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| Das Magazin für Science Fiction & Fantasy • Ausgabe 65 • Interview |
von Hardy Kettlitz und Christian Hoffmann
| ALIEN
CONTACT: Im Sommer 2004 haben Sie ein neues Paperback-Programm mit
dem Titel Phantasia Paperback gestartet. Wie ist die Resonanz der Leser? Uli Kohnle: Zu unserem zwanzigjährigen Verlagsjubiläum haben wir den Schritt auf den Massenmarkt gewagt. Die Idee dazu haben wir schon mehrere Jahre mit uns herumgetragen. Jetzt scheint uns die Zeit reif, eine neue Programmschiene zu platzieren. Da wir bisher nur mit Kleinauflagen Erfahrung haben, ist es augenblicklich noch schwer eine erste Bilanz zu erstellen. Verkaufen wir ein limitiertes Hardcover über einen Zeitraum von etwa fünf Jahren ab und nimmt man diese durchschnittlichen Verkaufszahlen als Basis, dann verkaufen sich die Paperbacks natürlich um vieles besser. Das Feedback unserer Leser ist durchgehend positiv. Die Autorenauswahl, die Titel und die gesamte Aufmachung der Bücher kommen sehr gut an. Allerdings müssen wir mit dem neuen Programm auch neue Käuferschichten ansprechen. Daran arbeiten wir bereits. Wir wollen Phantasia Paperback als Marke etablieren, eine Marke, die für Qualität steht. Joachim Körber: Die Resonanz der Leser, das heißt, die unseres Publikums, war durchaus positiv, aber man muss hier zweierlei unterscheiden: Die Reaktion des Publikums und die des Buchhandels. Mit den limitierten Ausgaben haben wir einen kleinen, erlauchten Kreis angesprochen; mit den Paperbacks und ihren großen Auflagen wendet man sich natürlich an ein deutlich größeres Publikum, und das erreicht man vornehmlich über den Buchhandel, wo ja Branchenerhebungen zufolge fünfundsechzig Prozent der Kaufentscheidungen spontan getroffen werden. Das ist wohl der Hauptunterschied bisher konnten wir den Buchhandel vernachlässigen, jetzt müssen wir uns verstärkt um ihn bemühen. Das bedeutet, zumindest was Logistik und Vertrieb usw. angeht, kommt der Start der Phantasia Paperbacks einer Verlagsneugründung gleich. [lacht] AC: Nach welchen Kriterien wählen Sie die Titel aus, die in der Reihe erscheinen bzw. in Zukunft erscheinen werden? Kohnle: Wie bei unserem Hardcover-Programm gilt auch bei den Paperbacks: Qualität. Herausragende Einzelwerke, zu Unrecht vernachlässigte Autoren (wie wir meinen), interessante Neuentdeckungen werden die drei Pfeiler sein, auf die sich das Programm stützt. Die Rezensionen der ersten sechs Titel bestätigen uns in unserer Programmpolitik. So wird Der Mahatma und der Hase von H. R. Haggard durchaus als Entdeckung gewertet. Über Lucius Shepard freuen sich eigentlich alle und Asimovs humorvolle Fantasy-Geschichten um seinen kleinen Dämonen Azazel haben auch schon ihre Liebhaber gefunden. Leiber, Bradbury und Simmons sind sowieso bereits so etwas wie etablierte Klassiker. Körber: Es ist doch so, dass gerade im Bereich Science Fiction alle großen Verlage, ausgenommen vielleicht Bastei Lübbe, die Programme unglaublich zurückgefahren haben. Für anspruchsvolle Science Fiction ist kaum noch Platz, stattdessen konzentriert man sich auf Romane zu Fernsehserien, Kinofilmen, Computerspielen, usw. Nun möchte ich keine Diskussion über Wert oder Unwert dieser Art von Literatur vom Zaun brechen, aber das kann doch beim besten Willen nicht alles sein! Es ist ein Unding, dass arrivierte Autoren, die nicht ganz einfach sind nennen wir Samuel Delany als ein Beispiel in Deutschland keinen Verleger mehr finden, weil man ihnen nicht das Verkaufspotential von Star Trek oder Battletech zutraut. So gesehen sind, wenn ich darüber nachdenke, die Beweggründe für den Start des Paperbackprogramms ja fast dieselben, die uns damals bewogen haben, unser Programm limitierter Hardcover zu starten: Wir sehen einen Zustand, der uns persönlich nicht behagt, und