen ihnen hindurch bis zu der Frau, an deren Hals der Junge wuchs. Aus dem Lautsprecher des Anzugs drang seine Maschinenstimme.
   »Braves Mädchen. Braves, braves Mädchen. Du bekommst ein ganz, ganz großes Geschenk.« Er gab ihr eine Spritze, so lange, dass Mercer eine Luftblase von der Pumpe zur Flasche aufsteigen sah.
   Danach kehrte er zu den anderen zurück. Mit unglaublicher Anmut und Geschwindigkeit bewegte er sich zwischen ihnen umher, sprach hier und da donnernd ein Wort und verteilte mit blitzender Nadel Druckinjektionen. Die Leute setzten sich einer nach dem andern hin oder legten sich auf den Boden, als wären sie eingeschlafen.
   Er erkannte Mercer wieder. »Hallo, Kamerad. Jetzt wirst du etwas erleben. In der Hütte hätte es dich noch umgebracht. Hast du denn etwas für mich?«
   Mercer wusste nicht, was B’dikkat meinte, und stammelte, bis der zweinasige Mann an seiner Stelle antwortete: »Ich glaube, er hat einen hübschen Säuglingskopf, aber er ist noch nicht so groß, dass du ihn mitnehmen kannst.«
   Mercer merkte gar nicht, wie die Nadel seinen Arm berührte.
   Nachdem B’dikkat sich dem nächsten Grüppchen zugewandt hatte, begann das Supercondamin bei Mercer zu wirken.
   Er versuchte B’dikkat nachzulaufen, denn er wollte ihn mitsamt seinem Raumanzug aus Blei umarmen und ihm sagen, dass er ihn liebte. Er stolperte und fiel hin, doch es tat nicht weh.
   Nicht weit von ihm lag die vielkörperige Frau. Mercer sprach sie an.
   »Ist es nicht wundervoll? Du bist schön, so schön, so schön. Ich bin so froh, dass ich hier bin.«
   Die Frau, an der überall Hände wuchsen, kam zu ihm und setzte sich neben ihn. Sie strahlte Wärme und Kameradschaftlichkeit aus. Mercer fand sie ausgesprochen elegant und bezaubernd. Er kämpfte sich aus seiner Kleidung. Es war albern und eingebildet von ihm, angezogen zu bleiben, während all diese netten Leute nichts anhatten.
   Die beiden Frauen plapperten und säuselten.
   In einem Winkel seines Bewusstseins begriff er, dass sie gar nichts sagten, sondern nur ihrer Euphorie Ausdruck verliehen, unter dem Einfluss einer Droge, die so stark war, dass sie überall im erforschten Universum verboten war. Im größten Teil seines Bewusstseins war er jedoch glücklich. Er staunte darüber, dass ein Mensch so viel Glück haben konnte, auf einen derart netten Planeten zu geraten. Das versuchte er auch der Edlen Petete zu erklären, aber die Worte kamen nicht ganz richtig heraus.
   Etwas stach ihn schmerzhaft in den Unterleib. Sofort stürzte sich die Droge auf den Schmerz und verschlang ihn. Es war wie im Krankenhaus, als er die Kappe trug, nur tausendmal besser. Der Schmerz war einfach weg, dabei hatte er Mercer beim ersten Mal völlig gelähmt.
   Mercer bemühte sich, weiter bei Verstand zu bleiben. Er zwang seinen Geist, sich zu konzentrieren, und sagte zu den beiden Damen, die nackt und rosig neben ihm in der Wüste lagen: »Das war ein guter Biss. Vielleicht wächst mir ja noch ein Kopf. B’dikkat würde sich freuen!«
   Die Edle Petete schaffte es, ihren vordersten Körper aufzurichten. »Ich bin auch stark«, sagte sie. »Ich kann sprechen. Denk daran, Mensch, denk daran. Niemand lebt ewig. Auch wir können sterben, genauso wie normale Menschen. Wirklich, ich glaube an den Tod!«
   Voller Glück lächelte Mercer sie an.
