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Neue Science Fiction braucht das Land

Ein Interview mit Michael Nagula, dem Herausgeber von Festa SF

von Thomas Harbach

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Interview
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ALIEN CONTACT: Willkommen zurück, darf man dich begrüßen. Nach einigen Jahren kehrst du mit dem neuen Programm des Festa Verlags als Herausgeber zurück. Vielleicht kannst du kurz deinen bisherigen Werdegang skizzieren?

Michael Nagula: Du lieber Himmel, ich wusste gar nicht, dass ich weg gewesen war. Ich arbeite seit meiner Jugend kontinuierlich auf dem phantastischen Sektor, da gab’s eigentlich nie Auszeiten. Vielleicht haben sich die Arbeitsbereiche gelegentlich verschoben ...
   Wie alles anfing? Nun, in der zweiten Hälfte der Siebzigerjahre, mit unzähligen Artikeln zum Thema Science Fiction, die ich vorwiegend für Moewig und Heyne schrieb. Es kamen SF-Romane für die Reihe Terra Astra hinzu, auch einige Horrorromane unter Pseudonym und zeitgleich meine ersten Übersetzungen. Dazu gesellten sich dann einige Anthologien, die ich im Auftrag des deutschen SF-Veterans Walter Spiegl für Ullstein herausgab... nicht nur SF, auch Krimis ... ja, und Anfang der Achtzigerjahre fächerte meine Tätigkeit dann aus. Übersetzungen für Bastei und Moewig folgten, später für Luchterhand, noch später für Haffmanns, Droemer Knaur und inzwischen vorwiegend für Blanvalet und Dino-Panini.
   Meine nächsten Anthologien kamen bei Heyne und im Sphinx-Verlag heraus. Fenster ins Licht enthielt 1983 DDR-SF, und No Future. Die Lust am Untergang aus dem selben Jahr, zusammen mit Manfred Riepe herausgegeben, der sich inzwischen als Filmjournalist einen Namen gemacht hat, brachte auch Geschichten von Dürrenmatt und Georg Heym. Als Klassiker hat sich inzwischen Atomic Avenue etabliert, eine Sammlung mit Storys und Artikeln zum Thema Cyberpunk. Und weil ich dann den Eindruck hatte, jetzt alles zum Thema SF gesagt zu haben, verschlug es mich in Comic-Gefilde, was schließlich dazu führte, dass ich sechs Jahre lang bei Condor-Interpart die Superhelden-Comics von Spider-Man über X-Men bis Conan der Barbar zusammenstellte und übersetzte.
   Aber 1996 ritt mich dann der Teufel. Ich wollte selber wieder schreiben, und zwar SF-Romane. Also wandte ich mich an die Chefredakteure von Ren Dhark und Perry Rhodan. Und wie’s der Zufall wollte, kannten sie mich noch und gaben mir eine Chance. Mit den Leuten von Ren Dhark kam ich leider nicht so gut klar, aber seit ein paar Jahren bin ich jetzt fest bei Perry Rhodan dabei.
   Ich machte weiterhin Übersetzungen, von Romanen und Comics – besonders stolz bin ich auf zwei Bücher von Philip K. Dick, Marsianischer Zeitsturz und Eine andere Welt, die Sascha Mamczak vor einiger Zeit bei Heyne brachte, und auf meine Star Wars-Comic-Übersetzungen für Dino, die jetzt seit 1999 mit anhaltendem Erfolg erscheinen und unverminderter Freude an der Arbeit entstehen. Ich arbeitete auch weiter als Herausgeber, zunächst für Weltbild, wo ich die Perry Rhodan Planetenromane betreute und für Marion Zimmer Bradleys Darkover-Sammler-Edition und Wolfgang Hohlbeins Der Hexer herangezogen wurde. Bei Droemer Knaur gab ich vorletztes Jahr die Drachen-Anthologie Feueratem heraus, mit 25 neuen Erzählungen, darunter von Andreas Eschbach, Kai Meyer, Tanja Kinkel, dem leider jüngst verstorbenen Hans Bemmann und vielen anderen mehr – darunter auch einigen prominenten Amerikanern, ebenfalls mit Originalen; sie waren gern bereit, eine Erzählung für den deutschen Markt zu schreiben!
   Na, und dann kam ich mit Frank Festa ins Gespräch. Wir beschnupperten uns eine Weile, freundeten uns an, und dabei stellte sich heraus, dass wir gleiche Vorstellungen über die Machart guter Romane hatten. Beste Voraussetzungen dafür, gemeinsam eine SF-Taschenbuchreihe zu starten.