denken, das muss man ändern: Damals bedauerten wir, dass Phantastik fast nur in nicht immer besonders sorgfältig und liebevoll betreuten Taschenbuchausgaben auf den Markt kam, heute bedauern wir, dass es fast nichts Anspruchsvolles mehr gibt. Ich denke, wenn wir es schaffen, die ganzen Leser an uns zu binden, die von den großen Verlagen enttäuscht sind, werden auch die Paperbacks langfristig ein Erfolg werden. AC: Auf Ihrer Homepage sind bisher nur die sechs erschienenen Titel zu finden. Wird die Reihe fortgesetzt? Kohnle: Eines unserer Prinzipien ist: Rede nicht über ungelegte Eier. Aber es ist klar, die Reihen sind natürlich auf kontinuierliche Weiterentwicklung angelegt und werden selbstverständlich fortgesetzt. Gute Autoren gibt es genug, gute Titel auch. Das Frühjahrsprogramm ist ja teils schon erschienen, die Informationen bereits an unsere Kunden verteilt. Wir haben das Herbstprogramm unter Dach und Fach und kaufen schon erste Titel für das kommende Frühjahr ein und können diverse »Knüller« versprechen, die die Branche aufhorchen lassen werden. AC: Phantastikleser und vor allem Sammler nörgeln meist, wenn ein Werk, das es schon einmal auf Deutsch gab, neu erscheint. Inwieweit unterscheidet sich die neue Ausgabe von Fritz Leibers Lankhmar-Zyklus von den alten Ausgaben? Kohnle: Grundlegend! Zum einen ist sie neu übersetzt. Dabei wurde auf Konsistenz und Stimmigkeit der Namengebung geachtet, auch vorhandene Fehler korrigiert. Dann erscheinen die Geschichten erstmals ungekürzt, einige der alten Veröffentlichungen waren aufgrund der Seitenlimitierung gekürzt erschienen. Außerdem enthält jeder Band noch ein Vor- oder Nachwort, das sich mit unseren Helden oder dem Autor beschäftigt. Und zu guter letzt haben wir den Büchern eine schöne Aufmachung beginnend beim Satz und endend bei der stimmigen Coverillustration spendiert. AC: Im Grunde ist Phantasia Paperback nicht eine neue Reihe, sondern gleich drei, nämlich mit den Unterreihen Science Fiction, Fantasy und Horror, die auch farblich voneinander abgesetzt sind (blau, grün und rot). Was sind die Gemeinsamkeiten der Bücher? Kohnle: Über die Kriterien der Auswahl wurde ja oben schon gesprochen. Andererseits sind wir natürlich auch Freaks und Sammler und jeder der seine Sammlung nach Reihen sortiert hat, freut sich über die monochromen Blöcke im Regal. Die Festlegung eines Autors auf eine Sparte bedeutet aber nicht, dass wir einem Schubladendenken anhängen. So erscheint das neue Buch von Ray Bradbury: Der Katzenpyjama z. B. in der Science-Fiction-Reihe. Andererseits ist es sinnvoll, Titel wie Simmons Song of Kali von Leibers Lankhmar-Zyklus abzugrenzen, wer Horror liest, kann mit klassischer Fantasy vielleicht nicht so viel anfangen. Den früheren »Breitbandleser« gibt es ja eigentlich nicht mehr, die Stephen-King-Fraktion wird mit Lucius Shepards Science Fiction nur wenig anfangen können. Außerdem sind ja auch noch Farben übrig. Wir wollen uns nicht auf diese drei Unterreihen festlegen lassen, wenn uns interessante Titel unterkommen, kann es noch bunter werden. AC: Würden Sie uns verraten, was in der Zukunft im Hardcoverprogramm der Edition Phantasia zu erwarten ist? Wird es beispielsweise nach Abschluss der Lovecraft-Ausgabe weitere Großprojekte geben? Kohnle: Die Lovecraft-Ausgabe wird mit den Gedichten weitergeführt,
allerdings erst mittelfristig. Wir produzieren erst mal die angekündigten Titel. China
Miévilles Spiegel und Neal Stephensons Big U sind bereits erschienen,
als nächstes kommen Leibers Die Umtriebe des