   »Natürlich kannst du sterben. Aber das hier ist doch schön ...«
   Danach spürte er, wie seine Lippen anschwollen und sein Geist schlaff wurde. Er war immer noch hellwach, hatte aber keine Lust, irgendetwas zu tun. Also saß er nur lächelnd da, an einem wunderschönen Ort, zwischen lauter umgänglichen und liebenswerten Menschen.
   Unterdessen sterilisierte B’dikkat seine Messer.
   Später fragte Mercer sich, wie lange das Supercondamin wohl gewirkt hatte. Bewegungslos und ohne zu schreien ließ er die Fürsorge der Dromozoen über sich ergehen. Die quälenden Nervenschmerzen und das Jucken in der Haut waren Phänomene ohne jede Bedeutung, die sich nur zufällig in seiner Nähe abspielten. Er selbst beobachtete das Geschehen in seinem Körper beiläufig und unbeteiligt. Die Edle Petete und die Frau voller Hände blieben bei ihm. Viel später schleppte sich auch der halbe Mann auf seinen starken Armen zu ihnen herüber. Als er bei ihnen war, blinzelte er ihnen schläfrig und freundlich zu und versank wieder im entspannten Dämmerzustand, aus dem er kurz erwacht war. Hin und wieder sah Mercer die Sonne aufgehen, dann schloss er kurz die Augen, und wenn er sie wieder öffnete, leuchteten die Sterne. Zeit war bedeutungslos geworden. Die Dromozoen ernährten ihn auf ihre geheimnisvolle Art; die zyklischen Bedürfnisse seines Körpers waren durch die Droge ausgeschaltet.
   Schließlich wurde ihm bewusst, dass er die Schmerzen wieder als etwas wahrnahm, das in ihm war.
   Nicht die Schmerzen hatten sich verändert, sondern er.
   Er kannte jetzt alles, was ihm auf Shayol widerfahren konnte. Auch die Ereignisse der glücklichen Periode blieben ihm gut in Erinnerung. Während dieser Zeit hatte er alles nur registriert – jetzt spürte er es auch.
   Er fragte die Edle Petete, wie lange sie unter der Droge gestanden hatten und wie lange sie noch warten mussten, bis sie wieder etwas davon bekamen. Sie lächelte ihn an, wohlwollend, geistesabwesend und glücklich; ihre vielen Körper, die ausgestreckt auf dem Boden lagen, konnten die Droge offenbar länger in sich behalten als er. Sie war ihm wohlgesinnt, aber nicht in der Lage, sich verständlich zu machen.
   Der halbe Mann lag auf dem Boden. Hinter der fast durchsichtigen Membran, die seine Bauchhöhle schützte, sah man sehr hübsch die Arterien pulsieren.
   Mercer drückte dem Mann die Schulter.
   Der halbe Mann wachte auf, erkannte Mercer und schenkte ihm ein erfrischend schläfriges Lächeln.
   »›Guten Morgen, mein Junge.‹ Das ist aus einem Theaterstück. Hast du einmal zugesehen, wenn Theater gespielt wurde?«
   »Das ist ein Kartenspiel, oder?«
   »Nein«, sagte der halbe Mann, »es ist ein Art Augengerät, nur dass die Figuren richtige Menschen sind.«
   »So etwas habe ich noch nie gesehen«, erwiderte Mercer, »aber eigentlich ...«
   »Eigentlich wolltest du wissen, wann B’dikkat wieder mit der Nadel vorbeikommt.«
   »Ja.« Mercer schämte sich ein wenig, dass er so leicht zu durchschauen war.