AC: Im Luchterhand Verlag hast du dich in erster Linie auf qualitativ hochstehende Kurzgeschichtensammlungen von Autoren wie Ian Watson, George Effinger oder Connie Willis konzentriert. War das Absicht oder Zufall?

Nagula: Heute ist Luchterhand ja ein ganz anderer Verlag und hat nichts mehr mit dem Verlag aus den Achtzigerjahren zu tun. Und mein damaliger Lektor dort, Wieland Eschenhagen, hatte Soziologie studiert und war besonders an den gesellschaftlichen Kommentaren interessiert, die SF leisten kann. Das passte hervorragend mit meiner Auffassung von Science Fiction zusammen ...
   Ich schlug ihm also mehrere Originalanthologien vor, und er gab mir ziemlich freie Hand. So entstanden die Zusammenstellungen von Philip K. Dick, Christopher Priest und George Alec Effinger, vor allem aber meine zweite Sammlung mit SF-Storys von DDR-Autoren, Siebenquant oder Der Stern des Glücks. Das muss man sich mal vorstellen! Die Mauer stand noch, und ich durfte die damalige SF-Prominenz des Ostens in einer westdeutschen Anthologie vereinen, größtenteils mit Storys, die man auch »drüben« noch nicht kannte. Tja, und gemeinsam mit dem von mir hoch geschätzten Karl Michael Armer, selber ein begnadeter Storyautor, stellte ich dann noch eine Sammlung erotischer SF zusammen.
   Aber ich war schließlich vor allem Übersetzer und lebte von dieser Tätigkeit. Das Herausgeben von Anthologien ernährt nämlich nicht seinen Mann. Also wurde ich auch als Übersetzer eingesetzt. Und darauf beruht jetzt vielleicht dein Irrtum, denn Ian Watsons Storysammlung wurde von René Oth zusammengestellt, nicht von mir, ich habe sie nur übersetzt. René gab auch die Sammlung von Connie Willis heraus – mit der ich gar nichts zu tun hatte. Wir waren rückblickend eigentlich ein gutes Team, Karl Michael Armer, René Oth und ich, freizügig und sehr entspannt von Wieland Eschenhagen geführt.
   Das hat Spaß gemacht. Eine schöne Zeit ...

AC: Science Fiction hat ja in den letzten Jahren in Deutschland ein Schattendasein geführt. Dann kamen die ersten zarten Keime mit Argument, dem Berliner Shayol Verlag oder dem im BoD-Verfahren aufgelegten NOVA-Magazin. Siehst du die Zeit reif für eine neue Taschenbuchreihe? Welche Erwartungen knüpfst du an den Markt?

Nagula: Ich habe vor allem beobachtet, wie die Science Fiction bei uns in den letzten Jahren immer mehr den Bach runterging. Heyne schrumpfte auf ein Mindestmaß zusammen, Goldmann stellte völlig ein – nur Bastei konnte sich einigermaßen behaupten. Und damit ging einher, dass nur noch Klone von Klonen erschienen, nämlich der siebzigste Band dieses Fernseh-Tie-Ins, der zwanzigste jenes Videospiels ... Schließlich hatte sich alles auf Military SF und neue Space Operas eingeschossen. Weit und breit gab es nichts anderes mehr zu lesen. Kein Wunder, dass das Interesse an SF auf breiter Front nachließ!
   Die zarten Pflänzchen habe ich allerdings sehr begrüßt. Shayol bringt ja leider kaum englischsprachige SF, vielleicht ändert sich das noch. Und NOVA – mit Verlaub: Aber Book-on-Demand-Titel erscheinen doch eigentlich unter Ausschluss der Öffentlichkeit, oder? Die Romane bei Argument gefielen mir sehr gut. Sie waren sehr kenntnisreich ausgewählt, obwohl ich den Eindruck hatte, dass sie eher eine Bestandaufnahme der englischsprachigen SF brachten, statt nach vorn zu blicken und den deutschen Lesern all die guten Autoren vorzustellen, die von den etablierten Verlagen rechts und links liegen gelassen werden.
   Genau das erwarte ich nämlich von einer zeitgemäßen neuen SF-Buchreihe. Sie darf sich nicht verstecken. Heyne und Bastei sind da, natürlich. Sie waren Vorreiter, klar. Aber sie veröffentlichen nach Kriterien, die man nicht teilen muss. Eine neue SF-Reihe muss sich als ebenbürtiger Mitbewerber um die Leser verstehen. Und genauso versteht sich Festa SF. Unser Programm ist noch klein, aber mindestens ebenbürtig!