Daniel Kesserich und Delanys Hogg. AC: Da die Auflagen ja sehr begrenzt sind, kann man wohl davon ausgehen, dass es sich finanziell nicht unbedingt für die verlegten Autoren, bzw. andere Mitarbeiter wie etwa die Illustratoren lohnt. Wie schaffen Sie es, die Leute davon zu überzeugen, gerade bei Ihnen zu erscheinen? Hat das was mit Prestige zu tun, oder mit persönlichen Kontakten und Sympathien? Kohnle: Wir bezahlen bei den Hardcovern den Autoren und Illustratoren üblicherweise ein Fixum. Die Agenten bzw. Autoren erhalten von uns ein reelles Angebot, das normalerweise auch akzeptiert wird. Da die großen Verlage ihre Phantastik-Programme mehrheitlich eingeschränkt haben, bleiben viele Bücher unbeachtet, da haben wir »Kleinen« dann schon eine Chance. Es spricht ja für sich, dass ein Top-Autor wie James G. Ballard außer uns keinen Verlag mehr in Deutschland findet, der neue Texte von ihm veröffentlicht. Außerdem können wir mit unserer Autorenliste, denke ich, schon beeindrucken. Wenn China Miéville z. B. im Interview schreibt, er sei von Lovecraft, Ballard, Campbell und Barker beeinflusst, dann befindet er sich bei uns doch in allerbester Gesellschaft. Und dass wir schöne Bücher machen, hat sich auch nach USA und England herumgesprochen. Ray Bradbury war sehr beeindruckt von Feuersäule, Clive Barker findet immer noch dass unsere Bücher des Blutes, die schönste Ausgabe sei, und auch Ramsey Campbell schreibt: »It looks great!« zu Steif vor Angst. Körber: Ich denke, auch hier greifen zwei verschiedene Ansätze. Nehmen wir einerseits Autoren wie Clive Barker oder Peter Straub die sind sicher nicht auf unser Geld angewiesen, freuen sich aber über schöne Bücher, die zeigen, dass man ihr Werk auch zu schätzen weiß und sich bemüht, ihm ein etwas ansprechenderes Gesicht zu geben. [grinst fies] Inzwischen kommen ja sogar schon große Verlage daher und kupfern dieses Prinzip schamlos bei uns ab, ich darf nur an Barkers neues Buch erinnern ... Andererseits haben wir natürlich dann Bücher wie HOGG von Delany ... ihm wird so klar sein wie uns, dass so ein Buch bei einem kommerziellen Verlag absolut keine Chance hat. So oder so, alle Autoren, mit denen wir bisher zu tun hatten haben sich mit einer hinreichend bekannten Ausnahme! sehr über die limitierten Ausgaben gefreut, die wir verlegt haben. AC: Sicher gab es gerade in der Anfangszeit des Verlages auch Phasen, in denen nur wenig so lief, wie geplant war. Haben Sie zu irgendeinem Zeitpunkt daran gedacht aufzugeben? Kohnle: Es läuft eigentlich nie wie geplant. In unseren bisherigen zwanzig Jahren als Verleger gab es bei jedem Projekt einen Punkt, an dem etwas schief lief. Aber im Ernst: Die Edition Phantasia war in ihrer Gründerzeit als reines Hobby-Projekt angelegt. Wir haben immer entsprechend unserer Möglichkeiten gearbeitet. Am Umstand, dass wir 2004 mit zehn neuen Büchern angetreten sind, kann man erkennen, dass unsere Möglichkeiten heute größer sind als vor zehn Jahren. Die Entwicklung der Computertechnik tat ein Übriges. Wir beherrschen heute den Workflow bis zur Abgabe der Daten zum Druck. Das schafft nicht nur Sicherheit in der Produktion, sondern setzt auch finanzielle Ressourcen frei, die wir in Ausstattung und den Ankauf neuer Werke investieren können. Körber: Ich muss Uli recht geben es läuft nie so, wie geplant, und natürlich hat man in der Anfangsphase mal daran gedacht, das sprichwörtliche Handtuch zu werfen. Mir geht es aber in erster Linie darum, Bücher unter die Leute zu bringen, die ich gut finde. Ob die sich »rechnen« ist zweitrangig, natürlich mit der Einschränkung, dass wir wie jedes Unternehmen darauf achten müssen, dass am Jahresende die Bilanz stimmt. Aber wenn ich so zurückblicke nein, ernsthaft ans Aufhören habe ich eigentlich nie gedacht. Was ich natürlich heute, da der Verlag etabliert ist, leicht sagen kann. Wenn sich die Absatzzahlen nicht seit Jahren kontinuierlich nach oben entwickeln würden ... wer weiß. Aber das sind rein hypothetische und müßige Spekulationen. AC: Wie ist die Arbeitsteilung zwischen Ihnen? Kohnle: Ich kümmere mich normalerweise um die Organisation