   »Bald«, sagte der halbe Mann. »Deshalb muss ich ja an ein Theaterstück denken. Wir alle wissen, was passieren wird. Wir wissen auch, wann es passieren wird. Wir wissen, was die Idioten machen werden ...« Er deutete zu den Erdhaufen, in denen die Gehirnlosen verborgen lagen. »... und wir wissen, was die Neuen fragen werden. Aber wir wissen nie, wie lange eine Szene dauert.«
   »Was ist das, eine ›Szene‹?«, fragte Mercer. »Heißt so die Nadel?«
   Der halbe Mann lachte, fast als fände er das wirklich komisch. »Nein, nein, nein. Unsere Schönheiten bringen dich wohl ganz um den Verstand. Eine Szene ist einfach ein Teil von einem Theaterstück. Ich wollte sagen, dass wir zwar die Reihenfolge der Ereignisse kennen, aber wir haben keine Uhren, und niemand macht sich die Mühe, die Tage zu zählen oder einen Kalender aufzustellen, und das Klima ändert sich auch kaum, darum wissen wir nie, wie lange irgendetwas dauert. Der Schmerz kommt einem kurz vor und die Lust lang. Ich neige zu der Annahme, dass beides ungefähr zwei Erdwochen anhält.«
   Was eine »Erdwoche« war, wusste Mercer ebenfalls nicht, denn er war vor seiner Verurteilung nicht sehr belesen gewesen, aber mehr konnte er dieses Mal nicht erfahren. Der halbe Mann bekam ein Dromozoen-Implantat, wurde rot im Gesicht und schrie Mercer sinnloserweise an: »Nimm es raus, du Narr! Nimm es mir raus!«
   Während Mercer hilflos zusah, wälzte sich der halbe Mann auf die Seite, sodass er Mercer den staubigen rosa Rücken zukehrte, und weinte still und heiser vor sich hin.
   Mercer selbst hätte nicht sagen können, wie viel Zeit verging, bevor B’dikkat wiederkam. Vielleicht mehrere Tage. Vielleicht auch mehrere Monate.
   Wieder ging B’dikkat wie ein Vater zwischen ihnen umher; wieder versammelten sie sich um ihn wie Kinder. Dieses Mal lächelte B’dikkat wohlwollend, als er den kleinen Kopf sah, der an Mercers Oberschenkel gewachsen war – der Kopf eines schlafenden Kindes, mit hellem Haar und zarten Augenbrauen über den geschlossenen Augen. Mercer bekam die beglückende Nadel.
   Als B’dikkat den Kopf an Mercers Oberschenkel abschnitt, konnte Mercer fühlen, wie das Messer über den Knorpel kratzte, durch den der Kopf mit seinem Körper verbunden war. Er sah, wie das Kindergesicht eine Grimasse zog, und als B’dikkat die Wunde mit einem ätzenden Desinfektionsmittel betupfte, das die Blutung sofort zum Stillstand brachte, spürte er ganz entfernt einen kurzen, kühlen und unbedeutenden Schmerz.
   Beim nächsten Mal wuchsen ihm zwei Beine aus der Brust.
   Danach bekam er zusätzlich zu seinem Kopf noch einen zweiten.
   Oder war der Kopf erst nach dem kleinen Mädchentorso samt Beinen gekommen, der seitlich an ihm gewachsen war, von der Taille abwärts bis zu den Zehenspitzen?
   Er hatte es vergessen.
   Er achtete nicht auf die Zeit.
   Die Edle Petete lächelte ihn häufig an, aber so etwas wie Liebe gab es hier nicht. Die zusätzlichen Körper war sie irgendwann losgeworden. In Zeiten ohne Missbildung war sie eine hübsche und wohlgeformte Frau; aber das Schönste an ihrer Beziehung war, dass sie ihm immer wieder etwas zuflüsterte, viele tausend Mal, lächelnd und voller Hoffnung: »Niemand lebt ewig.«
   Sie fand das ungeheuer tröstlich, auch wenn Mercer nur wenig damit anfangen konnte.
   So folgten die Ereignisse aufeinander, und das Aussehen der Opfer veränderte sich, und neue Opfer trafen ein. Manchmal brachte B’dikkat die Neuen in einem Bodenfahrzeug zu einer anderen Herde; dann lagen sie im endlosen Schlaf der Gehirnlosen auf dem Lastwagen, und wenn die Dromozoen sie anfielen, schlugen sie um sich und stießen unmenschliche Laute aus.