AC: So eine neue Reihe zu gründen ist ja eine sehr gewagte Sache. Gerade bei einem kleinen Verlag muss da von Anfang an auch die finanzielle Seite stimmen. Behindert das einen Herausgeber nicht bei der Auswahl der Titel?

Nagula: Behindern? Nein. Aber das muss man natürlich im Blick behalten – und zwar auf jeder Stufe der Planung. Nicht zuletzt deshalb habe ich Frank vorgeschlagen, die Reihe Festa SF zu nennen. Davon war er anfangs gar nicht begeistert, aber es rückt das SF-Programm einfach näher an die anderen Titel seines Verlags, mit denen er ja großen Erfolg hat. Da kann es nur helfen, wenn er quasi mit seinem Namen dafür bürgt. Bei Festa SF ist klar, dass wir mit bewährten Methoden ein neues Feld beackern!
   Und was die Auswahl der Titel angeht, so haben wir ziemlich gleiche Vorstellungen. In der Praxis sieht das so aus, dass ich mich umsehe, was zur Zeit und demnächst so alles erscheint, die interessanten Titel sichte und dann Frank anrufe oder maile: »Du, der Autor ist der Hammer! Der Roman muss auf unsere Liste!« Wenn ich ihm dann einiges darüber erzählt habe und er sich selbst ein Bild gemacht hat, sind wir uns immer sehr schnell einig. Aber manchmal geschieht es auch anders herum: Simmons zum Beispiel, das war sein Vorschlag, und ich war sofort Feuer und Flamme! Und auf Sawyer kamen wir unabhängig voneinander ... Das bestätigt nur unseren gemeinsamen Geschmack.
   Wenn du jetzt nach kommerziellen Zwängen bei der Auswahl fragst, so bestehen die doch immer. Natürlich muss sich der Titel verkaufen, schon damit wir weitermachen können. Aber das ist nichts Neues. Egal bei welchem Verlag, das Buch muss gefallen. Ich empfinde es deshalb nicht als Zwang, sondern als Selbstverständlichkeit, dass der Autor und der Roman, den ich vorschlage, nicht irgendein Exot ist, den ich ein paar deutschen Freaks nahe bringen will, sondern etwas, wovon ich mir großen Erfolg verspreche.
   Zum Glück interessieren mich experimentelle Romane nicht so sehr. Ich finde, gutes Erzählen ist die größte Kunst. Und deshalb ist der kommerzielle Gesichtspunkt für mich selbstverständlich.

AC: Bei der Auswahl der Titel findet sich ein breites Spektrum. Vielleicht gehen wir die ersten Titel einmal durch. Dan Simmons Novellensammlung erschien in den USA auch zuerst in einem Kleinverlag. War das ausschlaggebend für die Vergabe der Rechte an euch? Bestand kein Interesse von seinen Stammverlagen in Deutschland – Heyne auf der phantastischen Seite, Goldmann bei den Krimis?