im Hintergrund, halte den meisten Kontakt zu unseren Privatkunden über Mail und Newsletter, versorge die Internetseite mit Inhalt, kümmere mich um Bestellungen, Buchhaltung, Datenmanagement und den Papierkrieg. Dann mache ich Korrektur, Satz, Layout und halte den Kontakt zu unseren Herstellern. Körber: Und ich kümmere mich überwiegend um den inhaltlichen oder redaktionellen Teil. Da ich nach fünfundzwanzig Jahren Tätigkeit in der Branche Gott und die Welt kenne, verhandle ich mit den Agenten oder Autoren um Abdruckrechte, halte Kontakt zu Autoren, Illustratoren, Übersetzern und natürlich zu den Kollegen von der Presse. Wichtige Entscheidungen wie etwa den Start der Paperbacks oder die Programmgestaltung treffen wir aber selbstverständlich immer gemeinsam. AC: Es erschienen zwei Ausgaben eines Verlagsalmanachs, der für Ihre Stammkunden kostenlos war. Sind weitere Ausgaben geplant? Kohnle: Der dritte Almanach ist Ende 2004 erschienen. Alle Privatkunden, die in den letzten zwei Jahren bei uns direkt bestellt haben gehören zum Verteilerkreis. Geplant ist eine jährliche Fortsetzung. Der Almanach soll ein Dankeschön an unseren treuen Kunden sein. Die Almanache umfassen zwischen 16 und 28 Seiten und enthalten Erstveröffentlichungen unserer Autoren. Diese Texte erscheinen exklusiv! Bisher sind (als kleine Auswahl) erschienen: Kurzgeschichten von J. G. Ballard, ein Theaterstück von Brian W. Aldiss über P. K. Dick, eine Romansynopse von P. K. Dick, ein Interview mit Clive Barker, Gedichte von Paul Scheerbart und H. P. Lovecraft usw. AC: Herr Körber, Sie haben sich Anfang der achtziger Jahre als Übersetzer selbständig gemacht und zählen gewissermaßen schon zu den Veteranen der deutschen SF- und Phantasikszene. Damals zählten Sie zum Umfeld der politisch links stehenden »Arbeitsgemeinschaft spekulativer Thematik« und der SCIENCE FICTION TIMES. Vermissen Sie diese Zeiten? Körber: Wenn ich ehrlich bin, vermisse ich sie schon ein wenig, obwohl man heute, nach über zwanzig Jahren, vieles anders sieht und auch viele Leute anders einschätzt. Generell schmerzt mich ein wenig, wie unpolitisch und desinteressiert vor allem junge Leute geworden sind. Womit ich aber keineswegs in das seit den Zeiten von Sokrates allzeit populäre Horn stoßen möchte, dass die Jugend nichts mehr taugt im Gegenteil; ich habe, um die neuen Paperbacks der Edition Phantasia zu bewerben in letzter Zeit häufig Cons und Veranstaltungen besucht und hatte dabei oft Gelegenheit mit Kunden zu sprechen, unter denen sich überraschend viele junge Leute befinden, die die Welt um sich herum durchaus wach beobachten und Bücher auch kritisch lesen. Politisch wachsam sollte man aber unbedingt sein, denn je mehr Menschen sich von der Politik abwenden, desto unverschämter können »die da oben« tun und lassen, was sie wollen, und das ist brandgefährlich, denn eines Tages werden wir alle in einer Tyrannei oder Diktatur aufwachen und uns fragen, wie es nur soweit kommen konnte. AC: Als was sehen Sie selbst sich hauptsächlich: als Verleger, Übersetzer, Herausgeber oder Autor? Körber: [lacht laut auf] Ja, das ist eine wirklich gute Frage. Ich habe an anderer Stelle ja schon zu Protokoll gegeben, dass ich nicht so recht weiß, für welchen meiner vier Berufe ich mich entscheiden soll. Im Augenblick sehe ich mich in erster Linie als Verleger, was ja in gewisser Weise die Tätigkeit des Herausgebers mit einschließt, zumindest in einem kleinen Verlag wie unserem. Übersetzungen hatte ich in den vergangenen Jahren ziemlich auf Sparflamme gedrosselt, unter anderem auch, weil meines Erachtens in den großen Verlagen leider immer weniger erscheint, das es auch verdient, übersetzt oder gelesen zu werden. [grinst] Einigen wir uns auf die Berufsbezeichnung »Publizist«, da kann sich jeder das drunter vorstellen, was ihm gefällt. AC: Wird es nach Wolf einen weiteren Roman aus Ihrer Feder geben? Oder neue Kurzgeschichten? Körber: Das hoffe ich doch sehr; ich habe eine Unmenge Notizen, Exposés und Entwürfe hier, die ich gern ausarbeiten würde, aber im Moment hat einfach noch der Aufbau des Paperback-Programms der Edition Phantasia Vorrang, aber auf lange Sicht werde ich natürlich wieder schreiben und hoffentlich auch veröffentlichen. Natürlich wird man nicht jünger, was in dieser vom Jugendwahn beherrschten Branche ein Manko ist, aber andererseits ... Ingrid Noll hat auch mit sechzig erst angefangen zu schreiben und es zur Bestsellerautorin gebracht, und Tolkien war auch schon zweiundsechzig, als sein Herr der Ringe erschien, also sollte man die Hoffnung nicht aufgeben! AC: 1983 haben Sie mit Neue Welten für den Sphinx Verlag eine Anthologie mit New-Wave-Texten aus Michael Moorcocks Magazin NEW WORLDS herausgegeben. Das war sicherlich ein sehr riskantes Unterfangen, war der damit verbundene Aufwand doch extrem hoch. Allein die Kosten für den Satz der experimentellen Texte müssen alles damals übliche bei weitem überstiegen haben. Heute ist die Experimentierfreude in den meisten Verlagen sehr zurückgegangen. Glauben Sie, dass sich die Situation auch wieder ändern wird? Körber: Ich bin mir nicht sicher. Was die Texte aus New Worlds angeht, glaube ich aber, dass diese Zeit auf jeden Fall vorbei ist; über vieles ist die literarische Entwicklung einfach hinweg gegangen und hat es obsolet gemacht. Moorcocks Jerry-Cornelius-Zyklus ist ja nach wie vor ein bedeutender Klassiker der modernen SF, keine Frage, aber ich muss gestehen, er ist so den »swinging sixties« verhaftet, dass man heute nur noch schwer Zugang dazu findet im Gegensatz etwa zu den Romanen von J. G. Ballard The Crystal World habe ich jetzt bei der übrigens ersten ungekürzten Neuübersetzung mit größtem Vergnügen wiedergelesen und finde es immer noch ein granatenstarkes Buch. Ich denke aber, jede extreme literarische Avantgarde hat es schwer und wird bestenfalls von einer Minderheit goutiert. Und zu Neue Welten fällt mir noch eine nette Anekdote ein: Der Sphinx Verlag fand das Buch so toll, dass sie damals die Auflage statt der für ihre Edition 23 üblichen 3000 auf 5000 hochgesetzt haben ... und haben 800 verkauft! Als ich das bei einem Treffen Michael Moorcock erzählt habe, fing er schallend an zu lachen und meinte, das könne er ganz locker noch toppen: Sein damaliger US-Verlag ließ von The Final Programme, dem ersten Jerry-Cornelius-Band, 10000 drucken und hat 300 verkauft! Soviel zum Interesse an experimentellen Texten! Das Irre ist natürlich, dass die Ausgaben auch Neue Welten ja heute zu teilweise unvorstellbaren Sammlerpreisen gehandelt werden. AC: Bei allen Ihren Tätigkeiten fällt auf, dass Sie einerseits ein Faible für ungewöhnliche und experimentelle Literatur haben, sich andererseits viel mit der häufig geschmähten Horror-Literatur a la Stephen King beschäftigen. Für viele Kritiker und Leser hierzulande sind diese beiden Seiten eines Genres nur schwer unter einen Hut zu bringen. Wie stehen Sie zu der oft gemachten Unterscheidung zwischen »Hochliteratur« und »Trivialliteratur«? Körber: Das ist für mich eine sehr deutsche Unterscheidung, die ich nicht nachvollziehen kann. Mich persönlich muss ein Buch packen, es muss gewisse literarische Qualitäten haben ob es sich dabei um einen Western, eine Horrorstory oder eine Liebesgeschichte handelt, oder um einen experimentellen Roman, ist eher zweitrangig. Ich lese mit der gleichen Unvoreingenommenheit Comics, Romane, Gedichte, was auch immer. Kultur sollte in erster Linie Spaß machen, und von daher finde ich derlei Kategorisierungen auch eher hinderlich, weil man eventuell eine Menge Leute abschreckt. Und Spaß ist dabei durchaus ein weit gespannter Begriff, es kann