   Schließlich schaffte Mercer es tatsächlich, B’dikkat bis zur Tür der Hütte zu folgen. Dazu musste er gegen die Glückseligkeit ankämpfen, die das Supercondamin in ihm auslöste. Doch er erinnerte sich, was für Schmerzen er vorher gelitten hatte und wie verwirrt und ratlos er gewesen war; deshalb war er sicher, dass er B’dikkat befragen musste, solange er selbst glücklich war, weil ihm sonst die Antworten später nicht wieder einfallen würden. Also kämpfte er gegen die Lust an und bat B’dikkat, in den Aufzeichnungen nachzusehen und ihm zu sagen, wie lange er schon hier war.
   B’dikkat stimmte widerwillig zu, kam aber nicht noch einmal zur Tür heraus. Stattdessen antwortete er über den Lautsprecher, der in die Hütte eingebaut war, und seine gewaltige Stimme donnerte über die Ebene, sodass die rosige Herde schwatzender Menschen in ihrem Glück ein wenig unruhig wurde und sich fragte, was ihr Freund B’dikkat ihnen wohl mitzuteilen hatte. Was er sagte, erschien ihnen ausgesprochen tiefsinnig, dabei verstand es niemand, denn es war einfach nur die Zeit, die Mercer schon auf Shayol verbracht hatte:
   »In Standardzeit – vierundachtzig Jahre, sieben Monate, drei Tage, zwei Stunden, elfeinhalb Minuten. Alles Gute, Kamerad.«
   Mercer wandte sich ab.
   In jenem geheimen kleinen Winkel seines Bewusstseins, in dem er trotz Glück und Schmerz bei Verstand blieb, dachte er über B’dikkat nach. Was veranlasste den Kuhmann, auf Shayol zu bleiben? Wie schaffte er es, auch ohne Supercondamin glücklich zu sein? War B’dikkat ein pflichtbesessener Verrückter oder hoffte er, eines Tages auf seinen Heimatplaneten zurückkehren zu können und eine Familie aus lauter kleinen Kuhleuten zu gründen, die alle so aussahen wie er? Trotz seines Glücks weinte Mercer ein wenig über B’dikkats eigenartiges Schicksal. Sein eigenes Schicksal akzeptierte er dagegen.
   Er erinnerte sich noch daran, wie er zum letzten Mal etwas gegessen hatte – richtige Eier aus einer richtigen Pfanne. Jetzt hielten ihn die Dromozoen am Leben; wie sie das taten, wusste er nicht.
   Er stolperte zur Gruppe zurück. Die Edle Petete, die nackt auf der staubigen Ebene saß, winkte ihm einladend zu und zeigte auf den freien Platz neben sich. Zwar gab es ringsum noch viele Quadratkilometer unbesetzter Sitzplätze, aber er wusste die freundliche Geste trotzdem zu schätzen.

Teil 4 von »Ein Planet namens Shayol« -->

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»A Planet Named Shayol«
Erstveröffentlichung im Oktober 1961 in GALAXY • © 1961 by Galaxy Publishing Co.
© 1993, 2005 by The Estate of Paul Linebarger
Mit freundlicher Genehmigung des Agenten Barry N. Malzberg
Deutsch von Barbara Slawig © der Übersetzung 2005 by Barbara Slawig & SHAYOL.NET
Die Übersetzung folgt der Ausgabe in The Rediscovery of Man. The Complete Short Science Fiction of Cordwainer Smith
Hrsg. von James A. Mann (Framingham: NESFA Press, 1993)

Graphiken: Franz Miklis © 2005
Alle Rechte vorbehalten. Dieser Text ist, wie alle Texte in epilog.de, durch das Urheberrecht geschützt. Die unautorisierte Reproduktion, auch in Online- und Offlinemedien, ist verboten und wird straf- und zivilrechtlich verfolgt.
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