Nagula: Als wir gesagt hatten: »Simmons, ja, den wollen wir machen!«, da gingen wir den üblichen Weg für Verlage. Wir mailten den amerikanischen Agenten an und reichten ein Angebot ein und warteten ab. Nun, ehrlich gesagt, saßen wir eine Zeit lang ziemlich auf glühenden Kohlen ... Aber dann traf der unterschriebene Vertrag bei uns ein, und unser erster Band war gesichert.
   Ich denke, Goldmann/Blanvalet war von vornherein nicht so sehr an dem Buch interessiert, weil es sich um eine Storysammlung handelt, die erfahrungsgemäß nicht so gut laufen. Und dann noch SF. Damit haben sie ja seit einigen Jahren Berührungsängste. Und Heyne ... nun, ich vermute, dass der Titel im Trubel der Umstrukturierung, des Verkaufs und abermaligen Verkaufs des Verlags, einfach in Vergessenheit geriet.
   Wir waren zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort: das Geheimnis des Erfolgs!

AC: Wie lief die Zusammenarbeit mit Dan Simmons von deiner Seite aus?

Nagula: Frank kennt ihn ja von früher, er hat einmal eine Horror-Sammlung von ihm gebracht, die übrigens demnächst nachgedruckt werden wird, und deshalb persönlich mit ihm korrespondiert. Aber ich habe nur ein, zwei Mails mit ihm gewechselt. Mehr war nicht nötig. Das Geschäftliche lief über seine Agentur.


Michael Nagula, Orson Scott Card und Frank Festa

AC: Mit Enders Schatten von Orson Scott Card veröffentlicht Ihr den ersten Band einer sehr populären und wahrscheinlich seit Jahren einer der besten SF-Serien. Wollt Ihr auch den zugrundeliegenden Roman Ender’s Game – seit Jahren bei Bastei vergriffen – neu auflegen? Was fasziniert dich an diesem inzwischen auf sieben oder acht Romane – alt und neu – angewachsenen Universum?

Nagula: Vor vielen Jahren habe ich Orsons Kurzgeschichte »Hatrack River« für Heyne übersetzt und war damals sehr beeindruckt von seiner Sprache. Und danach hatte ich Das Große Spiel gelesen, wie Ender’s Game auf Deutsch heißt, und war begeistert gewesen. Der Autor war mir also schon ein Begriff, als ich mit der Recherche nach geeigneten Romanen für Festa SF begann.
   Die ersten vier Bände sind ja vor Jahr und Tag bei Bastei erschienen. Schon damals faszinierte mich ihre große Themenvielfalt, und wie viel mehr jetzt erst die neuen Romane, die sogar einen sprachlich noch gereiften Autoren zeigen: Computerspiele, Militärstrategie, Fragen des Heranwachsens und des Klonens werden ganz selbstverständlich miteinander verwoben. Und es gibt wohl kaum einen SF-Autor, der den Leser so leicht in die Haut seiner Protagonisten schlüpfen lässt. Deshalb hätte ich nie vermutet, dass die deutschen Verlage die Fortsetzung der Enders-Serie einfach links liegen lassen würden.
   Immerhin startete Orson die Ender-Saga 1999 praktisch neu! Der erste Band des jetzigen Vierteilers, Enders Schatten, spielt bekanntlich zur gleichen Zeit wie Ender’s Game und erzählt noch einmal die Ereignisse des Romans, aber diesmal aus der Perspektive von Enders Stellvertreter Bean, der als Straßenkind in Rotterdam aufwächst. Die nächsten Bände schließen zeitlich nahtlos an und schildern die weiteren Ereignisse auf der Erde, was ein gewaltiger Vorteil gegenüber dem ersten Vierteiler ist, der nach dem ersten Band einen Zeitsprung von 3000 Jahren aufweist. Im Mai 2005 wird Orson übrigens den letzten Band des Schatten-Vierteilers veröffentlichen, zu dem in den USA auch ein Hörbuch erscheint, und wir werden uns bemühen, auch die folgenden Bände so schnell wie möglich zu bringen.
   Dass Ender’s Game und Enders Schatten von Wolfgang Petersen verfilmt werden sollen, und zwar schon nächstes Jahr, erfuhren wir übrigens erst, als wir uns die Rechte an dem Roman bereits gesichert hatten. Ein zusätzliches Schmankerl, sozusagen. Und was einen Nachdruck von Ender’s Game anbelangt, so habe ich gerade erfahren, dass Sascha Mamczak bei Heyne ihn noch einmal bringen wird – in der Reihe Meisterwerke der SF-Literatur – sicher eine gute Wahl. Wir hätten ihn ohnehin, wenn überhaupt, erst im Anschluss an den neuen Vierteiler gebracht. Ich bin jedenfalls schon sehr gespannt auf diese Ausgabe ...