Spaß machen, die Donald-Duck-Geschichten von Carls Barks zu lesen oder sich durch ein richtig schwieriges Werk durchzubeißen, das man sich hart erarbeiten muss. Wenn mich ein Buch nach 20 oder 30 Seiten nicht gepackt hat, lege ich es wieder weg. Mir persönlich macht es zum Beispiel keinen Spaß, mich durch das öde Geschwurbel von Peter Handke oder Botho Strauß zu quälen, aber wers mag ... AC: Als Herausgeber haben Sie überwiegend Horror-Anthologien zusammengestellt. Was fasziniert Sie an der Horror-Literatur? Körber: Auch hier gibt es durchaus unterschiedliche Faktoren der Faszination. Mich fasziniert zum Beispiel an Ramsey Campbell, wie er Horror immer wieder dazu nutzt, um politische und gesellschaftliche Missstände anzuprangern und damit das an sich doch eher konservative Genre meisterhaft subversiv unterwandert. An Stephen King haben mich stets die unglaublich faszinierende Schilderung von Kindern fasziniert kein lebender Schriftsteller schreibt so gut über Kinder wie King, der Meinung bin ich immer noch, auch wenn mir seine jüngsten Romane nicht mehr besonders gefallen haben, aber auch die unglaublich treffsicheren Schilderungen der amerikanischen Alltagswelt, mit der ihm durchaus faszinierende und sicher gültige und stimmige Porträts seiner Generation gelungen sind ... schon allein dafür hat er meines Erachtens den National Book Award zurecht erhalten, auch wenn blasierte Gralshüter vermeintlicher Hochkultur, wie der amerikanische Literaturkritiker Harold Bloom, Gift und Galle gespuckt haben. Generell, unabhängig von Personen, könnte man vermutlich sagen, an Horror fasziniert mich überwiegend die Stimmung, diese vage Ahnung, dass mehr an der Welt dran sein muss als wir auf den ersten Blick sehen. Das wird wohl auch der Grund sein, weshalb ich der Phantastik stets den Vorzug vor dem Realismus gebe die Phantastik eröffnet ungeheure Freiräume für die Phantasie. AC: Sie haben viele bedeutende Werke von Autoren wie Stephen King, Clive Barker, Robert Silverberg, Neal Stephenson und vor allem Dan Simmons übersetzt. Welche Bücher haben Ihnen dabei am besten gefallen? Welche waren am schwersten zu übersetzen? Körber: Das werde ich oft gefragt, und ich glaube nicht, dass ich eine befriedigende Antwort darauf geben kann. Schwer zu übersetzen sind viele Bücher aus den unterschiedlichsten Gründen King wegen seiner sehr schnodderigen und umgangssprachlichen Schreibe, Dan Simmons weil er die Hintergründe seiner Geschichten immer akribisch und wissenschaftlich exakt ausarbeitet bei der Übersetzung von Children of the Night zum Beispiel musste ich medizinische Fachbücher wälzen und sogar einen Arzt fragen. Und am besten gefallen ... auch das wechselt immer wieder, die Bücher von Neal Stephenson haben mir schon viel Spaß gemacht, auch die frühen Sachen von King oder Koontz, weil er in Sachen Spannung immer noch die Nummer eins für mich ist, auch wenn ich seine neueren, zunehmend geschwätzigeren und reaktionäreren Romane kaum noch lesen kann. AC: Lesen Sie auch Bücher zur Entspannung, oder bedeutet Literatur für Sie immer Arbeit? Körber: Nein, Arbeit bedeutet Literatur eigentlich nie für mich, selbst wenn es faktisch welche ist. Ich mache ja kaum etwas anderes als lesen, sitze den ganzen Tag am PC und übersetze, wenn ich fertig bin geht es ab auf das Sofa, dann lese ich Tageszeitungen, Zeitschriften usw. und wenn ich ins Bett gehe, lese ich vor dem Einschlafen meist auch entweder einfach zum Abschalten oder um neue interessante Titel auch für unser Verlagsprogramm zu finden. Wenn es funktionieren würde, würde ich mir wahrscheinlich auch noch Kopfhörer aufsetzen und mich im Schlaf von Hörbüchern berieseln lassen. Ich fürchte, ich bin rettungslos literatursüchtig, vielleicht sollte ich mal zum Arzt gehen ... |
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