AC: Nancy Kress ist ja eine der am höchsten dekorierten weiblichen SF Autoren. Mit Ihrem Probability-Zyklus kehrt sie zur Space Opera zurück. Strebst du eine Mischung aus klassischen SF-Themen modern aufbereitet und neuen Strömungen im Bereich der Science Fiction an? Welche Zielgruppe suchst du mit den von dir ausgesuchten Werken?

Nagula: Auch wenn es seltsam klingen mag: Ich bin ganz ohne Kalkül auf Nancy Kress und ihren Probability-Zyklus gestoßen. Ich war auf der Suche nach spannenden, gehaltvollen Romanen und habe natürlich auch über diese Autorin recherchiert. Aber dass wir uns dann für ihre Trilogie entschieden haben, liegt einzig und allein daran, dass ihre Bücher ganz für sich genommen einfach erstklassig sind.
   Ich hätte auch jeden anderen Autoren in Erwägung gezogen, wenn sein Werk überzeugt. Aber natürlich ist es schon von Vorteil, wenn der Name in Deutschland ein wenig bekannter ist. Ich glaube, mit Nancy Kress haben wir einen echten Glücksgriff gemacht, denn jeder ihrer Romane zeigt, dass sie ein absoluter Profi ist, und der Verlauf ihrer Karriere lässt keinen Zweifel, dass sie eine Richtung verfolgt, in der sich Eigenständigkeit in der Handlungswahl mit Spannung und Faszination in der Ausarbeitung verbindet. Von ihr kann man wirklich noch sehr viel erwarten.
   Dass wir uns für sie entschieden haben, ist aber nicht auf eine bestimmte Zielgruppe gemünzt. Das ist bei keinem unserer Titel der Fall. Wir möchten unserem deutschen Publikum einfach die am besten erzählten Romane mit den faszinierendsten Ideen präsentieren. Das ist unser oberstes Ziel!

AC: Mit dem Roman von John Barnes geht ihr ja mehr in die klassische Richtung. Was fasziniert dich so sehr an dem Buch? Möchtest du weitere Romane von ihm veröffentlichen?

Nagula: John Barnes hat ja schon mehrere Romane auf Deutsch veröffentlicht, aber meiner Meinung nach – ehrlich! – ist Der Himmel so weit und schwarz sein absolutes Meisterwerk. Der Auffassung war ich schon, bevor ich auf der Homepage seines literarischen Agenten feststellte, dass der Roman als Bestseller gehandelt wird. Sicher, er spielt im gleichen Universum wie einige Romane, die bei Heyne erschienen sind, aber deren Handlung ist auf der Erde angesiedelt und unser Buch auf dem Mars. Es wird also kein Problem sein, den Roman für sich zu genießen. Und ein Genuss wird es sein, denn die Geschichte der Prospektorin, die dem Computerherrscher von der Erde Paroli bietet, ist wirklich vom Feinsten!
   Ich glaube, die letzten auf Deutsch erschienenen Romane des Autors haben ihm einen Bärendienst erwiesen. Sie sind bei Bastei-Lübbe herausgekommen, und es ist mir ein Rätsel, weshalb man ausgerechnet die beiden allerersten Romane von Barnes veröffentlichte, praktisch seine Jugendsünden. Zum Glück wird jeder aufmerksame Leser wissen, dass seine sehr spannenden und erfolgreichen Heyne-Bücher später entstanden sind. Und unser »Der Himmel so weit und schwarz«, das im März erscheint, ist sein allerneuestes Werk, meiner Meinung nach wirklich das bisherige Highlight seiner Karriere.
   Was weitere Romane von Barnes anbelangt, so bleibt abzuwarten, was er schreibt. Grundsätzlich würde ich ihn gern weiter veröffentlichen. Schauen wir mal, was da kommt.

AC: Im Mittelpunkt steht bei euch ja wohl die Herausgabe von Robert Sawyers Gesamtwerk. Warum glaubst d, haben sich deutsche Verlage bislang nur sehr sporadisch an seine Romane herangetraut?

Nagula: Sehr sporadisch ist hübsch gesagt. Ein einziges seiner bisher sechzehn Bücher ist auf Deutsch erschienen, der Nebula-Preisträger Die dritte Simulation. Er war einer der letzten SF-Titel, die bei Goldmann/Blanvalet herauskamen, bevor man dort für dieses Genre die Schotten dicht machte.
   Schon ziemlich zu Beginn meiner Recherche stellte ich fest, dass Sawyer ein absolutes Muss ist! Frank war auch schon auf diesen Autor gestoßen und bestätigte meinen Eindruck. Sawyer ist ein Autor in der Tradition von Isaac Asimov, der auf wissenschaftliche Zusammenhänge zurückgreift und daraus fesselnde und unterhaltsame Handlungen entwickelt. Das hat er inzwischen zur wahren Meisterschaft getrieben. Ich finde, es ist kein Wunder, dass er mit dem ersten Band seiner Neanderthal-Parallax-Trilogie, die wir im Februar vorgelegt haben, den Hugo Award gewann, den wichtigsten US-Leserpreis! Seine Charaktere sind glaubhaft, seine wissenschaftlichen Prämissen sowieso, und es geht ihm stets um das Leben der Menschen, ihr Empfinden, ihr Leiden und Streben ... wie bei der besten Science Fiction!
   Dafür, dass keiner der etablierten SF-Verlage ihn bisher auf Deutsch brachte, gibt es wohl einen einfachen Grund. Mit Ausnahme seiner aktuellen Trilogie sind alle seine Romane Einzelwerke, die für sich bestehen – und sich auch eigenständig verkaufen müssen. Das ist nicht gern gesehen in Zeiten, da ein Buch nur dann zum Erfolg geführt wird, wenn es den Auftakt zu einer Serie bildet.

AC: Wie sehen die weiteren Planungen aus? Auf welche Autoren können sich die Leser freuen?

Nagula: Nun, auf jeden Fall geht es mit Card, Sawyer und Kress weiter; da steht ja der jeweils zweite Band an. Aber was weitere Autoren darüber hinaus anbelangt, vielleicht zwischengestreut mit Einzeltiteln ... tja, so sehr ich darauf antworten möchte, ich kann es nicht. Und zwar aus zwei Gründen. Zum Einen darf ich nicht verraten, wen wir auf unserer Wunschliste haben, denn diesen Roman oder Autor könnte man uns dann in letzter Minute wegschnappen. Zum anderen haben wir uns noch nicht auf das nächste Werk eines neuen Autors geeinigt, denn die Liste der Anwärter ist inzwischen schon recht lang.
   Du kannst aber sicher sein, dass es wieder ein Titel sein wird, der unseren Vorgaben entspricht: anspruchsvolles Erzählen und intelligente Ideen, verbunden zu einer spannenden Handlung. Das ist unsere Maxime für die gesamte Reihe, von der wir nicht ablassen werden.

AC: Welche Resonanz erwartest du dir selbst von Fans und Lesern?

Nagula: Erwarten kann ich nichts. Ich kann nur hoffen, dass die Leser unseren Geschmack teilen und unser Engagement zu schätzen wissen. Wir möchten ihnen einfach hervorragende Romane präsentieren, darunter auch solche, die von den eingeführten Verlagen nicht gebracht werden, weil ihr Programm durch Serien anderer Art blockiert ist. Wir scheuen uns nicht vor Einzelwerken. Wir scheuen uns auch nicht vor unbekannten Namen. Mein größter Wunsch ist einfach, dass der Leser unsere Arbeit zu schätzen weiß und Festa SF für ihn zu einem Markenzeichen für vielseitige, spannende und unterhaltsame Science Fiction wird.

© 2005 Thomas Harbach und Michael Nagula


Michael Nagula

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Siehe auch
Ausblicke auf das Mögliche - Auszüge einer Podiumsdiskussion mit Michael Nagula
Homepage des Festa Verlag
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